Biedermann und Brandstifter

betr.: Wilhelm Hauff zum 187. Todestag

Zu meiner Kommunion bekam ich zwei Bücher von Wilhelm Hauff geschenkt – beide ohne Kärtchen. Ich weiß daher bis heute nicht, wer mir das angetan hat. Ich habe mich nie bedanken können.

Wilhelm Hauff, ein Erzähler des Biedermeier, ist wie Daniel Defoe („Robinson Crusoe“), Robert Louis Stevenson („Die Schatzinsel“) und Jonathan Swift („Gullivers Reisen“) geglättet, zusammengefaltet und ins Kinderzimmer weitergereicht worden, nachdem seine erwachsenen Zeitgenossen ihn ausgelesen hatten. Das ist schon in Ordnung. Schließlich war er ein Märchendichter wie Hans Christian Andersen – doch leider ist er heute weitaus weniger populär als dieser.
Im Laufe der Jahre stieß ich noch auf die eine oder andere kurze Textprobe oder längere  Arbeit von Wilhelm Hauff, z.B. auf seine Aufarbeitung des historischen Falles um den „Jud Süß“ Joseph Oppenheimer. Aber viel Schaffenszeit war ihm nicht vergönnt. 

Als der Autor gerade mal 24jährig starb, hatte er drei Märchenzyklen vorgelegt: zwei orientalische und einen deutschen. Den Titel des letzteren kennen wir als (nicht wiederzuerkennende) Vorlage der Lilo-Pulver-Operette „Das Wirtshaus im Spessart“. (Das war eines der o.g. Bücher zu meiner Kommunion.) Hierin findet sich z.B „Das kalte Herz“. Aus dem zweibändigen orientalischen Almanach stammen Perlen wie „Der Kalif Storch“, „Der kleine Muck“ und „Der Zwerg Nase“, die manch einer vermutlich den „Geschichten aus 1001 Nacht“ zugerechnet hätte. Ich las sie alle in der kinderfreundlichen Version – und bekam trotzdem eine Gänsehaut nach der anderen. Bei der Erzählung „Die Höhle von Steenfoll“, in der ein Schotte versucht, einem regionalen Grottenspuk auf den Grund zu gehen, habe ich mir in meinem Bettchen fast in die Schlafanzughose geschissen vor Angst (Pardon!). Ich habe es nicht nur gut überstanden, ich bin bis heute dankbar für diese Sternstunde der fesselnden Unterhaltung.

Viele der Geschichten von Wilhelm Hauff – auch einige der oben genannten – handeln vom Verlust der Unschuld, vom Verblühen der Jugendträume, dem Verpassen von Gelegenheiten als Gegenstand von Fluch und Bestrafung. Das ist verblüffend, wenn man sich das Lebensalter des Autors vor Augen führt. Zumeist geht die Sache letztlich gut aus, wie man es sich bei einem Märchen wünscht. Doch das eine oder andere Happy End ist nicht so ungetrübt wie bei den Gebrüdern Grimm – die Zeit läßt sich nicht zurückdrehen, und der erlöste Kapitano des „Gespensterschiffs“ zerfällt zu Staub. In sein altes Leben darf er nicht zurück.

Ich liebe Wilhelm Hauff, diesen klugen Kopf.
Es wird Zeit, ihn mal wieder (vor-) zu lesen.

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