betr.: Die aktuelle Filmkritik im Podcast
Dieser Film erzählt eine in den USA allseits bekannte Geschichte, sogar der Name des Helden wurde beibehalten. Bei uns mutet er geradezu satirisch an – obwohl auch wir von der Glotze einiges gewohnt sind.
Primetime
Schwarzhumoriges Drama von Lance Oppenheim
Vor gut 20 Jahren ist Chris Hansen eines der bekanntesten TV-Gesichter Amerikas. Sein Magazin „To catch A Predator“ lockt Pädophile zu fingierten Dates, um sie dann vor laufender Kamera bloßzustellen und verhaften zu lassen. Der alterslos jugendlich wirkende Nachwuchsschauspieler Dan Plumm funktioniert als Lockvogel so gut, dass er in dem reißerischen Reality-Format Karriere macht. Bei der Jagd nach einem „Wal“ – also einem prominenten Täter aus der Politik – geraten alle an ihre Grenzen: Hansen, der allmählich zum wahnhaften Kreuzritter mutiert, Plumm, der seine Chancen schwinden sieht, noch als seriöser Schauspieler arbeiten zu können, und die Produzentin Andie, die von der Konkurrenz aggressiv umworben wird. Sie alle setzt das abscheuliche Thema zunehmend unter Druck – besonders, als die Quoten sinken …
„Primetime“ ist das Spielfilmdebüt des US-amerikanischen Regisseurs Lance Oppenheim. Der Thriller dramatisiert die tatsächlichen Ereignisse um die MSNBC-Realityserie „To Catch a Predator“, die von 2004 bis 2007 lief, und um den noch heute aktiven Chris Hansen, der als allzeit beherrscht-autoritärer Moralapostel Kultstatus erlangte. Robert Pattinson ist auch Mitproduzent, an seiner Seite spielen Skyler Gisondo und Merrit Wever.
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Der Coup in dieser Besetzungsliste ist Skyler Gisondo als unbedarfter Zwanziger, der sich als Teenager zurechtmachen muss, um seine Opfer anzulocken und lange genug hinzuhalten. Seine Rolle ist zudem klug geskriptet und inszeniert. Dan ist ein im Grunde liebenswerter Junge, geistig-moralisch im selben Maße mit seiner neuen Aufgabe überfordert wie er als Typ ideal dafür ist. Seiner Erscheinung und seiner Fähigkeit, sich überzeugend die Stimme zu verstellen (ein Aspekt, an dem unsere Synchronbrache sich sicherlich verheben wird) steht ein begreiflicher Mangel an Lebenserfahrung und Überlebenstaktiken gegenüber. Dans Naivität wird durch das illustriert, was ihn begeistert und inspiriert. Zum einen das Musical „Rent“ – ein Werk, das bei immenser Oberflächlichkeit für seinen Tiefgang gefeiert wurde. Zum anderen die Interviewreihe „Inside The Actor’s Studio“, in der Hollywoodstars Seichtigkeiten von der Sorte absonderten „Du musst immer an dich glauben, wenn du es in Hollywood zu etwas bringen willst!“; „Bewahre dir immer ein kindliches Staunen!“ oder sogar komplett Irreführendes wie „Du musst in diesem Beruf immer du selbst sein!“, während Moderator James Lipton dazu ein wichtiges Gesicht machte. Pikant ist der Clip, der für den Film ausgewählt wurde: wir sehen Billy Bob Thornton, einen Spezialisten für die Darstellung irrer und perverser Typen.
Dans Musical-Begeisterung wird zum Schluss wieder aufgegriffen. In seinem letzten, ihn restlos verstörenden Einsatz für „To Catch A Predator“ darf er den Eröffnungs-Song aus „Rent“ zum Besten geben, um den „Wal“ einzulullen, das Lied, das er bei seinem Vorsprechen für die Sendung gesungen hat. Im Epilog sehen wir Dan bei seinem Versuch, von vorn zu beginnen und doch noch ein ernsthafter Schauspieler zu werden.
Robert Pattinson – so wird erzählt – hatte ursprünglich nur als Mitproduzent in Erscheinung treten wollen, als er schließlich die Hauptrolle übernahm. Der Brite wurde als asexueller romantischer Held in der „Twilight“-Saga berühmt und konnte mit interessanten Independent-Projekten an den frühen Erfolg anknüpfen. Nachdem er diese heikle Klippe seiner Laufbahn genommen hat, scheint er sein neues Rollenfach gefunden zu haben: den abgründigen, beschädigten Schönling. Dabei kommt ihm ein optisches Detail zugute wie es auch den jungen Sean Connery einst von anderen vergleichbar attraktiven Schauspielern seiner Generation unterschied. Was bei Connery die markanten Magenfalten, sind bei Pattinson die kleinen Hautunreinheiten am Unterkiefer, die die Kamera gern prominent aus leichter Untersicht in den Blick nimmt. Kürzlich wurde Pattinson in „The Odyssey“ als fratzenschneidender Brunnenvergifter vorgeführt. Die schwierige Aufgabe, seinem klischeehaften Charakter in „Primetime“ Komplexität zu verleihen, meistert er gut genug, um diese Scharte auszuwetzen.
Um die passende Atmosphäre zu schaffen, gönnt sich „Primetime“ ein konsequent-nostalgisches Look-and-feel im Bildschirm-Format, mit schlechter Auflösung und einem stilechten Soundtrack (der allerdings eher in die frühen 90er als in die 2000er verweist). Atmosphärisch orientiert er sich in an Vorbildern wie „Taxi Driver“ und imitiert in seinen TV-Sequenzen die schwül-verwaschene Ästhetik des umstrittenen Fotografen David Hamilton. Das Ergebnis ist ein fesselnder und über weite Strecken sehenswerter Thriller, der leider selbst nicht ganz von dem selbstgerechten Pathos seines Gegenstandes lassen kann. Außerdem ist der völlig überzüchteten Schlusssequenz deutlich anzumerken, dass Ari Aster die Produzentenriege anführt, dessen Vorliebe für wüsten Kitsch bei dieser um Relevanz ringenden Aufarbeitung einer „wahren Begebenheit“ gänzlich fehl am Platze ist. Bis zu dieser Entgleisung hat der Film zeitweise das Zeug zu einer Mediensatire, einer interessanten, raren und besonders schwierigen Gattung.
Es wird hochinteressant sein, „Primetime“ in ein paar Jahren wiederzusehen und zu betrachten, wie er sich im Rückblick schlägt. Schon jetzt lohnt er sich!
