Kultfilm Azubis: In Augias‘ Stall

Gut zwanzig Jahre liegen zwischen dem A-Film und dem B-Film des heutigen Podcasts, einmal Ostküste – einmal Westküste, ein Nachtfilm – ein Tagfilm, eine Soloshow und ein Wimmelbild:

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Taxi Driver
Amerikanisches Thrillerdrama von 1976

Der Vietnam-Veteran Travis Bickle ist ein New Yorker Taxifahrer. Seine Nachtfahrten führen ihn durch einen hygienischen und moralischen Sumpf, ekeln ihn an und lassen ihn langsam irre werden. Er träumt davon, „ein großer Regen“ möge „den Abschaum von der Straße spülen“. Er beginnt, sich körperlich zu stählen, und bewaffnet sich. Erst will er einen Politiker ermorden, doch dann richtet sich sein Zorn auf einen Zuhälter, der die minderjährige Prostituierte Iris in den Klauen hat …

Dieser über weite Strecken mediative Reißer war ein Karriere-Booster für den Drehbuchautor Paul Schrader, die Stars Jodie Foster und Robert De Niro, den Regisseur Martin Scorsese sowie das fortan unzertrennliche Team Scorsese/De Niro. Bernard Herrmann – einst Hauskomponist der Regie-Legenden Orson Welles und Alfred Hitchcock – gab seine stilistisch überraschende Abschiedsvorstellung; er starb wenige Stunden nach dem Ende der Aufnahmesession.

L. A. Confidential
Amerikanischer Thriller von 1998

Sechs Tote, darunter ein Cop: Anfang der 50er Jahre ist die Polizei von L. A. mit diesem scheinbar sinnlosen Blutbad beschäftigt. Der ehrgeizige junge Beamte Ed Exley löst den Fall und wird befördert. Als er herausfindet, dass er die Falschen eingelocht hat, tut er sich auf eigene Faust mit den Kollegen Jack Vincennes und Bud White zusammen, mit denen ihn wenig verbindet und von denen jeder seine eigenen Interessen verfolgt. Nach und nach stellt sich jedoch heraus, dass sie alle den gleichen mächtigen Gegner haben.

Starautor James Ellroy verarbeitet in mehreren seiner Romane den gewalttätigen Vater und das Leid, das dieser ihm und seiner Mutter angetan hat. Doch während „Die schwarze Dahlie“ 2006 reißerisch und konventionell verfilmt wurde und zu recht vergessen ist, erlaubt sich die Umsetzung von „L. A. Confidential“ eine gediegene, beinahe freundliche Atmosphäre und erreicht eine Qualität, die viele an den Klassiker „Chinatown“ denken ließ.

Nächste Woche: Szenen einer Ehe und Der Tod steht ihr gut


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Geliebte Stimmen (11): Wolfgang Hess

betr.: 89. Geburtstag von Wolfgang Hess

Der Schweizer Wolfgang Hess war schon aufgrund seiner Stimmlage dazu prädestiniert, brutale Typen zu synchronisieren: den Saufaus, den Schlagetot, den Haudrauf. Es war die Bass-Variante der sogenannten Reibeisenstimme. Wer an Bud Spencer denkt, hat sein wie von selbst rumpelndes, grollendes Timbre sofort im Ohr – und gleich danach den Obelix in den „Asterix“-Filmen, den „Schrecklichen Sven“ … Die Freunde der hintersinnigen Unterhaltung werden sich noch an Robbie Coltranes abgründigen Titelhelden aus der Serie „Für alle Fälle Fitz“ erinnern.
Auch wenn er nicht von unten drückte (was er in komödiantischer Action zu tun pflegte), hatte Hess ein eindrucksvolles Organ, das sofort herauszuhören war (was sich mit den Intentionen der Originalfassung nicht decken musste). Schauspielerisch waren die Ergebnisse nicht immer bedarft. Der Fassbinder-Darsteller Hess („Ich will doch nur, dass ihr mich liebt“) übernahm auch einen stimmlichen Part im Werk des Regisseurs: den Marokkaner El Hedi ben Salem in „Angst essen Seele auf“. (Ruhm und Nachruhm dieses Films gestatten offiziell keine kritischen Töne, aber man kann ja mal reinhören …)
Neben solchem Typecasting war Wolfgang Hess auch für eine Reihe seriöser Kollegen zuständig: Philippe Noiret, Michel Lonsdale, David Hemmings, mehrmals für Marcello Mastroianni. Charles Bronson bildet gewissermaßen die Brücke zwischen diesen Welten.

Als Bonzo (auch Brutus oder Bluto) in der Serie „Popeye – Ein Seemann ohne Furcht und Adel“ (1975-78) – der vom ZDF verantworteten Bearbeitung der klassischen Popeye Trickfilme – ist Wolfgang Hess ein großes Vergnügen und deshalb besonders erwähnenswert, weil es unzählige Fassungen und deutsche Sprachfassungen der Popeye-Abenteuer gibt und die meisten (schon im Original) entsetzlich lieblos gemacht sind; die inzwischen eingetretene Gemeinfreiheit des Charakters macht die Sache nicht besser.* Wie sich das gehört, wirkte Hess auch in „Tom und Jerry“, „Die Biene Maja“, „Die Märchenbraut“ und vielen anderen Säulen des „Fernsehkult“-Repertoires.

Wolfgang Hess, Sohn eines Schweizer Filmschauspielers, war nach dem Krieg in Zürich mit der Branche in Kontakt gekommen, weil seine deutsche Mutter ein Hotel betrieb, das bevorzugt von Künstlern und Studenten frequentiert wurde, u.a. den deutschen Mimen, die am Zürcher Schauspielhaus, der einzigen noch freien Bühne im deutschen Sprachraum, eine Plattform gefunden hatten. Nachdem er fünf Semester Theater- und Zeitungswissenschaft sowie Germanistik studiert hatte, folgten Theaterengagements in München, Zürich und Stuttgart. August Everding wurde auf seine Stimme aufmerksam und nahm Wolfgang Hess mit zum Rundfunk. In den Hörspielen fiel er dann auch der Synchronbranche auf.

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* Es sind so viele, dass das Portal „fernsehserien.de“ ausgerechnet diese nicht aufweist, die Serie, die eine erste Generation mit den Popeye-Trickfilmen vertraut gemacht hat.

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Weder hart noch fair

betr.: Online-Kritik*

Nach „Deepstate“, einer Recherche in den Gefilden der „Reichsbürger“, folgt Louis Klamroth in der zweiten Staffel von „Hateland“ neuerlich den „Spuren von Radikalisierung in Deutschland“. „Die Schill-Show“ erzählt die Geschichte von Ronald Barnabas Schill, der vor 25 Jahren mit einem rechtspopulistischen Law-and-Order-Programm als Koalitionär eines CDU-Politikers ausgerechnet im tutig-tiefenentspannten SPD-Hotspot Hamburg die Macht ergriff. Die WDR-Produktion ist vollständig auf ARD Sounds abrufbar.
Der schnelle Aufstieg des geschassten Amtsrichters blieb bis heute ebenso beispiellos wie der folgende Karriere-Cocktail aus Schlagzeilen, Skandalen und dem Absturz ins Auslach- und Ekelfernsehen. Kann man so eine Geschichte überhaupt sachlich und unaufgeregt wiedergeben? Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass das möglich wäre.

Wie sich das gehört, beginnt die Reportage in der Gegenwart: Klamroth und sein Team der Unerschrockenen klopft an die Tür von Schills aktuellem Wohnhaus in einem südamerikanischen Elendsviertel. Wird der Ronald der Schreckliche tatsächlich die Tür öffnen – und wenn ja, was dann? Mit der Auflösung dieses Cliffhangers müssen wir bis zum Finale des Fünfteilers warten. So wäre es jedenfalls im linearen Medienzeitalter gewesen, dem der Autor ebenso verhaftet ist, wie neumodisch-infantilen Social-Media-Stilblüten. Das zeigt sich im Laufe der Reihe immer wieder, zum Beispiel wenn er mehrmals darauf hinweist, dass er der kleine Junge aus „Das Wunder von Bern“ gewesen ist („Ich spielte die Hauptrolle!“) – irgendjemand Jüngeres aus der Redaktion hat ihm dafür wohl Klickzahlen versprochen …

So ernst „Die Schill Show“ das geschmackliche Vorbild seines Themas nimmt, so sehr lässt sie sich auch in puncto journalistischer Sauberkeit davon inspirieren. Seinen wichtigsten Zeitzeugen Ole von Beust – den ehemaligen Ersten Bürgermeister der Hansestadt Hamburg, der sich sehenden Auges auf eine Koalition mit der Schill-Bande einließ, um endlich an die Macht zu kommen, und der seinen Innensenator schließlich mit der späten Einsicht feuerte, ihm sei klargeworden, dass demselben die charakterlichen Voraussetzungen für das Amt fehlten – lässt Klamroth als knuffigen Privat-Onkel auftreten, dessen Taktieren einfach Schicksal war, dumm gelaufen, was soll’s? Dabei hat von Beust mit seiner Steigbügelhalterei nichts weniger geleistet als einen wichtigen Beitrag zum Aufstieg des Populismus in Deutschland.  Auch das Bild des hochtalentierten Medien-Profis, das von Ronald Schill selbst entworfen wird, ist aufgejazzt. Sein Humor und seine Schlagfertigkeit werden jedenfalls von keinem einzigen O-Ton untermauert, der in der Serie zu hören ist. Schill hatte schlechte Manieren und eine große Klappe, lange bevor Boris Johnson, Donald Trump & Co noch schlechtere eine noch größere hatten. Aber das ist eher siegreiche Frechheit als Eloquenz. Offensichtlich tut Klamroth, was er kann, um seinem wenig ansprechenden Titelhelden zu Relevanz und Fallhöhe zu verhelfen, was bleibt ihm übrig?

Die Dokumentation „Hateland – Die Schill Show“ ist ebenso eitel, halbseiden, populistisch und para-seriös wie ihr Gegenstand. Das heißt dann wohl: Mission accomplished.

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* Kontakt: hateland@wdr.de. Netiquette für Kommentare: https://www1.wdr.de/hilfe/kommentarregeln100.html

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So siehst Du aus! (10)

betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur

Matias Faldbakken (1973-)
The Hills Das „Schwein“, ein Stammgast

Es gibt viele Arten, sich zu kleiden. Das Schwein hat die einzig akzeptable gewählt: tadellos. Er trägt ständig neue Anzüge, und dem Schnitt, den Nähten und der Stoffqualität nach zu urteilen, müssen sie von den Schneidern in   der Savile Row und Umgebung sein. Mit seinen rund 60 Jahren und durch den täglichen Auftritt in solchen Gewändern, ist er in jeder Hinsicht ein stattlicher Mann und ein Mustergast. Das Schwein passt ins „Hills“ wie die Faust aufs Auge.
(…) Das Schwein hat volles, grauweißes Haar, das er sich wöchentlich kurzschneiden lässt. Er bekam schon in seinen Zwanzigern graue Haare, als er in Paris Karriere machte und dort den Spitznamen „le gris“ verliehen bekam, was umgehend zu Grisen = das Schwein wurde, als er nach Norwegen zurückkehrte. Seine Augenbrauen sind dunkel geblieben, was ihn intelligent wie Castelli oder hundeartig wie Scorsese aussehen lässt.     
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https://www.penguin.de/buecher/matias-faldbakken-the-hills/ebook/9783641230210

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Kultfilm Azubis: Nie wieder Fernsehen!

Zum Beginn der neuen Saison ist Bürger Lars Dietrich in unserem Podcast zu Gast, der mit dem heutigen Thema viel Erfahrung gesammelt hat – aktiv wie auch passiv.

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A) Im Himmel ist die Hölle los
Satirische Schlagerklamotte von 1983

Deutschland im Jahre 1988. Die pummelige Grundschülerin Mimi ist in heller Aufregung, als ihr Idol Willi Wunder in die Stadt kommt, um seine TV-Show zu moderieren. Als kurz vor der Sendung Willis Assistentin ums Leben kommt, wird die Suche nach einer Nachfolgerin ausgerufen. Unter den Mädchen des Ortes bricht ein erbitterter Kampf aus, an dem sich auch die schüchterne Mimi beteiligt. Klatschreporterin Vanessa Video wittert eine Chance, Willi Wunder endlich zu vernichten – und schreckt auch vor Mord nicht zurück …

Was zunächst wie eine echte deutsche Schlagerklamotte wirkt, ist in Wahrheit eine Parodie auf die Zeit, als die Glotze das wichtigste Möbel in deutschen Haushalten war und alle unbedingt „ins Fernsehen“ wollten. Es ist außerdem ein Science-Fiction-Film, der sich ausmalt, was mit der Bevölkerung passiert, wenn tatsächlich – wie damals angekündigt – das Privatfernsehen eingeführt wird. Die schräge ZDF-Koproduktion wurde zum Lieblingsfilm der Subkultur und ihrer Fans, dessen Dialoge auswendig gelernt und zitiert wurden. Das Ensemble besteht aus Veteranen der Factory des verstorbenen Starregisseurs Rainer Werner Fassbinder und künftigen Fernsehstars wie Dirk Bach und Ralph Morgenstern.

B) Vorwiegend heiter / It’s Always Fair Weather
Amerikanisches Filmmusical von 1956

Die Weltkriegskameraden Ted, Doug und Angie schwören sich, einander auch in Friedenszeiten die Treue zu halten und sich zehn Jahre später in ihrer alten Stammkneipe wiederzutreffen. Als sie das wirklich tun, finden sie einander grauenhaft. Eine Fernsehproduzentin will ihr frustrierendes Treffen in ihrer Live-Show als rührendes Wiedersehen ausschlachten. Das ärgert die Veteranen – hat aber letztlich auch sein Gutes …

Der Film zeigt das amerikanische Filmmusical im Stadium der Reife und gilt als eine handwerkliche Glanzleistung des Genres. Doch für das US-Publikum kam er knapp zu spät: so etwas war nicht mehr in Mode. Das lag auch an der Konkurrenz des Fernsehens, das hier persifliert wird. Für das deutsche Publikum kam der Film 30 Jahre zu früh, denn er beschreibt eine Art von Live-Shows mit Normalbürgern, die sich bei uns erst mit dem Privatfernsehen etablieren sollten. Dass Billy Wilder sich in seinem Film „Das Appartement“ auf einen Running Gag dieses Musicals bezieht, ist der kleine Zipfel Ruhm, den „It’s Always Fair Weather“ erhaschen konnte.

Nächste Woche: Taxi Driver und L.A. Confidential

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Das Neuste von nach dem Ende

betr.: Die aktuelle Filmkritik im Podcast

Das Ende der Sterne (The Dog Stars)
Dystopie von Ridley Scott

Eine Pandemie hat einen Großteil der Weltbevölkerung ausgelöscht. Der Pilot Big Hig lebt mit seinem Hund Jasper in einem verlassenen Flugzeughangar in Colorado. Familie und soziales Umfeld sind ausgelöscht, nur der Ex-Marine Bangley leistet ihm noch Gesellschaft. Eines Tages empfängt Hig einen Funkspruch, der ihm Hoffnung macht, da draußen könnten noch die Überreste einer Zivilisation existieren. Er macht sich mit seiner Cessna auf die Suche nach dem Absender des Signals.

Das Drehbuch von Mark L. Smith und Christopher Wilkinson basiert auf dem 2012 veröffentlichten Roman „Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte“ von Peter Heller. In den USA startet der Film einen Tag später als bei uns.

Volker Robrahn sah ihn vorab:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/das-ende-der-sterne

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Ein Fest für Sexmuffel

One Night Only
RomCom von Will Gluck

In einer nahen Zukunft dürfen Unverheiratete nur noch einmal im Jahr Sex haben, das Datum wurde von der Regierung festgelegt. Kurz vor dem großen Feiertag wird der Pizzabäcker Owen von seiner Liebsten sitzengelassen. Der solide All-American Boy muss nun sehen, wo er auf die Schnelle eine Partnerin herbekommt. Die hoffnungslos romantische Allie hat das selbe Anliegen, und die beiden laufen auch prompt ineinander. Doch Allie ziert sich, man sucht getrennt weiter, und die Uhr tickt dem unvermeidlichen Happy End entgegen …

Will Gluck gilt nach „Einfach zu haben“ und „Wo die Lüge hinfällt“ als ein Spezialist für romantischen Komödien. Callum Turner und Monica Barbaro passen beinahe zu gut zusammen, um sich so lange nicht zu kriegen. Die Grundidee aber klingt dystopisch. Ist sie auch.

Die aktuelle Filmkritik

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/one-night-only

Rein optisch ist der Film ein frivoler Sommerspaß mit schönen Bildern und noch schöneren Menschen. Doch die Prämisse, auf der er aufbaut, ist unglücklich, in unseren Tagen der digitalen Preisgabe unseres Privatlebens geradezu gruselig: die Bevölkerung der USA lässt sich willfährig von einem 364-Tage-Sexverbot knechten. Das ist nicht nur haarsträubend und restlos unglaubwürdig, es zeigt auch, als wie normal und alltäglich die totale Überwachung, die dazu seitens der Regierung nötig ist, mittlerweile offenbar angesehen und mit wieviel Humor sie genommen wird. Kann sich auf dieser Grundlage allen Ernstes jemand amüsieren? Ich habe da so eine Befürchtung …
Bei George Orwell oder der Stasi musste die Bevölkerung noch aufwändig ausspioniert werden. Wir schmeißen unsere Daten heute fröhlich raus. In „One Night Only“ ist die Menschheit noch einen Schritt weiter. Privatsphäre gibt es gar nicht mehr. Die Charaktere – also die Bürger New Yorks – tragen Tatöwierungen am Handgelenk, an deren wechselnder Farbe sich ihr Beziehungs-Status und somit ihre Berechtigung ablesen lässt, einvernehmlichen Sex zu haben.
Der finstere Plot ließ sich für mich nicht nur wegen dieses üblen Propaganda-Beigeschmacks so schwer beiseiteschieben. Den liebestollen Stadtmenschen kann an diesem Datum niemand böse sein, will der Film uns sagen, auch nicht der konservative Sexmuffel, der sich irgendwie in diesen Film verirrt hat. Wieviel Leibfeindlichkeit, wieviel Verklemmtheit ist eigentlich in Hollywood am Werk, wenn in einem Mainstream-Film mit solch bigotten Konstrukten gearbeitet wird?

Die Schauspieler müssen nun für gute Laune sorgen, so gut es geht. Beginnen wir mit den komischen Nebenrollen: die Veteranin Molly Ringwald darf sich in der besagten Nacht mit LeVar Burton amüsieren, der mit Kunta Kinte und Geordi La Forge bereits zwei historische Figuren der US-Geschichte verkörpern durfte.
Das Liebespaar im Zentrum besteht aus der konventionellen Schönheit Monica Barbaro und dem leicht unkonventionellen Callum Turner – er ist nämlich einer dieser heißen „Rodent Men“, nach denen zur Zeit alle verrückt sind. Turner ist allerdings viel größer und stattlicher als Josh O‘Connor, sein berühmterer Kollege, mit dem man ihn auf den ersten Blick tatsächlich verwechseln könnte. Als sich Owen und Allie kurz vor Schluss tatsächlich kriegen, kommt es zu einer überraschenden Wendung, die die letzten Reste von Logik und Glaubwürdigkeit endgültig in Stücke reißt.
Neben der gefälligen Optik ist auch das Tempo des Films ganz in Ordnung. Wenn man den Anfang verpasst und nur ein paar Stadtneurotikern zusieht, kann man sich vielleicht ganz gut amüsieren.

Ich sehe dem Erfolg dieses Films mit Neugier und einer gewissen Besorgnis entgegen. Wenn er mit diesem Konzept an der Kinokasse durchkommt, dürfen sich die Chefs der großen Datenkraken freuen. Und mir wird dann so richtig schlecht.

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Reisen als Herausforderung

betr.: „Orient-Express“ von John Dos Passos

„Orient-Express“ ist ein koketter Buchtitel. Oberflächlich betrachtet bezeichnet der Begriff jene legendäre Bahnlinie, deren schwelgerischer nostalgischer Luxus uns aus Filmen wie „Liebesgrüße aus Moskau“ und „Mord im Orient-Express“ vertraut ist. Der Ich-Erzähler John Dos Passos durchquert die Region zwischen Kaukasus und östlichem Mittelmeer – aber als Abenteurer, ohne jeden Luxus. Er improvisiert und nimmt Entbehrungen in Kauf, die jedes Urlaubsgefühl illusorisch machen würden. Das bedeutet zweierlei, was Pauschalreisen nicht bieten: Gefahr und die sprichwörtliche Erweiterung des Horizonts.
1927 erschienen, wurde dieses Reisejournal erst 2013 wiederentdeckt, da die Beobachtungen kleiner und großer Umbrüche die späteren brisanten Entwicklungen in der Region schon vorzeichnen. Die erst jetzt erfolgte Herausgabe des Textes auf Deutsch hat den NDR zu einer famosen Hörbuchfassung mit Volker Hanisch angeregt, die bei HörbucHHamburg erschienen ist.

Als der später weltberühmte John Dos Passos aus Virginia durch die Länder des Nahen Ostens reiste, war er 25. Der Sohn eines vermögenden Rechtsanwalts war schon als Schüler mit seinem Privatlehrer um die Welt geschickt worden. Er sollte die Meisterwerke der Klassik und Antike im Original studieren. Nach Abschluss seines Harvard-Studiums 1916 zog es ihn nach Spanien, und im Sommer 1917 trat er in den Krieg ein, in dem er sich auf französischer Seite zum Dienst als Krankenwagenfahrer meldete. Das Kriegsende erlebte er in Paris und studierte an der Sorbonne. Sein erster Roman mit dem Titel „1917“ erschien in den USA ein Jahr, bevor er zu der Reise aufbrach, die in „Orient-Express“ geschildert wird.

Der Bericht beginnt mit der Überfahrt über den Atlantik und der Durchquerung Europas mit dem Zug, ab Konstantinopel wechseln die Fortbewegungsmittel. Eine Karawane oder ein Güterwaggon werden noch zu den kommoderen Varianten gehören. Dos Passos sieht die Verheerungen des Türkisch-Griechischen Kriegs. Er verbringt drei Wochen in Bagdad und beobachtet die Neuordnung des Irak durch die Briten, schreibt über die Ermordung der Armenier und über islamischen Fundamentalismus. Er erkrankt an Malaria-Fieber, lässt sich einen Bart wachsen und überredet die Chefin des britischen Nachrichtendienstes, ihn bei einer Expedition durch die syrische Wüste zu unterstützen. Überall wird der Reisende daran erinnert, dass der Erste Weltkrieg noch immer seinen Schatten auf die ganze Region wirft.
In seinem Nachwort schreibt Stefan Weidner: „Der aufmerksame Leser dürfte es gemerkt haben: Dos Passos reist von Teheran bis Damaskus ohne jegliche Pass- oder Grenzkontrollen. Und ohne Grenzkontrollen wäre er auch bis Gaza gekommen, wenn er gewollt hätte – eine heutzutage unvorstellbar traumwandlerische Art, den nahen Osten zu bereisen.“

Im Jahr 1925 wird John Dos Passos‘ episodischer New-York-Roman „Manhattan Transfer“ die amerikanische Moderne einläuten und ihn weltberühmt machen. 1970 wird der Autor in Baltimore sterben.

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Der Sommer unseres Vergnügens

Mit „Der Sommer der guten Geschichten“ ging diese Woche eine hübsche Aktion von radiodrei, dem Kulturkanal vom rbb, zuende. Die von Thomas Böhm organisierte wöchentliche Reihe präsentierte uns sieben kurze Erzählungen zum Nachlesen und Anhören. Im Sendegenbiet gab es für jeden Text eine leibhaftige Leserunde mit anschließendem Gespräch.
Böhm gab die Empfehlung aus, solche Runden auch selbst zu organisieren. Ich möchte diese Anregung an den Sender zurückgeben. Auch wenn die Auswahl so großartigen Materials (Anton Tschechow, Oscar Wilde, Katherine Mansfield, Franziska zu Reventlow …) in der passenden Länge nicht von mir unterschätzt wird, würde eine solche Sendereihe das Programm zu jeder Jahreszeit bereichern.  Und wenn dann nicht jede der Geschichten einen so aparten Subtext bereithielte – auch gut.

Einziger Kritikpunkt: die von Nina Kunzendorf gelesenen Mini-Hörbücher klangen etwas hastig und arg melodisch, eine Entscheidung der Regie. Außerdem endeten sie allesamt wie abgeschnitten, weil das jeweilige Rubato zum Finale fehlte – eine objektive handwerkliche Unsitte. Zeit genug für eine entsprechende Regieanweisung wäre gewesen, mit vier Stunden war die Aufnahmesession geradezu luxuriös disponiert.

Zu Beginn der Aktion erzählte Thomas Böhm von einer nicht näher bezeichneten SiegfriedLenz-Geschichte, die ihm besonderes Vergnügen bereitet habe. Ich habe mich darauf gefreut, sie irgendwann zu hören, doch sie diente nur als Beispiel für einen von Beginn an fesselnden Text. Es handelte sich übrigens um „Die Nacht im Hotel“. Auf meine Nachfrage hin empfahl mir die Redaktion eine Lesung von Matthias Winde:

https://www.youtube.com/watch?v=rVIM9M1ZN18

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Summer Of Kult: Zwei Stühle – sechs Meinungen

Es geht das Gerücht, so richtig interessant wird es für euch, die ihr uns zuhört, wenn wir uns im Gespräch über Kultfilme und solche, die es werden wollen, in diesem Podcast gehörig in die Haare kriegen. Jedenfalls erklingen zum Abschluss unserer Sommerserie für alle, die gern die Fetzen fliegen sehen, drei Gespräche, bei denen wir nicht einer Meinung waren. Und zwar überhaupt nicht. Unter dem Motto „Zwei Stühle, sechs Meinungen“ hören wir noch einmal in unsere erste Staffel hinein und zweimal in die zweite.

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Blow Up
Britisch-italienischer Mystery-Thriller von 1966

London in den Swinging Sixties. Der hippe, erfolgreiche, aber vom Leben angeödete Modefotograf Thomas fotografiert im Park von weitem ein diskutierendes Liebespaar. Bei der Entwicklung der Bilder fällt ihm ein seltsames Detail auf. Als er dieses immer weiter vergrößert – to blow up -, glaubt er, einen Mord fotografiert zu haben. Es gelingt ihm nicht, einen seiner Freunde für diese aufregende Entdeckung zu begeistern. Die Frau auf den Bildern hat umso größeres Interesse daran. Sie wird bei Thomas vorstellig und fordert die Herausgabe des Negativs. Er trickst sie aus, doch dabei bleibt es nicht …

Der italienische Starregisseur Michelangelo Antonioni begann als Assistent von Roberto Rosselini und entwickelte dessen Stilrichtung, den damals tonangebenden Neorealismus, ab 1950 selbstbewusst weiter. Als Antonioni mit „Blow Up“ seinen ersten Film in englischer Sprache vorlegte, war er bereits einer der Größten des europäischen Kinos. Dieser Film bist bis heute sein beliebtester, der meistdiskutierte und am häufigsten wiederaufgeführte.

Als Steven Spielberg kürzlich mit „Disclosure Day“ in unsere Kinos kam, schrieben viele Rezensenten, damit sei er zurückgekehrt zu seinem eigentlichen Thema: dem Weltraum (von der Erde aus gesehen) und den Aliens.
Das ist spontan eine verblüffende Einordnung, wenn man bedenkt, wie vieler unterschiedlicher Milieus und Genres Spielberg sich in den mehr als 50 Jahren seiner Karriere angenommen hat. Auf den zweiten Blick ist es umso einleuchtender. Die Science-Fiction-Parabel „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ war 1977 der erste Film, in dem uns der Regisseur auf seine unverwechselbare Weise versprach, alles würde gut werden. Das sollte fortan ein Markenzeichen seines Personalstils sein. Fünf Jahre später machte sich Spielberg mit dem folgenden Werk zu so etwas wie dem Ehrenpräsidenten des Ministeriums für außerirdisches Leben.   


E.T. – Der Außerirdische
/ E.T. – The Extra-Terrestrial
Amerikanisches Science-Fiction-Märchen von 1982

Als ein Raumschiff aus einer fernen Galaxis seinen Erkundungsflug zur Erde Hals über Kopf beendet und abfliegt, bleibt einer der Passagiere in einem Waldgebiet nahe Los Angeles zurück. Der kleine runzlige Kerl versteckt sich in einem Geräteschuppen, wo er vom Sohn der Familie Toomey entdeckt wird. Der zehnjährige Elliott nimmt E.T., den Extra-Terrestrischen, heimlich mit auf sein Zimmer, füttert ihn mit Schokolade und bringt ihm Sprechen bei. Während E. T. ein Funkgerät zusammenbastelt, um seine Artgenossen zu Hilfe zu rufen, macht sich die Regierung auf die Suche nach ihm. Sie hat von seiner Ankunft Wind bekommen und möchte ihn konfiszieren. Es stellt sich heraus, dass E.T. die Anwesenheit auf der Erde gesundheitlich nicht bekommt. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt – und der uralte Kampf der unschuldigen Kinderseele gegen die korrupte Welt der Erwachsenen.

Über Steven Spielbergs alles überragenden Welterfolg ist kaum etwas Freundliches ungesagt geblieben. Hier kommt ein stellvertretendes Zitat von vielen, die die Begeisterung teilten. Das Filmlexikon des Katholischen Filmdienstes freute sich über ein Werk, das die unbeschwerte Trivialität des Comicstrip, die technische Phantasie des Science-Fiction-Films und familienfreundliche Sentimentalität zur perfekten Kinounterhaltung verarbeitet.

Erstaunlich oft stehen Kinder im Mittelpunkt der Filme, die wir uns gemeinsam ansehen. Warum das so ist? Mal in Ruhe überlegen.
Für Horrorfilme jedenfalls gilt: hier sind die lieben Kleinen in der Regel die Bösewichte. Und nichts für ungut: sie können ja schon recht gruselig rüberkommen mit ihren großen Köpfen, ihren noch größeren Augen und ihrem unerfindlichen Innenleben. Oswalt Kolle hat einen Bestseller darüber geschrieben: „Dein Kind, das unbekannte Wesen“.
Doch nur wenige Jahre später wendet sich Blatt. Wenn aus dem Kind ein Teenager wird, mutiert es im Horrorfilm von der Bedrohung zur bedrohten Art.
Die Helden unseres nächsten Films beschreiben genau diesen Übergang vom einen Rollenfach ins nächste.
Zum letzten Halloween hatten wir die Kollegen vom Podcast „Filmtieftauchen“ zu Gast, die sich in wechselnder Besetzung mit uns zwei Horrorfilmen gewidmet haben. Ich habe diese große Runde sehr genossen, besonders im zweiten Teil, wo die Urteile weiter voneinander abwichen als beim Kettensägenmassaker in unserem Hauptfilm „Blutgericht in Texas“. Ich grüße Susann und Asfaha und hoffe, sie sehen es mir nach, dass ich unser Vierergespräch für die heutige Collage ganz auf meinen Showdown mit Torben zugeschnitten habe,
meinem Bösewicht. Das komplette Gespräch über beide Filme steht in unserer Mediathek.

The Visit
US-Teenie-Horrorfilm von 2015

Die Teenager Tyler und Rebecca haben durchgedrückt, ihre Großeltern besuchen zu dürfen, obwohl sich Mutter Loretta vor langer Zeit restlos mit ihnen überworfen und den Kontakt abgebrochen hat. Während sie eine Kreuzfahrt mit ihrem neuen Lover macht, fahren der extrovertierte Tyler und seine pfiffige große Schwester für eine Woche aufs Land. Rebecca filmt die ganze Reise mit dem Smartphone, um sie zu einer Doku zu verarbeiten. Die Kids werden herzlich empfangen, wundern sich jedoch bald darüber, wie seltsam das Alter die Menschen macht. Nach und nach werden ihnen Oma und Opa immer unheimlicher …

Der gesamte Film ist als Found-Footage-Montage gestaltet. Das mag damit zusammenhängen, dass Autorenfilmer M. Night Shyamalan nach seinem Durchbruch mit „The Sixth Sense“ einen Abstieg hinnehmen und kleinere Brötchen backen musste. Doch die kleine Form bekommt dem Ergebnis ausgezeichnet. „The Visit“ ist ein klug aufgebautes, raffiniertes und gut besetztes Kammerspiel, das sämtliche Shyamalan-Unsitten davor und danach vermeidet. Sogar die Synchronfassung ist meisterlich.

Und damit endet „Summer Of Kult“, unsere Sommerserie aus dem Archiv. Dass weibliche Kultstars und -Azubis wie Marilyn Monroe, Bette Davis, Marlene Dietrich und Margaret Rutherford hier gefehlt haben, hat Materialgründe und hängt natürlich auch mit dem Publikumsverhalten zusammen, das unserem Podcast zugrundeliegt. Es versieht uns aber auch mit guten Vorsätzen für die nahe Zukunft.

Nächste Woche mit dem Gast Bürger Lars Dietrich und den Filmen Im Himmel ist die Hölle los und Vorwiegend heiter

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