Ein Monster im Haus

betr.: Die aktuelle Filmkritik im Podcast

Gentle Monster
Drama von Marie Kreutzer

Die Konzertpianistin Lucy ist mit ihrem Mann Philip und dem gemeinsamen Sohn in die Nähe von München aufs Land gezogen, damit Philip sich von seinem Burn-Out erholen kann. Noch immer quälen ihn Panikattacken. Eines Tages steht die Polizei mit einem Durchsuchungsbeschluss vor der Tür und beschlagnahmt seinen Computer. Philip wird beschuldigt, Fotos und Videos getauscht zu haben, die sexuellen Missbrauch von Kindern zeigen. Inwiefern er außerdem als Nutzer oder Hersteller solchen Materials aktiv ist, bleibt zunächst im Unklaren. Lucy flieht mit dem Kind aus der gemeinsamen Wohnung. Sie lässt sich schließlich von Philip überzeugen, er sei lediglich in diese Machenschaften „hineingerutscht“ und habe das Geld gerne kassiert, um den Umzug und die neue Wohnung zu finanzieren. Doch immer neue Scheußlichkeiten, immer tiefere Verstrickungen kommen ans Licht …

Léa Seydoux spielt die junge Mutter, in Gastrollen sind Sylvester Groth und Cathérine Deneuve zu sehen.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/gentle-monster

Wäre dieser Plot Gegenstand eines Hollywoodfilms (der Titel würde ja dazu passen), liefe er Gefahr, auf oberflächliche Botschaften, unerfreuliche Details und ein dickes, aber tristes Finale hinauszulaufen. Diese Befürchtung hat sich sogar verfestigt, nachdem ich zum gleichen großen Thema den insgesamt sehenswerten „Prime Time“ von Ari Aster gesehen habe, von dem hier in Kürze die Rede sein wird.
Bei einem Arthaus-Film wie unserem heutigen Programmpunkt droht eine andere Gefahr: Betroffenheit und wiederum Tristesse. Nichts dergleichen ist passiert. „Gentle Monster“ ist mitreißend, ohne reißerisch zu sein, und wird seinem Thema gerecht, ohne uns abstoßen oder frustrieren zu müssen.
Der Film spielt in Frankreich und in der süddeutschen Provinz und zeigt uns eine polyglotte Familie, die unentwegt zwischen vier Sprachen (wenn wir das Österreichische einzeln nummerieren) hin- und herwechselt. Das öffnet allen Beteiligten eine zusätzliche Ebene, auf der sie sich als eingespielte Lebens- und Schicksalsgemeinschaft bewähren können, und lässt Raum für Mentalität und Folklore. Léa Seydoux (sie hat auch schon mit Quentin Tarantino und Woody Allen gedreht) überzeugt auch als Musikerin in den Konzertsequenzen. Ihre Film-Mutter war früher selbst eine gefeierte Musikerin, und insofern ist sie mit der effektvollen Cathérine Deneuve passend besetzt. Sie darf zu ihrer Tochter den wenig tröstlichen und verdeckt selbstkritischen Satz sagen: „Ich habe ich dich immer gewarnt: das einzige, was für eine Künstlerin noch schlimmer ist, als ein Kind zubekommen, ist, aufs Land zu ziehen!“

Eine etwas schmalere Parallel-Handlung wird um die Sonderermittlerin Elsa auf den Weg gebracht: sie kümmert sich um ihren bildungsbürgerlich-verbohrten Vater, der mit seinen Grabschereien Pflegerin um Pflegerin vergrault. Das wirkt etwas konstruiert, wird jedoch so elegant erzählt, dass es uns nicht weiter betrüben muss. Ich habe erst einige Zeit nach der Sichtung des Films gelesen, Sylvester Groth spiele einen Demenzkranken. Was wir hier sehen, ist ein notgeiler alter Familientyrann, wie ich sie häufig auch ohne eine solche Diagnose erlebt habe. Aber das müssen wir an dieser Stelle zum Glück nicht verbindlich festlegen.

Die österreichische Autorin und Regisseurin Marie Kreutzer konnte bei dieser Produktion auf persönlichen Erfahrungen aufbauen. 2022 kam mit dem Historienfilm „Corsage“ ihre vierte Arbeit ins Kino. Der Erfolg bei der Kritik wurde an der Kinokasse und in der anschließenden Debatte vom Pädophilie-Skandal um den Schauspieler Florian Teichtmeister überschattet, der bei Kreutzer den Kaiser Franz Joseph I. spielt. Schon wenige Monate nach dem Ende der Dreharbeiten waren erste Berichte, noch ohne Namensnennung, durch die Medienwelt gegeistert. Intern stritt Teichtmeister zunächst alles ab. Nach Bekanntwerden der Anklage sagte Kreutzer der Presse: „Ich bin traurig und wütend, dass ein feministischer Film, an dem mehr als 300 Menschen aus ganz Europa jahrelang gearbeitet haben, durch die grauenvollen Handlungen einer Person so beschmutzt und beschädigt wird.“ Damit nicht genug. Ein weiterer Darsteller aus dem Ensemble löste einen MeToo-Skandal in Österreich aus.
Das vielleicht schönste Kompliment, dass ich „Gentle Monster“ zum jetzigen Zeitpunkt machen kann, ist, dass er sich aus den Niederungen solcher Nebengeräusche erhebt. Ein wirklich großer Film.
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Außerdem heute online: Ronny Fanta und Torben Sterner sprechen mit dem Meteorologen Felix Dietzsch über die Hintergründe des Films „Pressure“, der ebenfalls heute startet:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/pressure

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Kultfilme – Das Kneipenquiz / Auflösung

betr.: Antworten auf die Fragen vom 14.9.2026

Beim Verlesen der Frage nach dem Fundort der verschollenen „Metropolis“-Filmmeter befiel mich kurz der Zweifel: ist diese Frage nicht vielleicht doch ein bisschen zu schwer?
Nach der Veranstaltung berichtete ich einem der Teilnehmer davon, und er beruhigte mich mit dem Hinweis: bei „Metropolis“ dachte er an Nazis und bei Nazis sofort an Argentinien.
Man sollte sich nicht immer so viele Sorgen machen.

RUNDE 1

1.01: „Moonraker – Streng geheim“
1.02: 40.000 Dollar
1.03: Jack Nicholson
1.04: Vietnamkrieg
1.05: „Das Lied vom Tod“
1.06: „An der schönen blauen Donau“
1.07: schwarz
1.08: Der Mensch
1.09: George Lucas
1.10: Wien

RUNDE 2

2.01: Roger Moore
2.02: Christopher Lee
2.03: Maria
2.04: Opernsängerin
2.05: Die Pantomime
2.06: „King Kong und die weiße Frau“
2.07: „Frankenstein“ / „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“
2.08: Philip Marlowe
2.09: Film Noir
2.10: Alfred Hitchcock

RUNDE 3

3.01: Einen
3.02: Argentinien
3.03: Ars gratia Artis
3.04: Ein Rodelschlitten
3.05: Matt Damon
3.06: Drei
3.07: Schwester Ratched
3.08: Little Neros Pizza
3.09: OutaTime
3.10: (Studio) Ghibli

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Kultfilme – Das Kneipenquiz

Gestern abend fand in der Hamburger Mittelalter- und Rollenspiel-Taverne „Zum tanzenden Einhorn“ unser Filmquiz statt, das die Kollegen von „Quiz The North“ veranstaltet haben. Wer nicht dabei war, kann das Quiz nachspielen. Die Antworten werden in Kürze nachgereicht.

RUNDE 1

1.01: In welchem James-Bond-Film wird die 5-Ton-Folge aus „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ ebenfalls eingesetzt?

1.02: Mit welcher Summe unterschlagenen Geldes begibt sich Marion Crane in „Psycho“ auf die Flucht?

1.03: Wer singt?

1.04: Der Roman „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad erzählt die Geschichte einer Expedition im Dschungel von Belgisch Kongo, in dem langsam alle Wahnsinnig werden, während sie nach jemandem suche, der bereits wahnsinnig ist. In der berühmten Verfilmung wurden Zeit und Ort der Handlung geändert. Zur Zeit welches großen Konfliktes spielt der Film?

1.05: Unter welchem Titel erschien der Soundtrack zu „Spiel mir das Lied vom Tod“ in der Bunderepublik auf Single-Schallplatte?

1.06: Welcher berühmte Walzer wird in „2001: Odyssee im Weltraum“ zum Schweben der Raumstation gespielt?

1.07: Welche Farbe hat der „Malteserfalke“?

1.08: In „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ wird sich auf die gefährlichste aller Tierarten geeinigt. Welche ist das?

1.09: Wer führte Regie bei „American Graffiti“?

1.10: Der Schauplatz von „Der dritte Mann“ ist nach dem Zweiten Weltkrieg in vier Sektoren aufgeteilt. Wie heißt diese Stadt?

RUNDE 2

2.01: Wer hat am häufigsten die Rolle des James Bond gespielt?

2.02: Wer singt?

2.03: Welchen weiblichen Vornamen trägt der Cyborg im Stummfilm „Metropolis“?

2.04: Welchen Beruf übt die Titelfigur von „Diva“ aus?

2.05: Welche Bühnenkunst wird in „Kinder des Olymp“ gepflegt und gefeiert?

2.06: Wie lautet der deutsche Verleihtitel für den Film „King Kong“?

2.07: Auf welchen Klassiker der Weltliteratur bezieht sich die Handlung der „Rocky Horror Picture Show“?

2.08: Welchen berühmten Detektiv spielt Humphrey Bogart in „Tote schlafen fest“?

2.09: Welches beliebte Filmgenre verbirgt sich hinter der veralteten deutschen Bezeichnung „Schwarze Serie“?

2.10: Welcher Regisseur prägte den bis heute gebräuchlichen Ausdruck „MacGuffin“ für die meist gegenstandslose Motivation einer Geschichte?

RUNDE 3

3.01: Wie viele Filme drehte das Traumpaar aus „Casablanca“, Humphrey Bogart und Ingrid Bergman, gemeinsam?

3.02: In welchem Land wurden 2008 umfangreiche verschollene Passagen des Films „Metropolis“ aufgefunden, die wir auf immer verloren glaubten?

3.03: Wie lautet die Inschrift über dem Kopf des Löwen im MGM-Logo?

3.04: Welcher Gegenstand verbirgt sich hinter dem Wort „Rosebud“, des letzten Wortes auf dem Sterbebett von „Citizen Kane“?

3.05: Wer singt?

3.06: Auf wie viele Filme brachte es der Hollywoodstar James Dean?

3.07: Wie heißt der Bösewicht in „Einer flog über das Kuckucksnest“?

3.08: Welcher Pizzaservice ist in „Kevin – Allein zu Haus“ am Werk?

3.09: Welcher Schriftzug ziert das Nummernschild des DeLorean von Doc Brown?

3.10: Welche japanische Trickfilmstudio schuf solche Hits wie „Chihiros Reise ins Zauberland“ und „Das wandelnde Schloss“?

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So siehst Du aus! (12)

betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur

Thomas Harris (1940-)
Roter Drache (a)
Das Schweigen der Lämmer
(b)
Hannibal (c)

Dr. Hannibal Lecter

(a) Dr. Hannibal Lecter lag schlafend auf seiner Pritsche; den Kopf hatte er mit einem Kissen gegen die Wand gestützt. Aufgeschlagen auf seiner Brust lag Alexandre Dumas‘ „Le Grand Dictionnaire de Cuisine“. (…)
Dr. Lecter hatte rotbraune Augen, und sie reflektierten das Licht in winzigen rötlichen Punkten. (…) Er war ein zierlicher, geschmeidiger Mann. Sehr gepflegt.

(b) Dr. Hannibal Lecter selbst lag auf seiner Pritsche gestützt und las in der italienischen Ausgabe der „Vogue“. Er hielt die losen Seiten in der rechten Hand und legte sie mit der linken nacheinander neben sich. An der linken Hand hatte Dr. Lecter sechs Finger. (…) Sie konnte sehen, dass er klein und geschmeidig war; in seinen Händen und Armen erkannte sie drahtige Kraft. (…) In seiner kultivierten Stimme schwang ein leichtes metallisches Schnarren mit. Dr. Lecters Augen waren kastanienbraun, und sie spiegelten das Licht in winzigen Punkten wider. Manchmal schienen die Lichtpunkte wie Funken in seine Iris zu sprühen. Seine Augen umfaßten Starling ganz.

(c) Der Lichtschein fällt rötlich auf das reichverzierte Klavier und den Mann dahinter (…). Sein Haar und der Rücken seines wattierten Morgenmantels reflektieren den strahlenden Glanz des Lichtes. (…) Ein leiser Luftzug streift uns, als Dr. Hannibal Lecter an uns vorübergeht. (…) Seine Augen reflektieren das Licht rötlich, aber sie glühen nicht rot im Dunkeln, wie das einige seiner Wärter geschworen haben. (…) Dr. Lecter verfügte über perfekte Umgangsformen, nicht steif, sondern leicht und elegant wirkte alles an ihm.

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Kultfilm Azubis: Trennung bitte!

Streitende Paare sind heute hauptsächlich ein Thema für die Klamotte, für den Boulevard. Einige werden sich noch an Loriot oder „Ein verrücktes Paar“ erinnern, doch da hatte die Krise nur Sketch-Länge. Unser der Hauptfilm im heutigen Podcast ist mehr als abendfüllend, und er nimmt die Sache richtig ernst:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/szenen-einer-ehe-der-tod-steht-ihr-gut

A) Szenen einer Ehe / Scener ur ett äktenskap
Schwedisches Drama von 1973

Marianne und Johan führen eine scheinbar vorbildliche Ehe. Doch als der Streit eines befreundeten Paares in der Scheidung gipfelt und Johan wenig später mit der 23jährigen Studentin Paula durchbrennt, ist auch ihre Ehe am Ende. In langen Einstellungen begleitet der Film seine Helden auch durch die Phase der Trennung und darüber hinaus. In Schweden war der TV-Fünfteiler ein Straßenfeger. Die 155minütige Kinofassung machte Ingmar Bergman vom geachteten Kunstfilmer zu einem Weltstar des Kinos und veränderte die Art, wie im Film von Beziehungen erzählt wird. Woody Allen, ein Verehrer des Regisseurs, drehte wenige Jahre später mit „Innenleben“ seinen ersten „Bergman-Film“. Bergman selbst verabschiedete sich – wiederum im Fernsehen – 30 Jahre später mit einer Wiederbegegnung von Johann und Marianne in „Sarabande“ von seinem Publikum.

B) Der Tod steht ihr gut / Death Becomes Her
Satirische US-Horrorkomödie von 1992

Die unscheinbare Helen will ihren neuen Lover Ernest auf die Probe stellen – und fällt damit auf die Nase. Der junge Mediziner verfällt augenblicklich der Schauspielerin Madeleine, die Helen seit Jugendtagen schon viele Männer ausgespannt hat. 17 Jahre später hadert Madeleine mit ihrem Alter, die Ehe ist längst am Ende und Ernest zum Alkoholiker verkümmert. Da taucht Helen auf und will ihren Mann zurück. Sie scheint jünger und schöner denn je. In ihrer Verzweiflung lässt sich Madeleine mit einer Magierin ein, die ihr ein Verjüngungsserum verkauft. Es wirkt, hat aber eine fatale Nebenwirkung …

Diese kluge Sozialsatire von Robert Zemeckis kommt als starbesetzte Slapstick-Komödie mit Show-Einlage daher. Bei Meryl Streep sind wir an große Schauspielkunst gewöhnt, doch die Popstars Goldie Hawn und Bruce Willis stehen ihr in nichts nach, und ihre Leistung wirkt völlig unangestrengt.

Nächste Woche: Marlene (1983) und Fedora, zu Gast: Karola Oswald

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Historie mit Prequel-Charme

betr.: Die aktuelle Filmkritik im Podcast

The Uprising – Für die Freiheit
Historiendrama von Paul Greengrass

England im Jahre 1381. Ein einfacher Farmer, den wir nur als „der Pflüger“ vorgestellt bekommen, hat Frau und Kinder durch die Pest verloren. Der gerade mal 14-jährige König Richard II. wird vom Kreis seiner korrupten Berater dazu angetrieben, das Volk mehr und mehr zu schröpfen. Als es bei einem Auftritt des Steuereintreibers zu besonders rohen Entgleisungen kommt, zettelt der Pflüger einen Bauernaufstand an, der immer weitere Kreise zieht und schon bald vor den Toren des Königshofes ankommt …

Der Film setzt den Trend einer betont schmucklosen Darstellung historischer Verhältnisse fort, der das Spätmittelalter von allem Glamour der alten Ritterfilme aus Hollywood entkleidet. Die Dreharbeiten fanden in Bayern statt. Die Handlung mutet an wie eine Vorgeschichte zum Robin-Hood-Mythos, spielt jedoch gut hundert Jahre später. Nach einer Reihe von Umbesetzungen wird die Hauptrolle von Andrew Garfield gespielt.

Monty Arnold und Volker Robrahn sahen den Film vorab:
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/the-uprising-fuer-die-freiheit

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Der Insprationaufsteller

Ein Foto von Joseph Schimmer zur Sendung „Ex Libris“ von der Ö1 Homepage. Es nimmt bezug auf eine kokette Selbstauskunft des Autors, der im Interview nachgegangen wird.

Clemens J. Setz ist mein zeitgenössischer Lieblingsautor. Und damit bin ich in meinem Freundeskreis sehr allein, obwohl Setz unentwegt alles an Preisen abräumt, was nur geht. Da die Buchpreise inzwischen zur Neige gehen, ist im Oktober der Große Österreichische Staatspreis fällig – und auch den hat er verdient!
Gerade ist es mir immerhin gelungen, die gute Ordnung umzudrehen und meinen Buchhändler davon zu überzeugen, dass Setz einer unserer Besten ist. Das gelang mir mit der Empfehlung des Romans „Indigo“ (2012) und wurde von einem kundigen Essay über Samuel R. Delany unterstützt, den der Autor zum „phantastischen Almanach“ „Vor der Revolution“ beigetragen hat. Zum Glück publiziert Setz nämlich auf allen denkbaren Wegen, schreibt während der Arbeit am nächsten Roman Hörspiele, Theaterstücke, Kinderbücher, Rezensionen u.v.m. und nimmt zwischen seinen Buchveröffentlichungen so fleißig am Diskurs teil wie es vonseiten unserer Schriftstellerzunft längst aus der Mode gekommen ist.
Einen Auszug aus seinem neuen Erzählungsband „Mein Leben als Noiseband“ liest er hier:

https://oe1.orf.at/programm/20260824#841871/Clemens-Setz-verstoerend-beruehrende-Welten

Da meine Lektüre gerade erst beginnt, lasse ich den ORF sprechen. Setz spüre in seinem neuen Wurf „erneut dem Absurden und Befremdlichen nach. Oft geht er noch weiter: Seine Geschichten verlassen den Bereich dessen, was sich noch innerhalb gesellschaftlicher Normen verorten lässt. Seine Figuren stoßen ab und berühren zugleich zutiefst. Oft sind es Eltern und Kinder, meist Verzweifelte, Einsame, Randfiguren. Setz begleitet sie mit ruhigem, präzisem Blick durch ihre schwer fassbaren Wirklichkeiten.“ – Nur zu!
____________________
* Mehr zu Thema: https://oe1.orf.at/programm/20260823/841832/Clemens-J-Setz-im-Sommergespraech

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So siehst Du aus! (11)

betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur

Robert Louis Stevenson (1850-94)
Die Schatzinsel

Long John Silver

Wie ich noch wartete, trat ein Mann aus einem Nebenzimmer, und auf den ersten Blick war ich gewiß, daß es der „lange John“ sein mußte. Sein linkes Bein war ihm dicht unter der Hüfte abgenommen und unter der linken Schulter trug er eine Krücke, deren er sich mit wunderbarem Geschick bediente, indem er wie ein Vogel herumhüpfte. Er war hochgewachsen und kräftig, mit einem Gesicht so groß wie ein Schinken, das zwar blaß und häßlich war, im übrigen aber klug und fröhlich aussah. Er schien durchaus guter Laune zu sein, wie er sich pfeifend zwischen den Tischen bewegte und jeden Stammgast mit einem Scherzwort oder einem freundlichen Schlag auf die Schulter bedachte.
Um die Wahrheit zu sagen, gleich als Herr Trelawney den „langen John“ in einem Brief erwähnte, hatte mich die Furcht befallen, es möchte jener einbeinige Matrose sein, nach dem ich so lange Zeit im „Admiral Benbow“ hatte Ausschau halten müssen. Aber ein Blick auf den Mann vor mir war genug, um meinen Besorgnissen ein Ende zu machen. Ich hatte den Kapitän gesehen, den „schwarzen Hund“ und den blinden Pew und glaubte nun zu wissen, wie ein Freibeuter aussieht – nämlich ganz anders als dieser saubere, muntere Gastwirt.
Sofort faßte ich Mut, überschritt die Schwelle und ging geradewegs auf den Mann zu, der, auf die Krücke gestützt, dastand und sich mit einem Gast unterhielt.
„Herr Silver?“ fragte ich, den Brief vorzeigend.
„Ja, mein Junge“, sagte er, „so heiße ich zweifellos. Und wer bist denn du?“
Und als er den Brief des Gutsherrn sah, setzte er sich in Positur.
„Ah!“ sagte er ganz laut und streckte mir die Rechte entgegen. „Ich sehe schon, du bist der neue Kajütenjunge. Freue mich, deine Bekanntschaft zu machen.“
Und er umschloß meine Hand mit seiner mächtigen Tatze.
_________________
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/robert-louis-stevenson-die-schatzinsel-9783446243460-t-1472

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Kultfilm Azubis: In Augias‘ Stall

Gut zwanzig Jahre liegen zwischen dem A-Film und dem B-Film des heutigen Podcasts, einmal Ostküste – einmal Westküste, ein Nachtfilm – ein Tagfilm, eine Soloshow und ein Wimmelbild:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/taxi-driver-l-a-confidential

Taxi Driver
Amerikanisches Thrillerdrama von 1976

Der Vietnam-Veteran Travis Bickle ist ein New Yorker Taxifahrer. Seine Nachtfahrten führen ihn durch einen hygienischen und moralischen Sumpf, ekeln ihn an und lassen ihn langsam irre werden. Er träumt davon, „ein großer Regen“ möge „den Abschaum von der Straße spülen“. Er beginnt, sich körperlich zu stählen, und bewaffnet sich. Erst will er einen Politiker ermorden, doch dann richtet sich sein Zorn auf einen Zuhälter, der die minderjährige Prostituierte Iris in den Klauen hat …

Dieser über weite Strecken mediative Reißer war ein Karriere-Booster für den Drehbuchautor Paul Schrader, die Stars Jodie Foster und Robert De Niro, den Regisseur Martin Scorsese sowie das fortan unzertrennliche Team Scorsese/De Niro. Bernard Herrmann – einst Hauskomponist der Regie-Legenden Orson Welles und Alfred Hitchcock – gab seine stilistisch überraschende Abschiedsvorstellung; er starb wenige Stunden nach dem Ende der Aufnahmesession.

L. A. Confidential
Amerikanischer Thriller von 1998

Sechs Tote, darunter ein Cop: Anfang der 50er Jahre ist die Polizei von L. A. mit diesem scheinbar sinnlosen Blutbad beschäftigt. Der ehrgeizige junge Beamte Ed Exley löst den Fall und wird befördert. Als er herausfindet, dass er die Falschen eingelocht hat, tut er sich auf eigene Faust mit den Kollegen Jack Vincennes und Bud White zusammen, mit denen ihn wenig verbindet und von denen jeder seine eigenen Interessen verfolgt. Nach und nach stellt sich jedoch heraus, dass sie alle den gleichen mächtigen Gegner haben.

Starautor James Ellroy verarbeitet in mehreren seiner Romane den gewalttätigen Vater und das Leid, das dieser ihm und seiner Mutter angetan hat. Doch während „Die schwarze Dahlie“ 2006 reißerisch und konventionell verfilmt wurde und zu recht vergessen ist, erlaubt sich die Umsetzung von „L. A. Confidential“ eine gediegene, beinahe freundliche Atmosphäre und erreicht eine Qualität, die viele an den Klassiker „Chinatown“ denken ließ.

Nächste Woche: Szenen einer Ehe und Der Tod steht ihr gut


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Lesen vom Blatt – Lange Sätze

betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung

Wir zwei hatten bei diesen verzweifelt angestrengten Konferenzen eine gewisse Berühmtheit erlangt: ich, weil ich nach einer Stunde, als gerade die literarischen Sendungen für die nächste Woche besprochen wurden, einschlief, und Herr Bercia – ein leidenschaftlicher Zeitungsleser, dem ich nie richtig in sein Gesicht schauen konnte, da es fast immer mit bedrucktem Papier zugedeckt war – weil er die ganze Zeit las und nur, wenn man ihn direkt ansprach, seinen grauen Kopf hob, überhaupt nicht wusste, worüber gesprochen wurde und den Kollegen ganz verwirrt eine Überschrift aus seiner Zeitung vorlas oder etwas ganz Unsinniges vortrug, das ihm irgendwann im Kopf hängengeblieben war.

Ota Filip: „Pinzza ist gestorben“

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