Emma Peel und die Rache der Enterbten

betr.: 120. Geburtstag von Billy Wilder

Remakes sind überall, wenn sie sich auch nach Möglichkeit als Prequels, Alternativ-Universalien oder schlicht als etwas Neues verkleiden. In Wahrheit war die Ideenarmut in Hollywood noch nie so aufdringlich mit Händen zu greifen wie heute und das Misstrauen der Filmschaffenden in ein Publikum, das sich eventuell gern mal wieder überraschen lassen könnte, so groß.
Wenige Remakes sind sinnvoll – zuletzt habe ich gestaunt, wie nah die x-te Version von “Wuthering Heigts” ihrer literarischen Vorlage kam und wie viel schlechter selbst ihre glanzvollsten Vorläufer in dieser Disziplin dagegen abschnitten.
Aber meistens sind Remakes eine Pest, reine Zeitverschwednung, ein Armutszeugnis, eine Unverschämtheit.

“Zeugin der Anklage” von 1982 ist ein besonderer Fall.
Er scheint nicht vollkommen sinnlos, wirkt er doch immerhin, als sei er eigens produziert worden, um uns vor Augen zu führen, wie bescheuert es ist, das Remake eines der Klassiker von Billy Wilder vorzulegen, der seinerseits ein Klassiker ist.
Es gibt in der TV-Version mehrere wirkliche Altstars (etwa Ralph Richardson und Deborah Kerr) und einige Namen mit großer Vergangenheit (allen voran die an anderer Stelle bahnbrechende Diana Rigg oder der Dauerbrenner Donald Pleasence), außerdem seitenweise brillante Dialoge aus den beiden Originalen: dem Theaterstück von Agatha Christie und dem Drehbuch von Harry Kurnitz und Billy Wilder.
Doch lässt die Neufassung schon rein optisch alles vermissen, was das Original von 1957 auszeichnet: Licht, Luftigkeit, Eleganz. Die modrige TV-Optik mit ihren halbschattigen Pappkulissen wirkt so bedrückend, dass man sich nach der stilvollen Schwarzweißfotografie selbst der Kerkerszenen zurücksehnt.
Man versucht, die alten Bilder zu vertreiben, doch immer wieder werden Szenen so schamlos nachgestellt, dass sie die Schmach geradezu anfachen.  

„Zeugin der Anklage II“ ist derartig missraten, dass er sich als abschreckendes Beispiel mühelos neben den zahlreichen Fehlleistungen behauptet, die seither entstanden sind. Am nächsten liegen hier die eitlen Plünderungen, die der im Alter immer selbstbesoffener werdende Kenneth Branagh wiederum an Agatha-Christie-Filmklassikern begeht (– mit Shakespeare ist er durch, jetzt hat er sich eine Jüngere gesucht). Seine Schändungen so munterer Evergreens wie „Tod Auf dem Nil“ mit Peter Ustinov und „Mord im Orient-Express“ mit Albert Finney schlagen immerhin spektakulär fehl, laut knallend und effektvoll stinkend, während „Zeugin der Anklage“ kläglich in die Tiefe rutscht und dabei ein quälendes Quietschen ausstößt.

Besonders weh tut die sogenannte „Bearbeitung“ des Kino-Drehbuchs durch John Gay (1924-2017), der nur Nichtigkeiten an der Vorlage verändert (Schauplätze austauscht, Auf- und Abgänge verschiebt oder vorverlegt) und dem nichts Eigenes einfällt, sobald es zu den Szenen im Gerichtssaal kommt, die schlicht nicht besser herzustellen sind und daher Wort für Wort aus dem Film abgeschrieben werden. Einmal will Mr. Gay es aber richtig wissen, nämlich als die Anwälte kurz vor Prozessbeginn mitleidig den Kopf über ihren Mandanten schütteln, der all seine Hoffnung in die eiskalte Titelheldin setzt. Bei Kurnitz und Wilder erinnert er seine Verteidiger „an einen Ertrinkenden, der sich an einem Haifischrachen festklammert“. Bei Gay klammert sich der Ertrinkende an eine Rasierklinge. Soso …

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Zur Geschichte des Spoilers

Fortsetzung vom 26. Juni 2021

Inzwischen hat die allgemeine Spoiler-Paranoia im selben Maße zugenommen, in dem es zusätzliche Medien-Angebote gibt.
In der aktuellen „Spiegel“-Literaturbeilage findet Lars-Olav Beier in der James-Bond-Serie ein geläufiges Beispiel – und Gegenargumente:

»Bei „Skyfall“ (2012) hieß es, man dürfe auf keinen Fall das Ende verraten, denn da sterbe ja Bonds Chefin M, gespielt von Judi Dench. Wie bitte? M war doch 1981 schon gestorben, als Bernard Lee, der erste M-Darsteller der Serie, einem Krebsleiden erlag. Wie er wurde auch Judi Dench ersetzt, Ralph Fiennes übernahm in „Skyfall“ den Part.
Die schlimmste Geheimniskrämerei wurde dann um „Keine Zeit zu sterben“ (2021) betrieben, an dessen Ende sich der von Daniel Craig gespielte Held einem Raketenangriff ausgesetzt sieht, den er eigentlich nicht überleben kann. James Bond tot? Natürlich nicht, der kommende 007-Darsteller wird dem Vernehmen nach gerade gecastet. Und dass Craig den Superagenten nach „Keine Zeit zu sterben“ nicht noch ein weiteres Mal spielen würde, war schon vorher klar. Über was für Überraschungen reden wir hier also?« (Es ist ja noch doller: der Craig-Nachfolger wird seit 15 Jahren gecastet, und Craig jammert so unentwegt darüber, wie schrecklich es ist, diese Rolle zu spielen, dass sich eine ganz neue Form der Rätselspannung ergibt.)

Wenn es ums Spoilern geht, reden wir längst über dessen Unsinn an sich und kommen damit zu der viel wichtigeren, der eigentlichen Frage: Was ist ein Stück Kino oder Fernsehen wert, das durch eine einzige Information sabotiert und damit entwertet wird?
Da wären wir wieder bei „Psycho“, dessen Überraschungs-Pointe gemeinsam mit dem Namen des Mörders inzwischen in den Sprachgebrauch übergegangen ist, ohne der andauernden Beliebtheit des Films zu schaden. In den Worten des Schweizer Filmwissenschaftlers Simon Spiegel, der an der Universität Zürich zum Thema Spoilern forscht: „Es kann doch nicht sein, dass ich mir 90 oder 120 Minuten Film oder eine ganze Serie nur wegen des Endes anschaue.“

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Kultfilm Azubis: Billy Wilder – Double Feature

Auch Cineasten alter Schule kommen ins Schleudern, wenn man sie auffordert, die späten Arbeiten von Billy Wilder aufzuzählen, der Königs der Filmkomödie. Wetten, dass unser heutiger Geheimtipp den wenigsten einfällt, wenn überhaupt? Aber zuerst beschäftigt uns der Klassiker im heutigen Podcast:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/manche-moegen-s-heiss-das-privatleben-des-sherlock-holmes

A) Manche mögen’s heiß / Some Like It Hot
Amerikanischer Komödienklassiker von 1959

Die arbeitslosen Tanzmusiker Joe und Jerry werden in der Prohibitionszeit Zeugen einer Vendetta unter Gangstern – und damit zu Freiwild. Um sowohl Gamaschen-Columbo und seinen Killern als auch den Minusgraden im winterlichen Chicago zu entkommen, schließen sich die Hungernden  en travestie einer Damenkapelle an, die eine Tour ins sonnige Florida unternimmt. „Josephine“ und „Daphne“ halten ihre Maskerade auch dann noch aufrecht, als sich beide in ihre Kollegin, die Ukulelespielerin Sugar, verlieben. Doch dann findet ausgerechnet in ihrem Strandhotel eine große Gangstertagung statt, zu der auch Gamaschen-Colombo und seine Bande anreisen …

Für jene, die das Kino vor 1999 überhaupt wahrnehmen, hält diese Klamotte unangefochten den Ehrenplatz als größte Kinokomödie nach dem Ende der Stummfilmzeit. Sie brachte Marilyn Monroes zweitwichtigste Filmszene hervor – den Song „I Wanna Be Loved By You“ –, führte Billy Wilder mit seinem Lieblingsdarsteller Jack Lemmon zusammen und bereicherte mit ihrer Schlusszeile den internationalen Wortschatz. Und das sind nicht einmal die größten Verdienste dieses Klassikers.

B) Das Privatleben des Sherlock Holmes / The Private Life Of Sherlock Holmes
Englisch-Amerikanisches Drama von 1970
50 Jahre nach dem Tod von Dr. Watson enthüllen unveröffentlichte Manuskripte pikante Details aus dem Leben des großen Sherlock Holmes. Im Jahre 1887 wird eine bewusstlose Frau bei ihm in der Baker Street abgeliefert. Der gelangweilte Holmes ist insgeheim erleichtert, zwischen zwei Fällen mit ihr und Watson nach Schottland zu reisen, um ihr Rätsel zu lüften. Doch der Fall wird ihn menschlich besonders herausfordern – und einmal mehr mit seinem Bruder Mycroft aneinandergeraten lassen … 

Dies ist Billy Wilders zärtlichster Film, obwohl er typische Exempel seines Humors enthält. Dass Holmes von ihm weder parodiert noch recht eigentlich demontiert wird, sorgte für allgemeine Irritation. Doch zeigt uns kein anderer Beitrag zum Sherlock-Holmes-Kosmos einen so lebendigen Dr. Watson, einen, der seinen Partner ebensosehr ergänzt wie kontrastiert: Sinnesmensch contra Verstandesmensch. Außerdem gibt es unheimliche Mönche, Zwerge, das Ungeheuer von Loch Ness, eine geheime Superwaffe, Queen Victoria und Christopher Lee.

Nächste Woche: Belle de Jour und Live Flesh

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Landeier im eigenen Saft

betr.: Alison Bechdels neuer autofiktionaler Comicroman „Kaputt“

Ich gehöre zu denen, die Alison Bechdels Klassiker„Fun Home“ für eine Spitzenleistung halten, für einen großen Roman seiner Zeit (ob geschrieben oder gezeichnet). Trotz oberflächlicher Gemeinsamkeiten ist „Kaputt“ – das im Original den subtileren Titel „Spend“ („völlig erschöpft“) trägt – etwas völlig anderes, nämlich ein Buch, das sich einer kritischen Analyse entzieht. Von seiner eigenen Bubble – also den liberalen Freunden der Demokratie, der LGBTQ+-Gemeinde sowie den aufgeschlossenen Fans des Mediums Graphic Novel – wird es erwartungsgemäß gelobt. Das Ausbleiben einer Reaktion, die irgendeine Emotion verrät – sei sie nun zustimmend oder ablehnend – ist aber kein gutes Zeichen. Die mir vorliegenden, durchweg positiven Rezensionen vermitteln weniger Begeisterung als eine behagliche Zufriedenheit und das Gefühl, dass alles seine Ordnung hat: Hauptsache, die Künstlerin ist sich treu geblieben. Um außerhalb ihrer Community jemanden zu provozieren, aufzuregen oder zum Nachdenken zu bringen, ist „Kaputt“ zu niedlich. So gesehen ist es ein doppelter Irr- und Schwachsinn, dass „Fun Home“ und andere Bücher der Autorin in Teilen der USA aus den Bibliotheken entfernt wurden.

Die (Verlags-)Eigenwerbung „Satire“ ist nicht korrekt, denn nichts, was hier erzählt wird, ist übertrieben (und Übertreibung der Wesenskern der Satire). Aus persönlicher Beobachtung weiß ich, dass sich ganz normale Leute genauso verhalten wie hier vorgeführt, sobald ihnen der Lebensstandard den nötigen Freiraum zu ihren putzigen Schrulligkeiten lässt. So ein Freiraum ist sprichwörtlich für die „Boomer“, die hier im Mittelpunkt stehen. Sie leben idyllisch im ländlichen Vermont (haben „der Großstadt“ also längst den Rücken gekehrt) und sind mit über 60 nicht mehr in den alltäglichen Kampf um den Lebensunterhalt verstrickt. Selbst die Schreibblockade der Titelheldin ist kein existenzielles Problem. Viel größeren Kummer bereitet ihr, dass sie meint, sich für den Fernsehvertrag schämen zu müssen, der sie einstweilen aller Geldsorgen enthoben hat („Verrat an den eigenen künstlerischen Idealen“ u.ä.). Diese auch im wirklichen Leben allgegenwärtige Jammerei auf hohem Niveau wird uns in unzähligen kurzen Szenen vorgeführt. Der Besuch bei Alisons (erfundener) Schwester, einer beinharten Trumpistin, offenbart, dass dort alles ebenso hermetisch und egomanisch ums Banale kreist wie bei Allison und ihrer Lebensgefährtin auf dem Ziegen-Gnadenhof.
All das wird abgebildet, ohne zugespitzt, ironisch gebrochen oder zur Grundlage einer Versuchsanordnung gemacht zu werden. Den Figuren bleibt sogar noch Zeit, über marxistische Thesen nachzudenken – als ob irgendeine von ihnen allen Ernstes dazu taugen würde, in einem sozialistischen oder gar kommunistischen System zu existieren (Die würden sich bedanken!).
Aber könnte nicht genau das die Pointe sein, die mir hier verschlüsselt angeboten wird?
Ich würde es gern glauben.

Guy Delisle, ein ähnlich gefeierter Star der Graphic Novel, um den es zuletzt etwas ruhiger geworden ist, hat viel mit Alison Bechdel und ihrem Konzept gemein. Auch er pflegt eine unaufgeregt-klare Linie (eine noch weitaus klarere) und realistische Beobachtungen. Auch er konstruiert keine fortlaufende Erzählung mit einer Dramaturgie, sondern beschreibt einen gesellschaftlichen Zustand. Und indem wir seinen Figuren folgen, erkunden wir ihn und erleben Variationen eines Themas. Doch bei Delisle habe ich immer das Gefühl eines Vorwärtskommens, des Verstreichens der Zeit und eines Erkenntnisgewinns. Bei Al und Hol, unserem zentralen Paar, stellt sich dieses Gefühl nicht für mich ein. Und das, obwohl sogar der Wechsel der Jahreszeiten miterzählt wird.

Die kulturellen Interessen, die in „Fun Home“ so klug verbaut und ironisiert wurden, sind gänzlich verschwunden. Als die Heldin zu Beginn kurz ihre „Bohème-Jahre“ erwähnte, tat es mir einen sehnsuchtsvollen Stich. Außer einer flüchtigen Erwähnung des Films „Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All“ und einer Zeile im Erzähltext, die ganz offensichtlich auf Virginia Woolf anspielt („Alison hat beschlossen, die Blumen selbst zu schneiden.“) scheint die Autorin heute keine größere Sorge umzutreiben, als für intellektuell gehalten zu werden.
Andererseits hat sie eine klare politische Haltung – etwa zur Trump-Herrschaft und ihren Folgen. Was ihrer Botschaft wie auch dem Appeal der Figuren geholfen hätte, wäre eine Handlung gewesen, eine wirkliche Geschichte, die uns die Möglichkeit gibt, uns unter die Charaktere zu mischen und eigene Perspektiven zu finden.
Mit dieser Kritik kann die Autorin unzweifelhaft leben. Die Alison in „Kaputt“ macht jedenfalls den Eindruck, als würde sie sich für solche Einwände nicht interessieren (Irrtum vorbehalten). Das ist ihr gutes Recht. Es verwundert mich aber angesichts der Ernsthaftigkeit, mit der sie ihre Anliegen vorbringt – in den Sprechblasen wie auch in ihren Interviews. Und Grund zur Klage gibt es ja wirklich genug.  
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Der Comic „Kaputt“ von Alison Bechdel (übersetzt von Katharina Erben) ist im Reprodukt Verlag erschienen, hat 272 Seiten und kostet 24 Euro.

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Meine Tops und Flops des Kinos im ersten Halbjahr 2026

betr.: Ranking

Im Internet interessieren sich die Menschen eher für Negatives, deshalb wurde ich von meinem Social-Media-Betreuer dazu ermuntert, meine Flop-5 des ersten Halbjahres aufzustellen. Die besonders guten Filme wollen die Leute nach dieser Logik erst zum Jahresende wissen.
Hier im Podcast gehen die Uhren ein wenig anders, daher gibt’s jetzt schon beides: die Tops und Flops der Redaktion. Es ist auch so traurig genug …

Meine Top 5 des ersten Halbjahres 2026:

Platz 5
Masters Of The Universe
Science-Fiction-Fantasykomödie von Travis Knight
Längst nicht so liebenswert und amüsant wie das trashige Original von 1987, aber immerhin mit einem sympathischen Helden.

Platz 4
Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit
Science-Fiction-Parabel von Steven Spielberg
Über weite Strecken konventionell, aber handwerklich gut inszeniert und gespielt. Zum Ende hin kippt das Ganze leider in die übliche Spielberg-Schwülstigkeit und eine zutiefst fragwürdige Botschaft um.

Platz 3
The Mandalorian And Grogu
Science-Fiction-Abenteuer von Jon Favreau
Selbst „Star Wars“-Fans – die Haupt-Zielgruppe dieses Films – loben ihn dafür, wie wenig er mit „Star Wars“ zu tun hat. Sie haben recht: er scheint sich tatsächlich weniger ernst zu nehmen.

Platz 2
Wuthering Heights
Liebesdrama von Emerald Fennell
Dieser große Stoff wurde häufig verfilmt. Doch diesmal kommt er so dicht an seine literarische Vorlage heran wie es selbst die prominentesten Vorgänger, darunter Meisterwerke des Kinos, nicht geschafft haben.

Platz 1
Blue Moon
Biographisches Kammerspiel von Richard Linklater
Ein origineller Stoff aus der Geschichte der Popkultur, ein famoser Text und ein gut aufgelegtes Ensemble, das von Ethan Hawke angeführt wird – es geschehen noch Wunder.

Meine Flop 5 des ersten Halbjahres 2026:

Platz 5
Primate
Viecher-Horrorfilm von Johannes Roberts
Unpassend säuberlich gemachter Teenie-Horror-Schund – belanglos und unerfreulich anzusehen.

Platz 4
They Will Kill You
Horrorfilm von Kirill Sokolov
Etwas von dieser Sorte fabriziert eine KI, die man erst mit Tarantino vollstopft und der man dann die linke Hand auf den Rücken bindet.

Platz 3
Lee Cronin’s The Mummy
Horrorfilm von Lee Cronin
Trostlose Grusel-Effektschau ohne Sinn und Verstand, die sich nicht einmal für ihre klassische Titelfigur interessiert.

Platz 2
Der Astronaut – Project Hail Mary
Dystopische Parabel von Phil Lord und Christopher Miller
Dieses langatmige, hochmögende Stück Edelschrott bezieht sein Grauen vor allem aus der Biederkeit, mit der es seine Kitschbotschaft unters Volk zu bringen versucht. Ideal, um Schlaf nachzuholen.

Platz 1
Olivia
TV-Biopic von Till Endemann
Wer den deutschen Film entsetzlich findet, der hat lange keinen deutschen Fernsehfilm mehr gesehen.

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Der Song des Tages: „The Ugly Bug Ball“

betr.: 117. Geburtstag von Burl Ives

Burl Ives spielte 1958 in der nicht unumstrittenen, aber heute klassischen Verfilmung von Tennessee Williams‘ Südstaatendrama „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ den Big Daddy – einen todkranken Patriarchen, dem die Familie verheimlicht, das er in Kürze an Krebs sterben wird. In Wahrheit dauerte es noch weitere 37 Jahre, bis Ives tatsächlich dieser Krankheit erlag.
Im Hauptberuf war er Folk-Sänger und wurde 1963 von Walt Disney in „Summer Magic“ („Sommer der Magie“) eingesetzt, einem Musical über eine verwitwete Mutter aus Boston, die mit ihren drei Kindern in ein idyllisches Städtchen in Maine zieht. Ives singt einen Song, der erheblich frecher ist, als der betuliche Plot ahnen lässt (Film und Song brauchen einander nicht). „The Ugly Bug Ball“ beschreibt ein Happening, auf dem sich Ungeziefer beim Tanz näherkommt. Das Ganze kommt als Kinderlied daher, doch in deutscher Sprache wäre es ein Chanson. Der Text ist pointiert, die Musik der Sherman-Brothers schmissig, und Ives‘ Gesang verströmt bärige Entspannung – kurzum: ein geniales Kabinettstückchen!

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Die Achtziger sind wieder da

betr.: 77. Jahrestag der Auszeichnung von „1984“ als „Buch des Jahres“ in den USA

„Im Jahr 1984“ war die erste deutsche Bearbeitung der berühmten Dystopie von George Orwell. Als ich das Buch im titelgebenden Jahr erstmals las, hatte der Ullstein-Verlag gerade aus aktuellem Anlass eine neue Übersetzung vorgelegt, und als ich diese mit einer der vorherigen verglich (ohne das englische Original zur Hand zu haben), erschien es mir, als sei das gar keine Neuübersetzung, sondern nur eine Umformulierung („um dem rauhen Wind zu entgehen“ statt „um sich vor dem rauen Wind zu schützen“ und ähnlicher Mumpitz) – aber das mag mir auch mein jugendlicher Hochmut geflüstert haben.
Die erste Fassung mag ich besonders, ganz einfach, weil sie am nächsten dran ist.
So fängt sie an:


Es war ein klarer, kalter Apriltag, und die Uhren schlugen dreizehn. Winston Smith, das Kinn gegen die Brust gepreßt, um sich wenigstens etwas gegen den ekelhaften Wind zu schützen, schlüpfte rasch durch die Glastüren des Victory-Apartmenthauses.
Im Treppenhaus unten roch es nach Kohl und muffigen, zerfledderten Fußmatten. An der einen Flurwand klebte ein riesiges buntes Plakat. Es stellte ein Gesicht in Großformat dar, über einen Meter hoch: das Gesicht eines Mannes Mitte vierzig, mit dichtem schwarzem Schnurrbart und – grob gesehen – ansprechenden Zügen. Smith steuerte auf die Treppe zu: der Fahrstuhl ging ja doch nicht. Selbst in besseren Zeiten funktionierte er selten, und momentan war der Strom tagsüber sowieso abgeschaltet.
Das gehörte zur Sparaktion für die kommende Haß-Woche.
Seine kleine Junggesellenwohnung lag in der siebenten Etage, und Smith tappte – mit seinen 39 Jahren nicht bei bester Gesundheit – langsam hinauf, immer wieder einmal verschnaufend. Auf jedem Treppenabsatz starrte das Plakat mit dem Gesicht in Großformat von der Wand. es war eines jener geschickt gezeichneten Portraits, deren Augen einen überallhin verfolgen, wo man auch geht und steht. DER GROßE BRUDER SIEHT DICH, stand in wuchtigen Lettern darunter.

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Kultfilm Azubis: Little Boy Lost

Hollywoodfilme, die ihren Titel von einem beliebten Oldie beziehen, waren in den 80er Jahren schwer in Mode. Ben E. Kings Evergreen „Stand By Me“ kam erst nach der Spielhandlung heraus. Der Film war jedoch so ein Hit, dass ihm dieses Detail niemand zum Vorwurf gemacht hat.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/stand-by-me-das-geheimnis-eines-sommers-das-waisenhaus

A) Stand By Me – Das Geheimnis eines Sommers / Stand By Me
Melancholische US-Komödie von 1986

Der Schriftsteller Gordon Lachance erfährt in der Zeitung vom Tod des Rechtsanwalts Chris Chambers und erinnert sich 30 Jahre zurück. Im Spätsommer 1959 sind Gordie und Chris Zwölfjährige in Castle Rock, einem Kaff in Oregon. Sie bilden mit Vern und Teddy, die aus problematischen Elternhäusern stammen, eine Klicke. Beflügelt von dem Wunsch, als Helden gefeiert zu werden, machen sie sich die Vier auf den beschwerlichen Marsch quer durch die Bergwelt Oregons, um die Leiche eines verschollenen Jugendlichen aus der Ortschaft zu suchen. Doch ein anderes Quartett, die Halbstarken um den Kleinkriminellen Ace, wollen ihnen zuvorkommen. Am Ende dieses Abenteuers werden die Jungs nicht mehr dieselben sein.

Wenn Stephen-King-Verfilmungen aufgezählt werden, wird diese hier oft vergessen – und das liegt nicht an ihrer mangelnden Beliebtheit. Dieser klassische Jugend- und Sommerfilm, der eine ganze Reihe späterer Stars in frühen Auftritten zeigt, ist die populärste Nicht-Horrorstory nach einer Vorlage des großen Kult-Autors.

B) Das Waisenhaus / El Orfanato
Spanisches Horrordrama von 2007

Laura kehrt mit ihrem Mann zurück in das ehemalige Waisenhaus, in dem sie aufwuchs und das sie wiedereröffnen möchte. Auch der zehnjährige Simón fühlt sich an der Küste wohl. Der Junge weiß weder, dass er adoptiert ist noch von seiner HIV-Infektion. In einer der Grotten in der Umgebung, die Mutter und Sohn auf einem Spaziergang erkunden, freundet sich der Junge offensichtlich mit dem Geist von Tomás an, der früher unter den Waisenkindern des Hauses ein entstellter Außenseiter war. Auch mit den übrigen Bewohnern von einst scheint er in einen regen Austausch zu treten, der Laura zunehmend unheimlich ist.
Eines Tages ist Simón plötzlich unauffindbar. Noch Monate später ist Laura sich sicher, dass er noch am Leben ist. Und dass bei dieser Katastrophe die Toten ihre Finger im Spiel haben. … Auf zahlreichen Festivals mit Preisen überhäuft, erreichte „Das Waisenhaus“ in seiner spanischen Heimat bereits am Startwochenende über eine Million Zuschauer und war dort der kommerziell erfolgreichste Film des Jahres 2007. Im Portfolio seines Produzenten Guillermo del Toro war er kurz danach so abwesend wie der kleine Simón. Regisseur Juan Antonio Bayona durfte danach in Hollywood Kommerzgeschütze wie „Jurassic World“ und „Herr der Ringe“ bedienen.

Nächste Woche: Manche mögen’s heiß und Das Privatleben des Sherlock Holmes

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Robin Hood kommt und geht

Spontan erscheint uns Robin Hood als ein mythologischer Popstar wie Peter Pan, Sherlock Holmes oder Robinson Crusoe. Doch heute wie in alter Zeit ist die Wirkung einer solchen Figur davon abhängig, wie präsent sie in der aktuellen Popkultur ist: wie regelmäßig sie dort verarbeitet bzw. neu interpretiert wird. Das ist heute sogar besonders wichtig, denn für einen Kanon älterer Bearbeitungen interessiert sich heute niemand mehr – das wiederum war früher (in der Glanzzeit des linearen Fernsehens mit seinen gern gesehenen Wiederholungen alter und neuerer „Klassiker“) ganz anders.

In einer Woche startet ein Robin-Hood-Film, der auf einer solchen Vertrautheit aufbaut, denn er zeigt den Helden im Alter – und auch sonst von einer ungewohnten Seite.
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The Death Of Robin Hood
Historisches Abenteuer-Drama von Michael Sarnoski
(Start: 18.6.2026)

Die Legende vom wohltätigen Robin Hood, der von den Reichen nimmt und den Armen gibt, ist gelogen. Der wirkliche Robin von Locksley ist ein Verbrecher, vor dessen Bande nicht einmal Frauen und Kinder sicher sind. Auf seine alten Tage hadert Robin zunehmend mit einem Leben voller Mord, Raub und Schändung. Nach einer schweren Verletzung bietet eine mysteriöse Frau dem heruntergekommenen Recken einen Weg zur Erlösung an. Hugh Jackman, Jodie Comer und Bill Skarsgård erzählen den Epilog zur Legende vom Helden in Strumpfhosen und dekonstruieren dessen Mythos.
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Ronny Fanta (ein Millennial) und Volker Robrahn (alte Schule) haben den Film vorab gesehen und betrachten ihn im Gespräch von der eingangs beschriebenen und von der heutigen Seite:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/the-death-of-robin-hood

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Die Rebellen des Trickfilmkönigs

betr.: morgige Filmkritik im Podcast

Unter „Walt Disney’s Robin Hood“ verstehen wir im Sprachgebrauch einen Trickfilm, der erst sieben Jahre nach dem Tod des Meisters herauskam. Dennoch hat Disney das Potenzial dieser Sagengestalt erkannt und 1952 als Film präsentiert: als Realverfilmung mit Richard Todd in der Titelrolle, die wir heute gar nicht mehr mit Disney in Verbindung bringen, wenn sie uns der Zufall einmal wieder auf den Monitor wehen sollte: “Robin Hood und seine tollkühnen Gesellen“ (bzw. „Robin Hood – Rebell des Königs“ / “The Story of Robin Hood and His Merrie Men”). In der großen Jugendbuch-Cassette „Walt Disneys wunderbare Welt“ von 1965 taucht „Die Abenteuer des Robin Hood“ also noch in der alten Fassung auf.
Und so liest sich die Szene, die ein Kabinettstückchen von Wolfgang Reithermans 1973er Fassung werden sollte, das Turnier der Bogenschützen:

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