geführt von Monty Arnold

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In einem seiner berühmtesten Gedichte hat Kurt Tucholsky erklärt, warum „beim Happy End im Film jewöhnlich abjeblend‘“ wird. Dieser Frage gehen im Grunde auch beiden Paare nach, die heute im Mittelpunkt des Podcasts stehen:
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/romanze-in-moll-zeiten-des-aufruhrs
A) Romanze in Moll
Deutsches Liebesdrama von 1943
Frankreich zur Zeit der Belle Époque. Nach dem Selbstmordversuch seiner Frau erfährt ein Kleinbürger, dass es sich bei der Perlenkette, die er oft an ihr gesehen hat keineswegs um eine Imitation handelt. Das erlaubt nur einen Schluss: seine schöne Frau hatte einen reichen Verehrer. In Rückblenden wird die Liebesgeschichte aufgerollt: Madeleine (Marianne Hoppe) lernt zufällig den pompösen Komponisten Michael (Ferdinand Marian) kennen und inspiriert ihn zu einer künstlerischen Entscheidung. Schließlich gibt sie seinem Werben nach. Eine Rückkehr in ihr altes Leben wird durch einen Erpresser verhindert …
Für den französischen Filmhistoriker Georges Sadoul war diese Verfilmung einer Vorlage von Guy de Maupassant der einzige deutsche Film von künstlerischem Wert, der während des Dritten Reichs gedreht wurde. Viele seiner Landsleute bestätigten, dass Helmut Käutner darin am reinsten den Geist des Autors beschworen habe. In der Bundesrepublik, wo sich Käutners Karriere bis ins Fernsehen fortsetzte, wurde ein anderer Film aus der Ära allerdings noch populärer: das flotte musikalische Drama „Große Freiheit Nr. 7“ mit Hans Albers.
B) Zeiten des Aufruhrs / Revolutionary Road
Amerikanisches Ehedrama von 2008
Die USA Mitte der 50er Jahre. Ihrem Mann Frank zuliebe hat sich die verhinderte Schauspielerin April mit ihrer Familie in einem hübschen Vorort von Connecticut niedergelassen. Da Frank seinerseits an seinem drögen Bürojob leidet, schlägt sie ihm aus einer Laune heraus vor, auszusteigen und nach Paris zu übersiedeln. Frank lässt sich darauf ein, vor allem, um nicht wie sein Vater zu enden, der einst in der selben Firma versauerte. Die Vorbereitungen laufen an. Doch dann bietet man Frank überraschend eine Beförderung an – und April wird schwanger. Über die Konsequenzen daraus sind die Eheleute unterschiedlicher Meinung …
In den Nuller- und Zehnerjahren wurde durch die Serie „Mad Men“ der Autor John Cheever kurzzeitig wiederentdeckt und mit ihm die kleinen Tragödien der Vorstadt nach dem Kriege, Geschichten von Ehemännern, die mit dem Vorortzug in die Stadt fahren und dort angeblich länger im Büro bleiben, um in Wahrheit ihre Frauen zu betrügen. Auf der Kinoleinwand war Sam Mendes‘ „Revolutionary Road“ nach Richard Yates das denkwürdigste Ergebnis dieses Trends. Das garantierte seinen Erfolg ebensowenig wie die Wiedervereinigung von Kate Winslet und Leonardo DiCaprio, dem tragischen Liebespaar aus „Titanic“.
Nächste Woche: Rocky und Der Zirkus.
Die aktuelle Filmkritik im Podcast
Wenn Sie Lust auf Animationsfilme haben und sich von unnützen deutschen Nachtiteln nicht schrecken lassen, dann hätt‘ ich jetzt was für Sie.
G.O.A.T. – Bock auf große Sprünge
Trickfilm von Tyree Dillihay
Will bekommt die einmalige Chance, einem Profiteam beizutreten und Roarball zu spielen – einen kontaktintensiven Hochleistungssport, bei dem die schnellsten und furchterregendsten Tiere der Welt dominieren. Roarball funktioniert nach den Regeln des Basketballs, bei dem es neben Talent zunächst einmal auf schnöde Körperlänge ankommt. Wills neue Teammitglieder sind von der Idee, einen schmächtigen Ziegenbock in ihre Mannschaft aufzunehmen, also nicht gerade begeistert. Unser Held gibt sich nicht mit einer Aufsteigergeschichte à la „Rocky“ zufrieden. Er entschließt sich, den Sport zu revolutionieren, damit dort künftig auch die Kleinen ganz groß rauskommen können.
Ronny Fanta hat sich den Film für unseren Podcast vorab angesehen: https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/g-o-a-t-bock-auf-grosse-spruenge-aktuelle-filmkritik
„Über Geschmack lässt sich streiten“, lautet eine Redensart, „Über Geschmack lässt sich nicht streiten“ eine andere. Beide bedeuten dasselbe: die allermeisten Menschen mögen nur, was sie kennen, und sind nach einer kurzen kindlichen Phase der Aufgeschlossenheit, in der andere für sie das Essen, die Musik und die Anziehsachen ausgewählt haben, gar nicht mehr daran interessiert, ihren Fokus auszuweiten. Oder eben darüber zu „streiten“.
Jeder mag das Wenige, das er kennt – was bleibt ihm übrig?
Mit Geschmack hat das nichts zu tun, denn der würde die Möglichkeit voraussetzen, zwischen mehreren unterschiedlichen Optionen zu wählen.
Das können nur die wenigen, die nach dem Ende der Kinder- und Jugendzeit weiterforschen und ihre Geschmacksknospen beweglich halten. Der früh gesättigte Normalmensch begegnet diesem Ansatz mit Irritation und wehrt die als autistisch empfundenen Differenzierungsangebote mit Kopfschütteln ab, vorzugsweise mit einer der zuerst genannten Redensarten.
Der Musiker Steffen Schleiermacher hat eine Anekdote dazu, die durch ihren extremen Charakter anschaulich macht, was ich meine: „Als ich vor Jahren für längere Zeit in Japan wohnte, bin ich ins Nō-Theater gegangen, das höfische, alte Tanztheater. Es war eine fantastische Aufführung, fand ich. Danach habe ich als einziger erheblich Beifall geklatscht. Ich wurde von meinem Sitznachbarn sehr höflich darauf hingewiesen, dass es mir nicht zusteht zu applaudieren, weil ich die Qualität der Aufführung überhaupt nicht einschätzen könne. Er hatte nicht unrecht, denn ich hatte im Grunde nur die Oberfläche gesehen: eine ganz seltsame Musik, ritualisierte Bewegungen, prunkvolle Masken, ganz minimalistisches Theater mit Gesten … man kriegt eigentlich nicht mit, worum es geht. Offensichtlich sind das immer sehr staatstragende Themen, die da verhandelt werden. Dieser Singsang, die ganze Atmosphäre hat mich begeistert, aber ich blieb natürlich an der Oberfläche stecken. Von all den Vorschriften – die Gestik, die Tonhöhe, die Proklamation betreffend – hatte und habe ich keine Ahnung. Ich wusste nur, dass es mich berührte, ohne es richtig oder falsch finden zu können.“
betr.: 90. Geburtstag des Superhelden „Phantom“
Anders als es immer wieder selbst von Fachleuten behauptet wird, war „Superman“ nicht der erste Superheld im heutigen Sinne, er war bestenfalls der dritte, denn zuvor gab es „Doc Savage“ (allerdings noch nicht im Comic, sondern in den Pulps) und „Phantom“, der heute vor 90 Jahren das erste seiner täglichen Dschungel-Abenteuer erlebte. Superkräfte hat er nicht, lediglich große Fitness, Geschicklichkeit und ein gutes Marketing, das ihm den Ruf der Unsterblichkeit und den Spitznamen „Der wandelnde Geist“ eingetragen hat: seit 1525 übernimmt jeweils der erste männliche Nachkomme Amt und Uniform des Helden, ursprünglich der Seefahrer Christopher Standish. Der Schöpfer und Autor dieses Charakters (nur im ersten Jahr hat er ihn auch gezeichnet) ist wie so oft im klassischen amerikanischen Comic ein jüdischer Künstler: der Theaterregisseur Lee Falk.

Wolfgang J. Fuchs, der das direkte „Batman“-Vorbild „Phantom“ noch als „Vorläufer der Superhelden“ sowie als „Mischung aus Sagengestalt und Superheld“ einordnet, beschreibt das Konzept in seinem Standardwerk „Das große Buch der Comics“: »Die Entrücktheit von allen Realitäten äußert sich nicht nur im legendenfördernden Gebaren der Hauptperson, sondern auch in der Lokalisierung der Handlung auf einer großen Insel namens Bengali vor der Ostküste Afrikas. Das Phantom herrscht in den „tiefen Wäldern“ von der Totenkopfhöhle aus, wo ein Totenkopfthron steht. Diese Höhle der Erinnerung bietet schon eine Vorahnung der Höhlen und Verstecke der Superhelden, in denen sie Andenken und Trophäen sammeln, wie etwa Superman in der „Festung der Einsamkeit“* oder Batman in der Bathöhle. Auch das Doppelleben ist beim Phantom vorweggenommen, wenngleich auf ungewöhnliche Weise: das Phantom entäußert sich erst seiner individuellen Persönlichkeit, um zum Helden zu werden, der dann seinerseits zusätzlich die Rolle des Mr. Walker annimmt, was für „the ghost who walks“ steht.«
1996 wurde ein folgenloser Versuch unternommen, Phantom auf die Leinwand zu bringen. Der unterschätzte Schauspieler Billy Zane („Titanic“) schaffte es trotz guter Kritiken auch mit dieser Rolle nicht, in Hollywoods A-Riege aufzusteigen.
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* Einen Schlupfwinkel dieses Namens hatte bereits der 1933 aufgetretene „Doc Savage“, siehe hierzu https://blog.montyarnold.com/2018/10/12/doc-savage-der-bronzemann-die-deutschen-taschenbuecher/
Die Fernbedienung stieg in den 80er und 90er Jahren vom reinen Bequemlichkeitsrequisitit (das es etwa erlaubte, von der Sitzmulde aus lauter oder leiser zu machen) zum wichtigen Machtfaktor in Wohn- und Lebensgemeinschaften auf. Mit dem Aufkommen des Privat- und Kabelfernsehens gab es jetzt plötzlich Option und Bedarf zum Umschalten. Prompt geschah mit dem Halter der kleinen Maschine, was sich später mit Mobiltelefonbesitzern noch viel übler auswachsen sollte: die Knöpfe wurden viel zu häufig gedrückt, und irgendwann mochte man gar nichts mehr zuendekonsumieren. Aber das ist ein Thema für sich…
Wenn umgeschaltet wird, hat das für das gerade laufende Programm den Effekt des Ausschaltens. Daher beschäftigt die Medienphilopsophie (z.B. die Ö1-Reihe „Radiokolleg“) in diesem Zusammenhang der „Ausschaltimpuls“:
»Noch stärker als andere Medien unter Quotendruck steht das lineare (und längst auch nonlineare) „Legacy-Medium“ Fernsehen. In Zeiten von Streaming, On Demand-Plattformen, Netflix, YouTube, TikTok & Co. ist die technologisch fortschrittliche und inhaltlich oft skrupellose Konkurrenz übermächtig. In diesem Kontext wird der Ausschalt-Impuls zwangsläufig zum unmittelbarsten und bedrohlichsten imaginären Gegner von TV-Betreibern, Medienmanager:innen und Programmgestaltern.
Aber kann dieser Feind auch eine positive, produktive, lehrreiche Botschaft vermitteln? Ohne das Korrektiv des Publikums wäre die Medienlandschaft vielleicht noch uniformer, nivellierter und einfallsloser, als sie manchen sowieso erscheint. Eine paradoxe Intervention per TV-Fernbedienung ist jedenfalls nicht denkunmöglich: Abschalten, um wieder zum Einschalten animiert zu werden.«
Alfred Hitchcock – zeitlebens ein medienverständiger Fuchs – dachte schon in den 50er Jahren in seiner TV-Serie darüber nach, wie schön es wäre, wenn die Gegenstände, die man aus Unmut über das Programm gegen den Fernseher schleudert, tatsächlich die handelnden Personen träfen. Obwohl selbst gerade auf dem Bildschirm sichtbar, dachte er zuerst an sein Publikum – und damit an den eigenen Fernsehsessel.
betr.: 95 Geburtstag von Claire Bloom
Die Schauspielerin Claire Bloom (Chaplins Partnerin in „Rampenlicht“) war 15 Jahre lang die Geliebte, 3 Jahre lang die Gattin des Bestsellerautors Philip Roth („Portnoys Beschwerden“). In einem seiner Manuskripte musste sie lesen, wie ein „Philip“ postkoitale Gespräche führte und schließlich seine Ehefrau auftrat: eine Schauspielerin namens „Claire“, die als ältliche Heulsuse beschrieben wird. Dass sie dieses Skript liest, ist wiederum Teil der Geschichte (siehe unten).
Aus den gemeinsamen Jahren machte Claire Bloom dann den Mittelpunkt ihrer Autobiographie, die sie in Anspielung an einen emanzipatorischen Bühnenklassiker „Leaving A Doll’s House“ nannte.
Die beiden hatten erst spät zueinander gefunden: der 42jährige Witwer Roth war auf dem Weg zum Psychiater, die zweimal geschiedene Bloom ging zum Yoga, als sie auf der Madison Avenue zusammentrafen und an eine frühere Begegnung auf einer Party (1975) anknüpfen konnten. Zuvor war Bloom mit Richard Burton, Laurence Olivier, Yul Brunner und Anthony Quinn zusammen gewesen. Spontan fällt mir nur eine Liste ein, die für mich persönlich feuilletonistisch noch lauter knistert, die der Ehemänner von Mia Farrow: Frank Sinatra, Andre Previn und Woody Allen. Letzterer hat die eingangs erzählte Geschichte übrigens auch variiert. In „Deconstructing Harry“** (nach der Trennung von und ohne Farrow entstanden) suchen ihn sowohl seine Figuren als auch deren Originale heim und geben ihm Saures.
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* Die Hörspielfassung dieses Werks steht zur Zeit in der ARD Audiothek zum Gratis-Download: https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:f15bf90a1586210e/
– „Täuschung“ von Philip Roth, SDR 1994 – Schriftsteller Philip plant einen großen Roman über die Täuschung. Sich selbst (verheiratet) und seine Geliebte (verheiratet) nimmt er zum Vorbild. Sorgfältig notiert er die gemeinsam gedoppelten Betrugsmanöver, die zu – ebenfalls sorgsam notierten – lustvollen Ergebnissen führen. Nun aber findet Philips Frau diese Notizen. Philip erklärt ihr, alles sei nur ausgedacht, Vorarbeit zum geplanten Täuschungsroman. Diese Vorarbeit wirkt allerdings äußerst real. Ist das nun wirklich kunstvoller Schein, oder ist es doch die gefürchtete Wahrheit?
** Siehe dazu https://blog.montyarnold.com/2025/10/10/tron-harry-ausser-sich/
geführt von Monty Arnold

betr.: 81. Geburtstag von Dupa
Der dicke, weiße, menschlaue Hund „Cubitus“ hieß in der deutschen Übersetzung der 70er Jahre zunächst „Hannibal“, hatte ein jugendliches Herrchen namens Pit und lief noch auf allen Vieren, ehe er seinen angestammten Besitzer fand, mit dem er auf völliger Augenhöhe kurze, gag-orientierte Abenteuer erlebte. Sein Sparringspartner war nun ein alter, walrossbärtiger Herr: Ossi, Walfisch-Harpunier Zweiter Klasse a. D. Da er sich mit diesem bei aller Konkurrenz doch gut vertrug, hatte Cubitus noch einen Lieblingsfeind: den schwarzen Kater Napoleon.

Dupa (Luc Dupanloup) war im Comic-Magazin „Tintin“ Assistent von Greg (Michel Louis Albert Régnier), dem Erfinder der Serie „Albert Enzian“ („Achille Talon“), für den er, wie das so üblich war, Hintergründe zeichnete, besondere Requisiten, technische Geräte …
Dupa hatte mit seinem Künstlerleben eigentlich etwas ganz anderes, Epischeres vor, wurde aber zuletzt glücklich mit „Cubitus“, dieser Serie, die zumeist aus Einseitern bestand: „Damals gab es zwei Ausgaben des Magazins, eine belgische und eine französische. Der Hauptunterschied bestand in den Werbeseiten, die von Land zu Land variierten. Auf diesen Seiten kam es manchmal zu Lücken, zum Beispiel weil ein Inserent seine Reklame nicht rechtzeitig geliefert hatte. Greg, der Chefradakteur war, kam eines Tages auf mich zu und fragte mich, ob ich nicht etwas Kleines, Schnelles machen könnte, um weiße Seiten zu füllen. Ich, der davon träumte, Abenteuer im Stile von Tilleux‘ „Jeff Jordan“ zu zeichnen, wurde nun gefragt, ob ich bis morgen einen Gag anfertigen könne! Dann habe ich einen Ball aus Haaren gezeichnet, eine Nase, zwei Augen und das war’s.“ Passend zu seiner flotten Konzeption, hatte das Geschöpf autobiographische Züge, „was seine Moral betrifft, nicht sein Äußeres. Cubitus bläht die einfachsten Dinge zu großen Problemen auf, wie bei mir. Er ist naiv wie ich. Er mag die schönen Dinge, und auch ich bin ein Genießer.“
Anfangs quälte den Künstler dieser völlig un-epische, nicht-abenteuerliche Ansatz, doch es freute ihn, in so einem wichtigen Magazin wie „Tintin“ veröffentlicht zu werden. Wie wir wissen, wurde die Serie ein Erfolg und erschien irgendwann in beiden Ausgaben, der belgischen und der französischen. Immer häufiger wurde Dupa nun auf „diesen komischen dicken Bären“ angesprochen.