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Kultfilm-Azubis: Heilsbringer mit Lackschäden

Zwei Geschichten um Männer, die wider Willen in die Verlegenheit kommen, den Erlöser der Menschheit zu spielen, beschäftigen uns im heutigen Podcast. Wir reisen einmal zurück in die Zeit des Neuen Testaments und einmal – je nach Anschauung – in die gruselige Zukunft, die uns unmittelbar bevorsteht, oder in eine Dystopie von gestern:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/das-leben-des-brian-the-omega-man

A) Das Leben des Brian / Monty Python‘s Life Of Brian
Britische Bibelfilmparodie von 1979

Als die Heiligen drei Könige dem Stern von Bethlehem folgen, irren sie sich zunächst in der Adresse und legen ihre Gaben um ein Haar an der Krippe des Erdenbengels Brian nieder. Dieses Missgeschick ist prophetisch. Im Laufe seines Lebens wird Brian immer wieder für den Messias gehalten – so sehr er sich auch dagegen wehrt – denn alle sehnen sich wie verrückt nach einem Erlöser. Als Brian am Kreuz hängt, widerfährt ihm durch einen singenden Leidensgenossen tatsächlich die Erleuchtung: „Always Look On The Bright Side Of Life“.

Nach dem Erfolg des ersten Kinofilms der englischen Komikertruppe Monty Python – „Die Ritter der Kokosnuss“ – führte ein Witz auf einer Pressekonferenz zu dieser Bibelkomödie, die von Kritikern, Fans und Beteiligten heute als deren beste Filmarbeit betrachtet wird. Naturgemäß waren die Widerstände gegen dieses Werk, das sich unbesehen sehr leicht als blasphemisch missverstehen lässt, ebenso groß. Das Wunder geschah: die enorme Werbung, die die katholische Kirche ihm mit ihrer Kampagne eintrug, hat es letztlich gar nicht gebraucht.

B) Der Omega-Mann / The Omega Man
Amerikanischer Science-Fiction-Film von 1971

Im Jahre 1977 hat ein bakteriologischer Krieg die Welt entvölkert. In Los Angeles kämpft der Wissenschaftler Neville, der in letzter Sekunde ein selbstentwickeltes Heilmittel an sich ausprobierte, gegen die wenigen Überlebenden, eine fanatische Sekte lichtscheuer Seuchenkrüppel. Diese Albinos wollen die letzten Spuren der Zivilisation beseitigen – und ihren letzten Repräsentanten Neville, ihren „Leibhaftigen“. Richard Mathesons dystopische Erzählung „I Am Legend“ wurde später mit Will Smith noch ein drittes Mal verfilmt.

Im Leben wandelte sich der Schauspieler Charlton Heston vom Unterstützer des schwarzen Bürgerrechtlers Martin Luther King zum waffenstarrenden Redneck, auf der Leinwand von der Verkörperung biblischer und historischer Heldenfiguren zu einem der ersten großen Hollywoodstars, die sich für Science-Fiction-Filme hergaben, beflügelt vom Erfolg seiner Hauptrolle in „Planet der Affen“. „Der Omega-Mann“ überbrückt diese Rollenfächer, umweht von den letzten Schwaden der Flower-Power-Ära.

Nächste Woche: Romanze in moll und Zeiten des Aufruhrs

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Dicker als jede Lücke

betr.: 81. Geburtstag von Dupa

Der dicke, weiße, menschlaue Hund „Cubitus“ hieß in der deutschen Übersetzung der 70er Jahre zunächst „Hannibal“, hatte ein jugendliches Herrchen namens Pit und lief noch auf allen Vieren, ehe er seinen angestammten Besitzer fand, mit dem er auf völliger Augenhöhe kurze, gag-orientierte Abenteuer erlebte. Sein Sparringspartner war nun ein alter, walrossbärtiger Herr: Ossi, Walfisch-Harpunier Zweiter Klasse a. D. Da er sich mit diesem bei aller Konkurrenz doch gut vertrug, hatte Cubitus noch einen Lieblingsfeind: den schwarzen Kater Napoleon.

Dupa (Luc Dupanloup) war im Comic-Magazin „Tintin“ Assistent von Greg (Michel Louis Albert Régnier), dem Erfinder der Serie „Albert Enzian“ („Achille Talon“), für den er, wie das so üblich war, Hintergründe zeichnete, besondere Requisiten, technische Geräte …
Dupa hatte mit seinem Künstlerleben eigentlich etwas ganz anderes, Epischeres vor, wurde aber zuletzt glücklich mit „Cubitus“, dieser Serie, die zumeist aus Einseitern bestand: „Damals gab es zwei Ausgaben des Magazins, eine belgische und eine französische. Der Hauptunterschied bestand in den Werbeseiten, die von Land zu Land variierten. Auf diesen Seiten kam es manchmal zu Lücken, zum Beispiel weil ein Inserent seine Reklame nicht rechtzeitig geliefert hatte. Greg, der Chefradakteur war, kam eines Tages auf mich zu und fragte mich, ob ich nicht etwas Kleines, Schnelles machen könnte, um weiße Seiten zu füllen. Ich, der davon träumte, Abenteuer im Stile von Tilleux„Jeff Jordan“ zu zeichnen, wurde nun gefragt, ob ich bis morgen einen Gag anfertigen könne! Dann habe ich einen Ball aus Haaren gezeichnet, eine Nase, zwei Augen und das war’s.“ Passend zu seiner flotten Konzeption, hatte das Geschöpf autobiographische Züge, „was seine Moral betrifft, nicht sein Äußeres. Cubitus bläht die einfachsten Dinge zu großen Problemen auf, wie bei mir. Er ist naiv wie ich. Er mag die schönen Dinge, und auch ich bin ein Genießer.“

Anfangs quälte den Künstler dieser völlig un-epische, nicht-abenteuerliche Ansatz, doch es freute ihn, in so einem wichtigen Magazin wie „Tintin“ veröffentlicht zu werden. Wie wir wissen, wurde die Serie ein Erfolg und erschien irgendwann in beiden Ausgaben, der belgischen und der französischen. Immer häufiger wurde Dupa nun auf „diesen komischen dicken Bären“ angesprochen.

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Cheesy but nice

Die aktuelle Filmkritik im Podcast:
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/wuthering-heights-aktuelle-filmkritik

Welcher uralte Stoff wäre ideal, um ein Publikum zu erfreuen, das nach einem Jahr Jane-Austen-Jubiläum jetzt Lust hat, sich einem anderen großen Schatz aus der britischen Klassiker-Bibliothek zuzuwenden? Wie wäre es für die nächste Kinosaison mit einer Autorin, die im Jahr nach Austens Tod zur Welt kam und noch ebenso begabte Geschwister hat – für weitere Vorlagen? Hier kommt die Antwort:

Wutherhing Heights
Episches Liebesrama von Emerald Fennell

Das windgepeitschte Ödland von Yorkshire im 19. Jahrhundert. Der Gutsherr von Wuthering Heights hat seiner Tochter Cathy einen streunenden Knaben von einer Geschäftsreise mitgebracht, der in die Familie aufgenommen und Heathcliff genannt wird. Die Kinder sind einander auf Anhieb emotional verbunden, doch als sie ins heiratsfähige Alter kommen, entscheidet sich Cathy für den braven Edgar Linton, dessen Landsitz Thrushcross Grange in einem lieblichen, windgeschützten Tal liegt. Ihr Spielgefährte wird diesen Verrat niemals verwinden. Er läuft fort, um nach fünf Jahren als gemachter Mann zurückzukehren. Er wird bei Lintons vorstellig, wo Cathy in einer erstickend langweiligen Beziehung ihr luxuriöses Dasein fristet. Als sie sich noch immer nicht von ihrem Mann trennen möchte und überdies endlich der lang ersehnte Stammhalter ins Haus steht, verfestigen sich Heathcliffs Rachegelüste …

Drehbuchautorin und Regisseurin Emerald Fennell setzt den Roman von Emily Bronte in historischen Kostümen, aber mit modernen Details und Effekten in Szene.

Wer diesen Stoff heute auf die Leinwand bringt, der hat nicht nur eine Saga zu bewältigen, die sich über Generationen erstreckt, sondern auch mindestens zwei erinnerungswürdige filmische Umsetzungen: einen schweren Burgunder aus dem alten Hollywood und eine Version aus der mexikanischen Phase von Luis Bunuel, die schon im Titel nichts anbrennen lässt: Abgrund der Leidenschaft. Zwar kennt diese Vorstufen heute kein Schwein mehr (machen wir uns nichts vor), aber ich habe insgeheim die Hoffnung gehegt, das Projekt könnte sich ihnen dennoch verpflichtet fühlen. Wie gut würde es gelingen, die dreckige Abgründigkeit mitzuerzählen, die sich bei einem solchen Klassiker der Weltliteratur von selbst versteht und die in früheren Bearbeitungen nicht möglich oder nicht gestattet war? Nachdem ich das Buch kennengelernt hatte, sah ich die Hollywood-Verfilmung von 1939 mit anderen Augen: Laurence Olivier war geradezu ein Gentleman, verglichen mit dem elenden Mistkerl Heathcliff aus dem Roman.

Alles in allem ist das Unterfangen geglückt: „Wuthering Heights“ 2026 ist als aktuelles Kinoprogramm sehenswert, als Buchverfilmung beachtlich und trotz aller geschmacklichen Entgleisungen eine spontane Kinokarte wert.

Die Autorin der Vorlage lebte tatsächlich die längste Zeit ihres kurzen Lebens auf einer solchen neblig-zugigen „Sturmhöhe“.
Der Film nutzt die heutigen Möglichkeiten des Darstellbaren: technisch und publikumsgeschmacklich. Der ärmliche Landsitz der Earnshaws in der Heide hat den Komfort einer möblierten Höhle. Leider sieht die aufgedonnerte Margot Robbie in ihrem Dirndl aus wie Veronica Ferres auf einer Münchner Filmparty und ruiniert den herben Naturalismus der ersten halben Stunde. Heathcliff, der Zweinhalbmetermann Jacob Elordi, hat es etwas besser. Er darf im ersten Teil der Handlung als zotteliger Rasputin-Verschnitt auftreten und uns nach seiner Rückkehr aus der Fremde damit überraschen, wie vollständig er sich zum viktorianischen Dressman gewandelt hat.
Als Cathy erstmals Thrushcross Grange und seine neuen Bewohner, die Lintons, erkundet, bietet sich uns dort eine betont künstliche Umgebung. Erst jetzt, in diesem überzeichneten zweiten Spielraum, ergibt die grelle Robbie-Cathy einen Sinn. Die Parallelwelt wird zum ergänzenden Gegen-Schauplatz. Quasi als dessen Anbau fungiert das von Edgars Schwester Isabella für die angehimmelte Cathy errichtete Puppenhaus – ein toller Effekt. Leider schafft es der Film nicht, die provozierend realistische arme und die Jean-Paul-Gauliter-hafte Kitsch-Welt der Reichen souverän auszubalancieren.

Klar: auch in einen Film mit Überlänge passt dieser Stoff nicht vollständig hinein, vor allem zum Ende hin fasst er sich sehr kurz. Cathys fieser Bruder Hindley aus dem Roman wird mit der gütigen Vaterfigur zu einem elenden Säufer zusammengelegt, was sehr gut funktioniert und hilft, viele Buchseiten zu bändigen. Leider lässt sich die Regisseurin in diesem Zusammenhang dazu verleiten, ihre Figuren allzuviel erklären zu lassen. Der größte Teil dieser Funktionstexte wird zwischen den Orgasmen der wilden Affäre von Cathy und Heathcliff geliefert, die im dritten Akt sehr ausführlich vor uns abrollt. In den Trailern werden diese Szenen ihre Wirkung nicht verfehlt haben, im Film bedeuten sie die einzige wirklich ungebührliche Aufweichung der Originalstory und beschädigen die Glaubwürdigkeit der Figuren. Aber zum Glück findet die Sache zum Ende hin wieder zu ihrer grimmigen Storyline zurück. Ich hatte mir während der endlosen Kopulationsmontage schon Sorgen gemacht, man könnte mir nach all der werkgetreuen Niedertracht ein Happy-End zumuten.

Insgesamt sieht man dem Film seine Stilvorbilder etwas zu deutlich an, die Anspielungen sind ungeschickt arrangiert. Dass unmittelbar auf eine ikonische Hitchcock-Szene eine „Vom Winde verweht“-Einstellung folgt, ist ebenso unwuchtig wie die eingestreuten Songs der Sängerin Charli XCX, die in den glücklicheren Momenten nach Enya klingt, in den weniger glücklichen nach Dieter Bohlen, die aber nie einen eigenen Stil erkennen lässt. Baz Luhrmann, bei dessen pathetisch-poppigen Musikdramen sich „Wuthering Heights“ besonders ausdrücklich bedient, hat damals solche Stilbrüche vermieden, indem er schlauerweise auf alles Reale verzichtet und mit existierenden Songs gearbeitet hat.

Ein besonderer Glücksgriff der Besetzung ist Shazad Latif als Edgar Linton. Seine Performance liefert die ideale Verkörperung des weichtierhaften Schnösels, unter dessen edlem Zwirn ein freundlicher Kleinbürger steckt (nicht weniger, aber auch nicht mehr). Latif sieht in seiner Aufmachung Paul Dahlke zum Verwechseln ähnlich, der einst in „Romanze in moll“ eine ähnliche Rolle ähnlich großartig gespielt und zu einer der besten Liebestragödien des deutschen Films beigetragen hat.
Nach der Vorstellung waren viele, mit denen ich sprach nicht sicher, was sie von „Wuthering Heights“ halten sollten: auch ihnen passte vieles nicht zusammen. Der außer mir zufriedenste, mit dem ich sprach, will am Ende über das Schicksal der Heldin geweint haben. Dazu besteht nun wirklich kein Anlass. Aber es lohnt sich!

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Die wiedergefundene Textstelle: „Roots“, Nebenhandlung

betr.: 34. Todestag von Alex Haley

Im Jahre 1963 platzierte Alex Haley den Artikel „Der Mann, der nicht aufgeben wollte“ im „Reader’s Digest“. Der schwarze Journalist wurde knapp 15 Jahre später zum weltweit gefeierten Beststellerautor, als er in „Roots“ die Geschichte seiner Familie bis zur Verschleppung seines afrikanischen Urahnen Kunta Kinte durch amerikanische Sklavenhändler zurückverfolgte und in Romanform nachzeichnete.
Der Artikel beschreibt, wie sein Bruder, der angehende Anwalt George Haley, in der juristischen Fakultät von Arkansas mit dem herrschenden Rassismus zu kämpfen hat: „Sein Parterrezimmer lag nahe den Redaktionsräumen der ‚Law Review‘, einer Studentenschrift, die von den zwölf Besten im letzten Studienjahr geschrieben und redigiert wurde. Wie Haley zu Ohren kam, waren diese zwölf erbittert darüber, dass er dieselbe Toilette benutzen musste wie sie. Eines Nachmittags flog plötzlich die Tür seines Zimmers auf, und als er erschrocken herumfuhr, klatschte ihm eine Papiertüte voll Urin ins Gesicht. Nach diesem Vorfall bot man ihm einen Schlüssel zur Dozententoilette an. Er lehnte ihn ab und nahm stattdessen tagsüber keinerlei Flüssigkeit zu sich, um die Toilette nicht benutzen zu müssen.
Mit der Zeit aber begann er sich Gedanken zu machen, ob das duldsame Hinnehmen so entwürdigender Behandlung ihn nicht am Ende seelisch ruinieren und alles männliche Selbstbewusstsein in ihm abtöten würde. War es nicht besser, Hass mit Hass und Kampf mit Kampf zu erwidern? Er trug diese Zweifel seinem Vater und seinem Bruder in langen, gequälten Briefen vor. Sein Vater antwortete: ‚Halte dir immer vor Augen, dass diese jungen Leute nur aus Furcht so handeln. Sie fürchten, dass Deine Anwesenheit dem Ruf der Universität schaden und infolgedessen ihre eigene Ausbildung und ihre Aussichten im Leben beeinträchtigen könnte. Hab Geduld mit ihnen. Gib ihnen Gelegenheit, Dich kennenzulernen und einzusehen, dass du keine Gefahr für sie bist.‘
Als Haley einen Tag nach Eintreffen dieses Briefs in sein Parterrezimmer trat, baumelte ein Strick mit einer Schlinge von der Decke.“
George wird sein Examen bestehen, und man wird ihn später sogar bitten, an einer Diskussion über Rassenfragen zu sprechen.
Doch die Konflikte und das Stillhalten, zu dem sein Vater ihm geraten hatte, forderten ihren Tribut: am Ende des ersten Jahres hatte er fast 30 Pfund abgenommen.

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Elend und Größe der Kolumne

Das Wort „Kolumne“ stammt aus der Zeit der Printmedien. Als die ersten Zeitungen gedruckt wurden, waren die Seiten so breit, dass die Schriftsetzer den Text in engere Spalten zerlegen mussten, um ihn übersichtlich und lesbar zu halten. Außerhalb des Fachjargons etablierte sich das Wort dafür als Name einer Textgattung, die Stefan Kuzmany im aktuellen „Spiegel“ so beschreibt:

Die Textform der Kolumne ist eine sehr spezielle Art des Journalismus. An einem festen, wiederkehrenden Ort schreiben der Kolumnist oder die Kolumnistin regelmäßig, meist wöchentlich, in extremen Fällen auch täglich, einen Text von – so ist das jedenfalls in Printprodukten – immer gleicher Länge: die Kolumne. Es gibt Kochkolumnen und welche übers Segelfliegen, solche über Kindererziehung und welche über Gartenpflege. Die Königsdisziplin jedoch (…) ist die personalisierte Kolumne. Sie hat keine thematische Vorgabe, es geht in ihr allein um den, der sie verfasst.

Populäre Beispiele sind „Pooh’s Corner“ von Harry Rowohlt (wegen des kultiviert-schlampigen Schöpfers sehr unregelmäßig, aber von bleibendem Wert), „Miss Moneypenny“ von der ersten „Miss Moneypenny“ Lois Maxwell oder die Texte des großen Art Buchwald. Ist der Autor ein Chefredakteur, heißt seine Kolumne „Editorial“ und eröffnet das Heft.
Häufig sind solche Texte humorig (siehe oben), gern wird das Format aber auch mehr oder weniger offen zum politischen Sprachrohr seines Helden gemacht. Eine solche Kolumne …

… muss radikal subjektiv sein, sie braucht ein klares Ziel. Das macht ihren Reiz aus. Und ihr Risiko: Manchmal verfehlt sie ihr Ziel. (…) Die Kolumne erhebt den erlebten Einzelfall zum gefühlten Gemütszustand. Der Kolumnist sieht die Dinge so, wie er sie sehen möchte. Und dann sind sie auch so. Kein Grund, sich ernsthaft zu hinterfragen. (…)

Viele Journalisten verachten diese Textform, weil sie – so der Vorwurf – meist ohne Recherche auskommt, keinen Nachrichtenwert hat und stattdessen lediglich das Ego des Kolumnisten ausbreitet. Ebenso wahr ist aber, dass viele der Kolumnenverächter insgeheim selbst gern eine eigene Kolumne hätten. Bekommen sie aber nicht, weil sie nicht geschmeidig schreiben können. Gleichzeitig sind Kolumnisten keine beneidenswerte Spezies. Der Redaktionsschluss naht, die Seite ist leer, der Kolumnist blättert nervös in seinen Notizen, da hatte er doch jüngst noch einen originellen Gedanken zur späteren Verwendung skizziert?
»Man sieht den armen Kerlen förmlich an, wie sie nach Luft schnappen und taumeln«, beschrieb es der seinerseits brillante Journalist Tom Wolfe in seiner Anthologie »The New Journalism« aus dem Jahr 1973. »Sie verdursten. Ihnen fehlt der Stoff. … Immer wenn man einen Kolumnisten sieht, der verzweifelt versucht, Material aus seinem Zuhause, aus Artikeln, Büchern oder dem Fernsehen zu schöpfen, hat man es mit einer hungernden Seele zu tun.«  

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Kultfiguren: Hayao Miyazaki und das Ghibli-Studio

In der dritten Staffel unseres Podcasts sprechen wir künftig in loser Folge über Künstlerpersönlichkeiten, Kunstfiguren oder Kulturphänomene, die die Bezeichnung KULTFIGUREN verdient haben.
Die 2. Staffel mit den KULTFILM AZUBIS geht indessen weiter.

Hayao Miyazaki und das Ghibli-Studio
Gast: Franzi Blass

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/hayao-miyazaki-und-das-ghibli-studio

Hayao Miyazaki

Hayao Miyazaki wird von gern wahlweise als Kurosawa des Trickfilms oder als japanischer Disney betrachtet. Für „Toy Story“-Erfinder John Lasseter ist er der größte lebende Zeichentrickkünstler überhaupt, für die „Zeit“ „nicht nur der Kaiser, sondern auch der Narr, der voller Schalk auf den Kaiser blickt“.
Miyazaki und sein Ghibli-Filmstudio verzaubern die Erwachsenen mit abgründigen, jugendlichen Helden – meistens Mädchen – und die Kinder damit, dass er sie als Publikum ernst nimmt. Beiden mutet er Botschaften wie diese zu: „Die Menschen sind hässlich, aber das Leben ist schön.“
Seine märchenhaften Filme bewahren und interpretieren die alte Kultur Japans, das sich einst im Rekordtempo industrialisierte und ebendiese Kultur abschaffte und zerstörte.
Miyazaki hält Computerspiele für ein frustförderndes Medium und erlaubt deshalb keine Games mit seinen Figuren. Er sagt: „Kinder sollten so viel freie Zeit wie möglich damit zubringen, ihre reale Umwelt zu erkunden. Sie sollten also auch nicht zu viel ins Kino gehen. Wenn sie sich einen oder zwei meiner Filme anschauen, reicht das schon.“

Diese beiden Filme werden näher in Augenschein genommen:

Nausicaä aus dem Tal der Winde/ Kaze no Tani no Naushika
Dystopischer Anime von 1984

Nach einem verheerenden Krieg breitet sich das „Meer der Fäulnis“ über die Welt aus, ein giftiger Pilzwald. Nur im Tal der Winde können Menschen noch ohne Schutzmaske existieren.  Prinzessin Nausicaä sieht ihre Heimat bedroht durch die Machtkämpfe kriegerischer Stämme, der Torumekia und der Pejite, die mit ihren fliegenden Kampfschiffen den Krieg auch in das grünte Tal tragen.  Sie hat das Geheimnis des Pilzwaldes ergründet und begibt sich auf eine wichtige Mission, um ihr Volk zu retten …

Dieser Film brachte den Erfolg, der die Gründung des Studios Ghibli ermöglichte.

Das wandelnde Schloss / Hauru no Ugoku Shiro
Anime von 2004

Sophie – ein Mauerblümchen, das mit Freizeit nichts anzufangen weiß – arbeitet als Hutmacherin im Geschäft ihres verstorbenen Vaters. Ihre flüchtige Begegnung mit dem Zauberer Hauro verändert ihr Leben auf vielfache Weise: sie verliebt sich in ihn und erregt damit die Eifersucht einer Hexe, die sie daraufhin mit einem Fluch belegt: Sophie steckt jetzt im Körper einer 90jährigen. Aus Scham über ihren Zustand flieht sie aus dem Ort und schlüpft im wandelnden Schloss des jungen Zauberers unter. Von ihm unerkannt verdingt sie sich dort als Putzfrau.
Als der Krieg ausbricht, gerät ihr Leben abermals aus den Fugen …

Nächste Woche: Das Leben des Brian und Der Omega Mann

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H. R. Giger und der letzte Tag der Offenen Tür

betr.: 86. Geburtstag von H. R. Giger

Der Schweizer Künstler H. R. Giger hat mit seinem Design des „unheimlichen Wesens aus einer fremden Welt“ im Film „Alien“ seinen Nachruhm gesichert. Folgerichtig war auch Ralf König von ihm begeistert: als glühender Fan des Films und als Comic-Künstler war er sehr empfänglich für gutes Figuren-Design.
Eines Tages konnte der Fan den Meister besuchen. Ralf und sein damaliger Lebensgefährte durften die Ateliers besichtigen, und anschließend ging man zusammen zu Tisch.
Beim Essen kam zur Sprache, dass H. R. Giger seine Räumlichkeiten nicht absperrt, was wohl der Schweizer Mentalität geschuldet ist. Da ist noch nie was weggekommen, sagte Giger sinngemäß, und gleich nach dem Essen gehe er ja auch wieder zurück. (Ein ähnliche sorgloses Klima herrscht auch in Kanada, wie man gelegentlich hört.)
Ralfs Freund, der aus einer ganz anderen Weltgegend stammte, wunderte sich über so viel Urvertrauen. Ich würde verrückt werden, wenn ich ein solches Gebäude mit abschließen würde. Das würde mich völlig nervös machen, zumal bei all diesen Kunstwerken. Das geht doch gar nicht.
Giger hörte sich das eine Weile an, dann wurde auch er nervös. Der Künstler floh, das Essen war beendet.

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Auf einmal ist Schluss

betr.: 122. Geburtstag von MacKinlay Kantor

Geschichten, deren Pointe erst in der letzten Zeile verraten werden, haben einen besonderen Reiz. In der phantastischen Kurzgeschichte und auf dem weiten Feld, das der Amerikaner „Mystery“ nennt, ist dieser Kniff weit verbreitet, was seine Wirkung nicht schmälert, aber auch in Erzählungen und sogar in Romanen ist er anzutreffen.
Die nur drei Seiten umfassende Geschichte „A Man Who Had No Eyes“ („Einer ohne Augen“, 1943) ist MacKinlay Kantors kleiner Beitrag dazu. Eingang in die ausführlicheren Nachschlagewerke verschaffte dem ehemalige Lokalreporter und Pulp-Schreiber aus Iowa der Roman „Andersonville“, der 1955 nach 25jähriger Recherche herauskam und – nicht als erstes seiner Werke – im Sezessionskrieg spielt. Auch den Zweiten Weltkrieg hat er thematisiert. Und die Heimkehr daraus. Aus seiner Erzählung „Glory for Me“ entstand William Wylers Filmklassiker „The Best Years of Our Lives“ (1946).
Einer der beiden Helden in „Einer ohne Augen“ denkt auch über diese Zeit nach: „Wenn ich meine Augen im Krieg verloren hätt, okay. Aber ich war bloß ein Arbeiter, der bei der Arbeit ein Risiko auf sich genommen hat.“ Das ist natürlich nicht das oben erwähnte Ende der Geschichte …

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Wohnwelten (17): Benjamin Franklins Gästezimmer

betr.: So wohnen literarische Figuren

In „Israel Potters Irrfahrten und Abenteuer“ lässt Herman Melville den Gelehrten, Politiker und historischen Popstar Benjamin Franklin (1706-90) auftreten (der alles gewesen sei, nur kein Dichter), ein „Mann der Weisheit“. Er beherbergt den Helden in seinem Haus im Quartier Latin in Paris. Dieses Zimmer wird uns genauer beschrieben:

Israel schloss die Türe hinter sich, trat in die Mitte des Raumes und schaute sich neugierig um. Ein dunkler, schachbrettartig ausgelegter Boden, doch ohne Teppich. Zwei Mahagonisessel mit bestickten, schrecklich abgenützten Sitzen, ein Mahagonibett mit einst bunter, abgebleichter Steppdecke, ein Waschtisch mit zersprungener Marmorplatte, darauf ein Porzellanwasserkrug ohne Henkel.
Das Zimmer war recht geräumig. Dieser Flügel des Hauses, der sehr ausgedehnt war, umfasste die vier Seiten eines Blockes, der vor Zeiten einmal der Herrschaftssitz eines Adligen gewesen war. Die Größe des Raumes ließ daher seine dürftige Ausstattung umso ärmlicher erscheinen. In Israels Augen jedoch wog der marmorne Kaminsims, eine ziemlich neue Zutat, und sein Zubehör nicht nur alles übrige auf, sondern sah wirklich äußerst prächtig und einladend aus, denn in erster Linie war der Sims von einem mächtigen, altmodischen Spiegel aus schwerem Silberglas gekrönt, der wie eine Tafel an der Wand befestigt war. Und in diesem Glas spiegelten sich lustig die folgenden reizenden Gegenstände: 1. zwei Blumensträuße in lieblichen Porzellanvasen, 2. ein Stück weißer Seife, 3. ein Stück rosafarbener Seife – beide Stücke dufteten Stark -, 4. eine Wachskerze, 5. ein Porzellanfeuerzeug, 6. eine Flasche Kölnisch Wasser, 7. ein Papiersack voll Stockzucker in hübschen Stücklein von Teetassengröße, 8. ein silberner Teelöffel, 9. ein Glasbecher, 10. ein Glaskrug mit kühlem, klarem Wasser, 11. eine verschlossene Flasche mit einer kräftig gefärbten Flüssigkeit und der Aufschrift „Otard“.

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