Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Kultfilm Azubis: Gutes Timing, schlechtes Timing

Eine Zeitreise und eine Allegorie – fragt sich, was schlimmer ist. Wir klären es im heutigen Podcast mit unserem Gast Andi Latuska vom Podcast „Die Guten von gestern“.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/die-zeitmaschine-der-schwimmer

A) Die Zeitmaschine / The Time Machine
Amerikanischer Science-Fiction-Film von 1959

Der Londoner Erfinder George startet am Silvesterabend 1899 mit seiner Zeitmaschine, die wie ein gemütliches Möbelstück aussieht, in die Zukunft. Angewidert von den Eindrücken, die er bei einigen Stopps im 20. Jahrhundert sammelt, sieht er sich schließlich zu einem Sprung ins Jahr 802.701 gezwungen. Er trifft auf eine Gesellschaft von Naturkindern, die scheinbar im Paradies leben. Doch unter der Erde lauern die Stärkeren, die kannibalistischen Morlocks. Zwischen den beiden Völkern besteht eine fatale Abhängigkeit …

Erstaunlicherweise kam es erst Ende der 50er Jahre zur ersten filmischen Umsetzung dieses Klassikers der utopischen Literatur. Regisseur George Pal gibt dem Helden den Namen des Romanautors, des Briten H. G. Wells. Inzwischen gab es im Kino unzählige Zeitreiseabenteuer, darunter einige sehr gelungene, und 2002 ein Remake der MGM-Version von 1959. Doch das Original behauptet noch immer seinen Platz in den Herzen der Fans.

B) Der Schwimmer / The Swimmer
Amerikanische Parabel von 1968

Der Überflieger Ned, ein Mann in den „besten Jahren“, beschließt an einem Sonntagmorgen bei Freunden, alle Pools zu durchschwimmen, die zwischen deren und seinem Grundstück liegen. Am Abend will er sich von Frau und Töchtern als Champion der Familie feiern lassen. Nachdem Ned sich erst einmal aufgemacht hat, nimmt er die Sache sehr ernst, hat es eilig, verschmäht alle Einladungen, doch noch etwas zu bleiben. Im Laufe des Tages verstummen die Einladungen, werden die Gesichter an den Beckenrändern immer unfreundlicher, ja geradezu feindselig. Irritiert, aber unverdrossen setzt Ned seinen Weg fort, bis er – zu Hause angekommen – etwas erkennen muss …

Der Autor der Vorlage, John Cheever, wurde in den vergangenen Jahren wiederentdeckt, gefeiert und erneut vergessen. Eleanor Perry machte aus seiner dialogfreien 12seitigen Kurzgeschichte ein abendfüllendes Drehbuch, das ihr Mann Frank als Film realisierte. Hauptdarsteller Burt Lancaster macht das Verrinnen der Zeit ohne maskenbildnerische Hilfe geradezu physisch erlebbar.

Nächste Woche: Gewalt und Leidenschaft und Lemming

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Good Looking Grusel

betr.: Die aktuelle Filmkritik im Podcast

Clayface
Body-Horrorfilm von James Watkins

Matt Hagens Aufstieg vom Straßenjungen aus Gothams Elendsviertel zum oscarnominierten Hollywood-Star findet ein jähes Ende, als ein eifersüchtiger Gangsterboss ihm das Gesicht zerschneidet. Als grausam entstellter Außenseiter wird Matt von seinem Anwalt betrogen und von Freunden und Weggefährten im Stich gelassen. Sein letztes Geld investiert er in ein noch ungetestetes medizinisches Verfahren: die Injektion von Nanozellen. Nach und nach führt die Therapie der jungen Forscherin Caitlyn Corr zum Erfolg. Dr. Corr warnt Matt vor eventuellen Neben- und Nachwirkungen. Als diese einsetzen, verpasst er sich gegen den Willen der Ärztin eine Überdosis. Äußerlich ist er wieder hergestellt, doch seine Persönlichkeit verändert sich. Matt beginnt einen Rachefeldzug, der bald ebenso außer Kontrolle gerät wie seine frisch erworbenen Superkräfte …

Tom Rhys Harries
spielt die Hauptrolle in diesem sehr expliziten Horrorfilm, der erbarmungslos dem Verderben zustrebt. Zu den Produzenten zählen James Gunn und Matt Reeves.

Die Kritik zum Hören:
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/clayface

Der walisische Schauspieler Tom Rhys Harries sieht aus wie eine etwas herbere Variante von Heath Ledger, der als „Joker“ allgemeinen Beifall erntete. Es war sein größter Erfolg und der letzte vor seinem frühen Tod. Solche Assoziationen ploppen zahlreich auf, wenn man sich das neueste Produkt aus dem DC-Universum anschaut. Man muss an unzählige Filme denken, die hier gar nicht mal gewürdigt oder absichtlich zitiert werden, sondern aus denen sich einfach Teile wiederholen: Bilder, Szenen, Topoi, Klischees, ganze Dialoge … es ist reiner Zufall, weil scheinbar irgendwie alles schonmal dagewesen ist und niemand auf sowas achtet. Das Comic-Fan-Publikum wird es auch nicht so eng sehen, hat man sich wohl in Hollywood gesagt – und liegt damit sicher nicht ganz falsch.
Dass wir erfahreneren Nerds gegen Ende an ganz bestimmte ältere Filme denken müssen, ist aus zwei Gründen ungünstig. Erstens sind es inhaltlich sehr gute Filme, gegen die „Clayface“ auf keiner Ebene künstlerisch ankommt, und zweitens ist deren Tricktechnik – etwa die aus „Terminator 2“ oder „Der Tod steht ihr gut“, aus denen sogar Bewegungsabläufe kopiert werden – inzwischen über 30 Jahre alt. Eine lange Zeit, in der sich anscheinend nichts entwickelt hat.

„Clayface“ ist ein weiteres Beispiel für eine Art Mainstream-Kino, das gerade als Welle über uns hinwegrollt, ohne dass das sonderliche Aufmerksamkeit erregen würde. Wir bekommen zur Zeit regelmäßig Horrorfilme zu sehen, die wie A-Produktionen aussehen – obwohl dieser Film mit nur 40 Millionen US-Dollar Produktionskosten ein Schnäppchen war. Ein guter Look ist einfach inzwischen billiger zu haben. Diese Entwicklung ist aus mehreren Gründen irritierend. Erstens ist der Horror seit Beginn des Tonfilms – also seit beinahe einem Jahrhundert – ein Billig-Genre, häufig reiner Trash. Die preiswerte Machart gehört so untrennbar zum Markenkern dieser Gattung, dass die darin erzählten hastig gestrickten Gruselgeschichten sich mit der Hochglanz-Ästhetik unserer Tage einfach nicht vertragen. Es wirkt schief, unwuchtig, irgendetwas stimmt da nicht.
Man könnte auch sagen: der teils freiwillige, teils unfreiwillige Humor, den die niedrigen Budgets mit sich brachten, ließ die jeweilige haarsträubende Story sympathischer erscheinen. In den sozialen Medien wollen einige in „Clayface“ Humor erblickt haben, aber das halte ich für eine Falschmeldung.
Dabei könnten wir ihn gut gebrauchen, denn der Held ist mit der beliebten Donald–Trump-Vokabel „erratisch“ gut umschrieben. Selbst wer seinen Rachefeldzug nachvollziehen kann, könnte ihn im letzten Drittel des Films für einen reinen Mistkerl halten, dem man ungern zusieht. Noch ein sehenswerter Film kommt mir gerade in den Sinn: „Joker“ (diesmal der mit Joaquin Phoenix, auch er ein Erfolg bei Kritik und Publikum). Auch er war gerade so dicht am DC– bzw. Batman-Universum gebaut, dass er von der Prominenz des Franchise profitierte, ohne sich wirklich darauf einlassen zu müssen. Beide Filme halten sich von den Figuren und Gesetzen des Superhelden-Kinos möglichst fern. Doch im Gegensatz zum Joker ist Clayface nur ein sehr nachrangiger Bösewicht aus der Comic-Vorlage, der überdies mit der Figur im Film so gut wie nichts zu tun hat. Matt Hagen ist dem Gestaltwandler Odo aus „Star Trek“ ähnlicher als dem gleichnamigen Bösewicht. An seine Herkunft erinnert vor allem der Schauplatz Gotham City, ein expressionistisch verfratztes New York, in dem der amerikanische Traum sogar in den besseren Gegenden offensichtlich gescheitert ist. Nur selten lotet „Clayface“ sein relevantes Thema aus: unsere Oberfläche und die immens gesteigerte Wichtigkeit, die sie heute hat. In einer Szene wird der Held mit dem Hinweis getröstet, es sei ja nur die Haut, ein kleiner Teil von uns, mit dem er Probleme habe. – Aber leider ist die Haut unser größter Körperteil …

Der Film hat Potenzial, doch er kann sich nicht entscheiden. Er will keine Wendung, keine Eskalation, keinen Ekelkram in Großaufnahme auslassen, und so bekommt er die üblichen leidigen Probleme mit dem dritten Akt. Am Ende ist alles nur noch absurd. Das ist bedauerlich, denn mit etwas Maß und Zeil hätte etwas daraus werden können. Der Film ist flotter als „Venom“ und „Morbius“ – zwei sehr vergleichbare Marvel-Stoffe der letzten Jahre, die in ihrer Tristesse gut zu DC gepasst hätten – und außerdem besser als “Darkman“, eine billige 90er-Jahre-Gruselklamotte, die wie eine Vorstudie zu „Clayface“ wirkt.

„Clayface“ wird die Genre-Fans gut unterhalten. Er zeigt aber eines deutlich: Ob in Hollywood künftig eine KI für die Drehbücher zuständig ist oder eine ignorante Generation von Regisseuren und Autoren, die die Ideen irgendwelcher Geldgeber umzusetzen hat, spielt keine Rolle; es wird zu den selben austauschbaren Ergebnissen führen. Immerhin werden sie gut aussehen.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Witz oder Schönheit

Thomas Hermanns erklärt in „netter is better“*, wie sehr ein guter Comedian über seine Normalität funktioniert, „weil sich nämlich alle so“ benehmen, also in die selben Kalamitäten geraten, die auch den Alltag des Publikums prägen:

»Das schafften allerdings nur die Comedians, die nicht diesem natürlichen Reflex folgten, ihr eigenes peinliches Benehmen zu überspielen. Denn als guter Comedian muss man in dieses peinliche Gefühl eintauchen, sich eine Mentalnote machen und daraus seine Nummer schreiben. Und dafür darf man sich selbst nicht zu wichtig nehmen, nicht zu eitel sein und – auch das haben fast alle gemein – muss man irgendwann in irgendeiner Form von der Normalität ausgeschlossen gewesen sein. Kein Comedian hat nach seinem erfolgreichen Modeljob oder seinem abgeschlossenen Jurastudium beschlossen, Comedian zu werden, das gibt es nicht. Als erfolgreicher Comedian musst du gelitten haben. Du musst zumindest zeitweise von der Gesellschaft in die Peripherie und damit in die Außenperspektive gedrängt worden sein; dieser Blick von außen verbindet die Comedians miteinander. Das heißt, auf dem Schulhof hätten wir vermutlich alle in der selben Ecke gestanden – garantiert nicht in der hippen Mitte! Wir hätten uns weder bei den Sportstars noch bei den Mathegenies getummelt, was aber nicht bedeutet, dass wir alle total mistifts gewesen wären. Das nicht. Trotzdem verabschiedet sich natürlich keiner freiwillig aus der Gemeinschaft, weil er das so nett findet, jetzt mal am Rand zu stehen. Wenn du die Blonde warst, auf die alle abgefahren sind, oder der Sportler, den alle haben wollten, dann hast du dich eher nicht ins Abseits bewegt. Stattdessen hat die Blondine wahrscheinlich den Sportler geheiratet und mit ihm Kinder gekriegt – aber da steckt keine Comedy drin.«

Hermanns schildert dies sehr treffend und grundsätzlich im Kapitel über die Anfänge des von ihm gegründeten „Quatsch Comedy Club“ 1992. Die Verhältnisse stellen sich in der speziellen Situation der deutschen Comedyszene, die sich aus seinem Projekt entwickelt hat, etwas anders dar. Das gilt auch für die Bedeutung der Ansehnlichkeit für die Zugehörigkeit zur Mitte. Dazu zitiert der Autor einen (seinerseits ansehnlichen) berühmten Kollegen:

»Jerry Seinfeld von der sehr erfolgreichen amerikanischen Sitcom hat immer gesagt: “Niemand ist gleichzeitig hübsch und lustig.” Tatsächlich ist gutes Aussehen in der Comedy eher ein Hindernis, du gehörst dann vom Status her eher dem Gewinnertyp an – und Gewinnertypen sind nicht lustig (…). Das heißt: Du kannst zwar gut aussehen UND lustig sein, aber es hilft dir nicht bei deinem Job. Stattdessen nutzt es dir viel mehr, wenn du auf die Leute im Publikum nicht bedrohlich wirkst. Und schöne Menschen sind nun einmal beängstigend, da sie gesellschaftlich eindeutig auf der höheren Stufe stehen – vor allem, sobald sie im Rudel auftreten.«

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* Das Buch erschien 2019 in der „Lebenshilfe“-Rubrik bei Gräfe und Unzer, kurz vor dem Corona-Lockdown, der das im Text verhandelte magere Ansehen der Leichten Muse in der Bundesrepublik in eine neue, nunmehr amtlich beglaubigte Tiefe hinabstoßen sollte.

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Kultfilm Azubis: Backstage Battles

Der Hauptfilm im heutigen Podcast hat hierzulande einen Kult von besonderer Art. Für die Leute vom Theater und die Mitwirkenden des gerade aufstrebenden Musical-Fachs war er ein ähnliches Erweckungserlebnis wie es die Serie „Seinfeld“ zehn Jahre später für die noch kleine junge deutsche Comedy-Szene war. Und nur seinetwegen kam ein Musical-Erfolg vom Broadway überhaupt in Europa auf die Bühne.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/a-chorus-line-phantom-der-oper-1943

Doch wir alle haben was abgekriegt. Wir haben ein neues Wort gelernt.

A) A Chorus Line
Musical-Verfilmung von 1985

Der Regisseur und Choreograph Zach sucht die Besetzung für eine große Broadway-Produktion: vier Jungs und vier Mädchen, die singen, tanzen und schauspielern können. Wir erleben den ganzen Tag des harten Auswahlverfahrens und werden Zeuge der Selbstdarstellungen, die Zach von allen einfordert. Cassie, eine Ex-Geliebte des Meisters, mischt sich unter sie. Zach will sie auch deshalb nicht dabeihaben, weil er sie als eine Hauptdarstellerin sieht, die Schwierigkeiten haben könnte, sich in die Show-Ballettgruppe einzureihen …

Gut zehn Jahre nach seiner Premiere war das Musical „A Chorus Line“ ein hochdekorierter Rekordhalter am Broadway – und das zu einer Zeit, da es noch keine weltweit vermarkteten Lizenz-Musicals gab. Richard Attenborough inszenierte die Filmversion mit Michel Douglas als dem mächtigen Choreographen und Audrey Landers, einem Star der Serie „Dallas“, als junge Kollegin im Casting. Der Film erntete lediglich Nominierungen – etwa für einige nachrangige Oscars und BAFTA Awards sowie für den „Award of the Japanese Academy“ als „bester fremdsprachiger Film“. Die Musik stammt Marvin Hamlisch, im Hauptberuf Soundtrack-Komponist.

B) Phantom der Oper / Phantom of the Opera
Amerikanischer Musikfilm von 1943

Paris zur Zeit der Belle Époque. Erique Claudin verliert nach 20 Jahren seine Stellung als Geiger im Opernorchester. Das ist umso misslicher als er nun die junge Sängerin Christine nicht mehr unterstützen kann, die er heimlich verehrt und fördert. Beim mörderischen Streit mit einem Musikverleger wird Erique grausam entstellt und flieht in die Kanalisation. Bald darauf beginnt es im Opernhaus zu spuken. Der geheimnisvolle Maskierte schreckt auch vor Mord nicht zurück …

Gaston Leroux‘ Romanklassiker von 1910 um den entstellten Wahnsinnigen in den Theaterkatakomben war erst dreimal verfilmt worden, als das „Phantom der Oper“ über seine Musicalfassung in die Popkultur einbrach. Seither wimmelt es von Bearbeitungen und Parodien in allen Medien. Dies ist die zweite Verfilmung und die erste, in der nach der legendären Stummfilmfassung auch das musikalische Element zu seinem Recht kommt.

Nächste Woche: Die Zeitmaschine und Der Schwimmer, zu Gast: Andi Latuska
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Abb. aus „Fun Home“ von Alison Bechdel, Kiepenheuer & Witsch, Köln

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Neues von der Unsterblichen

betr.: Die aktuelle Filmkritik

Jane Austen, die Pfarrerstochter aus Hampshire, hinterließ sechs Romane, die mit etwas Verzögerung allesamt zu Klassikern wurden. So erfolgreich wie heute, mehr als 200 Jahre nach ihrem Tod, war sie noch nie. Sogar ein eigener Zweig der Tourismusbranche lebt von ihr. Jetzt gibt es sie auch wieder auf der großen Leinwand.
Volker Robrahn, Kathrin Schwarz und Anne Sola sahen den Film vorab und besprechen ihn im heutigen Podcast:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/sinn-und-sinnlichkeit-2026

Sinn und Sinnlichkeit
Literaturverfilmung von Georgia Oakley

England um 1800: Nach dem Tod ihres Vaters haben die Schwestern Elinor und Marianne Dashwood als Frauen keinen Anspruch auf das Haus, das nun in den Besitz ihres älteren Halbbruders übergeht. Ohne finanzielle Unterstützung ziehen die Schwestern mit ihrer Mutter in ein bescheidenes Cottage. Nur durch eine Eheschließung können sie sich ein Auskommen verschaffen. Die besonnene Elinor hält ihre Gefühle für Edward Ferrars geheim, da ihr eine gemeinsame Zukunft aufgrund gesellschaftlicher Hindernisse aussichtslos scheint. Die jüngere Marianne folgt ihrem Herzen und verliebt sich in den charismatischen John Willoughby. Wie sich zeigt, lassen sich Liebe, Konvention und finanzielle Absicherung nicht ohne Kompromisse in Einklang bringen.

Kluge Heldinnen, feiner Witz und große Gefühle: Jane Austens Werke gehören heute zu den populärsten Romanklassikern – und das auch, aber nicht nur in Buchform. Sie werden regelmäßig verfilmt, eingelesen und verhörspielt. „Sinn und Sinnlichkeit“ kommt ein paar Monate zu spät, um den kürzlich gefeierten 250. Geburtstag der Autorin mitzunehmen, was ihm vermutlich nicht schaden wird. Der Stoff wurde zuletzt vor gut 30 Jahren von Ang Lee mit Starbesetzung ins Kino gebracht.

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Ein neues Silver Age

Vom Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Nutzung digitaler Tonträger

Heute erreichte mich per Post etwas, wovon ich annehmen musste, dass es seit Jahren gar nicht mehr existiert: der Katalog eines Musikversenders in gedruckter Form. Seit Jahren war er ausgeblieben, und ich hatte mir die Produktpalette ab und zu im Netz aufgerufen.
Passend zu diesem kleinen Bruch der Zeitachse fiel auch das abgedruckte Editorial des Geschäftsführers aus:
»Vom “Vinyl-Boom” und der “Rückkehr der Schallplatte” ist ja schon seit fast 20 Jahren zu lesen. Die gute alte CD hingegen wird mindestens genauso lange für tot erklärt. Doch warum eigentlich? Hier (…) erleben wir jeden Tag, wie quicklebendig die CD als Tonträger ist. Viele tausend dieser Silberlinge verlassen täglich unser Lager, um Kunden in aller Welt Freude zu bereiten. Und auf dem deutschen Musikmarkt war die CD auch 2025 noch das umsatzstärkste physische Musikformat, knapp vor der LP.
Für Schlagzeilen sorgten jüngst neue Zahlen aus den USA. Dort zogen die CD-Verkäufe im ersten Halbjahr 2026 um satte 16% an. Verantwortlich für diese positive Entwicklung sind ausgerechnet Angehörige der Gen Z. Also Musikfans, die zwischen 1995 und 2010 geboren sind und damit eigentlich zu jung sind, um die CD in ihrer “Hochzeit” erlebt zu haben. Doch gerade diese digitale Generation entdeckt jetzt die Vorzüge der kleinen Kunststoffscheibe für sich: den besseren Klang gegenüber der Streaming-Variante und die haptische Erfahrung, ein “echtes” Produkt in den Händen zu halten. Außerdem lenkt der CD-Player beim Abspielen nicht mit Nachrichten oder sozialen Medien ab. Darüber hinaus geht auch bei der Musik – ähnlich wie beim Film – der Trend wieder in Richtung Kauf, Besitz und damit zur uneingeschränkten Nutzung der liebsten Titel.«
Im Podcast und am Rande der Gespräche wurde mir zuletzt Ähnliches berichtet: zumindest ihre Lieblingsfilme wollen viele jetzt wieder auf Tonträger im Schrank haben. Die meisten Nutzer haben inzwischen auch schon erleben müssen, dass die “gekauften” Titel – also Bezahltes, das dann aber nur abrufbar und nicht real vorhanden ist – untergegangen sind, als ihr Anbieter verschwand oder geschluckt wurde. Für musikalische Playlists gilt das selbstverständlich erst recht …
Für einen lebenslangen Sammler wie mich sind das völlig schräge Erlebnisberichte, Geschichten, die sich Philip K. Dick für eine seiner Dystopien ausgedacht haben könnte. Auch die Branche bewegt sich. Ein Kollege, der mir vor einem Dreivierteljahr berichtet hatte, mehrere große Anbieter seien aus der Produktion der Bluray ausgestiegen (währen die DVD-Herstellung noch weiter tröpfelte), hat diese Nachricht kürzlich widerrufen: es ginge nun doch (wieder) weiter.
Natürlich hat die Vernunft auf Erden noch keineswegs gesiegt: »Wie nachhaltig die Begeisterung dieser neuen Hörer für das Format ist, wird die Zeit zeigen. Für den Moment lässt sich jedoch festhalten: Die CD ist noch lange nicht tot.«

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So siehst Du aus! (18)

betr.: 90. Geburtstag von Christine Nöstlinger / Personenbeschreibungen in der Literatur

Christine Nöstlinger (1936-2028)
Wir pfeifen auf den Gurkenkönig

König Kumi-Ori II

Auf dem Küchentisch hat nämlich einer gesessen, der war ungefähr einen halben Meter groß. Wenn er nicht Augen und eine Nase und einen Mund gehabt hätte, hätte man ihn für eine große, dicke Gurke oder einen mittleren, dünnen Kürbis halten können. Auf dem Kopf hat er eine Krone gehabt. Eine goldene Krone mit roten Edelsteinen in den Kronenzacken. Seine Hände steckten in weißen Zwirnhandschuhen, und die Zehennägel hatte er rot lackiert.
Das Kürbis-Gurken-Kronen-Ding verneigte sich vor uns, schlug die dünnen Beinchen übereinander und sprach mit tiefer Stimme: „Wir heißt Königs Kumi-Ori das Zweit, aus das Geschlecht die Treppeliden!“
Ich kann nicht ganz genau aufschreiben, was dann geschehen ist, weil ich nicht aufgepasst habe, was die anderen tun. So sehr erschrocken war ich über den Gurkenkürbis. Ich habe nicht gedacht: Das gibt es doch gar nicht! Ich habe auch nicht gedacht: Der schaut aber komisch aus! Ich habe gar nichts gedacht. Überhaupt nichts. Der Huber Jo, mein Freund, sagt in so einem Fall: „Dem ist das Hirn still gestanden!“ (…) Der Kumi-Ori hat auf der grünen Gurkenhaut kürbisgelbe Tupfen bekommen und hat wütend gekreischt: „Wir wird mit Majestät angereden!“

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https://www.fischer-sauerlaender.de/buch/christine-noestlinger-wir-pfeifen-auf-den-gurkenkoenig-9783733508326

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So siehst Du aus! (17)

betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur

Charles Dickens (1812–1870)
David Copperfield

Uriah Heep

Als der Ponywagen vor der Türe hielt und ich das Haus musterte, sah ich hinter einem kleinen Fenster im Erdgeschoß in einem kleinen runden Turm, der die eine Seite des Hauses bildete, ein leichenhaftes Gesicht erscheinen und rasch wieder verschwinden. Dann öffnete sich die niedrige Bogentür und das Gesicht kam heraus. Es sah genauso leichenhaft aus, wie hinter dem Fenster und hatte den leisen rötlichen Schein, der dem Teint rothaariger Leute eigen ist. Es gehörte einem rotköpfigen Menschen, einem Jüngling von ungefähr fünfzehn Jahren, der aber viel älter aussah. Das Haar war kurz geschoren, die Augenbrauen fehlten ganz, und die wimperlosen Lider ließen die rötlichbraunen Augäpfel so unbeschützt und unbeschattet, daß ich mir gar nicht vorstellen konnte, wie der junge Mann einzuschlafen imstande wäre. Er war hochschultrig und hager, ganz in Schwarz gekleidet, bis oben zugeknöpft, trug eine schmale, weiße Halsbinde und hatte lange, schmale, hagere Hände, die mir besonders auffielen, als er bei dem Pony stand und, sich das Kinn reibend, zu uns auf den Wagen hinaufsah. (…) Seine Nasenlöcher, scharf und schmal geschnitten, hatten eine sonderbare häßliche Art, sich auszudehnen und zusammenzuziehen. Sie schienen zu zwinkern anstatt seiner Augenlider, die sich nie bewegten.

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https://www.rowohlt.de/buch/charles-dickens-david-copperfield-9783498002978

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