geführt von Monty Arnold

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Die aktuelle Filmkritik: Lee Cronin’s The Mummy
Über diesen Horrorfilm – und über einige andere – sprechen im heutigen Podcast Monty Arnold und Volker Robrahn:
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/lee-cronin-s-the-mummy
„Die Mumie“ ist wieder da, das jüngste der ganz klassischen, alten Kinomonster.
TV-Reporter Charlie Cannon ist von Berufs wegen mit seiner Familie nach Ägypten gezogen. Als sein Töchterchen Katie von einer Magierin aus dem Garten des Grundstücks entführt wird, ist die örtliche Polizei keine Hilfe, sondern äußert sogar ungebührliche Verdächtigungen.
Die Cannons kehren nach New Mexiko zurück. Acht Jahre später erreicht sie dort die Nachricht, Katie sei wiedergefunden worden: in einem Sarkophag, der unbeschädigt an der Absturzstelle eines Flugzeugs gefunden wurde. Zur allgemeinen Verwunderung ist das Mädchen noch am Leben, wenn auch nicht ansprechbar und überhaupt in einem grauenerregenden Zustand. Vor allem Mutter Larissa will Katie schnellstmöglich nach Hause holen und dort pflegen.
Wie sich herausstellt, ist das Mädchen von einem Dämon besessen. Familie Cannon macht schwere Zeiten durch …
„Die Mumie“ von 1932 ist nicht nur ein ganz besonders reizvoller Genreklassiker, sie erlebte auch ab 1999 mit Brendan Fraser und Dwayne „The Rock“ Johnson eine frisch gebliebene Neuauflage. Der Regisseur des neuen Anlaufs, Lee Cronin, verspricht eine „einzigartige, furchterregende Version, die sich von früheren Mumienfilmen unterscheidet.“ Die Heimlichtuerei geht so weit, dass erst seit heute früh um 6 überhaupt über den Film berichtet werden darf – in den USA läuft er erst morgen an. Ein Schuft, wer dabei auf die Idee kommt, die Produzenten könnten ihrem eigenen Produkt misstrauen.
betr.: 225. Geburtstag von Joseph Lanner
Dass der Walzer einmal skandalös war und eine Wirkung auf seine Zeitgenossen hatte wie später der Rock’nRoll, ist schwer vorstellbar – aber nicht unmöglich.
Er war nicht nur der erste Tanz, bei dem Tänzer und Tänzerin einander intensiv berühren konnten, er hatte mit dem Dreivierteltakt auch einen Rhythmus, der einen leichten Schwindel, einen Rausch auslöste.
Bevor der Name der Strauss-Dynastie zur Weltmarke wurde, war es Joseph Lanner, der dem Wiener Walzer seine charakteristische Form gab. Zusammen mit Johann Strauss/Vater entwickelte er aus Ländler, Deutschem und Vorstadttanz jene elegante Dreiviertelbewegung, die Wien musikalisch definieren sollte. Jedoch: Lanner war keineswegs „nur“ ein Wegbereiter der Wiener Tanzmusik. Seine frühen „Neuen Wiener Ländler“ zeigen bereits jene formale Verdichtung, aus der sich der große Konzertwalzer entwickelte. Während die Sträusse das Geschäft professionalisierten und internationalisierten, prägte Lanner den Ton: feinsinnig, oft melancholisch, mit einer kammermusikalischen Transparenz, die den ländlichen Walzer als urbane Kunstform adelte.
Die Konkurrenz zwischen Lanner und Strauss spaltete zeitweise das Publikum – „Lannerianer“ gegen „Straussianer“ hieß es damals. Der Grund: Im Wien des Vormärz wurde der Walzer zur klingenden Projektionsfläche einer Gesellschaft zwischen Biedermeier-Idylle und politischer Spannung.
Nach seinem Tod mit 42 gerät Joseph Lanner rasch in Vergessenheit. Seinen Rang als zentrale Figur einer musikalischen Zeitenwende – als Komponist, der den Wiener Walzer nicht nur populär machte, sondern ihm eine erste kulturelle Identität verlieh – ist es vor allem der Ruhm von Johann Strauss/Sohn, der seinem Andenken den Garaus machte. Erst 1904 erscheint eine Lanner-Biographie, die lange die einzige bleiben wird.
Über die Kultfigur Louis de Funès, dessen Filme aus der Glanzzeit von Mitte der 60er bis Mitte der 70er Jahre sich im Rückblick wie ein einziger durchgehender Film ausnehmen, spreche ich im heutigen Podcast mit dem Podcaster, Drehbuch- und Comedyautor Gerry Streberg.
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/kultfiguren-louis-de-funes
Und der hat mir auch verraten, wer heute noch an großen Komiker erinnert.
Zwei Filme nehmen wir genauer unter die Lupe:

Louis de Funès war der beliebteste Filmstar der Cassettenkinder-Generation, auch „Generation Fernsehkult“ oder schlicht „Baby Boomer“ genannt. Die Erwachsenen liebten ihn damals ohnehin, den kleinen zappeligen Despoten, der in einer Minute 40 Grimassen schneiden konnte.
„Fufu“, wie seine Landsleute ihn nannten, kam im Juli 1914 als Spross einer spanischen Adelsfamilie unweit von Paris zur Welt. Er arbeitete in vielen bürgerlichen und künstlerischen Berufen – u.a. als Zeichner und Barpianist – ehe er zu einer freien Theatergruppe stieß. Erst mit 27 begann er, Schauspielunterricht zu nehmen. Die ersten 80 Filme, in denen er auftrat, sind hierzulande bis heute unerschlossen. In den 50er Jahren begann de Funès, neben Stars wie Jean Gabin, Fernandel, Bourvil und Jean Marais markante Nebenrollen zu spielen.
Der Erfolg kam spät, aber gewaltig.
1964 wurde aus dem inzwischen kahlen Komiker, der soeben als „Balduin, der Gedschrankknacker“ in einer Hauptrolle funktioniert hatte, ein Star. Und das sollte er bleiben, 20 Jahre lang, bis zuletzt. Innerhalb weniger Monate glänzte de Funès in „Le Corniaud“ / „Scharfe Sachen für Monsieur“ an der Seite des Komikers Bourvil, in „Fantomas“ als beinahe gleichrangiger Star neben dem Haudegen Jean Marais und in „Der Gendarm von St. Tropez“, mit dem er eine langlebige Filmreihe begründete. Danach war der größte Publikumsliebling Frankreichs und erschien immer zuerst auf dem Plakat, wenn er auch klug genug war, ein fähiges Stamm-Ensemble um sich herum zu kultivieren, dem er keine Pointe missgönnte.
Obwohl tiefreligiös und nicht ohne Nationalstolz machte er sich auch über Religion und Patriotismus regelmäßig lustig – am meisten aber immer über sich selbst.
Ähnlich wie bei den Filmen seiner US-Kollegen Jerry Lewis und Laurel & Hardy – und schlimmer noch als dort – wurden die ohnehin knalligen deutschen Titel seiner Filme immer wieder verändert, um sie mehrfach auswerten und in Sommer- und Kinderkino-Programmen zusammenstellen zu können. Das sollte außerdem dabei helfen, den Publikumsliebling in der Hauptrolle sofort erkenntlich zu machen.
In diesen Überschriften hatte Louis de Funès drei Vornamen, unabhängig vom Rollennamen: Louis, Balduin – seit seinem frühen Erfolg als „Balduin der Geldschrankknacker“ – und „Oscar“ – seit seinem 1967 verfilmten frühen Theaterhit gleichen Namens, bei uns „Oscar der Korinthenkacker“, in dem er seinen Leinwandcharakter als cholerischer Tyrann in Familie und Büro ausformen konnte.
Dass ein so unangenehmer Charakter über Jahrzehnte so beliebt war, lag nicht nur am Charme und Comedy-Handwerk seines Darstellers, sondern auch an den von ihm mitgeschriebenen Geschichten: der Held ist stets gefährdet, Opfer seiner eigenen Methoden zu werden.
Näher betrachtet werden diese beiden Filme:
Le grand restaurant – Französisch-italienische Komödie von 1966. Deutsche Titel: Oscar hat die Hosen voll, Scharfe Kurven für Madame, Louis der Spaghettikoch u.a.
Monsieur Septime führt in seinem Pariser Nobelrestaurant ein strenges Regiment. Er schmäht seine Angestellten, züchtigt sie in einem Probenraum und besucht verkleidet sein eigenes Lokal, um herauszufinden, ob über ihn getratscht wird. Als ein südamerikanischer Staatschef ein Bankett bei ihm bestellt, ist Septime begeistert. Doch als das Licht gelöscht wird, um die berühmte Pyramide Septime zu flambieren, verschwindet der Ehrengast. Der Kommissar, der den Entführungsfall aufklären soll, verpflichtet den Patron, das Lösegeld zu übergeben …
Dieser Film zerfällt in zwei Teile: eine Sketchparade zum ergiebigen Thema Gastronomie im ersten Drittel, dann eine Agentenstory, die als Beitrag zu den Mitte der 60er Jahre allgegenwärtigen James-Bond-Parodien zu lesen ist. Die DEFA hat später von diesem Film eine Synchronfassung erstellt, die laut „TV Spielfilm“ „den französischen Wortwitz sehr viel pointierter umsetzt und darum die westdeutsche Version bei weitem übertrifft“. In der DDR hieß der Film übrigens schlicht „Das große Restaurant“.
Hibernatus (sinngemäß: „Der Winterschläfer“) – Französisch-italienische Komödie von 1969. Deutsche Titel: Louis taut auf, Onkel Paul die große Pflaume, Louis der Giftzwerg, Die Giftnudel, Der Familienschreck u.a.
Der Unternehmer Paul de Tartas freut sich auf die Verheiratung seines Sohnes mit der Tochter eines reichen Geschäftsfreundes, als eine Sondermeldung Aufsehen erregt: nachdem er 65 Jahre im Ewigen Eis verschollen war, ist ein Polarforscher wieder aufgetaut worden und lebt. Wie sich zeigt, handelt es sich dabei um den Großvater von Madame de Tartas. Der noch immer jugendliche Abenteurer soll nach Hause zurückkehren. Um ihm einen Schock zu ersparen, muss die frisch modernisierte Villa in den Zustand der Belle Époque zurückdekoriert werden, Edmé de Tartas wird wieder zu Mama Fournier, und für Familienoberhaupt Paul ist kein Platz mehr. Er lässt sich zähneknirschend darauf ein, doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis ihm der Kragen platzt …
Diesmal bekommt Louis, der Familientyrann, besonders starken Gegendruck: von seiner Film-Ehefrau Nr. 1 Claude Gensac, die eigentlich die Reiche in der Familie ist, von seinem leiblichen Sohn Olivier, der einmal mehr mit ihm vor der Kamera steht, von einem totgeglaubten Verwandten aus dem 19. Jahrhundert, außerdem von Staat und Wissenschaft. Das alles gipfelt in einem furiosen Zappelmonolog, der dem aus „Oscar“ nicht nachsteht, und einer besonderen Pointe.
In etwas über einer Stunde steht die Handlung niemals still. Sie wechselt zwischen kluger Motivation und haarsträubenden Zufällen, wie es einer Komödie gut bekommt, und gibt de Funès herrliche Stichworte für seine schönsten Posen. Und dem übrigen Ensemble auch.
Nächste Woche: der Kultfilm-Azubis Masters Of The Universe und der Geheimtipp Ein Mann geht durch die Wand
Zum Tode von Mario Adorf
Das letzte Interview, das mir von Mario Adorf bekannt ist, gab er knapp 100jährig in St. Tropez. Und zwar einer TV-Zeitschrift, was der Sache zusätzliche flockig-terminfreie Leichtigkeit verlieh. Das passt zu diesem Glückspilz, zu einem Bundesbürger, der immer noch ein Bein im herrlichen Italien zu stehen hatte, dem großen Sehnsuchtsland der übrigen Bundesbürger. Er musste nicht einmal wirklich große Kunst herstellen – wenn es da auch viele illustre Projekte gegeben hat -, um vom Publikum im Abonnement geliebt zu werden. Keines von diesen Werken hat mich nachhaltig erreicht (Ausnahme weiter unten) oder sonderlich interessiert. Warum spreche ich trotzdem darüber? Mario Adorf vermittelte mir immer das Gefühl, sich der Sonne auf seiner Seite bewusst zu sein. In seine Lebensfreude mischte sich immer ein demütiger Schuss Bescheidenheit.
Vor etwa zehn Jahren Jahren war Adorf in der TV-Doku „Du sollst nicht langweilen – Billy Wilder“ als Zeitzeuge zu sehen. Völlig zu recht stehen bei der Betrachtung des Lebenswerkes dieses Regisseurs stets das Genie, die Erfolge und Leistungen im Vordergrund. Adorf war schon aus Gründen seiner Lebensdaten eher jemand, der den Meister in seiner Abenddämmerung antraf. Was der Schauspieler zu erzählen hat, ist bestrickend und fulminant, steht in keinem der zahlreichen Bücher über Wilder und verknüpft sich mit dem auf hochinteressante Weise missglückten, überaus sehenswerten Drama „Fedora“. Das ist ein Spätwerk wie es im Buche steht. Mario Adorfs Auftritt darin ist witzig und atmet die mediterrane Folklore, die auch seine Fans an ihm geschätzt haben. Besonders lustig ist er, als er die „Air-Condition“ einschaltet.
betr.: 100. Jahrestag der Uraufführung des Films „Die Biene Maja und ihre Abenteuer“ nach dem gleichnamigen Buch von Waldemar Bonsels im Berliner Capitol-Theater

Als „Die Biene Maja“ ihren Jungfernflug über den Bildschirm und in unsere Kinderzimmer machte, hatte ich zum ersten Mal das erhabene Gefühl, „das Buch zum Film“ schon gelesen zu haben. Aber stimmte das überhaupt? Was ich gelesen hatte, war eine als Sammelbildchen-Klebealbum daherkommende Adaption, von der ich heute annehme, sie müsste zusammengestrichen worden sein – so wurde das mit fast allen sogenannten „Jugendbuch-Klassikern“ gemacht, wie ich nach und nach erfuhr.
Schon der Blick aufs Titelbild meiner Ausgabe verrät: die Heldin war ursprünglich nicht so mollig wie in der Zeichentrick-Version der 70er, hat aber im Zuge ihrer 3D-Neuauflage ihre Wespentaille zurückerhalten. Zu solchen Bodyshaming-Aspekten fiel dem Autor vor hundert Jahren freilich noch nichts ein. Heute werden sogar frei erfundene Insekten in unseren Geschlechterdiskurs hineingezogen.
Apropos Taille: im Buch wie auch in der alten Serie kommen Wespen gar nicht vor, es ist ausschließlich von Hornissen die Rede.
betr.: 5. Todestag von Marshall Sahlins
Selbst Ulrike Herrmann, Wirtschaftsredakteurin der als linkslastig wahrgenommenen „taz“, gesteht in einem Buchtitel: „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“. Der entfesselte Raubtierkapitalismus der Jahrtausendwende ist es zwar auch nicht, aber in dieser Debatte fehlt es seit jeher an ausgewogenen Standpunkten. Wir erinnern uns: etwas Besseres als der a priori undemokratische Kommunismus (oder sich abgemildert gebärdende Varianten, die ebenso undemokratisch sind) sind in der Weltgeschichte als Alternativen zum Kapitalismus bisher nicht ausprobiert bzw. von einem Wahlvolk zugelassen worden, das überhaupt noch gefragt wurde. Insofern sehe ich der Lektüre dieses Essays mit großer persönlicher Neugierde entgegen.
Marshall Sahlins gehört neben Claude Lévi-Strauss und Marcel Mauss zu den maßgebenden Anthropologen des 20. Jahrhunderts. In seinem 1972 erschienenen Essay „Die ursprüngliche Wohlstandsgesellschaft“, der inzwischen auf Deutsch vorliegt*, unternimmt er eine grundlegende Revision des westlich-ethnozentrischen Blicks auf Jäger- und Sammlergesellschaften. Ausgangspunkt seiner Kritik ist die Beobachtung, dass diese Gesellschaften meist aus der Perspektive moderner Industrie- und Agrargesellschaften beurteilt wurden – häufig zu einem Zeitpunkt, als sie bereits durch Kolonialismus, Vertreibung und die Einengung auf marginale Lebensräume tiefgreifend verändert waren.
Sahlins argumentiert, dass Jager und Sammlergesellschaften keineswegs in permanenter Not lebten. Im Gegenteil: Sie verfügten über ausreichend Nahrung. Und da sie nicht an der Anhäufung von Gütern interessiert waren, also wenig materielle Bedürfnisse hatten, mussten sie nur wenige Stunden pro Woche arbeiten und es blieb ihnen viel Zeit für Muße.
Besonders provokant war Sahlins‘ Infragestellung der neolithischen Revolution, die in der Anthropologie lange als zivilisatorischer „großer Sprung nach vorn“ gefeiert wurde. Er zeigt, dass der Übergang zu Ackerbau und Sesshaftigkeit vielfach mit härterer Arbeit, geringerer Lebensqualität, Hungersnöten und dem Beginn struktureller Ungleichheit einherging.
Der Essay wurde weit über Fachkreise hinaus rezipiert und als fundamentale Kritik am ökonomischen Rationalismus und an der Selbstgewissheit westlicher Gesellschaften gelesen. Zugleich wurde er häufig missverstanden, insbesondere als sozialromantische Verklärung vormoderner Lebensweisen. Von paradiesisch kann bei starker sozialer Kontrolle, geringer Lebenserwartung und hoher Kindersterblichkeit in Jäger- und Sammlergesellschaften kaum die Rede sein. Marschall Sahlins ging es um die Frage, wie Wohlstand abseits kapitalistischer Maßstäbe verstanden werden kann.
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* Marshall Sahlins, „Die ursprüngliche Wohlstandsgesellschaft“, übersetzt von Heide Lotusch, Matthes & Seitz Berlin, 2024