betr.: 11. Todestag von Christopher Lee
Als Christopher Lee starb, war er einer der angesehensten und populärsten Schauspieler überhaupt. Die Mischung, die er zu bieten hatte, war unwiderstehlich: eine jahrzehntlange Karriere, seine bis zuletzt imposante Erscheinung, die Würde, die er jeder seiner Rollen mitgab, von denen mehrere in der Popkultur Legendenstatus erreichten, und schließlich seine britische Herkunft, die alles wie ein Kitt zusammenhielt. (Er konnte sogar deutsch, und wir hören in einigen Filmen seine Originalstimme.)
Ihm war es vergönnt, als Ensemblemitglied des kleinen britischen Hammer-Filmstudios mit „Dracula“ das wichtigste Filmmonster der neuen Welle zu verkörpern. Dass es Lee sogar gelang, diesen Part seinem großen Vorgänger aus Hollywood zu entreißen, dem unlängst verstorbenen Bela Lugosi, lag nicht zuletzt daran, dass er tatsächlich die bessere Arbeit ablieferte.
Doch der Ruhm als Gruselfilm-Star behinderte ihn auch und schloss ihn von allen anspruchsvollen Projekten aus. Erst 1970 kam ein großer Hollywood-Regisseur und befreite Christopher Lee aus dieser Notlage: „Da ich in einem Film von Billy Wilder spielen konnte, dessen Werk die ernsten wie auch die komischen Momente beinhaltet, konnte ich wirklich für jeden arbeiten. Wenn mich ab diesem Zeitpunkt jemand noch immer auf mein altes Rollenfach festlegen wollte, hatte er schlicht und einfach seine Hausaufgaben nicht gemacht.“
Der Film hieß „Das Privatleben des Sherlock Holmes“.
Lee war stolz darauf, als einziger Schauspieler nicht nur Sherlock Holmes, sondern außerdem auch dessen Bruder Mycroft verkörpert zu haben.
Er erinnert sich:
»Ich kannte Adrian Conan Doyle, einen der beiden Söhne des Autors. Er verriet mir, dass die Namen Sherlock und Holmes beide von bedeutungslosen Cricketspielern stammten, ich weiß nicht, ob das wirklich stimmt.
Adrian war sehr nett zu mir, auch nachdem er mich in meinem fürchterlichen ersten Film als Holmes gesehen hatte, den ich in den frühen 60er Jahren in Berlin gedreht habe: „The Deadly Necklace“ („Sherlock Holmes und das Halsband des Todes“). Dr. Watson war Thorley Walters. Es waren gute deutsche Schauspieler dabei, die solide Englisch sprachen, aber alles – auch mein Part – wurde anschließend synchronisiert. Der Ausstatter baute die schönste Baker Street, die ich je gesehen habe, Terence Fisher führte Regie.
Ich habe die Rolle noch einmal gespielt. Es waren zwei Filme, die parallel von „Harmony Gold“ produziert wurden. In „Sherlock Holmes And The Leading Lady“ deckt Holmes den Plan auf, den Kaiser von Österreich zu ermorden. In „Incident At Victoria Falls“ wird er von König Edward VII nach Simbabwe geschickt, um den „Stern von Afrika“ mitzubringen, den berühmten Diamanten. Er liegt heute im Tower Of London bei den Kronjuwelen, wirklich wahr. Ich nehme den Stein also an mich, und er wird gestohlen. Wir enden mitsamt allen Verdächtigen in den Victoria-Wasserfällen. Claude Akins spielte Theodore Roosevelt. Es gibt eine wunderbare Szene, in der er fröhlich plaudernd vorne auf einem fahrenden Zug sitzt. Patrick Macnee war auch mit dabei – er ist ein paar Monate älter als ich, woran ich ihn immer gern erinnere.
Es waren zwei sehr gute Filme, die fürs Fernsehen auf die Hälfte gekürzt wurden.
In „Das Privatleben des Sherlock Holmes“ wurde Sherlock von Robert Stephens gespielt, Colin Blakely war Dr. Watson. Die geschnittenen Szenen habe ich nie gesehen. Es gibt mindestens zwei weitere Geschichten, die man für eine Laserdisc-Veröffentlichung versuchte, wieder herzustellen. Ich kenne nur das, was im Film ist: die Ballerina, die Holmes als Vater für ihr Kind engagieren will, und die Affäre um Loch Ness, das Ungeheuer und Queen Victoria.
Ich kann die Geschichten, die man sich über Loch Ness erzählt, gut nachvollziehen, Es ist wirklich ein gruseliger, finsterer Ort. Es würde mich nicht überraschen, wenn da wirklich etwas im Wasser wäre. Der See ist weitläufig, kalt, still und dunkel – ganz besonders, als wir dort unsere Nachtszenen drehten.
Billy Wilder hat mich nie auf meine Vergangenheit angesprochen. Es kam nur zu dieser einen Bemerkung. Während eines Nachtdrehs an der Burg – es war dunkel, und Fledermäuse flogen herum – warf er mir einen Seitenblick zu und sagte: „Du musst dich hier ja wie zu Hause fühlen.“ Dann hat er nie wieder etwas in der Art gesagt.
Der beste Regisseur, mit dem ich je gearbeitet habe.«