Kultfilm Azubis: Allein unter Mackern

Um Heldinnen, die sich allein unter Mackern herumzuschlagen haben, geht es in der heutigen Folge unseres Podcasts. Dass Frauen es viel schwerer haben als Männer in vergleichbarer Lage, wissen wir nicht erst, seit jemand auf die Idee kam, den Gender-Pay-Gab auszurechnen. Doch die Geschichten, die dieses Ungleichgewicht verhandeln, rühren und erreichen uns umso mehr, je unterhaltsamer sie sind. Und das kann auf ganz unterschiedliche Art gelingen. Hier kommt zunächst die klassische Methode:

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A) La Strada – Das Lied der Straße
Italienisches Drama von 1954

Die Jahre im Schaustellerbetrieb haben den fahrenden Entfesselungskünstler Zampano (Anthony Quinn) zu einem jähzornigen Rohling erkalten Lassen. Wie einen Hund kauft er von einer Familie das Dorfmädchen Gelsomina (Giulietta Masina) und richtet es zu seiner Assistentin ab. Ihre Hoffnung, bei ihm Geborgenheit zu finden erfüllt sich nicht. Als letzte einer langen Serie von Demütigungen wird sie schließlich von ihm verstoßen. Zampanos Reue kommt spät …

Federico Fellinis Kino feiert die Fantasie, den Traum und die Sinnlichkeit – und das Publikum ihn dafür. In den Jahren fortwährender Erfolge blieb dieser frühe Titel immer präsent. Bereits hier hören wir die Musik von Nino Rota, der gemeinsam mit Fellini fortan ein legendäres Team bildete. „La Strada“ bekam den Oscar als bester ausländischer Film, ist einer der wichtigsten europäischen Klassiker überhaupt und begründete das Imperium des Filmrechtehändlers Leo Kirch. Der „große Zampano“ ging in den Sprachgebrauch der Wirtschaftswunderjahre über.

B) Coma
US-Krankenhausthriller von 1978

Die am Boston Memorial tätige junge Ärztin Dr. Susan Wheeler ist schockiert: eine kerngesunde Freundin ist während einer Abtreibung ins Koma gefallen. Susan wird misstrauisch, als sie bemerkt, dass sich solche Unfälle immer im OP Nr. 8 ereignen. Ihr Freund und ehrgeiziger Kollege Mark beschwichtigt sie, doch sie schnüffelt weiter und erregt sogar den Unmut des Klinikchefs. Als sich Susan schließlich in das einsam gelegene Jefferson-Institut einschleicht, in das die Komapatienten der Klinik üblicherweise gebracht werden, wird ein Killer auf sie angesetzt …

„Coma“ ist ein liebevoller, inspirierter Film. Ihn durchzieht ein fein gewebtes Hintergrundrauschen aus teils fachlichem, teils privatem Smalltalk in den Räumen und Fluren der Klinik. Die Streitereien des jungen Heldenpaares – Geneviève Bujold und Michael Douglas in seiner ersten Kinorolle nach „Die Straßen von San Francisco“ – ist von Bergman’scher Beobachtungsgabeund emanzipatorisch aktuell. Regisseur Michael Crichton ist der Erfinder zahlloser großer Filmstoffe wie „Futureworld“, „Westworld“, „Jurassic Park“ und „Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All“.

Nächste Woche: die Kultfigur Louis de Funès und seine Filme Onkel Paul die große Pflaume und Oscar hat die Hosen voll. Zu Gast: Gerry Streberg

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Duzen im Kinderfunk

betr.: Eine Senfzugabe zur „Spiegel“-Titelgeschichte „Hey Du! – Die Tyrannei des Duzens und der neue Wunsch nach mehr Respekt“

„Soll ich Ihnen was sagen? Ich verhungere! Sie fragen, warum? Weil ich seit vier Wochen keine einzige Ameise gefangen habe!“ – Bild: Mirisch Films Inc.

Das Siezen ist nicht nur grammatikalisch einfacher als das Duzen, es ist auch witziger. „Hallo Sie!“ ist komischer als „Hey Du!“, und am falschen Platz gebraucht, macht es eher Vergnügen als das Duzen, das im unrichtigen Moment in der Regel beleidigend wirkt.
Einen ersten Eindruck davon bekam ich als Mitglied der Zielgruppe im Kinderfernsehen der 70er Jahre, wo uns regelmäßig Filme und Cartoons präsentiert wurden, die sich ursprünglich an Erwachsene gerichtet hatten.
Die Cartoons um „The Ant And The Aardvark“ (17 Episoden, DePatie-Freleng Enterprises 1969 – 1971) wurden in der deutschen ZDF-Kinderfunk-Version sogar noch um eine subversive Ebene ergänzt. Synchronbearbeiter Eberhard Storeck machte aus dem männlichen Erdferkel ein Ameisenbärweibchen, das er „Die blaue Elise“ nannte und mit der Komödiantin Marianne Wischmann („Miss Piggy“) stimmlich besetzte. Das würzte nicht nur der Beziehung zu der von ihr verfolgten männlichen Ameise, es brachte auch zusätzlichen Camp in ein Format, das mir erstaunlich müde erschien, als ich es erstmalig im O-Ton betrachtete.
Das Besondere: die Heldin Elise, die sich mit regelmäßigem Blick in die Kamera des Mitgefühls ihres Publikums versicherte und ihre Niederlagen wacker kommentierte, siezte dieses Publikum – und das in der Kinderstunde.
Ich fand es damals nicht auffallend, aber doch sehr angenehm, von einer Cartoonfigur gesiezt zu werden. Und ich begreife mit dem heutigen Abstand, wie viel komischer Storecks subtile deutsche Texte dadurch wurden und geblieben sind.

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Immer wieder neu beginnen

betr.: 21. Todestag von Harald Juhnke

Der Schauspieler und Entertainer Harald Juhnke (der „deutsche Sinatra“, wie er nach einer Anregung durch ihn selbst bald allgemein genannt wurde) konnte auch deshalb so tief in seinem Alkoholismus versinken, weil ihn die beiden großen deutschen TV-Sender der damaligen Zeit ARD und ZDF immer weitermachen ließen: wurde er von einem Kanal geschasst, weil er im Suff wieder etwas angestellt hatte, konnte sich immer darauf verlassen, dass der jeweils andere ihn dankbar unter Vertrag nahm, denn Juhnke war verdammt gut in dem, was er machte.
Ein Kollege, der mit ihm zuletzt gemeinsam auf der Theaterbühne stand, erzählte mir, wie sich die Folgen des Alkoholkonsums bei den großen Kollegen in der Endphase auswirkten. Nach der Pause kam Juhnke auf die Bühne und begann wieder mit dem ersten Akt des Stücks.

Juhnke-Biograf Rüdiger Schaper weiß zu berichten: »Sinatra und Juhnke sind sich nie begegnet; nicht einmal ein Händedruck, ein Drink, woher auch? Im Juni 1993 gab der alte Mann aus Amerika noch einmal ein Konzert in der Berliner Deutschlandhalle. Wie ein „Stranger In The Night“, so die „Bild-Zeitung“, wartete Sinatras größter Fan am Bühneneingang, vergebens. Etwas näher ist er im Februar 1997 herangekommen, als er vom Cedars-Sinai-Hospital in Los Angeles ärztlichen Beistand erhielt. Es ist das Prominenten-Krankenhaus, zu dessen Patienten auch Frank Sinatra gehört.«
Ein herzloser Journalist wies im Zusammenhang mit dieser Einweisung darauf hin, wie man dort Juhnkes Namen vermutlich ausgesprochen hat: Junkie.

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Künstler, Nachbar und aktiver Vereinskamerad

betr.: 91. Geburtstag von Rolf Becker / St. Georg

Wann immer mich Menschen besuchen, die ein Weilchen nicht hier waren, erzählt man mir, wie sehr sich das Viertel seit letztens wieder verändert habe – weniger Kultur-Läden (wenn auch die Buchhandlung Wohlers wohl weiterbestehen wird, obwohl wir ihren Inhaber kürzlich verloren haben) und statt der unzähligen Bäckereien, die sich zuletzt epidemisch ausgebreitet haben, gibt es jetzt immer mehr Barbiere. Das ist der Lauf der Welt, und hier vollzieht er sich vielleicht ein klein wenig langsamer und freundlicher als anderswo. Aber er vollzieht sich.
Früher war dies hier auch ein Künstlerviertel, rund ums Deutsche Schauspielhaus herum. Vor einigen Monaten hat uns einer der quasi-Ureinwohner verlassen: Rolf Becker.
In unserem Stadtteilmagazin „Der lachende Drache“ schrieb Liane Lieske dazu: „Als wir 1988 nach St. Georg zogen, haben wir uns (…) hier im Stadtteil immer wieder getroffen und 2019 im Rathaus eine gemeinsame Lesung – mit Sylvia, Kai Degenhardt und uns als Literarisches Menuett – gemacht. Wahrscheinlich war ich – tja was? – nicht linientreu? Keine richtige Kommunistin? – Keine Ahnung. Ich fand ihn manchmal zu dogmatisch, aber ich habe ihn trotzdem geschätzt, weil er solidarisch und empathisch war mit unterdrückten und benachteiligten Menschen.
Meine letzte Begegnung mit ihm war bei der Gedenkfeier für Jürgen Wohlers, wo ich neben ihm saß, und als er mir nach meinem Beitrag anerkennend zunickte, war ich doch beglückt (ich als Laiin). Ich habe ihm einmal gesagt, dass er mich zum Lachen bringt (bei einer Lesung meines Kinderbuches, ich erinnere mich nicht mehr, welches, im St. Ansgar-Haus, Schmilinskystraße) und zum Weinen (Lesung Carl von Ossietzky im Malersaal). Und nun, weil er fehlt.“

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Kultfilm Azubis: Urban Professionals

Erinnert sich noch jemand an diese Typen, die man rund ums neue Millennium als Yuppies bezeichnet hat: die Young Urban Professionals? Um solche Leute, die sich beim Streben nach Glück ein wenig verrannt haben, geht es im heutigen Podcast:

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A) American Psycho
Amerikanische Sozialsatire von 2000

Der eitle Wall-Street-Broker Patrick Bateman jongliert mit Millionen, führt ein von Luxus und pseudointellektuellem Smalltalk bestimmtes Leben. Er verachtet sein soziales Umfeld, das er als ebenso hohl und degeneriert empfindet wie sich selbst. Anders als seine Freunde sucht er sich jedoch ein Ventil für seinen Welt-Ekel: er verübt sadistische Morde, über die er gelegentlich sogar ganz offen spricht. Doch er wird als Scherzbold missverstanden. Seine Taten bleiben ohne jede Konsequenz …

Der Zeitgeist der Jahrtausendwende lässt sich auch am Wirbel ablesen, den der Skandalroman „American Psycho“ von Bret Easton Ellis 1991 erzeugte – ein Erfolg, der die Verfilmung fast obligatorisch machte. Der ehemalige Kinderstar Christian Bale hätte die Rolle, die ihn nachhaltig berühmt machen sollte, um ein Haar an einen berühmteren Kollegen verloren. Doch alle fürchteten einen drohenden Image-Verlust und die Schinderei durch Training und Diät, um den makellos-narzisstischen Psychopathen überzeugend darstellen zu können. Bale hat sich auch später gern für extreme Auftritte vor der Kamera geschunden.

B) Glengarry Glen Ross
Amerikanisches Drama von 1992

In einem New Yorker Maklerbüro versuchen vier Grundstücksspekulanten alter Schule, per Telefon Käufer für ein wertloses Sumpfgebiet zu finden. Die Zentrale schickt einen protzigen Topmanager, der sie als „Versager“ beschimpft und ihnen ein Ultimatum stellt. Derjenige, der in den nächsten Tagen die meisten Abschlüsse tätigt, bekommt einen Luxuswagen. Die beiden schlechtesten Verkäufer werden entlassen. Das bedeutet Krieg unter den Kollegen, doch es führt auch zu einer seltsamen Allianz …

Auf der Bühne trug dieses Kammerspiel von David Mamet den hübscheren Titel „Hanglage Meerblick“. Die komplett männliche Darstellerriege wirkt heute wie aus einem Casting-Märchenbuch. Der Jüngste ist Kevin Spacey, der Älteste sein Förderer Jack Lemmon, der im Herbst seiner Karriere eine besonders denkwürdige Darstellung abliefert: die tragische Karikatur seines tragikomischen Helden C. C. Baxter, in Billy Wilders „The Apartment“. Das Theaterstück erhielt den Pulitzerpreis, der Film fiel beim Publikum durch.

Nächste Woche: La Strada – Das Lied der Straße und Coma  

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Der Song des Tages: „Zwei Märchenaugen“

betr.: 100. Jahrestag der Welt-Uraufführung der Operette „Die Zirkusprinzessin“ von Emmerich Kálmán im „Theater an der Wien“

Mr. X – unkenntlich durch eine Maske – führt im Zirkus eine gefährliche Reit- und Springnummer vor. Als er der schönen Fürstin Fedora Palinska vorgestellt wird, die ihm zuvor applaudiert hat, erkennt sie ihren einstigen Verehrer nicht wieder und behandelt ihn herablassend. Mr. X ist der Interpret des Liedes, um das es geht.
Es ist ein wenig unhöflich, eine Arie, von der eine Fassung des großen Fritz Wunderlich vorliegt, lieber von jemand anderem zu hören. Wunderlich versteht die Nummer vom (augenscheinlich heiteren) Refrain her, von der Titelzeile des „Operetten-Glanzlichtes“ „Wenn man das Leben durchs Champagnerglas betrachtet“; das Tempo ist von Anfang an flott und beschwingt.
Die vorangehende Strophe „Wieder hinaus“ entdeckte und begriff ich erst, als ich sie in einer dieser insgesamt spießigen Operettenverfilmungen des ZDF, die in meiner Jugend häufig gezeigt wurden, den damals sehr populären Rudolf Schock singen sah und hörte. Wie er in seiner Künstlergarderobe die Verachtung beklagt, mit der das Bürgertum seinesgleichen behandelt – ungeachtet des bescherten Frohsinns und der bereiteten Zerstreuung – das ist groß und wahr und wahrhaftig.
Schock gibt dieser Arie von den „Zwei Märchenaugen“ ihre Doppelbödigkeit zurück und macht aus dem Champagnerglas ein Gewässer, aus dem man nicht nur schlürfen, sondern in dem man auch ersaufen kann. Er hebt sie hinauf in den stilübergreifenden Lieder-Olymp, in dem solche unerreichten einschlägigen Meisterstücke wie „Laugh Clown Laugh“ und „Let’s Face The Music And Dance“ verwahrt sind.

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Ein Allerlei aus Resten

Aktuelle Filmkritik

Seit dem Quellenwerk „Alte Frauen in schlechten Filmen“ wissen wir, dass ein Auftritt in einem Horrorfilm für Filmstars mit Vergangenheit ein böses Omen sein kann. Gilt das heute noch? Gilt heute überhaupt noch irgendwas? Ein flammneuer Gruselfilm gibt Auskunft!
Und der aktuelle Podcast:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/they-will-kill-you

They Will Kill You
Horrorfilm von Kirill Sokolov

Warte nur ein Weilchen: Zazie Beetz sucht den Ausgang … – Bild: WB / Nocturnia

Vor zehn Jahren schoss Asia Reaves auf ihren gewalttätigen Vater. Sie wanderte ins Gefängnis und musste ihre kleine Schwester Maria hilflos bei dem Mann zurücklassen, vor dem sie ihn eigentlich schützen wollte. Wieder auf freiem Fuß, will Asia ihre inzwischen erwachsene Schwester aufsuchen, doch Maria ist spurlos verschwunden. Ihr letzter bekannter Job war: Dienstmädchen in einer exklusiven Residenz mitten im gentrifizierten Manhattan, dem monströs-mondänen „Virgil“. Asia bemüht sich dort ebenfalls um eine Anstellung. Von Anfang an hat sie weniger mit der Versorgung der reichen Gäste als vielmehr damit zu tun, sich die Satanisten vom Hals zu halten, die das Haus bewirtschaften. Immerhin findet sie tatsächlich Maria wieder …

Sein Low-Budget-Kammerspiel „Why Don’t You Just Die!“ und den Nachfolger „No Looking Back – Ohne Rücksicht auf Verluste“ realisierte der russische Filmemacher Kirill Sokolov noch in der Heimat, dann siedelte er in die USA über. In seiner neuen Horror-Actionkomödie spielt Zazie Beetz, die wir aus „Deadpool 2“ kennen, die Hauptrolle. Ihre fieseste Gegenspielerin ist Patricia Arquette.
Das Eröffnungsbild ist großartig, wenn es auch als Botschaft dieses Films – ja, so etwas wird hier wirklich behauptet – nicht trägt: eine wohlhabende Familie, die von Schaufensterpuppen dargestellt wird, sehen wir erst aus der Nähe, dann durch eine Schaufensterscheibe, vor der ein übles Unwetter tobt. In dieser Welt leben die Heldin und ihre kleine Schwester. Immer mal wieder wird gegen „reiche Leute“ gewettert, auch ganz zuletzt, als Schlusswort.
In den nächsten Minuten werden noch ikonische Bilder als „Psycho“ und „Shining“ zitiert, dann verlöschen derart weit zurückreichende Anspielungen.
Beim Betrachten des Films fällt auf: Trash wirkt heute wertiger als früher, aber es bleibt Trash. Schlechtes muss nicht billig sein – oder doch zumindest nicht billig aussehen.

Zugegeben: das Wort „Horror-Actionkomödie“ habe ich aus der Verleihwerbung zitiert. Was hier missglückt, ist keine Komödie, es geht eher in Richtung Klamotte und tut auch dieser Gattungsbezeichnung unrecht.
Die mörderischen Action-Ballette, die vor knapp 30 Jahren noch eine Sensation waren, kann heute jede KI herstellen – was sie nicht muss, da uns solche Bilder längst zum Hals raushängen. Das hat Gruselmeister Sokolov nicht mitbekommen, und so beglückt er uns schon in der ersten Viertelstunde mit einem Gemetzel, das keine Steigerung mehr erfahren wird und das – was noch schlimmer ist – auch jedes Geheimnis zerstört, womit wir es bei diesem Edel-Spukhaus zu tun haben. Damit ist auch jeglicher Neugier der Hals umgedreht, was die Heldin in diesem Gemäuer noch erwartet. Zwar wird sich noch eine Erklärung fürs Finale aufgehoben, doch bis die kommt, sind wir längst gegen alles kreuzweise abgestumpft, was in irgendeiner Weise mit Feuer, platzenden Köpfen, Messerkämpfen, Augenverletzungen, Blutfontänen und choreographiertem KI-Slomo-Rumgehopse zu tun hat.
„They Will Kill You“ ist, selbst wenn wir die geringsten Splatter-Erwartungen zugrundelegen, ein derartig wertloser Mist, dass die Rezension hier zuende ist.

Für alle, die noch mögen, nutze ich die restliche Zeit, um zu sortieren, womit wir es hier zu tun haben: mit dem aktuellen Endstadium der Post-Tarantino-Epoche. Was wir hier geboten bekommen, ist restlos alles, worauf wir heute noch hoffen dürfen, wenn sich Schlachtfeste wie diese irgendwie in einen Film einbauen oder in seiner Handlung motivieren lassen. Auch der kürzlich bei den Oscars gefeierte „Blood And Sinners“ ist erkennbar ein Kind dieser Strömung.

Als Quentin Tarantino vor etwas über 30 Jahren seinen Durchbruch hatte, glaubten alle, sie wüssten jetzt, wie sowas geht. Es war, als wäre eine kurze Geheimformel aufgesagt worden, die man nur phonetisch nachplappern muss. Eine Flut von Filmen mit quasselnden Killern und flapsigen Psychopathen ergoss sich in der zweiten Hälfte der 90er Jahre auf die Leinwände. Auch im deutschen Film mangelte es nicht an halbstarken Imitationsversuchen.
Tarantino selbst wurde unterdessen in seinen Konzepten größer, in seinem Idiom opernhafter, in der Erzählung langatmiger. Waren es zunächst „Pulp Fiction“– und „Reservoir Dogs“-Nachahmungsversuche, die jetzt jeder zu beherrschen glaubte, kriegen wir heute hauptsächlich „Kill Bill“– und „Django Unchained“-Varianten zu sehen, nur ohne die popkulturelle Bildung und den persönlichen Geschmack, den wir bei Tarantino bis zuletzt spüren konnten, auch wenn wir letzteren nicht immer teilen mochten. Was ein hochmögendes Prestige-Produkt wie „Blood And Sinners“ mit Küchen-Abfall von der Sorte unseres heutigen Gegenstandes letztlich verwechselbar macht, ist dieses völlige Fehlen von einem Interesse für das Kino an sich, das Kino vor Tarantino, das diesen noch prägte und amüsierte.
Schon hier beginnt das große Missverständnis: Quentin Tarantino hat das, was er da zitierte, nicht nur unerwartet gemischt und zu etwas Eigenem gemacht, er hat diese Sachen erst einmal angeschaut und persönlich geliebt und nicht einfach nur geplündert. Wer ihn heute plündert, interessiert sich nicht für solche Sentimentalitäten. Inspiration ist was für alte Heinis. Sie ist out.   

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Bothered and bewildered

Zum Start des Films „Blue Moon“ am Donnerstag

Zum Hören: https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/blue-moon

Richard Linklater ist ein sehr sorgfältiger Autor und Regisseur, der lange an seinen Filmen arbeitet. Das können Mehrteiler wie die „Before“-Trilogie sein, aber auch eine Langezeitstudie wie „Boyhood“ oder der für 2040 angekündigte „Merrily We Roll Along“. Zurzeit sind zwei seiner Filme parallel unterwegs, beide nach realen Begebenheiten aus dem Kulturbetrieb: das Kammerspiel „Blue Moon“ und der programmatisch betitelte Schwarzweißfilm „Nouvelle Vague“ über die gleichnamige Strömung des französischen Kinos nach dem Krieg.
Zum Letzteren schrieb der „Spiegel“ etwas, das auf beide zutrifft: »Alle Protagonisten geben permanent geistreiche Sätze von sich, (…) ein Quell von Sentenzen, literarischen Zitaten, Apercus; und in manchen Passagen wirken die Dialoge wie eine zu dichte Aphorismensammlung. Verstärkt durch die perfekt kuratierten Kulissen erlangt die (…) Ästhetik stellenweise eine beinahe pornografische Intensität. In dieser Opulenz liegt schließlich auch der elementare Unterschied zwischen Original und Rekonstruktion.«

Während „Nouvelle Vague“ klassische Filmszenen wiederherstellt, ist „Blue Moon“ eher ein Backstage-Bericht, der am Premierenabend des Broadway-Musicals „Oklahoma!“ spielt. Dieses markierte 1943 den Wechsel des Erfolgskomponisten Richard Rodgers von seinem langjährigen Songtexter Lorenz Hart zu Oscar Hammerstein II. Heute wissen wir, dass dies eine endgültige Veränderung sein würde. Und dass das Musical wie auch das Duo Rodgers & Hammerstein Geschichte schreiben sollten.
Der aussortierte Liedtexter sitzt nun am Abend der Premiere im „Sardi’s“ und ist so niedergeschlagen, als wäre ihm beides schon bewusst. Als spitzfindiger, homosexueller Satiriker lässt er sich seine Endzeitstimmung nur mit starker ironischer Brechung anmerken.

Der erste Teil des Films wird hauptsächlich von Ethan Hawke als Lorenz Hart und von Bobby Canavale als Barmann getragen, deren Dialog aus einem pointierten Theaterstück stammen könnte. Dann treffen nach und nach die anderen Premierenbesucher und -beteiligten ein, schließlich auch Rodgers & Hammerstein. Sie lesen die ersten Kritiken (alle hymnisch) und brechen schließlich zu ihrer Feier auf. Hart wird ankündigen, später dazuzustoßen und natürlich nicht hingehen – wie käme er dazu? Er schwadroniert immerzu von seiner Gegenparty, auf der das Golden Gate Quartet singen wird.

Ich bin nicht unvorbelastet: die Details der Trennung von Rodgers & Hart, die abgesehen von Cole Porter die witzigsten, zeitlostesten Musicals der 30er Jahre verfasst haben und damit Dutzende unsterblicher Hits wie „My Funny Valentine“ und „The Lady Is A Tramp“, hat mich schon immer interessiert. Ich habe mich gefragt, wie es wohl gewesen sein mag, als sich der solide Erfolgskomponist Richard Rodgers – bürgerlich und brav, wenn auch kein treuer Ehemann – seines so wesensfremden Texters entledigte: des Partylöwen Lorenz Hart, der zunehmend mit Alkoholproblemen zu kämpfen hatte. Linklater erarbeitete sich das Buch aus dem Briefwechsel Lorenz Harts mit seiner jungen Vertrauten Elizabeth Weiland und benannte es nach dem Popsong „Blue Moon“, einem Erfolg des Teams Rodgers & Hart von 1933, den der Liedtexter selbstredend als unter seiner Würde betrachtete.
Gnädigerweise musste Lorenz Hart die Erfolgsgeschichte des neuen Musical-Duos, der „Klassiker-Fabrik“ Rodgers & Hammerstein, nicht mehr miterleben: er starb Monate später  an den Folgen seines Lebenswandels, wie wir schon zu Beginn des Films erfahren.
Der Charme von Hawke und Cannavale trägt diesen Film über Bitterkeit und die erbarmungslosen Gesetze des Showgeschäfts, der sonst allzuleicht in Häme und Selbstmitleid versacken könnte, gerade angesichts der geschliffenen Bosheiten, mit denen der Held seine Lage kommentiert. Neben diesem Risiko ist es vor allem das Namedropping eines solchen Kostümfilms in Echtzeit, vor dem man sich als Regisseur in Acht nehmen muss. Der Film bekommt das ganz ordentlich hin, jongliert er auch unablässig mit Liedzeilen und Showtiteln, außerdem mit „Casablanca“-Anspielungen – Hart und Barmann Eddie haben diesen aktuellen Kinohit schon mehrmals gesehen.
Ethan Hawke macht seine Sache sehr gut, obwohl er (soweit man das bei einem so versierten Schauspieler sagen darf) gegen seinen Typ besetzt ist. Als älterer Schwuler mit Haarausfall, der zudem unter seiner geringen Körpergröße leidet, wird er vor allem durch die Bemühungen der Tricktechniker behindert, seine tatsächliche Beinlänge zu überspielen.
„Blue Moon“ ist ein sehenswerter, ein kostbarer Film. Er wird es nicht leicht haben.
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Weiterführendes zum Thema: https://blog.montyarnold.com/2021/04/19/soliloquy-from-carousel/

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Immer noch der Captain

betr.: 95. Geburtstag von William Shatner

Wer hätte das gedacht: weder die unverwüstliche Kritik an seinen schauspielerischen Grenzen (nicht immer berechtigt) noch seine Karriere nur im Fernsehen und weniger im Kino (heute völlig anders bewertet) noch die Zeitzeugenberichte von mangelndem Wohlverhalten der Crew gegenüber (von ihm selbst schamvoll eingeräumt) konnten etwas daran ändern, dass William Shatner der einzig wahre Captain Kirk und als solcher eine der beliebtesten Typen Hollywoods ist. Zugegeben: dass er die oft an ihn gerichtete Aufforderung „Live long and prosper“ tatsächlich befolgt hat und immer noch da ist, hat dazu beigetragen, dass sein Kirk inzwischen sogar den eigentlich unschlagbaren Mr. Spock als heimlichen Star der Ensembleserie „Raumschiff Enterprise“ abgelöst hat. – Ich selbst hätte die beiden nie gegeneinander ausspielen wollen, bin aber inzwischen zweimal gefragt worden, ob Kirk nicht der Kultigere ist – schon das Aufkommen dieser Frage sagt etwas aus …
Inzwischen gibt es sowohl zu „Star Trek“ als auch seinen Helden sowie der Heldin Uhura viel Literatur, darunter sogar allerlei Autobiographisches. Das bei aller Fairness und Ausgewogenheit amüsanteste Buch, das ich über William Shatner bisher gelesen habe, ist längst vergessen und schon wegen seines weit zurückliegenden Erscheinungsdatums mit dem Makel der Nicht-Aktualität behaftet: „Der Captain“. Ich würde es trotzdem allen empfehlen, die anlässlich des heutigen Datums (oder einfach so) tiefer in das Thema einsteigen möchten. Bis 1995 gibt es keine schönere einschlägige Quelle – und außerdem bezeugt es die Langlebigkeit seines Gegenstandes.
Das Buch von Dennis W. Hauck erschien bei Heyne, versteht sich jedoch nicht als Beitrag zur Heyne-Filmbuchreihe.

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Auf der Spur von Yinni und Yann

betr.: Die Boomer mal wieder

Als Boomer hat man gegenwärtig viel kuratierte Nostalgie im Angebot. Reife Cassettenkinder und Fernsehkult-Fans werden mit Neuveröffentlichungen, Gesamtausgaben und Events zum Thema beglückt. Auch für die Comicfans häufen sich die runden Geburtstage. Voriges Jahr wurde das berühmte Jugendmagazin „Yps (mit Gimmick!)“ posthum 50 Jahre alt. Dazu gab es nicht nur ein Extra-Heft, sondern auch ein Jubiläumsbuch „ohne Gimmick“*.
Für mich war dieses Magazin weniger wegen der eingeschweißten Spielsachen, sondern hauptsächlich wegen der Comics interessant. Vom besagten Buch erhoffte ich mir nun beim Widersehen mit all diesen Serien (darunter viel spannende europäische Lizenzware) auch Aufschluss über deren Urheber. Wie bei „Fix und Foxi“ und den vielen anderen RolfKauka-Produkten, war man auch bei „Yps“ sehr geheimnisvoll, wenn es um die Autoren und Zeichner der deutschen Eigenproduktionen ging.
Ganz besonders neugierig war ich auf die Herkunft von „Yinni und Yann – Die unglaublichen Abenteuer des Yps-Fernseh-Teams“. Darin ging es um drei Jugendliche, die „was mit Medien“ machten, als man so etwas handwerklich noch richtig ernst nahm. Das Format nahm mit seinen zwischen 7 und 10 Seiten mehr Raum ein und lief beständiger als die anderen Serien, daher rechnete ich mit einer prominenten Platzierung im Jubiläumsband. Zwar gibt es eine komplette Geschichte zu lesen, allerdings ist die recht willkürlich ausgewählt.
Irgendwo weiter hinten lesen wir zu diesem Thema die einzigen zusammenhängenden Sätze zum Thema:
»[Heinz] Körner war Schöpfer der Reporterserie „Yinni und Yann“, die im direkten Auftrag für „Yps“ entstand und mit einer Laufzeit von nahezu 25 Jahren Rekordhalter im Bereich der eigenständigen, nicht im Zusammenhang mit dem Känguru-Maskottchen stehenden Comics ist. Die in den „Yps“-Ausgaben Nr. 1 bis 1235 erzählten Abenteuer von Fernsehreporterin Yinni, ihrem Kameramann Yann sowie Tontechniker und Beleuchter Yorick nahmen die Leser mit in ferne Länder und an exotische Orte, wo geheimnisvolle Ereignisse zu klären sind oder sich gegen Bösewichte zur Wehr gesetzt werden muss, die unserer Umwelt schaden, die Menschenrechte verletzen oder andere Verbrechen begehen. Aus dem Studio berichtete zunächst Moderator Yack von ihren Erlebnissen, der aber nach wenigen Jahren nicht mehr auftauchte. Dafür entwickelte sich der liebenswerte Tollpatsch Yorick, dessen Missgeschicke oft als Handlungsträger fungierten, zum heimlichen Star der Serie.« – Hier irrt der Autor: Yack verschwand nicht etwa, er gesellte sich zum Außenteam und blieb eine gleichrangige Figur des Quartetts.

Der Look der frühen Tage: Yinni, Yack, Yann und Yorick (letztes Bild v.l.n.r.) im Heft mit dem Gimmick Nr. 27: Die Detektivuhr mit Geheimfach.

„Yinni und Yann“ wurden zuerst etwas steif und mit feinem Strich, dann nach knapp 40 Abenteuern mit einer an Cavazzano erinnernden Schmissigkeit umgesetzt. Heinz Körner war vermutlich der spätere Zeichner, denn im Buch wird von 1200 Abenteuern gesprochen, die er gestaltet habe. Ich wüsste zu gern, ob er auch der Autor gewesen ist. Als ich diese Geschichten später wiederlas, staunte ich über ihre perfekte Dramaturgie, wie gut sie die wenigen Seiten für ein komplexes Abenteuer nutzten, das auf wechselvollen Recherchen beruhte und stets zu einer hübschen Pointe fand. Ganz besonders in der zweiten Phase blühte ein slapstickreicher Wortwitz, von dem auch der anoraktragende Techniker Yorick (Migrationshintergrund) profitierte.
Näheres (hoffentlich) beim 75. Geburtstag von „Yps“.

Das Finale zeigt uns Yorick als Initiator der überstandenen Dienstreise – und der nächsten. Aus dem Yps-Heft Nr. 57.

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