Cheesy but nice

Die aktuelle Filmkritik im Podcast:
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/wuthering-heights-aktuelle-filmkritik

Welcher uralte Stoff wäre ideal, um ein Publikum zu erfreuen, das nach einem Jahr Jane-Austen-Jubiläum jetzt Lust hat, sich einem anderen großen Schatz aus der britischen Klassiker-Bibliothek zuzuwenden? Wie wäre es für die nächste Kinosaison mit einer Autorin, die im Jahr nach Austens Tod zur Welt kam und noch ebenso begabte Geschwister hat – für weitere Vorlagen? Hier kommt die Antwort:

Wutherhing Heights
Episches Liebesrama von Emerald Fennell

Das windgepeitschte Ödland von Yorkshire im 19. Jahrhundert. Der Gutsherr von Wuthering Heights hat seiner Tochter Cathy einen streunenden Knaben von einer Geschäftsreise mitgebracht, der in die Familie aufgenommen und Heathcliff genannt wird. Die Kinder sind einander auf Anhieb emotional verbunden, doch als sie ins heiratsfähige Alter kommen, entscheidet sich Cathy für den braven Edgar Linton, dessen Landsitz Thrushcross Grange in einem lieblichen, windgeschützten Tal liegt. Ihr Spielgefährte wird diesen Verrat niemals verwinden. Er läuft fort, um nach fünf Jahren als gemachter Mann zurückzukehren. Er wird bei Lintons vorstellig, wo Cathy in einer erstickend langweiligen Beziehung ihr luxuriöses Dasein fristet. Als sie sich noch immer nicht von ihrem Mann trennen möchte und überdies endlich der lang ersehnte Stammhalter ins Haus steht, verfestigen sich Heathcliffs Rachegelüste …

Drehbuchautorin und Regisseurin Emerald Fennell setzt den Roman von Emily Bronte in historischen Kostümen, aber mit modernen Details und Effekten in Szene.

Wer diesen Stoff heute auf die Leinwand bringt, der hat nicht nur eine Saga zu bewältigen, die sich über Generationen erstreckt, sondern auch mindestens zwei erinnerungswürdige filmische Umsetzungen: einen schweren Burgunder aus dem alten Hollywood und eine Version aus der mexikanischen Phase von Luis Bunuel, die schon im Titel nichts anbrennen lässt: Abgrund der Leidenschaft. Zwar kennt diese Vorstufen heute kein Schwein mehr (machen wir uns nichts vor), aber ich habe insgeheim die Hoffnung gehegt, das Projekt könnte sich ihnen dennoch verpflichtet fühlen. Wie gut würde es gelingen, die dreckige Abgründigkeit mitzuerzählen, die sich bei einem solchen Klassiker der Weltliteratur von selbst versteht und die in früheren Bearbeitungen nicht möglich oder nicht gestattet war? Nachdem ich das Buch kennengelernt hatte, sah ich die Hollywood-Verfilmung von 1939 mit anderen Augen: Laurence Olivier war geradezu ein Gentleman, verglichen mit dem elenden Mistkerl Heathcliff aus dem Roman.

Alles in allem ist das Unterfangen geglückt: „Wuthering Heights“ 2026 ist als aktuelles Kinoprogramm sehenswert, als Buchverfilmung beachtlich und trotz aller geschmacklichen Entgleisungen eine spontane Kinokarte wert.

Die Autorin der Vorlage lebte tatsächlich die längste Zeit ihres kurzen Lebens auf einer solchen neblig-zugigen „Sturmhöhe“.
Der Film nutzt die heutigen Möglichkeiten des Darstellbaren: technisch und publikumsgeschmacklich. Der ärmliche Landsitz der Earnshaws in der Heide hat den Komfort einer möblierten Höhle. Leider sieht die aufgedonnerte Margot Robbie in ihrem Dirndl aus wie Veronica Ferres auf einer Münchner Filmparty und ruiniert den herben Naturalismus der ersten halben Stunde. Heathcliff, der Zweinhalbmetermann Jacob Elordi, hat es etwas besser. Er darf im ersten Teil der Handlung als zotteliger Rasputin-Verschnitt auftreten und uns nach seiner Rückkehr aus der Fremde damit überraschen, wie vollständig er sich zum viktorianischen Dressman gewandelt hat.
Als Cathy erstmals Thrushcross Grange und seine neuen Bewohner, die Lintons, erkundet, bietet sich uns dort eine betont künstliche Umgebung. Erst jetzt, in diesem überzeichneten zweiten Spielraum, ergibt die grelle Robbie-Cathy einen Sinn. Die Parallelwelt wird zum ergänzenden Gegen-Schauplatz. Quasi als dessen Anbau fungiert das von Edgars Schwester Isabella für die angehimmelte Cathy errichtete Puppenhaus – ein toller Effekt. Leider schafft es der Film nicht, die provozierend realistische arme und die Jean-Paul-Gauliter-hafte Kitsch-Welt der Reichen souverän auszubalancieren.

Klar: auch in einen Film mit Überlänge passt dieser Stoff nicht vollständig hinein, vor allem zum Ende hin fasst er sich sehr kurz. Cathys fieser Bruder Hindley aus dem Roman wird mit der gütigen Vaterfigur zu einem elenden Säufer zusammengelegt, was sehr gut funktioniert und hilft, viele Buchseiten zu bändigen. Leider lässt sich die Regisseurin in diesem Zusammenhang dazu verleiten, ihre Figuren allzuviel erklären zu lassen. Der größte Teil dieser Funktionstexte wird zwischen den Orgasmen der wilden Affäre von Cathy und Heathcliff geliefert, die im dritten Akt sehr ausführlich vor uns abrollt. In den Trailern werden diese Szenen ihre Wirkung nicht verfehlt haben, im Film bedeuten sie die einzige wirklich ungebührliche Aufweichung der Originalstory und beschädigen die Glaubwürdigkeit der Figuren. Aber zum Glück findet die Sache zum Ende hin wieder zu ihrer grimmigen Storyline zurück. Ich hatte mir während der endlosen Kopulationsmontage schon Sorgen gemacht, man könnte mir nach all der werkgetreuen Niedertracht ein Happy-End zumuten.

Insgesamt sieht man dem Film seine Stilvorbilder etwas zu deutlich an, die Anspielungen sind ungeschickt arrangiert. Dass unmittelbar auf eine ikonische Hitchcock-Szene eine „Vom Winde verweht“-Einstellung folgt, ist ebenso unwuchtig wie die eingestreuten Songs der Sängerin Charli XCX, die in den glücklicheren Momenten nach Enya klingt, in den weniger glücklichen nach Dieter Bohlen, die aber nie einen eigenen Stil erkennen lässt. Baz Luhrmann, bei dessen pathetisch-poppigen Musikdramen sich „Wuthering Heights“ besonders ausdrücklich bedient, hat damals solche Stilbrüche vermieden, indem er schlauerweise auf alles Reale verzichtet und mit existierenden Songs gearbeitet hat.

Ein besonderer Glücksgriff der Besetzung ist Shazad Latif als Edgar Linton. Seine Performance liefert die ideale Verkörperung des weichtierhaften Schnösels, unter dessen edlem Zwirn ein freundlicher Kleinbürger steckt (nicht weniger, aber auch nicht mehr). Latif sieht in seiner Aufmachung Paul Dahlke zum Verwechseln ähnlich, der einst in „Romanze in moll“ eine ähnliche Rolle ähnlich großartig gespielt und zu einer der besten Liebestragödien des deutschen Films beigetragen hat.
Nach der Vorstellung waren viele, mit denen ich sprach nicht sicher, was sie von „Wuthering Heights“ halten sollten: auch ihnen passte vieles nicht zusammen. Der außer mir zufriedenste, mit dem ich sprach, will am Ende über das Schicksal der Heldin geweint haben. Dazu besteht nun wirklich kein Anlass. Aber es lohnt sich!

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Kultfiguren: Hayao Miyazaki und das Ghibli-Studio

In der dritten Staffel unseres Podcasts sprechen wir künftig in loser Folge über Künstlerpersönlichkeiten, Kunstfiguren oder Kulturphänomene, die die Bezeichnung KULTFIGUREN verdient haben.
Die 2. Staffel mit den KULTFILM AZUBIS geht indessen weiter.

Hayao Miyazaki und das Ghibli-Studio
Gast: Franzi Blass

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Hayao Miyazaki

Hayao Miyazaki wird von gern wahlweise als Kurosawa des Trickfilms oder als japanischer Disney betrachtet. Für „Toy Story“-Erfinder John Lasseter ist er der größte lebende Zeichentrickkünstler überhaupt, für die „Zeit“ „nicht nur der Kaiser, sondern auch der Narr, der voller Schalk auf den Kaiser blickt“.
Miyazaki und sein Ghibli-Filmstudio verzaubern die Erwachsenen mit abgründigen, jugendlichen Helden – meistens Mädchen – und die Kinder damit, dass er sie als Publikum ernst nimmt. Beiden mutet er Botschaften wie diese zu: „Die Menschen sind hässlich, aber das Leben ist schön.“
Seine märchenhaften Filme bewahren und interpretieren die alte Kultur Japans, das sich einst im Rekordtempo industrialisierte und ebendiese Kultur abschaffte und zerstörte.
Miyazaki hält Computerspiele für ein frustförderndes Medium und erlaubt deshalb keine Games mit seinen Figuren. Er sagt: „Kinder sollten so viel freie Zeit wie möglich damit zubringen, ihre reale Umwelt zu erkunden. Sie sollten also auch nicht zu viel ins Kino gehen. Wenn sie sich einen oder zwei meiner Filme anschauen, reicht das schon.“

Diese beiden Filme werden näher in Augenschein genommen:

Nausicaä aus dem Tal der Winde/ Kaze no Tani no Naushika
Dystopischer Anime von 1984

Nach einem verheerenden Krieg breitet sich das „Meer der Fäulnis“ über die Welt aus, ein giftiger Pilzwald. Nur im Tal der Winde können Menschen noch ohne Schutzmaske existieren.  Prinzessin Nausicaä sieht ihre Heimat bedroht durch die Machtkämpfe kriegerischer Stämme, der Torumekia und der Pejite, die mit ihren fliegenden Kampfschiffen den Krieg auch in das grünte Tal tragen.  Sie hat das Geheimnis des Pilzwaldes ergründet und begibt sich auf eine wichtige Mission, um ihr Volk zu retten …

Dieser Film brachte den Erfolg, der die Gründung des Studios Ghibli ermöglichte.

Das wandelnde Schloss / Hauru no Ugoku Shiro
Anime von 2004

Sophie – ein Mauerblümchen, das mit Freizeit nichts anzufangen weiß – arbeitet als Hutmacherin im Geschäft ihres verstorbenen Vaters. Ihre flüchtige Begegnung mit dem Zauberer Hauro verändert ihr Leben auf vielfache Weise: sie verliebt sich in ihn und erregt damit die Eifersucht einer Hexe, die sie daraufhin mit einem Fluch belegt: Sophie steckt jetzt im Körper einer 90jährigen. Aus Scham über ihren Zustand flieht sie aus dem Ort und schlüpft im wandelnden Schloss des jungen Zauberers unter. Von ihm unerkannt verdingt sie sich dort als Putzfrau.
Als der Krieg ausbricht, gerät ihr Leben abermals aus den Fugen …

Nächste Woche: Das Leben des Brian und Der Omega Mann

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H. R. Giger und der letzte Tag der Offenen Tür

betr.: 86. Geburtstag von H. R. Giger

Der Schweizer Künstler H. R. Giger hat mit seinem Design des „unheimlichen Wesens aus einer fremden Welt“ im Film „Alien“ seinen Nachruhm gesichert. Folgerichtig war auch Ralf König von ihm begeistert: als glühender Fan des Films und als Comic-Künstler war er sehr empfänglich für gutes Figuren-Design.
Eines Tages konnte der Fan den Meister besuchen. Ralf und sein damaliger Lebensgefährte durften die Ateliers besichtigen, und anschließend ging man zusammen zu Tisch.
Beim Essen kam zur Sprache, dass H. R. Giger seine Räumlichkeiten nicht absperrt, was wohl der Schweizer Mentalität geschuldet ist. Da ist noch nie was weggekommen, sagte Giger sinngemäß, und gleich nach dem Essen gehe er ja auch wieder zurück. (Ein ähnliche sorgloses Klima herrscht auch in Kanada, wie man gelegentlich hört.)
Ralfs Freund, der aus einer ganz anderen Weltgegend stammte, wunderte sich über so viel Urvertrauen. Ich würde verrückt werden, wenn ich ein solches Gebäude mit abschließen würde. Das würde mich völlig nervös machen, zumal bei all diesen Kunstwerken. Das geht doch gar nicht.
Giger hörte sich das eine Weile an, dann wurde auch er nervös. Der Künstler floh, das Essen war beendet.

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Auf einmal ist Schluss

betr.: 122. Geburtstag von MacKinlay Kantor

Geschichten, deren Pointe erst in der letzten Zeile verraten werden, haben einen besonderen Reiz. In der phantastischen Kurzgeschichte und auf dem weiten Feld, das der Amerikaner „Mystery“ nennt, ist dieser Kniff weit verbreitet, was seine Wirkung nicht schmälert, aber auch in Erzählungen und sogar in Romanen ist er anzutreffen.
Die nur drei Seiten umfassende Geschichte „A Man Who Had No Eyes“ („Einer ohne Augen“, 1943) ist MacKinlay Kantors kleiner Beitrag dazu. Eingang in die ausführlicheren Nachschlagewerke verschaffte dem ehemalige Lokalreporter und Pulp-Schreiber aus Iowa der Roman „Andersonville“, der 1955 nach 25jähriger Recherche herauskam und – nicht als erstes seiner Werke – im Sezessionskrieg spielt. Auch den Zweiten Weltkrieg hat er thematisiert. Und die Heimkehr daraus. Aus seiner Erzählung „Glory for Me“ entstand William Wylers Filmklassiker „The Best Years of Our Lives“ (1946).
Einer der beiden Helden in „Einer ohne Augen“ denkt auch über diese Zeit nach: „Wenn ich meine Augen im Krieg verloren hätt, okay. Aber ich war bloß ein Arbeiter, der bei der Arbeit ein Risiko auf sich genommen hat.“ Das ist natürlich nicht das oben erwähnte Ende der Geschichte …

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Originalbild mit Untertitel

„Ich will nicht Stefan Raab kucken!“ – „Hasilein, das will niemand. Aber wir müssen! Es ist die teuerste Sendung der Menschheitsgeschichte, das muss doch abgesessen werden!“ – „Aber die Sendung ist scheiße!“ – „Darum geht es beim Fernsehen doch gar nicht!“ – Wie sag ich es dem Kinde?

Quelle: „Bitte lächeln“, SPORT 1

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Klassik, Pop und Anbiederung

Heute ist Tricia Tuttle die Gastmoderatorin der Sendung „Klassik, Pop etc.“ – eine der wenigen tatsächlich prominenten Gäste im „Musik von Prominenten“-Format des Deutschlandfunks. Es ist eine sehr persönliche Reihe, was freilich zu nichts verpflichtet.
Zwei Dinge erfahre ich heute über Trisha Tuttle.
Als Leiterin der Berlinale nun schon im dritten Jahr, spricht sie nach wie vor nicht deutsch (die Sendung wird ge-voice-overt).
Bei einem der Musiktitel (ausnahmsweise Jazz) bekennt sie sich dazu, die Filme von Woody Allen gemocht zu haben, bevor es „kompliziert geworden“ sei, sein Fan zu sein!

Sollte jemand beim nächsten Besuch des Festivals den subjektiven Eindruck haben, das Programm könnte etwas weltbürgerlicher, kunstsinniger und weniger miefig-verdruckst sein, dann weiß er, woran es eventuell liegt.

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Kultfilm Azubis: Die Leute vom Rummel

Die Welt des Rummels und der Schaustellerei beschäftigt uns in der heutigen Podcast-Folge, und hinter dem Vorhang warten tiefe Einblicke in die menschliche Seele und die Gesetze der Komik:

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A) Freaks
Amerikanisches Schauerdrama von 1932

Die Trapez-Artistin Cleopatra ist der Star eines Wanderzirkus. Fast noch größeres Publikumsinteresse erregen jedoch die „Freaks“ in der „Side-Show“: siamesische Zwillinge, kleinwüchsige oder von Geburt an entstellte Menschen. Einer aus ihrer Mitte, Hans, verliebt sich in die bildschöne Kollegin – und wird zu seiner Überraschung erhört. Doch Cleopatra heiratet ihn nur, um ihn umzubringen und seine Erbschaft einzusacken. Als man ihr auf die Schliche kommt, ist die Rache der Außenseiter grauenvoll.

Tod Browning, wichtiger Regisseur des Stummfilm-Horrors, brach mit den Gesetzen dieses Genres, in das der Film noch immer gern und falsch einsortiert wird. Vor der Kamera agieren reale Vertreter der damals noch existierenden anrüchigen Kuriositätenshows, während sich die thematisch verwandte 4. Staffel der Serie „American Horror Story“ mit Maskierungen behelfen musste.
MGM haderte mit der Vermarktung des humanen, aber bizarren Dramas. 30 Minuten wurden herausgeschnitten und weggeschmissen. Erst spät kam die Anerkennung für Brownings Film-Torso, noch später die deutsche Synchronfassung. Ausgerechnet der Krawallsender RTL gab sie 1992 in Auftrag – und begnügte sich mit einem lausigen Ergebnis.

B) Funny Bones – Tödliche Scherze
Britisch-amerikanische Komödie von 1995

Der junge Stand-Up-Comedian Tommy Fawkes scheitert in Las Vegas – auch weil ihm sein berühmter, wohlmeinender Vater George (Jerry Lewis in einer ernsten Rolle) die Schau stiehlt. George reist unter falschem Namen nach Blackpool, wo er die ersten sechs Jahre seines Lebens verbracht hat, und gibt sich als Konzertveranstalter aus. Er will die Varieté-Acts in dem heruntergekommenen Seebad studieren. Das Beste sieht er rein zufällig bei einem Theaterbesuch: den brillanten aber augenscheinlich minderbemittelten Komiker Jack Parker. Bald erfährt Tommy, dass ihn mit diesem ein übles Familiengeheimnis verbindet …

Regisseur Peter Chelsom hatte mit seinem ersten Film „Hear My Song“ großen Erfolg. „Funny Bones“ war diesem zu nah und ging auch deswegen unter, obwohl er seinem prätentiösen, unbehauenen Vorgänger in jeder Hinsicht überlegen und so etwas wie dessen wirklich geglückter zweiter Anlauf ist. Beide Filme sind heute vergessen, doch immerhin der Titel des zweiten hat sich fachlich eingebürgert. Der Begriff „Funny Bones“ bezeichnet das genuin komische Talent, das nicht auf gutes Material angewiesen ist.

Nächte Woche: die Kultfigur Hayao Miyazaki und seine Filme „Nausicaä aus dem Tal der Winde“ und „Das wandelnde Schloss“

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Ab durch die Hecke!

Ein neuer Tier- und Teenie-Horrorfilm steht bereit. Das Plakat lässt offen, wie groß der animalische Schurke tatsächlich ist. Er ist kleiner als man denkt.

„Primate“
von Johannes Roberts


Nach dem ersten Studienjahr am College besucht Lucy mit den Freunden Hannah, Kate und Nick ihren Vater in Hawaii, einen taubstummen Forscher mit luxuriösem Familienanwesen im Grünen. Zum Haushalt gehört auch der Schimpanse Ben. Als Vater Adam zur Buchmesse fährt, freuen sich die Kids auf sturmfreie Bude. Stattdessen bricht bei Ben
die Tollwut aus, und er entwickelt sich zu einer mörderischen Bestie. Lucy und Co retten sich in den Pool, da Ben nicht schwimmen kann. Doch das verschafft ihnen nur eine kurze Galgenfrist, denn ihr Feind hat ja ein Primatenhirn …

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Bei einem Film, der so gründlich vergurkt ist, lohnt es sich nicht, die Sache spannend zu machen. Deshalb macht es dem Rezensenten auch kein Vergnügen, die wenigen guten Szenen gleich zu Beginn zu nennen – wie um auszuholen und dann draufzuhauen. Zumal es sehr wenige Szenen sind, und die sind gar nicht mal richtig gut, sondern nur mit Einschränkungen.
Immerhin: die vorgezogene Actionszene ganz zu Beginn, in deren Anschluss der obligatorische Hinweis „36 Stunden zuvor“ erst einmal in Wellness-Feeling hinüberführt, verschleiert sehr geschickt die Größe des wilden Primaten, mit dem wir es ja tun bekommen werden. Die Dunkelheit des geöffneten Käfigs und die extreme Nahaufnahme der Augenpartie seines Insassen könnten auch auf einen Gorilla verweisen. Dass Ben lediglich ein Schimpanse ist, der sich seinen Horror erst noch erarbeiten muss, macht der Film aber gleich wieder kaputt, wenn er zum Anfang zurückblendet. Computeranimationen sind auch 30 Jahre nach „Toy Story“ noch immer riskant, sprich: sie sehen bei falscher Anwendung, also mit zu hohem Realismus-Anspruch – leider einfach scheiße aus. Gute Fellstrukturen machen noch kein insgesamt überzeugendes Tiergeschöpf, auch die Laute, die er ausstößt hätte, klingen wie aus dem Smartphone. Nur ein echter Schimpanse hätte bei Bens erstem richtigen Auftritt die nötige Possierlichkeit mitgebracht, um dem zum Monster mutierenden Affen eine Fallhöhe zu geben. Stattdessen musste ich bei seinem Anblick ich an die gruseligen, klobigen sieben Zwerge denken, mit denen Disney kürzlich einen seiner wichtigsten Klassiker harpuniert hat.
Um solche psychologischen Zusammenhänge zu begreifen, fehlt es den Kolleg*innen Filmschaffenden mal wieder an Durchblick und Handwerk. Wenn man sich nur für die Einzelbilder auf dem Monitor interessiert, die man stundenlang bearbeiten muss, gerät die Dramaturgie aus dem Blickfeld.
Die Idee, einen Swimmingpool mit Meerblick, unter dem eine Steilküste in die Tiefe führt, zur klaustrophobischen Falle zu machen, hat ihren Reiz, doch früher oder später muss die Rückeroberung des übrigen Schauplatzes den Raum für das große Gemetzel freigeben.
Wenn man all die Flüchtigkeitsfehler beiseitelässt – die Lokigfehler, die Timingfehler, die schlampige Figurenzeichnung, den aufdringlichen Einsatz von CGI an noch anderer Stelle, den inflationären Gebrauch von exakt vorberechenbaren Jump-Scares … – wenn man all das beiseitelässt, was schon angesichts der Menge nicht einfach ist, dann krankt „Primate“ immer noch an einem großen Missverständnis. Es handelt sich hier im Kern um einen Teenie-Slasher-Film. Der einzige Erwachsene in dieser Geschichte ist eine ganz besonders plump konzipierte Nebenrolle, die nur zu Beginn und im Finale auftritt, der Besitzer der gewaltigen Dschungelvilla. Wenn Teenie-Horror zu geleckt und gelackt daherkommt, sieht er schnell aus wie eine Reklame für Luxus-Kreuzfahrten. „Primate“ macht den aussichtslosen Versuch, die Grüne Hölle ausgerechnet im Sehnsuchtsparadies Hawaii zu verorten – als Kulisse, als Umgebung, in der das Heim des offenbar millionenschweren Althippie-Primatenforschers eine Insel bildet und in der die vielen Palmenbäume nächtens böse rauschen.
Aber die Macher dieses Films sind so unbedarft, dass sie auch die simple Gleichung außer Acht lassen, auf der das alles beruht: Horror = Ekel + Handlung. Oder sagen wir: + Situation. Die handwerklich tadellosen Effekte – z.B. der schauerliche Running-Gag mit den abgerissenen Unterkiefern – sind so schlecht motiviert und vom bösen Affen so inkonsequent verabreicht, dass sie nichts als tadel-, aber eben auch sinnlose Effekte sind. 

Was bleibt uns anderes übrig, als uns mit einem lustigen Zitat aufzumuntern, das wir woanders herbekommen. Im Finale eines „Planet der Affen“-Musicals singt Astronaut Taylor: „I hate ev’ry ape I see, from chimpan-A to chimpan-Z“. Hier gibt es nur einen Schimpansen, dafür aber viele sehr unsympathische Teenager.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Eigentlich zum Küssen

Zum Tode von Gerd Thumser

Gerd Thumser habe ich zu meiner aktiven Comedy-Zeit Anfang der 90er um Thomas Hermanns herum persönlich kennengelernt und genoss sein komisches Talent auch im Publikum. Der traurigen Nachricht durch die Sendung „Meine Musik“ im rbb folgte rasch die skandalöse Erkenntnis, dass er über keinen Wikipedia-Eintrag verfügt. Die dortige knappe Passage über Cora Frost, die er lange am Klavier begleitete, nennt ihn gar nicht erst. Wer Thumsers Namen in die Suchmaschine eingibt, landet bei einem älteren Namensvetter (ebenfalls Musiker), der ein Pseudonym führt.


Ich gebe hier also den Kern des feinfühlig-informativen rbb-Nachrufs auf Gerd Thumser (den Kollegen) von Kai Luehrs-Kaiser wieder: „Gerd Thumser war ein Originalgenie der Szene, ein schwergewichtiger Mann, der mit wankendem Gang die Bühne enterte und eine geradezu bedrohliche Präsenz besaß. Er wirkte beim Auftritt gern auf bedenkliche Weise mürrisch und erzielte die größten halb erschrockenen, ganz verzückten Lacher, wenn er ein rekordverdächtig breites Lächeln mit kolossaler Zahnlücke sehen ließ. Jahrzehntelang war Thumser der getreue Pianist von Cora Frost, die ihn bis zum Schluss treusorgend ummutterte. Unvergesslich, ja unsterblich: Gerd Thumsers getanzte Playback-Version »Es war in Königswinter, nicht davor und nicht dahinter«. Er versah diesen Partykracher mit einem ekstatischen Tanz wie man ihn seinem schweren Körper kaum zugetraut hätte. Kurzum: eine merkwürdige Urgewalt der Komik ging von diesem Künstler aus. Bei Ades Zabel mimte er gern eine Figur namens Paula Frantz-Kuhn, die illegitime Tochter von Justus Frantz und Paul Kuhn.“ Letztere Figur beschreibt „QueerLive“ auf Facebook als „eine ebenso schroffe wie verletzliche Pianistin, tragikomisch, liebeshungrig und von entwaffnender Ehrlichkeit“, was mich an die Faszination der großen weiblichen Schmerzensfiguren des frühen Ernie Reinhardt denken lässt.
Mehr geht nicht.
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Das Foto machte Dirk Lang 1993 in Berlin. „Soll ich mich ausziehen?“ fragte Cora Frost, den Schauplatz würdigend.

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