geführt von Monty Arnold

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betr.: 55. Todestag von Fernandel

Hierzulande ist der Komödiant Fernandel wegen einer einzigen Rolle einmal populär gewesen: wegen der des zünftigen Dorfpfarrers „Don Camillo“ in der 5teiligen Filmreihe. Sie lief in den 70er und 80er Jahren regelmäßig im Fernsehen. Sie tut das noch immer von Zeit zu Zeit, nur heute bemerkt man das nicht mehr.
In seiner französischen Heimat ist Fernandel legendär, und sein umfangreiches filmisches Repertoire wird auch im Fernsehen fleißig gepflegt. Außerdem war er als Chansonnier bedeutsam.
In den Kulturlexika früherer Zeiten wurde er als „pferdegesichtig“ bezeichnet, was der Wiedererkennung half und ihn selber nicht gestört hat, wusste er doch unzweifelhaft, was er seiner Physiognomie verdankte. Bereits die Karikaturen auf seinen Filmplakaten schonen die Eitelkeit des Künstlers nicht. Inzwischen fühlen sich nachgeborene Dritte dazu aufgerufen, solche Attribute despektierlich zu finden und ihre Anwendung zu unterbinden.
Von den zahlreichen Anekdoten, die über Fernandel in Umlauf sind, ist die folgende also besonders aufschlussreich, zumal sie offensichtlich frei erfunden und vermutlich von ihm selbst lanciert wurde. Ihr zufolge saß er eines Tages an der Seine und angelte. Er ging dabei in Gedanken seinen neuen Film durch und starrte grübelnd ins Wasser. Da kam ein Spaziergänger vorbei und und erkundigte sich: „Beißen Sie denn?“ – „Nein“, soll Fernandel gebrummt haben, „aber wenn Sie mich lange stören, beiße ich zu!“
betr.: 50jähriges Jubiläum des Films „Rocky“ / nächste Folge der „Kultfilm Azubis“
Zu recht wird Silvester Stallone für die Qualität seines Drehbuchs „Rocky“ gelobt, dessen Verfilmung ihn auch und vor allem als Schauspieler einführte. (Er hatte vorher andere Drehbücher geschrieben, heute vergessene Auftragsarbeiten, die es ihm erlaubten, das Handwerk zu üben.)
Zu den Kritikpunkten, die man dennoch erheben kann, gehört ein Monolog, den er in der letzten Szene vor dem großen Kampf im Schlafzimmer an seine Geliebte Adrian richtet.
»Ich schaff’s nicht. Ich kann ihn nicht schlagen. Ich bin draußen rumgelaufen und hab über alles nachgedacht. Ich mach mir nichts vor. Ich bin nicht so große Klasse wie er. (…) Vorher bin ich ein Niemand gewesen. Ach, Adrian, es ist doch wahr. Ich war ein Niemand. Es kommt aber auch nicht drauf an, weißt du? Es spielt keine Rolle, ob ich den Kampf gewinne oder ob ich ihn verliere. Es ist auch völlig gleich, ob mir der Kerl den Schädel einschlägt. Nur eins möchte ich. Über die Runden kommen. Noch keiner ist bei Creed über die Runden gekommen. Wenn ich die ganze Distanz durchhalte, wenn ich beim Läuten vom Schlussgong immer noch stehe, dann werde ich zum ersten Mal in meinem Leben wissen, dass ich nicht nur irgendein Penner, ein Niemand bin. «
Autoren, besonders Anfänger, lieben es, solche Monologe zu schreiben. Es ist auch kein übermäßig schlechter Text. Aber er ist und bleibt reiner „Funktionstext“, und es wäre es ein besseres Drehbuch, wenn es ihn nicht gäbe. Im Grunde könnte man die Szene ersatzlos streichen, weil sich der Betrachter die darin zum Ausdruck gebrachten Selbstzweifel auch selber ausmalen kann. Oder man hätte eine stumme Einstellung daraus gemacht und sie der Mimik der Agierenden anvertraut.
Ich bin kein Spezialist für die „Rocky“-Reihe, aber ich glaube, solche Passagen finden sich auch in den Fortsetzungen. In der notorischen 5. Folge (Trägerin zahlreicher Schmäh-Preise) findet sich die folgende Passage:
»Weißt du noch, wie Nick manchmal erzählt hat, dass er so hart fighten musste, …? … er musste so hart fighten, dass er geglaubt hat, dass in seinem Innern was kaputtgeht. Und dass er daran sterben müsste und dass dann ein Schutzengel kommt und einem hilft. Ich kann nicht (…) ich schaff’s einfach nicht, meine Hände ruhig zu halten. Ich hab mich noch nie so beschissen gefühlt. (…) Ich will nur nach Hause. Ich bin fertig. Ich bin müde. Ich will nach Hause!«
geführt von Monty Arnold

In einem seiner berühmtesten Gedichte hat Kurt Tucholsky erklärt, warum „beim Happy End im Film jewöhnlich abjeblend‘“ wird. Dieser Frage gehen im Grunde auch beiden Paare nach, die heute im Mittelpunkt des Podcasts stehen:
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/romanze-in-moll-zeiten-des-aufruhrs
A) Romanze in Moll
Deutsches Liebesdrama von 1943
Frankreich zur Zeit der Belle Époque. Nach dem Selbstmordversuch seiner Frau erfährt ein Kleinbürger, dass es sich bei der Perlenkette, die er oft an ihr gesehen hat keineswegs um eine Imitation handelt. Das erlaubt nur einen Schluss: seine schöne Frau hatte einen reichen Verehrer. In Rückblenden wird die Liebesgeschichte aufgerollt: Madeleine (Marianne Hoppe) lernt zufällig den pompösen Komponisten Michael (Ferdinand Marian) kennen und inspiriert ihn zu einer künstlerischen Entscheidung. Schließlich gibt sie seinem Werben nach. Eine Rückkehr in ihr altes Leben wird durch einen Erpresser verhindert …
Für den französischen Filmhistoriker Georges Sadoul war diese Verfilmung einer Vorlage von Guy de Maupassant der einzige deutsche Film von künstlerischem Wert, der während des Dritten Reichs gedreht wurde. Viele seiner Landsleute bestätigten, dass Helmut Käutner darin am reinsten den Geist des Autors beschworen habe. In der Bundesrepublik, wo sich Käutners Karriere bis ins Fernsehen fortsetzte, wurde ein anderer Film aus der Ära allerdings noch populärer: das flotte musikalische Drama „Große Freiheit Nr. 7“ mit Hans Albers.
B) Zeiten des Aufruhrs / Revolutionary Road
Amerikanisches Ehedrama von 2008
Die USA Mitte der 50er Jahre. Ihrem Mann Frank zuliebe hat sich die verhinderte Schauspielerin April mit ihrer Familie in einem hübschen Vorort von Connecticut niedergelassen. Da Frank seinerseits an seinem drögen Bürojob leidet, schlägt sie ihm aus einer Laune heraus vor, auszusteigen und nach Paris zu übersiedeln. Frank lässt sich darauf ein, vor allem, um nicht wie sein Vater zu enden, der einst in der selben Firma versauerte. Die Vorbereitungen laufen an. Doch dann bietet man Frank überraschend eine Beförderung an – und April wird schwanger. Über die Konsequenzen daraus sind die Eheleute unterschiedlicher Meinung …
In den Nuller- und Zehnerjahren wurde durch die Serie „Mad Men“ der Autor John Cheever kurzzeitig wiederentdeckt und mit ihm die kleinen Tragödien der Vorstadt nach dem Kriege, Geschichten von Ehemännern, die mit dem Vorortzug in die Stadt fahren und dort angeblich länger im Büro bleiben, um in Wahrheit ihre Frauen zu betrügen. Auf der Kinoleinwand war Sam Mendes‘ „Revolutionary Road“ nach Richard Yates das denkwürdigste Ergebnis dieses Trends. Das garantierte seinen Erfolg ebensowenig wie die Wiedervereinigung von Kate Winslet und Leonardo DiCaprio, dem tragischen Liebespaar aus „Titanic“.
Nächste Woche: Rocky und Der Zirkus.
Die aktuelle Filmkritik im Podcast
Wenn Sie Lust auf Animationsfilme haben und sich von unnützen deutschen Nachtiteln nicht schrecken lassen, dann hätt‘ ich jetzt was für Sie.
G.O.A.T. – Bock auf große Sprünge
Trickfilm von Tyree Dillihay
Will bekommt die einmalige Chance, einem Profiteam beizutreten und Roarball zu spielen – einen kontaktintensiven Hochleistungssport, bei dem die schnellsten und furchterregendsten Tiere der Welt dominieren. Roarball funktioniert nach den Regeln des Basketballs, bei dem es neben Talent zunächst einmal auf schnöde Körperlänge ankommt. Wills neue Teammitglieder sind von der Idee, einen schmächtigen Ziegenbock in ihre Mannschaft aufzunehmen, also nicht gerade begeistert. Unser Held gibt sich nicht mit einer Aufsteigergeschichte à la „Rocky“ zufrieden. Er entschließt sich, den Sport zu revolutionieren, damit dort künftig auch die Kleinen ganz groß rauskommen können.
Ronny Fanta hat sich den Film für unseren Podcast vorab angesehen: https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/g-o-a-t-bock-auf-grosse-spruenge-aktuelle-filmkritik
„Über Geschmack lässt sich streiten“, lautet eine Redensart, „Über Geschmack lässt sich nicht streiten“ eine andere. Beide bedeuten dasselbe: die allermeisten Menschen mögen nur, was sie kennen, und sind nach einer kurzen kindlichen Phase der Aufgeschlossenheit, in der andere für sie das Essen, die Musik und die Anziehsachen ausgewählt haben, gar nicht mehr daran interessiert, ihren Fokus auszuweiten. Oder eben darüber zu „streiten“.
Jeder mag das Wenige, das er kennt – was bleibt ihm übrig?
Mit Geschmack hat das nichts zu tun, denn der würde die Möglichkeit voraussetzen, zwischen mehreren unterschiedlichen Optionen zu wählen.
Das können nur die wenigen, die nach dem Ende der Kinder- und Jugendzeit weiterforschen und ihre Geschmacksknospen beweglich halten. Der früh gesättigte Normalmensch begegnet diesem Ansatz mit Irritation und wehrt die als autistisch empfundenen Differenzierungsangebote mit Kopfschütteln ab, vorzugsweise mit einer der zuerst genannten Redensarten.
Der Musiker Steffen Schleiermacher hat eine Anekdote dazu, die durch ihren extremen Charakter anschaulich macht, was ich meine: „Als ich vor Jahren für längere Zeit in Japan wohnte, bin ich ins Nō-Theater gegangen, das höfische, alte Tanztheater. Es war eine fantastische Aufführung, fand ich. Danach habe ich als einziger erheblich Beifall geklatscht. Ich wurde von meinem Sitznachbarn sehr höflich darauf hingewiesen, dass es mir nicht zusteht zu applaudieren, weil ich die Qualität der Aufführung überhaupt nicht einschätzen könne. Er hatte nicht unrecht, denn ich hatte im Grunde nur die Oberfläche gesehen: eine ganz seltsame Musik, ritualisierte Bewegungen, prunkvolle Masken, ganz minimalistisches Theater mit Gesten … man kriegt eigentlich nicht mit, worum es geht. Offensichtlich sind das immer sehr staatstragende Themen, die da verhandelt werden. Dieser Singsang, die ganze Atmosphäre hat mich begeistert, aber ich blieb natürlich an der Oberfläche stecken. Von all den Vorschriften – die Gestik, die Tonhöhe, die Proklamation betreffend – hatte und habe ich keine Ahnung. Ich wusste nur, dass es mich berührte, ohne es richtig oder falsch finden zu können.“
betr.: 90. Geburtstag des Superhelden „Phantom“
Anders als es immer wieder selbst von Fachleuten behauptet wird, war „Superman“ nicht der erste Superheld im heutigen Sinne, er war bestenfalls der dritte, denn zuvor gab es „Doc Savage“ (allerdings noch nicht im Comic, sondern in den Pulps) und „Phantom“, der heute vor 90 Jahren das erste seiner täglichen Dschungel-Abenteuer erlebte. Superkräfte hat er nicht, lediglich große Fitness, Geschicklichkeit und ein gutes Marketing, das ihm den Ruf der Unsterblichkeit und den Spitznamen „Der wandelnde Geist“ eingetragen hat: seit 1525 übernimmt jeweils der erste männliche Nachkomme Amt und Uniform des Helden, ursprünglich der Seefahrer Christopher Standish. Der Schöpfer und Autor dieses Charakters (nur im ersten Jahr hat er ihn auch gezeichnet) ist wie so oft im klassischen amerikanischen Comic ein jüdischer Künstler: der Theaterregisseur Lee Falk.

Wolfgang J. Fuchs, der das direkte „Batman“-Vorbild „Phantom“ noch als „Vorläufer der Superhelden“ sowie als „Mischung aus Sagengestalt und Superheld“ einordnet, beschreibt das Konzept in seinem Standardwerk „Das große Buch der Comics“: »Die Entrücktheit von allen Realitäten äußert sich nicht nur im legendenfördernden Gebaren der Hauptperson, sondern auch in der Lokalisierung der Handlung auf einer großen Insel namens Bengali vor der Ostküste Afrikas. Das Phantom herrscht in den „tiefen Wäldern“ von der Totenkopfhöhle aus, wo ein Totenkopfthron steht. Diese Höhle der Erinnerung bietet schon eine Vorahnung der Höhlen und Verstecke der Superhelden, in denen sie Andenken und Trophäen sammeln, wie etwa Superman in der „Festung der Einsamkeit“* oder Batman in der Bathöhle. Auch das Doppelleben ist beim Phantom vorweggenommen, wenngleich auf ungewöhnliche Weise: das Phantom entäußert sich erst seiner individuellen Persönlichkeit, um zum Helden zu werden, der dann seinerseits zusätzlich die Rolle des Mr. Walker annimmt, was für „the ghost who walks“ steht.«
1996 wurde ein folgenloser Versuch unternommen, Phantom auf die Leinwand zu bringen. Der unterschätzte Schauspieler Billy Zane („Titanic“) schaffte es trotz guter Kritiken auch mit dieser Rolle nicht, in Hollywoods A-Riege aufzusteigen.
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* Einen Schlupfwinkel dieses Namens hatte bereits der 1933 aufgetretene „Doc Savage“, siehe hierzu https://blog.montyarnold.com/2018/10/12/doc-savage-der-bronzemann-die-deutschen-taschenbuecher/
Die Fernbedienung stieg in den 80er und 90er Jahren vom reinen Bequemlichkeitsrequisitit (das es etwa erlaubte, von der Sitzmulde aus lauter oder leiser zu machen) zum wichtigen Machtfaktor in Wohn- und Lebensgemeinschaften auf. Mit dem Aufkommen des Privat- und Kabelfernsehens gab es jetzt plötzlich Option und Bedarf zum Umschalten. Prompt geschah mit dem Halter der kleinen Maschine, was sich später mit Mobiltelefonbesitzern noch viel übler auswachsen sollte: die Knöpfe wurden viel zu häufig gedrückt, und irgendwann mochte man gar nichts mehr zuendekonsumieren. Aber das ist ein Thema für sich…
Wenn umgeschaltet wird, hat das für das gerade laufende Programm den Effekt des Ausschaltens. Daher beschäftigt die Medienphilopsophie (z.B. die Ö1-Reihe „Radiokolleg“) in diesem Zusammenhang der „Ausschaltimpuls“:
»Noch stärker als andere Medien unter Quotendruck steht das lineare (und längst auch nonlineare) „Legacy-Medium“ Fernsehen. In Zeiten von Streaming, On Demand-Plattformen, Netflix, YouTube, TikTok & Co. ist die technologisch fortschrittliche und inhaltlich oft skrupellose Konkurrenz übermächtig. In diesem Kontext wird der Ausschalt-Impuls zwangsläufig zum unmittelbarsten und bedrohlichsten imaginären Gegner von TV-Betreibern, Medienmanager:innen und Programmgestaltern.
Aber kann dieser Feind auch eine positive, produktive, lehrreiche Botschaft vermitteln? Ohne das Korrektiv des Publikums wäre die Medienlandschaft vielleicht noch uniformer, nivellierter und einfallsloser, als sie manchen sowieso erscheint. Eine paradoxe Intervention per TV-Fernbedienung ist jedenfalls nicht denkunmöglich: Abschalten, um wieder zum Einschalten animiert zu werden.«
Alfred Hitchcock – zeitlebens ein medienverständiger Fuchs – dachte schon in den 50er Jahren in seiner TV-Serie darüber nach, wie schön es wäre, wenn die Gegenstände, die man aus Unmut über das Programm gegen den Fernseher schleudert, tatsächlich die handelnden Personen träfen. Obwohl selbst gerade auf dem Bildschirm sichtbar, dachte er zuerst an sein Publikum – und damit an den eigenen Fernsehsessel.