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Ein Talent fürs Morden
Ironisches Kriminalstück von Anton Corbijn
Mitte der 90er Jahre hat die sich gefeierte amerikanische Thriller-Autorin Patricia Highsmith längst in ihr Chalet in den Schweizer Alpen zurückgezogen. Der Welt und ihrer Leserschaft überdrüssig, umgibt sie sich nur noch mit Büchern, Schnecken und Katzen sowie ihrer geliebten Sammlung antiker Waffen. Eines Tages steht der junge Lektor Edward Ridgeway vor der Tür, der der Schriftstellerin im Auftrag ihres New Yorker Verlages einen weiteren Roman um den Hochstapler und Mörder Tom Ripley abtrotzen soll, Highsmiths berühmteste Schöpfung. Dass Ridgeway sich nicht von ihr schocken lässt – nicht von ihrer Ablehnung und nicht von ihren makaberen Scherzen -, lässt die alte Dame zu einer Mischung aus Abscheu und neu erwachtem Sportsgeist auflaufen. Sie quartiert den nervösen jungen Mann bei sich ein und verwickelt ihn in ein Katz-und-Maus-Spiel. Ridgeway beginnt unter ihrem Einfluss zu mutieren …
Abermals schlüpft Helen Mirren in die Rolle einer historischen Persönlichkeit: der gefeierten Autorin Patricia Highsmith, die wir am Ende ihres Lebensweges und ihrer knapp 50jährigen Weltkarriere antreffen. Ihr Partner in diesem erweiterten Zweipersonenstück ist Alden Ehrenreich. Regisseur Anton Corbijn wurde mit diversen Popstar-Portraits bekannt, „A Talent For Murder“ ist sein 5. Spielfilm.
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Eingedenk der Tatsache, dass Helen Mirren sich ein wichtiges physiognomisches Merkmal der alten Patricia Highsmith regelmäßig strammziehen lässt, ist es wirklich verblüffend, wie ähnlich sie ihrem Vorbild sieht. Schon als Mirren ganz zu Beginn von hinten in Sicht kommt, meint man die große Schriftstellerin zu sehen. Patricia Highsmith, eine produktive, erfolgreiche und vielfotografierte Frau bis zuletzt, steht vielen von uns noch vor Augen. Sein wir ehrlich: in einem solchen Projekt ist dieser Aspekt keineswegs banal. Ich erinnere mich an zwei Richard–Nixon-Darsteller (Anthony Hopkins und Frank Langella), die mich mit ihrer unpassenden Optik unentwegt aus der Geschichte verscheucht haben und an den berühmten Kalauer von René Goscinny denken ließen: „Ich habe die Nase voll von diesem Doppelgänger, der niemandem ähnlich sieht!“
Selbstverständlich lässt es Helen Mirren nicht bei Äußerlichkeiten bewenden, sondern füllt ihre monströse Rolle fabelhaft aus. Wie schon in „The Queen“, gelingt ihr diese Verwandlung (abgesehen von der Perücke) ohne maskenbildnerische Verfremdung, worauf die Schauspielerin großen Wert legt. Lediglich die Schultern hat sie sich ein bisschen anheben lassen – was bei Königin Elizabeth II. nicht nötig war. Als begeisterter Leser von Highsmiths Romanen und eifriger Konsument auch der sie betreffenden Reportagen und Artikel freue ich mich über die funktionierende Illusion einer Homestory. Das Haus, in dem der Film spielt, ist zwar von außen längst nicht so grotesk und festungsartig wie die wirkliche Trutzburg der unleidlichen alten Dame, doch im Inneren falle ich gern darauf herein, darin umhergehen zu dürfen.
Aber was taugt der Film inhaltlich, und wie gut schlägt sich Mirrens Gegenüber Alden Ehrenreich? Er durfte ja immerhin schon den Weltraumhelden Han Solo verkörpern, gegen dessen reales Vorbild Harrison Ford er nach allgemeiner Einschätzung allerdings nicht ankam. Auch in „A Talent For Murder“ agiert er – wenn auch erst auf den zweiten Blick – als moderne Sagengestalt: Tom Ripley, der literarische und filmische Serien-Schurke, der nach Meinung seiner Erfinderin nie gefasst werden darf. Optisch geht das in Ordnung, zu häufig und zu vielgestaltig wurde dieser Charakter schon interpretiert: von Alain Delon, Dennis Hopper, Matt Damon und zuletzt in einer Serie. Tom Ripley ist ein Chamäleon, ähnlich wie James Bond oder „Dr. Who“. Das entlastet seinen Darsteller. Und dennoch ist der in seiner Bubihaftigkeit nur so lange überzeugend, wie er als Verlagsangestellter auftritt, der gleich zu Beginn seiner Karriere eine besonders harte Nuss zu knacken hat, und nicht als gespaltene Persönlichkeit. Als der Film uns allen Ernstes weismachen will, hinter seiner biederen Fassade lauere gewissermaßen der Leibhaftige, gerät der Film auf mehrfache Weise in Schwierigkeiten. Zunächst einmal waren wir gerade dabei, es uns in einem recht soliden Kammerspiel bequem zu machen, einem Psycho- und Rededuell, als die Handlung uns plötzlich an mondäne Orte mitnimmt und aufgedonnerte Klischeefiguren auftreten lässt – bekanntlich liebt Ripley die Upper Class und will von ihr akzeptiert und zu ihren Parties eingeladen werden. Erstens sind die Drehbuch-Verfasser damit bereits überfordert (der quasikulturelle Smalltalk in den High-Society-Szenen tut körperlich weh), zweitens lässt sich der Film so auf einen Zweikampf mit dem schon erwähnten Auftritt Matt Damons ein: „Der talentierte Mr. Ripley“ von 1999, ein wirkliches Glanzstück, ein schlafender Hund in unseren Hinterköpfen, den man nicht unnütz wecken sollte.
Das Übelste an der Sache aber ist die unverschämte Behauptung, wir würden hier den krönenden Abschluss des Ripley-Zyklus und somit das Vermächtnis der Patricia Highsmith serviert bekommen. Geht’s noch? Dieser aberwitzige Ansatz geht erwartungsgemäß schrecklich in die Hose. Was uns hier als Super-Mordkomplett der beiden Ober-Krimihasen Highsmith und Ridgeway-Ripley geboten wird, würde jeden deutschen Schmunzelkrimi pupsig aussehen lassen. Dass hier weiterhin der Eindruck erweckt wird, der Stern der Schriftstellerin habe sich zuletzt im Sinkflug befunden, ist mindestens ungehörig, angesichts von Highsmiths bis heute ungebrochener Popularität außerdem nicht angebracht.
So verdirbt es sich der Film ausgerechnet mit jenem Teil des Publikums, aus dem er ein paar wirkliche Fans hätte gewinnen können. Mal sehen, was das Laufpublikum sagt.



