geführt von Monty Arnold

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Im Verkaufsfernsehen von Tele 5 habe ich heute morgen ein neues Wort aufgeschnappt, das zwar spontan einleuchtet, aber dann doch nicht funktioniert. Beim Anpreisen eines Verjüngungsproduktes (gegen Lach- und Stirnfalten und noch Schlimmeres) war von „Marionettenfalten“ die Rede. Das Wort „Merkel-Falten“ wurde gleich noch hinterhergeschickt, um eventuelle Irritationen glattzubügeln.
Die tiefen Falten, die ein reifes Gesicht ausbildet, um die Innenseiten seiner Hängebacken vom Rest zu trennen, sind mit „Marionettenfalten“ nicht hilfreich umschrieben. Nur gerontische Marionetten haben dieses Problem, also ein geringer Prozentsatz. Die markankten Mundwinkel-Vertiefungen, die hier beschworen werden, zeichnen eine andere Gattung aus: die Bauchredner-Puppe. Auch beim klassischen Nussknacker ist dieses Merkmal nicht zu vermeiden.
Einerseits ist der Volksmund immer fröhlich dabei, wenn er einen Tipp bekommt, wie sich unsere Muttersprache weiter verunstalten lässt, aber der erwähnte Ausdruck ist kein Anglizismus und somit ziemlich uncool.
Ich behalte die Sache im Auge.
betr.: 118. Geburtstag von Rex Harrison
Rex Harrison war ungeheuer vielseitig, doch man tut ihm nicht unrecht, wenn man ihn als Charakterkomödianten bezeichnet. Selbst in seiner größten Filmrolle, die er auch auf der Bühne gespielt hat – dem misogynen Sprecherzieher Professor Higgins in „My Fair Lady“ –, wirkt er kultiviert und elegant: ein Mann, der sich zu benehmen weiß, wenn er unbedingt muss. Im persönlichen Umgang wurde er eher als ein Flegel beschrieben.
1943 heiratete Harrison seine zweite Frau, seine deutsche Kollegin Lilli Palmer, die nach der Flucht aus ihrer nationalsozialistischen Heimat in England bereits erste Kinoerfolge hatte feiern können. 1954 zogen sie gemeinsam nach Hollywood.
Als der Frauenschwarm Harrison seine Affäre mit der Schauspielerin Carole Landis beendete, brachte die sich 1948 mit Schlaftabletten um. Es waren Angriffe wie die, die „Sexy Rexy“ daraufhin in der Klatschpresse zu erleiden hatte, die ihn zum Umzug nach New York bewegten. Am Broadway räumten er und Palmer gemeinsam mit Stücken wie „Bell, Book And Candle“ ab. „The Fourposter“ („Das Himmelbett“) wurde mit ihnen verfilmt und lässt uns das Zusammenspiel des Paares heute noch nachvollziehen. Als Lilli Palmer für ihre Leistung in dieser Produktion 1953 auf der Biennale in Venedig ausgezeichnet wurde, war ihre Ehe bereits gescheitert, und sie kehrte bald darauf nach Deutschland zurück.
Harrison hatte seine Ex-Frau für Lilli Palmer verlassen, eine Jüngere. Als sie nun ihrerseits an der Reihe war, aus demselben Grund ausgewechselt zu werden, wusste sie schon bescheid, wie sie später gern erzählte.
Beider Karrieren setzten sich glanzvoll fort. Lilli Palmer drehte weiterhin in aller Welt und spielte zuletzt viel im Fernsehen. Ihr Auftritt als Iduna in der Operette „Feuerwerk“, wo sie 1954 „O mein Papa“ sag, dürfte ihr in der Heimat wichtigster Auftritt sein. Rex Harrison blieb der Bühne stets verbunden, obwohl er ein internationaler Filmstar war. Professor Higgins spielte er noch bis in die 80er Jahre.


betr.: „Kultfilme – der Podcast“
Kult sei ein gutes Mittel, Schlechtes zu nobilitieren, lautet eine alte Kritikerweisheit. Zur Erinnerung: Kult war das, was das Publikum hin und wieder entfachte, ehe immerwährende Abrufbarkeit und ein mächtiger Algorithmus diesen und andere Ungehorsamkeiten auslöschten.
Der Filmjournalist Ronald M. Hahn aus Wuppertal hat mit seinem Buch „Kultfilme“ nicht nur den Kultfilm-Podcast angeregt, er hat auch aus dem Ruhestand einen Film genannt, der nach seiner Einschätzung heute Kult wäre, wenn’s sowas noch gäbe: „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten„. Obwohl ich die literarische Vorlage liebe, wäre ich da nie drauf gekommen. Doch dieser Hinweis ist Grund genug, den Film in der nächsten Folge zu würdigen. Ein Flop war er jedenfalls – vor allem nach heutigen Gesichtspunkten, wo ein SF-Abenteuer mit jugendlichem Heldenpaar gefälligst in Serie zu gehen hat – und erfüllt damit schonmal eine wichtige einschlägige Voraussetzung.
Heute haben übrigens gleich zwei amtliche Kultfilme Geburtstag: „King Kong und die weiße Frau“ von 1933 und „Stagecoach“ von 1939. Wir stehen fest: Kultiges muss gar nicht so übel sein!
geführt von Monty Arnold

betr.: 55. Todestag von Fernandel

Hierzulande ist der Komödiant Fernandel wegen einer einzigen Rolle einmal populär gewesen: wegen der des zünftigen Dorfpfarrers „Don Camillo“ in der 5teiligen Filmreihe. Sie lief in den 70er und 80er Jahren regelmäßig im Fernsehen. Sie tut das noch immer von Zeit zu Zeit, nur heute bemerkt man das nicht mehr.
In seiner französischen Heimat ist Fernandel legendär, und sein umfangreiches filmisches Repertoire wird auch im Fernsehen fleißig gepflegt. Außerdem war er als Chansonnier bedeutsam.
In den Kulturlexika früherer Zeiten wurde er als „pferdegesichtig“ bezeichnet, was der Wiedererkennung half und ihn selber nicht gestört hat, wusste er doch unzweifelhaft, was er seiner Physiognomie verdankte. Bereits die Karikaturen auf seinen Filmplakaten schonen die Eitelkeit des Künstlers nicht. Inzwischen fühlen sich nachgeborene Dritte dazu aufgerufen, solche Attribute despektierlich zu finden und ihre Anwendung zu unterbinden.
Von den zahlreichen Anekdoten, die über Fernandel in Umlauf sind, ist die folgende also besonders aufschlussreich, zumal sie offensichtlich frei erfunden und vermutlich von ihm selbst lanciert wurde. Ihr zufolge saß er eines Tages an der Seine und angelte. Er ging dabei in Gedanken seinen neuen Film durch und starrte grübelnd ins Wasser. Da kam ein Spaziergänger vorbei und und erkundigte sich: „Beißen Sie denn?“ – „Nein“, soll Fernandel gebrummt haben, „aber wenn Sie mich lange stören, beiße ich zu!“
betr.: 50jähriges Jubiläum des Films „Rocky“ / nächste Folge der „Kultfilm Azubis“
Zu recht wird Silvester Stallone für die Qualität seines Drehbuchs „Rocky“ gelobt, dessen Verfilmung ihn auch und vor allem als Schauspieler einführte. (Er hatte vorher andere Drehbücher geschrieben, heute vergessene Auftragsarbeiten, die es ihm erlaubten, das Handwerk zu üben.)
Zu den Kritikpunkten, die man dennoch erheben kann, gehört ein Monolog, den er in der letzten Szene vor dem großen Kampf im Schlafzimmer an seine Geliebte Adrian richtet.
»Ich schaff’s nicht. Ich kann ihn nicht schlagen. Ich bin draußen rumgelaufen und hab über alles nachgedacht. Ich mach mir nichts vor. Ich bin nicht so große Klasse wie er. (…) Vorher bin ich ein Niemand gewesen. Ach, Adrian, es ist doch wahr. Ich war ein Niemand. Es kommt aber auch nicht drauf an, weißt du? Es spielt keine Rolle, ob ich den Kampf gewinne oder ob ich ihn verliere. Es ist auch völlig gleich, ob mir der Kerl den Schädel einschlägt. Nur eins möchte ich. Über die Runden kommen. Noch keiner ist bei Creed über die Runden gekommen. Wenn ich die ganze Distanz durchhalte, wenn ich beim Läuten vom Schlussgong immer noch stehe, dann werde ich zum ersten Mal in meinem Leben wissen, dass ich nicht nur irgendein Penner, ein Niemand bin. «
Autoren, besonders Anfänger, lieben es, solche Monologe zu schreiben. Es ist auch kein übermäßig schlechter Text. Aber er ist und bleibt reiner „Funktionstext“, und es wäre es ein besseres Drehbuch, wenn es ihn nicht gäbe. Im Grunde könnte man die Szene ersatzlos streichen, weil sich der Betrachter die darin zum Ausdruck gebrachten Selbstzweifel auch selber ausmalen kann. Oder man hätte eine stumme Einstellung daraus gemacht und sie der Mimik der Agierenden anvertraut.
Ich bin kein Spezialist für die „Rocky“-Reihe, aber ich glaube, solche Passagen finden sich auch in den Fortsetzungen. In der notorischen 5. Folge (Trägerin zahlreicher Schmäh-Preise) findet sich die folgende Passage:
»Weißt du noch, wie Nick manchmal erzählt hat, dass er so hart fighten musste, …? … er musste so hart fighten, dass er geglaubt hat, dass in seinem Innern was kaputtgeht. Und dass er daran sterben müsste und dass dann ein Schutzengel kommt und einem hilft. Ich kann nicht (…) ich schaff’s einfach nicht, meine Hände ruhig zu halten. Ich hab mich noch nie so beschissen gefühlt. (…) Ich will nur nach Hause. Ich bin fertig. Ich bin müde. Ich will nach Hause!«