Tod in der Schreibstube

betr.: Aktuelle Filmkritik im Podcast

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/ein-talent-fuers-morden

Ein Talent fürs Morden
Ironisches Kriminalstück von Anton Corbijn

Mitte der 90er Jahre hat die sich gefeierte amerikanische Thriller-Autorin Patricia Highsmith längst in ihr Chalet in den Schweizer Alpen zurückgezogen. Der Welt und ihrer Leserschaft überdrüssig, umgibt sie sich nur noch mit Büchern, Schnecken und Katzen sowie ihrer geliebten Sammlung antiker Waffen. Eines Tages steht der junge Lektor Edward Ridgeway vor der Tür, der der Schriftstellerin im Auftrag ihres New Yorker Verlages einen weiteren Roman um den Hochstapler und Mörder Tom Ripley abtrotzen soll, Highsmiths berühmteste Schöpfung. Dass Ridgeway sich nicht von ihr schocken lässt – nicht von ihrer Ablehnung und nicht von ihren makaberen Scherzen -, lässt die alte Dame zu einer Mischung aus Abscheu und neu erwachtem Sportsgeist auflaufen. Sie quartiert den nervösen jungen Mann bei sich ein und verwickelt  ihn in ein Katz-und-Maus-Spiel. Ridgeway beginnt unter ihrem Einfluss zu mutieren …

Abermals schlüpft Helen Mirren in die Rolle einer historischen Persönlichkeit: der gefeierten Autorin Patricia Highsmith, die wir am Ende ihres Lebensweges und ihrer knapp 50jährigen Weltkarriere antreffen. Ihr Partner in diesem erweiterten Zweipersonenstück ist Alden Ehrenreich. Regisseur Anton Corbijn wurde mit diversen Popstar-Portraits bekannt, „A Talent For Murder“ ist sein 5. Spielfilm.

***

Eingedenk der Tatsache, dass Helen Mirren sich ein wichtiges physiognomisches Merkmal der alten Patricia Highsmith regelmäßig strammziehen lässt, ist es wirklich verblüffend, wie ähnlich sie ihrem Vorbild sieht. Schon als Mirren ganz zu Beginn von hinten in Sicht kommt, meint man die große Schriftstellerin zu sehen. Patricia Highsmith, eine produktive, erfolgreiche und vielfotografierte Frau bis zuletzt, steht vielen von uns noch vor Augen. Sein wir ehrlich: in einem solchen Projekt ist dieser Aspekt keineswegs banal. Ich erinnere mich an zwei Richard–Nixon-Darsteller (Anthony Hopkins und Frank Langella), die mich mit ihrer unpassenden Optik unentwegt aus der Geschichte verscheucht haben und an den berühmten Kalauer von René Goscinny denken ließen: „Ich habe die Nase voll von diesem Doppelgänger, der niemandem ähnlich sieht!“

Selbstverständlich lässt es Helen Mirren nicht bei Äußerlichkeiten bewenden, sondern füllt ihre monströse Rolle fabelhaft aus. Wie schon in „The Queen“, gelingt ihr diese Verwandlung (abgesehen von der Perücke) ohne maskenbildnerische Verfremdung, worauf die Schauspielerin großen Wert legt. Lediglich die Schultern hat sie sich ein bisschen anheben lassen – was bei Königin Elizabeth II. nicht nötig war. Als begeisterter Leser von Highsmiths Romanen und eifriger Konsument auch der sie betreffenden Reportagen und Artikel freue ich mich über die funktionierende Illusion einer Homestory. Das Haus, in dem der Film spielt, ist zwar von außen längst nicht so grotesk und festungsartig wie die wirkliche Trutzburg der unleidlichen alten Dame, doch im Inneren falle ich gern darauf herein, darin umhergehen zu dürfen.

Aber was taugt der Film inhaltlich, und wie gut schlägt sich Mirrens Gegenüber Alden Ehrenreich? Er durfte ja immerhin schon den Weltraumhelden Han Solo verkörpern, gegen dessen reales Vorbild Harrison Ford er nach allgemeiner Einschätzung allerdings nicht ankam. Auch in „A Talent For Murder“ agiert er – wenn auch erst auf den zweiten Blick – als moderne Sagengestalt: Tom Ripley, der literarische und filmische Serien-Schurke, der nach Meinung seiner Erfinderin nie gefasst werden darf. Optisch geht das in Ordnung, zu häufig und zu vielgestaltig wurde dieser Charakter schon interpretiert: von Alain Delon, Dennis Hopper, Matt Damon und zuletzt in einer Serie. Tom Ripley ist ein Chamäleon, ähnlich wie James Bond oder „Dr. Who“. Das entlastet seinen Darsteller. Und dennoch ist der in seiner Bubihaftigkeit nur so lange überzeugend, wie er als Verlagsangestellter auftritt, der gleich zu Beginn seiner Karriere eine besonders harte Nuss zu knacken hat, und nicht als gespaltene Persönlichkeit. Als der Film uns allen Ernstes weismachen will, hinter seiner biederen Fassade lauere gewissermaßen der Leibhaftige, gerät der Film auf mehrfache Weise in Schwierigkeiten. Zunächst einmal waren wir gerade dabei, es uns in einem recht soliden Kammerspiel bequem zu machen, einem Psycho- und Rededuell, als die Handlung uns plötzlich an mondäne Orte mitnimmt und aufgedonnerte Klischeefiguren auftreten lässt – bekanntlich liebt Ripley die Upper Class und will von ihr akzeptiert und zu ihren Parties eingeladen werden. Erstens sind die Drehbuch-Verfasser damit bereits überfordert (der quasikulturelle Smalltalk in den High-Society-Szenen tut körperlich weh), zweitens lässt sich der Film so auf einen Zweikampf mit dem schon erwähnten Auftritt Matt Damons ein: „Der talentierte Mr. Ripley“ von 1999, ein wirkliches Glanzstück, ein schlafender Hund in unseren Hinterköpfen, den man nicht unnütz wecken sollte.
Das Übelste an der Sache aber ist die unverschämte Behauptung, wir würden hier den krönenden Abschluss des Ripley-Zyklus und somit das Vermächtnis der Patricia Highsmith serviert bekommen. Geht’s noch? Dieser aberwitzige Ansatz geht erwartungsgemäß schrecklich in die Hose. Was uns hier als Super-Mordkomplett der beiden Ober-Krimihasen Highsmith und Ridgeway-Ripley geboten wird, würde jeden deutschen Schmunzelkrimi pupsig aussehen lassen. Dass hier weiterhin der Eindruck erweckt wird, der Stern der Schriftstellerin habe sich zuletzt im Sinkflug befunden, ist mindestens ungehörig, angesichts von Highsmiths bis heute ungebrochener Popularität außerdem nicht angebracht.
So verdirbt es sich der Film ausgerechnet mit jenem Teil des Publikums, aus dem er ein paar wirkliche Fans hätte gewinnen können. Mal sehen, was das Laufpublikum sagt.

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Kultfilm Azubis Halloween-Special: Der Schrecken schleicht durch die Nacht

mit Alex Sobolla und René Hoffmann vom Gast-Podcast „Abspanngucker“

A) Halloween – Die Nacht des Grauens / Halloween
Amerikanischer Horrorfilm von 1978

Mit sechs Jahren hat der kleine Michael Myers seine Schwester bestialisch ermordet. Nach Jahren in der Psychiatrie, in denen er kein Wort gesprochen hat, bricht er aus und kehrt in seinen Heimatort zurück, um wieder zu morden. Zum 15. Jahrestag seiner Untat mischt er sich mit Horrormaske zu Halloween unters Volk. Sein Psychiater Dr. Loomis versucht vergeblich, ein neues Blutvergießen zu verhindern …

Sein dritter Film bescherte John Carpenter einen bis heute andauernden Weltruhm und machte die Debütantin Jamie Lee Curtis in zum Star, die als Laurie vor dem Irren auf der Flucht ist. Es sollte noch 15 weitere Jahre dauern, bis Halloween auch bei uns in die Folklore eingeführt wurde. Michael Myers wurde – wie sich das gehört – zum Serienhelden. 

B) Frankenstein – Das Experiment / Frankenstein
Amerikanischer Horrorfilm von 2015

Der ganze Stolz des Wissenschaftler-Ehepaares Frankenstein ist körperlich ein junger Mann, geistig ein Säugling. Die Freude über den künstlichen Menschen ist rasch vorüber, als er rapide zu verrotten beginnt. Seine Tötung misslingt, da er schier unverwundbar und unermesslich stark ist. Er entkommt und findet in den Slums vorübergehend Anschluss, während er körperlich immer abstoßender wird. Erst als er an den Ort seiner Entstehung zurückkehrt, um Rache zu üben, erfährt er, dass er sogar einen Namen hat: Adam …

Der Film von Bernard Rose verlegt die Geschichte in die Gegenwart, verzichtet auf die Arbeit mit Leichenteilen, nimmt die literarische Vorlage jedoch insgesamt ernster als die meisten der unzähligen Verfilmungen. Das teilweise unerträglich explizite Grauen wird weder durch Camp noch durch historische Kostüme oder wohligen Grusel gemindert und außerdem mit dem realen Horror der amerikanischen Unterschicht angereichert. Danny Huston und Carrie-Ann Moss spielen die Rabeneltern Frankenstein, Xavier Samuel die verstoßene Kreatur. Der Film erblickte das Licht der Leinwand nur auf einigen Festivals und kam auf Video heraus.

Nächste Woche: Gewalt und Leidenschaft und Lemming

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Mein erster Blick auf eine Diva

Zum Tode von Martina Arroyo

Mit der großen Sopranistin Martina Arroyo ist am 13. Oktober eine der „Supremes der Oper“ gestorben, wie Kai Luehrs-Kaiser es ausdrückte – an Leontyne Price und Reri Grist denkend, die beide noch unter uns sind. Er lobte ihren „leicht unbehauen wirkenden, rohdiamantenen und damit absolut kostbaren Natursopran“.
Als junger Mensch lernte ich die Diva in einer der letzten Folgen der von mir heißgeliebten Sitcom „Männerwirtschaft“ („The Odd Couple“) kennen. In der Episode „Am Mikrofon, Oscar Madison“ („Your Mother Wears Army Boots“ vom 16. Januar 1975) darf sie sich selbst spielen und den Opernfan Tony Randall in seiner WG mit Jack Klugman besuchen. Da lag die ganz große Stunde Arroyos nicht lange zurück, als sie 1973 in der maßgeblichen Aufnahme der „Sizilianischen Vesper“ die Hauptrolle der Elena sang, in der wichtigsten Opern-Aufnahme von James Levine.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Kultfilm Azubis: Gutes Timing, schlechtes Timing

Eine Zeitreise und eine Allegorie – fragt sich, was schlimmer ist. Wir klären es im heutigen Podcast mit unserem Gast Andi Latuska vom Podcast „Die Guten von gestern“.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/die-zeitmaschine-der-schwimmer

A) Die Zeitmaschine / The Time Machine
Amerikanischer Science-Fiction-Film von 1959

Der Londoner Erfinder George startet am Silvesterabend 1899 mit seiner Zeitmaschine, die wie ein gemütliches Möbelstück aussieht, in die Zukunft. Angewidert von den Eindrücken, die er bei einigen Stopps im 20. Jahrhundert sammelt, sieht er sich schließlich zu einem Sprung ins Jahr 802.701 gezwungen. Er trifft auf eine Gesellschaft von Naturkindern, die scheinbar im Paradies leben. Doch unter der Erde lauern die Stärkeren, die kannibalistischen Morlocks. Zwischen den beiden Völkern besteht eine fatale Abhängigkeit …

Erstaunlicherweise kam es erst Ende der 50er Jahre zur ersten filmischen Umsetzung dieses Klassikers der utopischen Literatur. Regisseur George Pal gibt dem Helden den Namen des Romanautors, des Briten H. G. Wells. Inzwischen gab es im Kino unzählige Zeitreiseabenteuer, darunter einige sehr gelungene, und 2002 ein Remake der MGM-Version von 1959. Doch das Original behauptet noch immer seinen Platz in den Herzen der Fans.

B) Der Schwimmer / The Swimmer
Amerikanische Parabel von 1968

Der Überflieger Ned, ein Mann in den „besten Jahren“, beschließt an einem Sonntagmorgen bei Freunden, alle Pools zu durchschwimmen, die zwischen deren und seinem Grundstück liegen. Am Abend will er sich von Frau und Töchtern als Champion der Familie feiern lassen. Nachdem Ned sich erst einmal aufgemacht hat, nimmt er die Sache sehr ernst, hat es eilig, verschmäht alle Einladungen, doch noch etwas zu bleiben. Im Laufe des Tages verstummen die Einladungen, werden die Gesichter an den Beckenrändern immer unfreundlicher, ja geradezu feindselig. Irritiert, aber unverdrossen setzt Ned seinen Weg fort, bis er – zu Hause angekommen – etwas erkennen muss …

Der Autor der Vorlage, John Cheever, wurde in den vergangenen Jahren wiederentdeckt, gefeiert und erneut vergessen. Eleanor Perry machte aus seiner dialogfreien 12seitigen Kurzgeschichte ein abendfüllendes Drehbuch, das ihr Mann Frank als Film realisierte. Hauptdarsteller Burt Lancaster macht das Verrinnen der Zeit ohne maskenbildnerische Hilfe geradezu physisch erlebbar.

Nächste Woche: Halloween – Die Nacht des Grauens und Frankenstein – Das Experiment, als Gäste: der Podcast Abspanngucker

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Good Looking Grusel

betr.: Die aktuelle Filmkritik im Podcast

Clayface
Body-Horrorfilm von James Watkins

Matt Hagens Aufstieg vom Straßenjungen aus Gothams Elendsviertel zum oscarnominierten Hollywood-Star findet ein jähes Ende, als ein eifersüchtiger Gangsterboss ihm das Gesicht zerschneidet. Als grausam entstellter Außenseiter wird Matt von seinem Anwalt betrogen und von Freunden und Weggefährten im Stich gelassen. Sein letztes Geld investiert er in ein noch ungetestetes medizinisches Verfahren: die Injektion von Nanozellen. Nach und nach führt die Therapie der jungen Forscherin Caitlyn Corr zum Erfolg. Dr. Corr warnt Matt vor eventuellen Neben- und Nachwirkungen. Als diese einsetzen, verpasst er sich gegen den Willen der Ärztin eine Überdosis. Äußerlich ist er wieder hergestellt, doch seine Persönlichkeit verändert sich. Matt beginnt einen Rachefeldzug, der bald ebenso außer Kontrolle gerät wie seine frisch erworbenen Superkräfte …

Tom Rhys Harries
spielt die Hauptrolle in diesem sehr expliziten Horrorfilm, der erbarmungslos dem Verderben zustrebt. Zu den Produzenten zählen James Gunn und Matt Reeves.

Die Kritik zum Hören:
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/clayface

Der walisische Schauspieler Tom Rhys Harries sieht aus wie eine etwas herbere Variante von Heath Ledger, der als „Joker“ allgemeinen Beifall erntete. Es war sein größter Erfolg und der letzte vor seinem frühen Tod. Solche Assoziationen ploppen zahlreich auf, wenn man sich das neueste Produkt aus dem DC-Universum anschaut. Man muss an unzählige Filme denken, die hier gar nicht mal gewürdigt oder absichtlich zitiert werden, sondern aus denen sich einfach Teile wiederholen: Bilder, Szenen, Topoi, Klischees, ganze Dialoge … es ist reiner Zufall, weil scheinbar irgendwie alles schonmal dagewesen ist und niemand auf sowas achtet. Das Comic-Fan-Publikum wird es auch nicht so eng sehen, hat man sich wohl in Hollywood gesagt – und liegt damit sicher nicht ganz falsch.
Dass wir erfahreneren Nerds gegen Ende an ganz bestimmte ältere Filme denken müssen, ist aus zwei Gründen ungünstig. Erstens sind es inhaltlich sehr gute Filme, gegen die „Clayface“ auf keiner Ebene künstlerisch ankommt, und zweitens ist deren Tricktechnik – etwa die aus „Terminator 2“ oder „Der Tod steht ihr gut“, aus denen sogar Bewegungsabläufe kopiert werden – inzwischen über 30 Jahre alt. Eine lange Zeit, in der sich anscheinend nichts entwickelt hat.

„Clayface“ ist ein weiteres Beispiel für eine Art Mainstream-Kino, das gerade als Welle über uns hinwegrollt, ohne dass das sonderliche Aufmerksamkeit erregen würde. Wir bekommen zur Zeit regelmäßig Horrorfilme zu sehen, die wie A-Produktionen aussehen – obwohl dieser Film mit nur 40 Millionen US-Dollar Produktionskosten ein Schnäppchen war. Ein guter Look ist einfach inzwischen billiger zu haben. Diese Entwicklung ist aus mehreren Gründen irritierend. Erstens ist der Horror seit Beginn des Tonfilms – also seit beinahe einem Jahrhundert – ein Billig-Genre, häufig reiner Trash. Die preiswerte Machart gehört so untrennbar zum Markenkern dieser Gattung, dass die darin erzählten hastig gestrickten Gruselgeschichten sich mit der Hochglanz-Ästhetik unserer Tage einfach nicht vertragen. Es wirkt schief, unwuchtig, irgendetwas stimmt da nicht.
Man könnte auch sagen: der teils freiwillige, teils unfreiwillige Humor, den die niedrigen Budgets mit sich brachten, ließ die jeweilige haarsträubende Story sympathischer erscheinen. In den sozialen Medien wollen einige in „Clayface“ Humor erblickt haben, aber das halte ich für eine Falschmeldung.
Dabei könnten wir ihn gut gebrauchen, denn der Held ist mit der beliebten Donald–Trump-Vokabel „erratisch“ gut umschrieben. Selbst wer seinen Rachefeldzug nachvollziehen kann, könnte ihn im letzten Drittel des Films für einen reinen Mistkerl halten, dem man ungern zusieht. Noch ein sehenswerter Film kommt mir gerade in den Sinn: „Joker“ (diesmal der mit Joaquin Phoenix, auch er ein Erfolg bei Kritik und Publikum). Auch er war gerade so dicht am DC– bzw. Batman-Universum gebaut, dass er von der Prominenz des Franchise profitierte, ohne sich wirklich darauf einlassen zu müssen. Beide Filme halten sich von den Figuren und Gesetzen des Superhelden-Kinos möglichst fern. Doch im Gegensatz zum Joker ist Clayface nur ein sehr nachrangiger Bösewicht aus der Comic-Vorlage, der überdies mit der Figur im Film so gut wie nichts zu tun hat. Matt Hagen ist dem Gestaltwandler Odo aus „Star Trek“ ähnlicher als dem gleichnamigen Bösewicht. An seine Herkunft erinnert vor allem der Schauplatz Gotham City, ein expressionistisch verfratztes New York, in dem der amerikanische Traum sogar in den besseren Gegenden offensichtlich gescheitert ist. Nur selten lotet „Clayface“ sein relevantes Thema aus: unsere Oberfläche und die immens gesteigerte Wichtigkeit, die sie heute hat. In einer Szene wird der Held mit dem Hinweis getröstet, es sei ja nur die Haut, ein kleiner Teil von uns, mit dem er Probleme habe. – Aber leider ist die Haut unser größter Körperteil …

Der Film hat Potenzial, doch er kann sich nicht entscheiden. Er will keine Wendung, keine Eskalation, keinen Ekelkram in Großaufnahme auslassen, und so bekommt er die üblichen leidigen Probleme mit dem dritten Akt. Am Ende ist alles nur noch absurd. Das ist bedauerlich, denn mit etwas Maß und Zeil hätte etwas daraus werden können. Der Film ist flotter als „Venom“ und „Morbius“ – zwei sehr vergleichbare Marvel-Stoffe der letzten Jahre, die in ihrer Tristesse gut zu DC gepasst hätten – und außerdem besser als “Darkman“, eine billige 90er-Jahre-Gruselklamotte, die wie eine Vorstudie zu „Clayface“ wirkt.

„Clayface“ wird die Genre-Fans gut unterhalten. Er zeigt aber eines deutlich: Ob in Hollywood künftig eine KI für die Drehbücher zuständig ist oder eine ignorante Generation von Regisseuren und Autoren, die die Ideen irgendwelcher Geldgeber umzusetzen hat, spielt keine Rolle; es wird zu den selben austauschbaren Ergebnissen führen. Immerhin werden sie gut aussehen.

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Die 90er hören nicht auf

Wenn Jahrzehnte in Mode kommen, hat das weniger mit den Qualitäten der Zeitspanne zu tun, sondern schlicht und ergreifend damit, dass jene, die sie als junger Mensch erlebt haben, sie genau deshalb verherrlichen und verklären. Wenn die wilden Jahre einer Generation lange genug zurückliegen, geht das Revival los. Aus diesem Grund haben ja die alten Knacker früher auch immer vom Zweiten Weltkrieg geschwärmt.
Heute las ich zu meiner Überraschung, dass der Neunziger-Jahre-Trend „nicht enden wolle“. Ausgerechnet den hatte ich bis dahin vollkommen verpasst. In meinem (persönlichen und medialen) Umfeld leben noch immer die Achtziger hoch, eine Phase, die ich schon ihrerzeit ganz abscheulich fand. Und obwohl ich da noch zehn Jahre jünger war als in den Neunzigern, habe ich letztere sehr geliebt – schon deshalb, weil die Achtziger endlich vorbei waren.
Beim Lesen des Artikels erwischte ich mich dabei, auf diesen Trend aufspringen und ihn rasch noch nachzuinhalieren zu wollen – wo ich doch so selten mit dem Zeitgeist übereinstimme.
Ich beruhigte mich schnell wieder, denn was die Mehrheit heute an den 90er Jahren interessiert, ist nicht etwa das „Ende der Geschichte“ oder die Ruhe vor dem Sturm des Berliner Zentralismus, nein es sind die üblichen popeligen Schlagworte: Baggy-Jeans, Bauchfrei-Tops, Raider (das, was jetzt Twix heißt), Boygroups (wie die „Backstreet Boys“, die in Düsseldorf nun wieder zehn! Reinkarnations-Konzerte geben), Scout-Schulranzen (die in aktuellen Editionen mit nostalgischem Dekor an den alten Glanz anknüpfen wollen) und ähnlicher Wohlstandsmüll. Da fällt mir auf: bei den meisten Menschen bilden die um 30 Jahre verschleppt-wiedergehenden Jahrzehnte den Zustand einer glücklichen Kindheit nach. Da ich meine Kindheit gar nicht mochte, träume ich von einer Dekade meines frühen Erwachsenseins – also nicht vom Zweiten Weltkrieg, sondern vom Wiederaufbau, um im Bild zu bleiben.
Durch meine frühe Geburt bin ich auch dem Zweiklassensystem entgangen, in das sich die Kids der 90er einzusortieren hatten: „Nirvana“ oder „Guns N’Roses“, „Bravo“ oder „Popcorn“, Super Nintendo oder Sega Mega Drive, Doc Martens oder Chunks. In dieser Selbstdefinition der Jugendkultur entlang an Musik, Mode und Marken wäre ich genauso abgesoffen wie ich es in meinem Umfeld in den Siebzigern getan habe. Bei mir hätte es „Electric Light Orchestra“, „Gong“, „Videorecorder“ heißen müssen … aussichtslos. Ein Glück, dass ich das verpasst habe.

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Lesen vom Blatt – Lange Sätze

betr.: Sprechen am Mikrofon / Übung

„Guten Abend. Wären Sie so nett und …“, ein Bettler vor der Tür, ‚Gegen die hilft bloß noch ein Kanister Benzin, kipp es ihnen über den Kopf und halt’n Streichholz dran‘, Haß und Hunger auf den Straßen, jeden Tag häßlicher und aussichtsloser, keine Lösung in Sicht, verzweifelte Agenten versuchen aus dem Film zu entkommen, sie wissen wie alles enden wird, ich selbst habe es oft genug erlebt … das grün schillernde Fleisch, eine tote Gallerte auf den Straßen von Marrakesh in der Mittagshitze als der Film aus der Führung rutschte und stehen blieb … jeden Tag kann es wieder passieren, die Filmkulisse des Himmels über Marrakesch wellt sich und klappt zusammen, die Pest frißt sich durch die Leiber, sie waren schon lange tot und wurden nur noch als Lebende simuliert in einem Film, auf Zelluloid, und wer sich damit ansteckt wird wahnsinnig, und deshalb ist dir jedes Mittel recht, um dein bißchen Fleisch zusammenzuhalten, anderenfalls bist du nur noch eine Schleimspur von hier bis zur nächsten Ecke.

William S. Burroughs: „Die Zelluloid-Leichen von Marrakesch“ – „Die alten Filme“ – Stories, Fischer Taschenbuch Verlag

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Witz oder Schönheit

Thomas Hermanns erklärt in „netter is better“*, wie sehr ein guter Comedian über seine Normalität funktioniert, „weil sich nämlich alle so“ benehmen, also in die selben Kalamitäten geraten, die auch den Alltag des Publikums prägen:

»Das schafften allerdings nur die Comedians, die nicht diesem natürlichen Reflex folgten, ihr eigenes peinliches Benehmen zu überspielen. Denn als guter Comedian muss man in dieses peinliche Gefühl eintauchen, sich eine Mentalnote machen und daraus seine Nummer schreiben. Und dafür darf man sich selbst nicht zu wichtig nehmen, nicht zu eitel sein und – auch das haben fast alle gemein – muss man irgendwann in irgendeiner Form von der Normalität ausgeschlossen gewesen sein. Kein Comedian hat nach seinem erfolgreichen Modeljob oder seinem abgeschlossenen Jurastudium beschlossen, Comedian zu werden, das gibt es nicht. Als erfolgreicher Comedian musst du gelitten haben. Du musst zumindest zeitweise von der Gesellschaft in die Peripherie und damit in die Außenperspektive gedrängt worden sein; dieser Blick von außen verbindet die Comedians miteinander. Das heißt, auf dem Schulhof hätten wir vermutlich alle in der selben Ecke gestanden – garantiert nicht in der hippen Mitte! Wir hätten uns weder bei den Sportstars noch bei den Mathegenies getummelt, was aber nicht bedeutet, dass wir alle total mistifts gewesen wären. Das nicht. Trotzdem verabschiedet sich natürlich keiner freiwillig aus der Gemeinschaft, weil er das so nett findet, jetzt mal am Rand zu stehen. Wenn du die Blonde warst, auf die alle abgefahren sind, oder der Sportler, den alle haben wollten, dann hast du dich eher nicht ins Abseits bewegt. Stattdessen hat die Blondine wahrscheinlich den Sportler geheiratet und mit ihm Kinder gekriegt – aber da steckt keine Comedy drin.«

Hermanns schildert dies sehr treffend und grundsätzlich im Kapitel über die Anfänge des von ihm gegründeten „Quatsch Comedy Club“ 1992. Die Verhältnisse stellen sich in der speziellen Situation der deutschen Comedyszene, die sich aus seinem Projekt entwickelt hat, etwas anders dar. Das gilt auch für die Bedeutung der Ansehnlichkeit für die Zugehörigkeit zur Mitte. Dazu zitiert der Autor einen (seinerseits ansehnlichen) berühmten Kollegen:

»Jerry Seinfeld von der sehr erfolgreichen amerikanischen Sitcom hat immer gesagt: “Niemand ist gleichzeitig hübsch und lustig.” Tatsächlich ist gutes Aussehen in der Comedy eher ein Hindernis, du gehörst dann vom Status her eher dem Gewinnertyp an – und Gewinnertypen sind nicht lustig (…). Das heißt: Du kannst zwar gut aussehen UND lustig sein, aber es hilft dir nicht bei deinem Job. Stattdessen nutzt es dir viel mehr, wenn du auf die Leute im Publikum nicht bedrohlich wirkst. Und schöne Menschen sind nun einmal beängstigend, da sie gesellschaftlich eindeutig auf der höheren Stufe stehen – vor allem, sobald sie im Rudel auftreten.«

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* Das Buch erschien 2019 in der „Lebenshilfe“-Rubrik bei Gräfe und Unzer, kurz vor dem Corona-Lockdown, der das im Text verhandelte magere Ansehen der Leichten Muse in der Bundesrepublik in eine neue, nunmehr amtlich beglaubigte Tiefe hinabstoßen sollte.

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