The Bigger Brother

betr.: 42. Todestag von Richard Burton

Als 1984 die zweite (und bessere) Verfilmung des gleichnamigen SF-Klassikers von George Orwell in den Kinos lief, war ihr Hauptdarsteller bereits von uns gegangen: der Weltstar Richard Burton. Ich hatte ihn gerade aus alten Filmen wie „Das Gewand“ vor Augen und entsprechende Mühe, ihn in diesem Spielalter wiederzuerkennen. Als Folterer, der den Helden Winston Smith auf Linie zu bringen hat, kommt er sogar darauf zu sprechen: „Sie denken, dass mein Gesicht alt und müde ist. Dass ich, während ich von Macht rede, überhaupt nicht in der Lage bin, den eigenen Verfall zu verhindern. Aber das Individuum ist nur eine Zelle, Winston. Aus der Müdigkeit der Zelle erwächst die Kraft des Organismus.“
Sekunden zuvor hatte er einen berühmteren Ausspruch getan: „Wollen Sie eine Zukunftsvision, Winston? Sie müssen sich ein Paar Stiefel vorstellen, die ununterbrochen auf einem Gesicht herumtrampeln.“

Als Filmmusik-Album (ich war bereits in wilder Sammelwut entbrannt) mussten wir uns damals mit einem Pop-Album von den Eurythmics veräppeln lassen („1984 (For the Love of Big Brother)“), auf dem wohl mancherlei zu hören war, aber nicht der eigentliche Soundtrack von Dominic Muldowney. Der erschien erst vor wenigen Jahren, und ich fand ihn rein zufällig bei einem meiner selten gewordenen Besuche im letzten kümmerlichen Filmmusik-Fach des örtlichen Elektromarktes: ein Sensationsfund!
Muldowney komponierte für diese Dystopie die „Ozeania“, ein Hosianna aus einschmeichelnd-pathetischer Gehirnwäsche-Musik, die tatsächlich aus einer östlichen Diktatur stammen könnte (wo gute sinfonische Musiker ja allweil zur Verfügung standen).
Ich werde zur Feier des Tages außerdem „The Robe“ auflegen, einen ganz gradlinigen Historien-Soundtrack von Alfred Newman.

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So siehst Du aus! (7)

betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur

Thomas Mann (1875-1955)
Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Der Schauspieler Müller-Rosé (vorher – nachher)

Bei seinem ersten Auftreten war er schwarz gekleidet, und dennoch ging eitel Glanz von ihm aus. Dem Spiele nach kam er von einem Treffpunkt der Lebewelt und war ein wenig betrunken, was er in angenehmen Grenzen, auf eine verschönte und veredelte Weise vorzutäuschen verstand. Er trug einen schwarzen, mit Atlas ausgeschlagenen Pelerinenmantel, Lackschuhe zu schwarzen Frackhosen, weiße Glacés und auf dem schimmernd frisierten Kopf, dessen Scheitel nach damaliger militärischer Mode bis zum Nacken durchgezogen war, einen Zylinderhut. Das alles war vollkommen, vom Bügeleisen im Sitz befestigt, von einer Unberührtheit, wie sie im wirklichen Leben nicht eine Viertelstunde lang zu bewahren wäre, und sozusagen nicht von dieser Welt. Besonders der Zylinder, der ihm auf leichtlebige Art schief in der Stirn saß, war in der Tat das Traum- und Musterbild seiner Art, ohne Stäubchen noch Rauheit, mit idealischen Glanzlichtern versehen, durchaus wie gemalt, – und dem entsprach das Gesicht dieses höheren Wesens, ein Gesicht, das wie aus feinstem Wachs gebildet erschien. Es war zart rosafarben und zeigte mandelförmige, schwarz umrissene Augen, ein kurzes, gerades Näschen sowie einen überaus klar gezeichneten korallenroten Mund, über dessen bogenförmig geschwungener Oberlippe sich ein abgezirkeltes, ebenmäßiges und wie mit dem Pinsel gezogenes Schnurrbärtchen wölbte. Elastisch taumelnd, wie man es in der gemeinen Wirklichkeit an Betrunkenen nicht beobachten wird, überließ er Hut und Stock einem Bedienten, entglitt seinem Mantel und stand da im Frack, mit reich gefältelter Hemdbrust, in welcher Diamantknöpfe blitzten. Mit silberner Stimme sprechend und lachend, entledigte er sich auch seiner Handschuhe, und man sah, daß seine Hände außen mehlweiß und ebenfalls mit Brillanten geziert, ihre Innenflächen aber so rosig wie sein Antlitz waren. An der einen Seite der Rampe trällerte er den ersten Vers eines Liedes, das die außerordentliche Leichtigkeit und Heiterkeit seines Lebens als Attaché und Schürzenjäger schilderte, tanzte alsdann, die Arme selig ausgebreitet und mit den Fingern schnalzend, zur anderen Seite und sang dort den zweiten Vers, worauf er abtrat, um sich vom Beifall zurückrufen zu lassen und vor dem Souffleurkasten den dritten Vers zu singen. Dann griff er mit sorgloser Anmut in die Geschehnisse ein.
Dem Stücke zufolge war er sehr reich, was seiner Gestalt eine bezaubernde Folie verlieh. Man sah ihn bei fortschreitender Handlung in verschiedenen Toiletten: in schneeweißem Sportanzug mit rotem Gürtel, in reicher Phantasie-Uniform, ja gelegentlich einer ebenso heiklen wie zwerchfellerschütternden Verwicklung sogar in Unterhosen aus himmelblauer Seide. Man sah ihn in kühnen, übermütigen, bestrickend abenteuerlichen Lebenslagen: zu den Füßen einer Herzogin, beim Champagner-Souper mit zwei anspruchsvollen Freudenmädchen, mit erhobener Pistole, bereit zum Duell mit einem von Grund aus albernen Nebenbuhler. Und keine dieser eleganten Strapazen konnte seiner Makellosigkeit etwas anhaben, seine Bügelfalten zerrütten, seine Glanzlichter auslöschen, seine rosige Miene unangenehm erhitzen. Zugleich gefesselt und gehoben durch die musikalischen Vorschriften, die theatralischen Förmlichkeiten, aber frei, keck und leicht innerhalb der Gebundenheit, war sein Benehmen von einer Anmut, der nichts Fahrlässig-Alltägliches anhaftete. Sein Körper schien bis in das letzte Fingerglied von einem Zauber durchdrungen, für den nur die unbestimmte Bezeichnung »Talent« vorhanden ist und der ihm offensichtlich ebensoviel Genuß bereitete wie uns allen. Zu sehen, wie er die silberne Krücke seines Stockes mit der Hand umfaßte oder beide Hände in die Hosentaschen gleiten ließ, gewährte inniges Vergnügen; seine Art, sich aus einem Sessel zu erheben, sich zu verbeugen, auf- und abzutreten, war von einer Selbstgefälligkeit, die das Herz mit Lebensfreude erfüllte. Ja, dies war es: Müller-Rosé verbreitete Lebensfreude, – wenn anders dies Wort das köstlich schmerzhafte Gefühl von Neid, Sehnsucht, Hoffnung und Liebesdrang bezeichnet, wozu der Anblick des Schönen und Glücklich-Vollkommenen die Menschenseele entzündet.
(…) Wenn wir in unseren Unterhosen dort oben stünden (…) – wie würden wir bestehen? Und wie keck und ebenbürtig er mit zwei so anspruchsvollen Freudenmädchen verkehrt! – Wenn Müller-Rosé vom Schauplatze abtrat, so fielen die Schultern hinab und eine Kraft schien von der Menge zu weichen. Wenn er, erhobenen Armes einen hohen Ton aushaltend, in sieghaftem Sturmschritt vom Hintergrunde zur Rampe vordrang, so schwollen die Busen ihm entgegen, daß die Atlastaillen der Frauen in den Nähten krachten. Ja, diese ganze beschattete Versammlung glich einem ungeheuren Schwarme von nächtlichen Insekten, der sich stumm, blind und selig in eine strahlende Flamme stürzt.

Mein Vater unterhielt sich königlich. Allein nach Schluß der Vorstellung, draußen auf dem Gange, (…) sagte mein Vater zu mir: »Komm mit, wir wollen ihm doch die Hand schütteln. Gott, als ob wir nicht genaue Bekannte wären, Müller und ich! Er wird enchantiert sein, mich wiederzusehen.« Und nachdem er unseren Damen befohlen hatte, in der Vorhalle auf uns zu warten, brachen wir wirklich auf, um Müller-Rosé zu begrüßen. (…) wir schritten weiter bis zur letzten, an der unteren Schmalseite des Ganges gelegenen Tür, und dort klopfte mein Vater, indem er sein Ohr zu dem pochenden Knöchel hinabbeugte. Man antwortete drinnen: »Wer da?« oder: »Was, zum Deibel!« Ich erinnere mich nicht genau des hellen, aber unwirschen Anrufs. »Darf man eintreten?« fragte mein Vater; worauf es antwortete, daß man vielmehr etwas anderes, in diesen Blättern nicht Wiederzugebendes tun dürfe. Mein Vater lächelte still und verschämt und versetzte: »Müller, ich bin es – Krull, Engelbert Krull. Man wird Ihnen doch wohl noch die Hand schütteln dürfen!« Da lachte es drinnen und sprach: »Ach, du bist es, altes Sumpfhuhn! Na, immer ’rein ins Vergnügen! – Sie werden ja wohl«, hieß es weiter, als wir zwischen Tür und Angel standen, »nicht Schaden nehmen durch meine Blöße.« Wir traten ein, und ein Anblick von unvergeßlicher Widerlichkeit bot sich dem Knaben dar. An einem schmutzigen Tisch und vor einem staubigen und beklecksten Spiegel saß Müller-Rosé, nichts weiter am Leibe als eine Unterhose aus grauem Trikot. Ein Mann in Hemdärmeln bearbeitete des Sängers Rücken, der in Schweiß gebadet schien, mit einem Handtuch, indes er selber Gesicht und Hals, die dick mit glänzender Salbe beschmiert waren, vermittels eines weiteren, von farbigem Fett schon starrenden Tuches abzureiben beschäftigt war. Die eine Hälfte seines Gesichtes war noch bedeckt mit jener rosigen Schicht, die sein Antlitz vorhin so wächsern idealisch hatte erscheinen lassen, jetzt aber lächerlich rot-gelb gegen die käsige Fahlheit der anderen, schon entfärbten Gesichtshälfte abstach. Da er die schön kastanienbraune Perücke mit durchgezogenem Scheitel, die er als Attaché getragen, abgelegt hatte, erkannte ich, daß er rothaarig war. Noch war sein eines Auge schwarz ummalt, und metallisch schwarz glänzender Staub haftete in den Wimpern, indes das andere nackt, wässerig, frech und vom Reiben entzündet den Besuchern entgegenblinzelte. Das alles jedoch hätte hingehen mögen, wenn nicht Brust, Schultern, Rücken und Oberarme Müller-Rosés mit Pickeln besät gewesen wären. Es waren abscheuliche Pickel, rot umrändert, mit Eiterköpfen versehen, auch blutend zum Teil, und noch heute kann ich mich bei dem Gedanken daran eines Schauders nicht erwehren. Unsere Fähigkeit zum Ekel ist, wie ich anmerken möchte, desto größer, je lebhafter unsere Begierde ist, das heißt: je inbrünstiger wir eigentlich der Welt und ihren Darbietungen anhangen. Eine kühle und lieblose Natur wird niemals vom Ekel geschüttelt werden können, wie ich es damals wurde. Denn zum Überfluß herrschte in dem von einem eisernen Ofen überheizten Raum eine Luft – eine aus Schweißgeruch und den Ausdünstungen der Näpfe, Tiegel und farbigen Fettstangen, die den Tisch bedeckten, zusammengesetzte Atmosphäre, daß ich anfangs nicht glaubte, ohne unpäßlich zu werden, länger als eine Minute darin atmen zu können.  (…)  Ich erinnere mich, daß der Sänger, obgleich doch der begeisterte Beifall des Publikums ihn seines Triumphes hätte müssen versichert haben, unaufhörlich fragte, ob er gefallen, in welchem Grade er gefallen habe – und wie sehr verstand ich seine Unruhe! (…) Dies also – so etwa gingen damals meine Gedanken –, dies verschmierte und aussätzige Individuum ist der Herzensdieb, zu dem soeben die graue Menge sehnsüchtig emporträumte! Dieser unappetitliche Erdenwurm ist die wahre Gestalt des seligen Falters, in welchem eben noch tausend betrogene Augen die Verwirklichung ihres heimlichen Traumes von Schönheit, Leichtigkeit und Vollkommenheit zu erblicken glaubten! (…)
Empfinde noch mehr! Frage dich, was den abgeschmackten Witzbold trieb, diese abendliche Verklärung seiner selbst zu erlernen! Frage dich nach den geheimen Ursprüngen des Gefälligkeitszaubers, der vorhin seinen Körper bis in die Fingerspitzen durchdrang und beherrschte!
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https://www.thomasmann.de/werk/romane/felix-krull

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Die eigene Nase

Gestern abend hat Ralf König zum Ausklang des Hamburger CSD-Wochenendes eine seiner Dia-Lesungen im „Nachtasyl“ über dem Thalia-Theater präsentiert: eine kommentierte Revue aus kurzen Comics. Zuvor hatte auf der selben Bühne ein Gespräch mit dem aus New York zurückgekehrten Aktivisten Hans Berlin stattgefunden, der seinen Ruhestand als Pornodarsteller in der Heimat mit Aufklärungsarbeit zum Thema HIV bestreiten wird. (Der beredte Charme, den er dabei entfaltete, dürfte das Unternehmen zu einem großen Erfolg machen!)
Dazu passte, das Ralf uns eine Sittengeschichte des Sexlebens und -verhaltens in der Bundesrepublik aufklappte, einen Leporello, den er mit seit den frühen 80er Jahren geschaffenen Comics satirisch begleitet hat. Es war eine überwältigende Chronik! Und eine saukomische. Dass er die zugrundeliegenden Beobachtungen bekanntlich stets aus der schwulen Perspektive gemacht hat, hinderte ihn nicht daran, die heterosexuelle Normalversion mitzubetrachten und zu –kommentieren. Seit 1987, als er in „Der bewegte Mann“ die Heteros sogar als die eigentlichen Exoten zum Thema machte (was der Film von 1994 zu seinem Leidwesen wieder zurücknahm), ist er ohnehin ein Künstler mit Breitenwirkung über das eigene Milieu hinaus, dessen Gleichnisse von nicht-homosexuellen Frauen ganz besonders geschätzt werden. Die Pointen saßen, und schon die Subkultur-Szenen aus den Bänden der Reihe „Schwulcomics“ (die ersten, die in Buchform veröffentlicht wurden) waren nicht zimperlich, was männliche Neurosen angeht. Die Empfindlichkeiten, Kommunikationsprobleme und Beziehungskapriolen schwuler Männer mussten schon deshalb nicht beschönigt werden, weil sich die anderen (Normalos und homosexuelle Frauen) im Zweifelsfalle noch alberner aufführen.
Als Ralfs Mutter kürzlich hochbetagt verschied, tauchte noch ein vergessener Karton mit besonders frühen Arbeiten auf, die enthüllten, dass der Künstler in Kindertagen sogar eine religiöse Phase hatte.
Was die gestrige Collage vollends zu einem Bildungsprogramm machte, war die historische Einordnung, die dem Publikum dabei half, die Comics akkurat in die eigene Biographie einzuweben: in die AIDS-Krise, die Antischwule Hetze der GauweilerCSU, das segensreiche Wirken der konservativen Gesundheitsministerin Rita Süssmuth, die Quoten-Homos im frühen Privatfernsehen, die Homo-Ehe u.v.a.m.
Selbstverständlich gab es einen Büchertisch (er wurde weitgehend leergekauft), aber eins hat leider gefehlt: der gestrige Abend in Buchform. Er hätte das Zeug zum Klassiker.

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Summer of Kult: Humphrey Bogart

Er ist neben Marilyn Monroe der Letzte aus der Reihe der „Unsterblichen“ Hollywoods und der Inbegriff des Kultstars schlechthin. In der ersten Staffel unseres Podcasts mit den amtlichen 42 Kultfilmen spielte er dreimal die Hauptrolle und wurde in zwei weiteren Filmen inhaltlich zum Thema gemacht und vor der Kamera parodiert. Im Podcast haben wir uns die Frage gestellt, was diese Filme wirklich bzw. heute noch taugen – wie wir das immer so machen. Und begonnen haben wir mit dem Film, dessen Kult selbst den der übrigen 41 – abgesehen vielleicht von der „Rocky Horror Picture Show“ – überstrahlt: „Casablanca“.
Umberto Eco meinte: „Wenn sich ältere Herren des Abends vor dem Fernsehgerät versammeln, ein Getränk in der Hand, dann kann es nur einen Film geben: Casablanca.“ Dieses launige Dichterwort wollen wir in unserem Rückblick auf die erste Staffel unseres Podcasts so nicht stehen lassen:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/summer-of-kult-humphrey-bogart

Tabak-Reklame von 1984

Wie man hin und wieder liest, kam Humphrey DeForest Bogart am 23. Januar 1899 zur Welt, ein Datum, dass von der Pressestelle seines Studios auf jenen Weihnachtsabend des selben Jahres umdatiert wurde, der heute in der Wikipedia steht. In der Nacht zum 31. Januar 1957 starb Bogart nach einem neunmonatigen Kampf gegen den Krebs. Zwei Jahre später drehte Jean-Luc Godard „Außer Atem“ – auch der inzwischen Kult und der erste von vielen Filmen, der Bogart als historische Figur zelebrieren.
Als Humphrey Bogart und Lauren Bacall heirateten, war er 45 und sie 18. Zur allgemeinen Überraschung war die Ehe glücklich und hielt.
Wenig erfolgreich war die erste Hälfte von Bogarts Karriere gewesen. Als Bühnen- und Filmschauspieler erntete er Verrisse und wurde von berühmteren Filmgangstern um die Ecke gebracht. Erste Aufmerksamkeit erregte er als Bösewicht in dem Stück „Der versteinerte Wald“, 1936 durfte er diese Rolle auch im Film spielen. Bevor er mit „Casablanca“ zum Mythos wurde, wurde er mit „Die Spur des Falken“ zum Star. Regie führte erstmalig John Huston, mit dem Humphrey Bogart befreundet blieb.

Neben den drei Kultfilmen der heutigen Präsentation gibt es noch einige andere, die beinahe ebenso kultig sind, vor allem „Der Schatz der Sierra Madre“ und „African Queen“ – beide von John Huston – und die Komödie „Wir sind keine Engel“ vom „Casablanca“-Regisseur Michael Curtiz. Der größte Kult aber umweht Humphrey Bogart selbst. Und am dichtesten wabert er, wenn Bogey denn unverstandenen Zyniker mit dem weichen Kern verkörpert. So auch im dritten und schrägsten Beitrag unseres Triptychons. Howard Hawks inszenierte „Tote schlafen fest“ und stellte ihm einmal mehr seine Entdeckung Lauren Bacall an die Seite. Wie wir wissen, ist sie dort geblieben. Bis zuletzt.

Wir wiederholen diese Gespräche aus der 1. Staffel:

Casablanca
US-Liebesdrama von 1943

Im Zweiten Weltkrieg ist Casablanca in Französisch-Marokko ein wichtiger Auswanderungshafen für europäische Flüchtlinge. Auf das heißersehnte Visum warten viele im „Café Americain“. Dessen Betreiber Rick Blaine ist zum Zyniker geworden, als ihn seine große Liebe Ilsa beim Einmarsch der Deutschen in Paris verlassen hat. Plötzlich steht ebendiese Ilsa bei ihm im Lokal und stellte eine haarsträubende Forderung: Rick soll Transitvisa beschaffen: für sie und ihren Geliebten Viktor. Wie ein jeder weiß, wird es zuletzt auf dem nebligen Flughafen zu einer weiteren Abschiedsszene kommen … und zum Beginn einer wunderbaren Freundschaft … 

„Casablanca“ war ein aktuelles Zeitstück, das sich nahtlos zum klassischen Hollywoodfilm an sich wandelte, zu einem Schlagwort, das jeder kennt und einordnen kann. Selbst wer den Film nicht gesehen hat, benutzt Redewendungen und Satzbausteine wie „die üblichen Verdächtigen“ oder „Spiel’s noch einmal, Sam“. Humphrey Bogart und Ingrid Bergman wurden zum Inbegriff des romantischen Leinwandpaares und verdrängten ein anderes, ähnlich glückloses Liebespaar auf den zweiten Platz: Rhett und Scarlett aus „Vom Winde verweht“.

Die Spur des Falken / The Maltese Falcon
Amerikanisches Kriminaldrama von 1941

Die zwielichtige Brigid O’Shaughnessy beauftragt Privatdetektiv Sam Spade, einen Mann zu überwachen. Spade übergibt die Aufgabe seinem Partner Archer. Als der kurz darauf umgebracht wird, ahnt Spade, dass die Dame ihn belügt. Ein schmieriger Typ namens Joel Cairo klopft bei ihm an und bittet ihn, den „Maltester Falken“ aufzuspüren, eine wertvolle Statuette aus dem 16. Jahrhundert. Auch der feiste Mr. Gutman ist mit seinen psychotischen Handlangern hinter dem Vogel her. Und: Mrs. O’Shaughnessy …

Der klassische Detektivroman „Der große Schlaf“ von Dashiell Hammett war schon zweimal Verfilmt worden, doch das waren noch klassische Gangsterfilme gewesen. Mit John Hustons Umsetzung begann die Ära des Film Noir, deren wichtigste Typen und Topoi wir hiermit schon beisammen haben. Der allerwichtigste: sein Held, der furchtlose Einzelgänger.

Tote schlafen fest / The Big Sleep
Amerikanisches Kriminaldrama von 1946

Der greise General Sternwood wird erpresst. Privatdetektiv Marlowe erhält von ihm den Auftrag, seine aufmüpfige Tochter Carmen im Auge zu behalten: eine spielsüchtige Nymphomanin. Wie sich zeigt, hat sie aus verschmähter Liebe den Sekretär ihres Vaters getötet. Marlowe kann den Verdacht auf eine Verbrecherbande lenken. Doch dann entdeckt er, dass Carmens Schwester, die launische Vivian, mit den Herren in dunkle Geschäfte verwickelt ist. Nun ist der ganze Trickreichtum des Schnüfflers gefragt, um die Gangster gegeneinander auszuspielen. Nicht zuletzt, weil er sich für Vivian zu interessieren beginnt …

Weder Romanautor Raymond Chandler noch Regisseur Howard Hawks haben die Handlung dieses Drehbuchs wirklich verstanden. Umso stimmiger geriet die Atmosphäre des Films, in der Humphrey Bogart auch den zweiten großen Hardboiled Detective der amerikanischen Kriminalliteratur verkörpert: Philip Marlowe. Das Ergebnis gilt als Hauptwerk des Film Noir, einer Strömung, die bei uns nicht ganz korrekt „Schwarze Serie“ genannt wurde.

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Der neue Trip ins Almodoversum

betr.: Aktuelle Filmkritik

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/bitteres-fest

Im heutigen Podcast sprechen Monty Arnold und Volker Robrahn über:

Bitteres Fest
Drama von Pedro Almodóvar

Die Filmregisseurin Elsa hat sich zur Werbefilmerin verkleinert, führt aber insgesamt ein beneidenswertes Leben. Doch obwohl es sogar in der Beziehung läuft – ihr rücksichtsvoller, zärtlicher Lover, der Feuerwehrmann Bonifacio, ist eine Frauen- und Männerfantasie zugleich –, wird sie seit einiger Zeit von Panikattacken gequält. Sie könnten ihre Ursache in verschleppter Trauerarbeit haben: vor einem Jahr starb Elsas Mutter. In einer anderen Zeit in der gleichen Stadt arbeitet der erfolgreiche Autorenfilmer Raúl Durán nach überstandener Schreibblockade wieder an einem neuen Projekt: er erzählt darin Elsas Geschichte. Ist es außerdem die einer langjährigen Mitarbeiterin, die sich bei Raúl über den künstlerischen Identitätsdiebstahl beschwert?

Das Werk von Almodóvar begann mit pompösen, willensstarken, lebenslustigen Typen, die wir heute dem LGBTQ+-Milieu zurechnen können. Nach und nach hat er sich auf Portraits starker Frauen verlegt und die eigene alte Subkultur vernachlässigt. In „Bitteres Fest“ – im Originaltitel ist damit das Weihnachtsfest gemeint – führt er die beiden Welten wieder zusammen. Der Held Raúl erinnert an die Banderas-Figur in „Leid und Herrlichkeit“, der sie zum Verwechseln ähnlichsieht – und somit an Almodóvar selbst. Auch sonst erhält der Film viele vertraute Zutaten, Situationen und Gesichter. Kopiert sich der Meister nur noch selbst? Keineswegs.

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So siehst du aus! (6)

betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur

John Williams (1922-1994)
Stoner

Hollis Lomax

Für den Rest des Sommers blieb Lomax eine mysteriöse Gestalt und das Objekt mancher Spekulationen seitens der fest angestellten Mitglieder des Fachbereichs. (…) Erst nach Abschluss der Einschreibung bekamen sie ihn auf einer Fachbereichssitzung am späten Dienstagnachmittag zu sehen. Betäubt von der Monotonie der letzten beiden Tage und doch angespannt von jener Aufregung, die stets mit dem Beginn eines neuen akademischen Jahres einhergeht, hatte der englische Fachbereich Lomax schon fast vergessen. (…) Ein leises Stimmengewirr erfüllte den Raum; Stuhlbeine scharrten über den Boden, und gelegentlich lachte jemand rau und viel zu laut. Gordon Finch hob die rechte Hand und hielt sie mit der Innenfläche dem Publikum entgegen; der Lärm legte sich ein wenig.
Jedenfalls wurde es so leise, dass alle im Saal hören konnten, wie hinten knarrend die Tür aufging und sich jemand mit auffälligem, langsamem Schlurfschritt über den nackten Holzboden näherte. Man wandte sich um; und das allgemeine Murmeln erstarb. Jemand flüsterte: „Das ist Lomax.“ Die Worte waren im ganzen Raum deutlich zu verstehen.
Er war durch die Tür getreten, hatte sie geschlossen, war einige Schritte über die Schwelle hinaus in den Saal gegangen und blieb nun stehen.
Er maß kaum einsfünfzig und war auf groteske Weise missgestaltet. Ein kleiner Buckel zog die linke Schulter bis zum Hals hoch; der linke Arm hing schlaff herab. Der Oberkörper war massig und eigenartig schief, weshalb er stets ums Gleichgewicht zu kämpfen schien; die Beine waren dünn, das steife rechte Bein zog er nach. Mehrere Augenblicke stand er da und hielt den blonden Kopf gesenkt, als inspizierte er die scharfe Bügelfalte seiner schwarzen Hose und die aufpolierten schwarzen Schuhe. Dann hob er den Kopf und riss in einer plötzlichen Bewegung den rechten Arm hoch, sodass die steife, weiße Manschette mit dem goldenen Manschettenknopf zu sehen war; in den langen, fahlen Fingern hielt er eine Zigarette. Er nahm einen tiefen Zug, inhalierte und blies den Rauch in dünnem Strom wieder aus. Erst dann konnte man sein Gesicht sehen.
Es war das Gesicht eines Leinwandhelden, lang, hager, lebhaft und stark ausgeprägt, die Stirn hoch und schmal mit vortretenden Adern, dazu dichtes, wallendes Haar von der Farbe reifen Weizens, in einer leicht theatralischen Tolle nach hinten gekämmt. Er ließ die Zigarette auf den Boden fallen, trat sie aus und sagte: „Ich bin Lomax.“ Dann schwieg er, die Stimme tief und voll, die Worte präzise, mit dramatischer Resonanz artikuliert. „Ich hoffe, ich störe Ihre Zusammenkunft nicht.“ 
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https://www.dtv.de/buch/stoner-25417

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Brandneu und wieder ganz der Alte

Für die aktuelle Filmkritik sahen Gniechel, Ronny Fanta und Monty Arnold den neuen Marvel-Film vorab:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/spider-man-brand-new-day

Spider-Man: Brand New Day
von Destin Daniel Cretton

Wie man sich erinnert, musste Peter Parker, indem er einen Deal einging, der alle Welt seine Geheimidentität vergessen ließ, auch seine Freunde und seine große Liebe MJ aufgeben.
Er ist wieder der aufopferungsvolle Superheld mit den Problemen von einst, lebt allein in einem Loft, schraubt an seinen Erfindungen und hat in Detective DeWolff eine dankbare Kollegin bei der Polizei. Die Bevölkerung New Yorks liebt ihn als Superhelden, doch er ist sehr einsam.
Ohne den Support der Avengers erhält er außerdem keine High-Tech-Updates für seinen Anzug mehr. Doch dann tritt eine Bedrohung auf den Plan, die auch das Wohlergehen seiner alten Freunde Ned und MJ betrifft, und Peter beginnt, mit den Konsequenzen seiner Entscheidung zu hadern.

Zu den Gaststars dieses Abenteuers, das allein noch genug Stoff für eine Fortsetzung hergegeben hätte, gehören Black Widow, Scorpion, Hulk bzw. Bruce Banner und der Punisher … Der Trailer zum neuen Marvel-Film, dem 4. Mit Tom Holland in der Titelrolle, setzte sich mit unglaublichen 718,6 Millionen Aufrufen in nur 24 Stunden an die Spitze der erfolgreichsten Film-Trailerpremieren aller Zeiten und ließ damit auch den bisherigen Rekordhalter „Deadpool & Wolverine“ mit knapp doppelt so vielen Aufrufen hinter sich. Der Titel des Fims spielt auf eine Story an, die 2008 von Autor Dan Slott und Zeichner Steve McNiven in „The Amazing Spider-Man #546“ begonnen wurde.

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Das Lesen und seine Feinde

Im aktuellen „Spiegel“ wird unter der der Überschrift „Dumm gehört?“ über das Lesen an sich und über Fragen wie diese nachgedacht: macht es einen Unterschied, ob ich einen Inhalt selber lese oder mir in Form eines Hörbuchs zugänglich mache? Diese und all die anderen aufgeworfenen Fragen sind großartige Denkanstöße. Da macht es keinen Verdruss, wenn einige davon (etwa die oben genannte) nicht abschließend beantwortet werden.
Beim Lesen des Artikels fiel mir eine Textstelle aus dem uralten Sachbuch „Literarisches Leben in Deutschland“ wieder ein. Sie wurde zu einer Zeit formuliert, als die Glotze sich gerade vom Statussymbol zu dem wichtigen Möbelstück entwickelte, das sie bis zur Jahrtausendwende bleiben sollte: 1965. Eine Zeit, als es nur zweieinhalb TV-Programme gab, die zusammengenommen weit weniger als die 24 Sendestunden eines Tages ausgefüllt hätten – doch die wurden wichtig genommen.
Im besagten Buch wird auf einen damals populären Vorwurf geantwortet, der an unsere heutige Lage erinnert: die Annahme, das Fernsehen sei der Feind des Buches: »Gewiß wird auch die Lektüre erheblich reduziert. Aber ist das so schlimm? Es tut mir leid: ich kann im Bücherlesen an sich noch nichts Positives sehen. Es kommt darauf an, was gelesen wird. Gehen die Stunden, die der Mensch vor dem Apparat verbringt, den Werken von Thomas Mann, Camus oder Faulkner verloren? Oder vielleicht den ohnehin fragwürdigen Unterhaltungs- und Kriminalromanen, den Sensationsbüchern jeglicher Art? Schließlich wird in der Bundesrepublik vieles gedruckt, das weit gefährlicher ist als die schlechteste Sendung des Fernsehens.«
Man käme nicht darauf, wer das geschrieben hat: Marcel Reich-Ranicki.

Einerseits stimmen die Verhältnisse von vor 60 Jahren immer noch ungefähr (wenn inzwischen auch eine handwerkliche Schamlosigkeit herrscht, von der man damals schlicht keine Vorstellung hatte). Andererseits ist die schwindende Lesekompetenz, die auch im „Spiegel“-Artikel nicht unerwähnt bleibt, eine Sache, die alle trifft (… träfe …): den schlechten Krimi ebenso wie Mann, Camus und Faulkner.

Ich selbst lese mindestens so gern wie die Verfasser der genannten Quellen. Dennoch hätte ich nichts dagegen, mir häufiger vorlesen zu lassen, schon wegen meiner immer schlechter werdenden Augen. Leider ist das meistens gar nicht möglich. Und wenn, nützt es mitunter nichts. Einer meiner Lieblingsschriftsteller, Georges Simenon, wurde zuletzt im großen Stil eingelesen. Aber leider von Walter Kreye.

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Summer Of Kult: Sean Connery

In der 2. Folge von „Summer Of Kult“, unserer Sommerpause, werden drei Gespräche zusammengestellt, die alle keine „Kultfilm-Azubis“ behandeln, sondern Filme, die traurigerweise gar keinen Kult generiert haben. Die Collage im heutigen Podcast kann, wer möchte, auch unserer dritten Staffel zurechnen, die mit den „Kultfiguren“. Sie hätte unsrem heutigen Hauptdarsteller sicher zugesagt: einem Mann, den wir ausdrücklich nicht darauf reduzieren, dass der er der Erste war, der im Kino James Bond gespielt hat:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/summer-of-kult-sean-connery

Zwischen seinem ersten Auftritt als 007 (1962) und seinem nachträglichen letzten (1983), der bereits die Züge der Parodie trug, hat der aus armen Verhältnissen stammende schottische Schauspieler Sean Connery seine Projekte danach ausgesucht, dass sie sich als Gegendarstellung zu seinen Agenten-Abenteuern verstanden, als Auflehnung gegen seinen größten Erfolg. Das Ergebnis war ein in jeder Hinsicht wechselvolles, aber hochinteressantes Repertoire, das eine gründliche Retrospektive verdient hätte. Aus dieser spannenden Schaffensphase des Anti-Bond betrachten wir heute drei Filme, die wir in der 2. Staffel des Podcasts als „Pyramid Frolics“ präsentiert haben.

Sean Connery alterte schnell, komplett mit Haarausfall. Abseits seiner Tätigkeit als 007 zeigte er das offen und freute sich über alles, was ihn optisch davon trennte. Nach Möglichkeit vermied er es, ein Toupet zu tragen. Vielleicht hat er auch aus diesem Grund – ähnlich wie sein Kollege Burt Lancaster – so früh damit begonnen, Altersrollen zu spielen.
Unsere drei Filme zeigen ihn in drei Image-Phasen: als den schneidigen Filmstar der frühen 60er und als den prächtigen alten Löwen, den er ab Mitte der 70er Jahre bis zuletzt gestalten sollte. Dazwischen sah er für kurze Zeit wie ein gewöhnlicher Mann Anfang 40 aus.
Einen so alltagsgrauen Sean Connery wie in unserem zweiten Film hat das Publikum niemals vorher und nie mehr danach zu Gesicht bekommen.

Die Strohpuppe / Woman Of Straw
Britischer Thriller von 1963

Der Millionär Charles Richmond tyrannisiert seine Mitwelt vom Rollstuhl aus: er quält seine schwarzen Bediensteten, die er schlechter behandelt als seine Hunde, und demütigt seinen Neffen Anthony, einen bei ihm angestellten Lebemann, dessen Vater er in den Selbstmord getrieben hat, um sich die Mutter zu angeln. Nun ist auch sie nicht mehr am Leben, und Anthony sinnt auf Rache. Er engagiert die ahnungslose Italienerin Maria, um sie für sein Komplott zu benutzen …

Die James-Bond-Produzenten verbaten Sean Connery, pro Jahr mehr als einen weiteren Film zu drehen, was seinen Hass auf die 007-Rolle schürte und ihn von Anfang an zu einer vielseitigen Rollenwahl antrieb. Basil Dearden ließ ihn an der Seite von Gina Lollobrigida und dem Altstar Ralph Richardson seine bis zuletzt fieseste Rolle verkörpern.

Sein Leben in meiner Gewalt / The Offence
Britisches Drama von 1972

Seit genau zwanzig Jahren dient der ehrgeizige Sergeant Johnson glanzlos im Polizeidienst Ihrer Majestät. Der andauernde Blick auf Dreck und Gewalt bereitet ihm ein Gefühl der Sinnlosigkeit, seine Ehe ist am Ende. Nun treibt ein Kinderschänder sein Unwesen. Als ein Verdächtiger aufgegriffen wird, will Johnson an ihm ein Exempel statuieren. Er vernimmt ihn allein, was gegen die Vorschrift ist. Als der Mann ihn verhöhnt und allzu tief in seine Seele blickt, brennt bei dem frustrierten Beamten die letzte notdürftige Sicherung durch. Er prügelt den Verdächtigen zu Tode und wird nun selbst Gegenstand eines Ermittlungsverfahrens …

1971 ließ sich Sean Connery noch einmal rumkriegen, die ihm verhasste Rolle des James Bond zu spielen. Zur Belohnung mussten ihm United Artists zwei persönliche Projekte finanzieren, die sich als 007-Gegendarstellung verstanden. „The Offence“, basierend auf dem John-Hopkins-Drama „Diese Geschichte von Ihnen“, brachte in Deutschland nicht einmal die Synchronisations- und Kopierkosten wieder herein, in Frankreich fand er keinen Verleih, und insgesamt war er ein solcher Misserfolg, dass man von Connerys zweitem Entschädigungs-Projekt nie etwas gehört hat.

Der Mann, der König sein wollte / The Man Who Would Be King
Amerikanische Literaturverfilmung von 1975

Indien 1882: als Beschmutzer der Ehre ihrer Krone sollen die abgemusterten britischen Soldaten Danny Dravot und Peachy Carnehan eigentlich in den Knast. Doch die Fürsprache eines Logenbruders ermöglicht es ihnen, ins ferne Kafiristan zu ziehen, um ihr Glück zu machen. Dort, wo man seit Alexander dem Großen keinen Weißen mehr zu Gesicht bekommen hat, schlummern sagenhafte Reichtümer.
Am Ziel einer strapaziösen Reise helfen die fröhlichen Taugenichtse dem Bürgermeister eines Bergdorfes beim Kampf gegen die benachbarte Stadt, und durch einen Zufall gerät Danny dabei in den Ruf der Unsterblichkeit. Man erklärt ihn zum Gott und krönt ihn zum König.
Peachy möchte am liebsten so schnell wie möglich die Reichtümer zusammenraffen, die man ihnen nun zu Füßen legt, und in die Heimat zurückreisen. Doch Danny hat längst Gefallen an der Verehrung gefunden, die ihm entgegenschlägt, und träumt davon, ein Großreich zu gründen. Er überredet Peachy, noch zu bleiben, bis er eine schöne Eingeborene geehelicht hat. Ein fataler Fehler …

Der Erstling von Regisseur John Huston war der Film-Noir-Klassiker „Die Spur des Falken“ – wir behandelten wir in unserer ersten Staffel „Alle 42 Kultfilme“. Für ein knappes halbes Jahrhundert blieb er eine der respektiertesten und gefeiertesten Persönlichkeiten des US-Kinos und bespielte souverän alle dramatischen Genres.

Nächste Woche: Kultstar Humphrey Bogart im Spiegel unserer ersten Staffel „Alle 42 Kultfilme“

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Geometrie bei Gilbert Keith Chesterton

betr.: Schreiben für Film, Funk und Fernsehen

Was dem breiten Publikum des Filmregisseurs Wes Anderson als simples Wiedererkennungsmerkmal genügt, um großes Entzücken auszulösen („Hui, einen Film dieses Regisseurs erkenne ich auf den ersten Blick!“), setzte der verstorbene Krimiautor Gilbert Keith Chesterton als raffiniertes Stilmittel ein: Geometrie. Das Raffinement des Zweiteren besteht in der Wichtigkeit dieser Strukturen für das Werk. Während die Geometrie bei Anderson (im Verein mit einer Palette kitschiger Sepiatöne) eine reine Blendgrante ist, hat sie bei Chesterton zumeist große Wichtigkeit für die Handlung, die sich innerhalb dieser Linien und Perspektiven abspielt.
Selten sind sie lediglich reiner Zierrat, um den Text zu eröffnen, etwa hier:


Zwischen dem Silberstreifen des morgendlichen Himmels und dem grünen, glänzenden Streifen des Meeres legte der Dampfer in Harwich an.
 „Das blaue Kreuz“

Diesen Ort der Ankunft werden wir gleich wieder verlassen, um die Charaktere anderswo zu treffen. Doch spätestens diese Begegnung geschieht in einem Ambiente, dessen Beschreibung der Autor eine Präzision angedeihen lässt, die er sonst nur auf das Erscheinungsbild seiner Charaktere verwendet.*

Das Dörfchen Bohun Beacon lag auf einem so steilen Hügel, daß sein hoher Kirchturm nur eine Bergspitze zu sein schien. Am Fuß der Kirche stand eine Schmiede, die gewöhnlich von rotem Feuerschein erleuchtet und immer mit Hämmern und Eisenstücken übersät war; ihr gegenüber, jenseits einer Kreuzung holpriger Wege, befand sich „Der blaue Eber“, das einzige Wirtshaus des Ortes. An diesem Kreuzweg trafen sich beim ersten Schimmer eines bleiernen und silbernen Tages zwei Brüder …
„Der Hammer Gottes“

Irgendwo in Brompton oder Kensington draußen gibt es eine unendlich lange Straße, auf deren Seite sich je eine Reihe großer und stattlicher, aber meist unbewohnter Häuser hinzieht, Häuser, die aussehen wie Grabkammern. Sogar die Treppen, die zu den dunklen Eingangstüren hinaufführen, gleichen denen, wie man sie an Pyramiden findet; und wenn man schließlich vor einer dieser Türen steht, zögert man anzuklopfen, denn man hat das dunkle Gefühl, als müsse einem von einer Mumie geöffnet werden. Noch deprimierender an dieser Straße aber ist ihre unendliche Länge und das monotone Aufeinanderfolgen der grauen Fassaden. Wenn man die Straße so durchwandert, hat man den Eindruck, als komme nie eine Unterbrechung in der langen Reihe der Häuser, nie eine Ecke. Und doch – eine einzige Ausnahme gibt es, und der bedrückte Straßenwanderer begrüßt sie mit erleichtertem Aufatmen. Zwischen zweien dieser Häuser gibt es eine Lücke; sie ist im Vergleich zur Länge der Straße nur ein Spalt, eine Türritze, aber doch groß genug für ein winziges Gasthaus, das die Reichen dieser Straße ihren Stallburschen gerade noch genehmigen. (…) Zu den Füßen der grauen Steinriesen sieht die Schenke wie ein hellerleuchtetes Zwergenhäuschen aus.
„Cäsars Kopf“

„ … Da durchblitzte mich die Vorstellung, ein Unbekannter würde mich von den Dünen her anstarren. Eine Sekunde später glaubte ich doch eher an einen Streich meiner Nerven, denn der Mann war nur als ein kleiner schwarzer Punkt am Horizont zu erkennen, und es war kaum anzunehmen, daß er mich deutlicher sehen konnte. Was ich sicher erkennen konnte, war eine unbewegte Gestalt, die mit schräg geneigtem Kopf in die Gegend schaute. Es gab keinen logischen Beweis, dass er nach mir ausschaute – vielleicht betrachtete er ein Schiff, das Spiel der Möwen, erfreute sich am Sonnenuntergang oder beobachtete einen der anderen Menschen, die sich am Strand aufhielten. Aber meine Befürchtung erwies sich als richtig, denn als ich nun genauer hinsah, bewegte er sich weit ausschreitend über den nassen Sand geradewegs in meine Richtung. Als er näher kam, konnte ich erkennen, dass er dunkelhaarig und bärtig war und die Augen mit einer dunklen Brille verdeckte. Er war ärmlich aber recht ordentlich ganz in Schwarz gekleidet, angefangen beim alten Zylinder auf seinem Kopf bis zu den festen Stiefeln an seinen Füßen. Ohne auf dieses Schuhwerk zu achten, marschierte er in das Wasser hinein und kam mit der Gleichmäßigkeit eines abgefeuerten Geschosses auf mich zu …“
„Cäsars Kopf“

In dem kühlen, blauen Zwielicht zweier steiler Straßen in Camden Town glühte die Konditorei an der Ecke wie das Ende einer Zigarre.
„Der Unsichtbare“

Das Auto des Mannes war klein und flink, genau wie er. (…) Das Gefühl von etwas Kleinem, Dahinfliegendem wurde besonders deutlich, als sie so in dem ersterbenden, aber klaren Abendlicht die langen weißen Straßenwindungen entlangschwebten. Bald wurden die weißen Kurven schärfer und schwindelerregend. Sie bewegten sich in aufsteigenden Spiralen, wie es in den modernen Religionen heißt. Denn nun waren die beiden wirklich auf dem Gipfel eines Teiles von London, der ebenso steil abfällt wie Edinburgh, wenn er auch nicht ganz so malerisch ist. Terrasse erhob sich über Terrasse, und der Wohnblock, dem sie zustrebten, stieg – von der Abendsonne vergoldet – zu fast ägyptischer Höhe an.
Doch als sie um die Ecke bogen und in das Häuser-Halbrund fuhren, das den Namen „Hymalaiah Mansion“ trägt, änderte sich das Bild so jäh wie wenn sich plötzlich ein Fenster auftut, denn dieser Haufen Mietshäuser lag über London wie über einem grünen Schiefersee. Die buschige Umzäunung auf der anderen Seite des Kies-Halbrunds gegenüber dem Häuserblock glich eher einer Hecke oder einem Damm als einem Garten, und etwas tiefer floss ein künstlich angelegter Wasserstreifen, eine Art Kanal, sozusagen der Wallgraben dieser verborgenen Festung.
„Der Unsichtbare“

Bis in die Auslösung des Rätsels hinein wichtig ist die Topografie des Schauplatzes dieses Abenteuers:

Die beiden Männer tauchten gleichzeitig an den gegenüberliegenden Enden einer Art Galerie auf, die an einem Seitenflügel des Apollo-Theaters in Adelphi entlangführte. Das Licht der hereinbrechenden Dämmerung fiel satt und leuchtend in die Straßen. Im Vergleich dazu war die Galerie dunkel, so daß einer den anderen in der Entfernung nur als schemenhaften Umriß ausmachen konnte.
„Der Mann auf der Galerie“.

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* siehe auch die Reihen „Wohnwelten“ und „So siehst Du aus!“betr.: Schreiben für Film, Funk und Fernsehen

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