betr.: 138. Geburtstag von Max Steiner / Podcast vom kommenden Freitag
Im Werk des Österreichers Max Steiner, der gemeinsam mit seinem Landsmann Erich Wolfgang Korngold die Grundlagen für das spätromantische Idiom der Filmmusik in Hollywood legte, nimmt „The Fountainhead“ eine fast nicht wahrnehmbare Position ein. Für den Film selbst gilt das insgesamt auch.
Die Handlung: Mit seiner Vision einer radikal neuen Architektur bringt Howard Roark Fachwelt, Kundschaft und Öffentlichkeit gegen sich auf, während sein gefallsüchtiger Weggefährte Peter Keating mit seinen müden Konzepten Erfolg hat. Die Architekturkritikerin Dominique Francon – ebenso stur und kompromisslos wie Roark – schlägt sich auf seine Seite, als der Medientycoon Gail Wynand ihn öffentlich vernichten will. Roark und Francon halten zusammen, obwohl sie einander zu ähnlich sind, um als Paar zu funktionieren. Sie geben auch in dieser Sache nicht auf …

Das erste und dezentere der beiden Schlussbilder des Films „Ein Mann wie Sprengstoff“ (WB).
„The Fountainhead“ von 1949 ist für mich als Leser von Film-Biographien lange Zeit ein Phantom gewesen. Er wird immer wieder erwähnt als ein Schlagwort, unter dem sich jeder etwas vorzustellen vermag, ohne dass man weiter darüber zu reden wünscht oder überhaupt reden müsste.
Die Wenigen, die sich mit diesem Film näher befassen, verwerfen ihn als geschmackloses, verbohrtes Schrillstück, gestehen ihm aber vereinzelt einen Unterhaltungswert zu (was ich persönlich am wichtigsten finde).
Wer über seinen Regisseur King Vidor schreibt, übergeht das Werk nach Möglichkeit. Gary Cooper lässt es aus seiner ohnehin sehr schmalen Autobiographie gänzlich heraus, und in der Tat ist „The Fountainhead“, der im Deutschen „Ein Mann wie Sprengstoff“ heißt (ein Titel von „zweifelhaftem Sex-Appeal“, wie Heinz Emigholz schrieb), in dessen Werk ein ähnlicher Fremdkörper wie die Hitchcock-Filme in dem von James Stewart. Immerhin haben sich letztere als Klassiker bewährt, während kommerzieller Misserfolg und spätere Unbeliebtheit von „The Fountainhead“ ein Grund dafür sein dürften, dass man Rands zweiten Mammutroman „Atlas wirft die Welt ab“ zu ihren Lebzeiten gar nicht erst fürs Kino adaptiert hat. Ab 2011 gab es einen lieb gemeinten Versuch, ihn als Dreiteiler zu realisieren, eine Unternehmung, die buchstäblich versandete. Zugegeben: „Atlas“ ist bei ähnlichem Umfang (1660 Seiten) viel verwicklungs- und figurenreicher als „The Fountainhead“.
Rands zwei Elefanten sind als Bücher hierzulande meistens vergriffen und kursieren zu Mondpreisen in den Online-Antiquariaten. Als das Hamburger Thalia-Theater „The Fountainhead“ 2018 auf die Bühne brachte, erzählte die Dramaturgin in der Einführung, wie schwierig es war, von beiden Übersetzungen („Der Ursprung“ und „Der ewige Quell“) je ein Exemplar aufzutreiben, um den Theatertext aus beiden zu generieren.
Dann entschuldigte sie sich vorsichtshalber beim Publikum für die Präsentation einer Autorin, die eine üble Sektiererin im Stil der Scientologen gewesen sei. Dass der offenkundige Nichtleser Donald Trump auch bei dieser Gelegenheit als Ayn-Rand-Fan verkauft wurde, spricht in seiner wohlfeilen Schrägheit für sich selbst.*
Inzwischen ist „Der Ursprung“ wieder als Buch zu haben, dafür ist „Atlas“, zuletzt 2012 unter dem Titel „Der Streik“ verlegt, gerade wieder out of print.
Charaktere wie in „Ein Mann wie Sprengstoff“ gibt es in dieser Selbstverständlichkeit nur bei Ayn Rand. Sie treten weder in anderen vergleichbar professionellen Kulturprodukten auf, noch im wirklichen Leben, noch im politischen Diskurs. Die allgemeine Kritikerschelte trifft insofern zu: so wie in diesen Dialogen „redet doch kein Mensch“. Doch das ist bedauerlich. Von einer Ausnahme abgesehen (Roarks feiger Konkurrent Peter Keating) sind sämtliche Kombattanten sehr gescheit und wissen sich auszudrücken. Das ist nicht nur ein unendlicher Spaß, es wirkt wie ein Kurbad für die geschundene Seele eines Menschen der Gegenwart, der einem unüberhörbaren Diskurs ausgesetzt ist, in dem das hohle Geschirr immer am lautesten klappert. Wiederum ist egal, welcher Seite ich inhaltlich zuneige: einer argumentiert so dumm wie der andere.
Der Film ist so pompös wie seine Figuren, seinem Architekturthema entsprechend prächtig ausgestattet (wenn auch mit einer Unzahl von Modellen und gemalten Hintersetzern) und herrlich fotografiert (von Hitchcocks späterem Kameramann Robert Burks).
Weiterhin fasziniert mich daran, was mich schon bei der Lektüre von„Atlas Shrugged“ in Erstaunen versetzte: kaum ein hier verhandeltes Thema lässt uns Heutige kalt. Es geht Wort für Wort um das, was gerade in unserem Land und auf der Welt los ist.
Und was ist mit Rands Standpunkten, die erkennbar einer Zeit entstammen, als man sich über die Verderbtheit der menschlichen Gattung noch vereinzelte Illusionen machen konnte (– dem real existierenden Neoliberalismus ist Rand durch ihren Tod im Jahre 1982 davongekommen)? Sind diese amerikanischen Rand-Institute nicht reichlich unappetitlich? Gewiss, aber längst nicht so mächtig wie die zahllosen totalitären Systeme, die sich auf den weithin geschätzten Karl Marx berufen oder jenes, das bis heute behauptet, im Sinne von Jesus Christus zu handeln.
Nach Zerstreuung suchend lasse mich lieber von einer blitzgescheiten philosophischen Irrläuferin ärgern als von den intellektuellen Kleinbürgern, die mich in Alltag und Kunst mit ihren sozialmedialen Einlassungen ermüden. Leider gilt das in beide Richtungen.
Nehmen wir die Genderdebatte, zu der ich einen klaren Standpunkt habe. Weder mit Michael Mittermeier (der der Meinung ist, von Gendern stürbe doch niemand, also come on! …) noch mit Dieter Hallervorden (der im Gendern ein untrügliches Symptom für linken Gesinnungsterrorismus erblickt – meine Wortwahl) möchte ich mich gemeinmachen. Beide, und ihre Namen sind beliebige Beispiele, möchte ich bitten, mich vor Belehrungen irgendwelcher Art erst einmal annähernd so gut zu unterhalten wie es Ayn Rand auf jeder ihrer Buchseiten und in jeder Filmminute tut, Irritationen inbegriffen.
Ich fühle mich bei ihr wie stets nicht dazu angehalten, meine Überzeugung leichtfertig durch eine mir überbrachte Botschaft auszutauschen. Ich lasse sie in meine Überlegungen einfließen, falls es sich lohnt. Und ich weiß gutes Entertainment zu schätzen.
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* Eine Wiedergabe der Einführung von Susanne Meister folgt.


