betr.: Alison Bechdels neuer autofiktionaler Comicroman „Kaputt“
Ich gehöre zu denen, die Alison Bechdels Klassiker„Fun Home“ für eine Spitzenleistung halten, für einen großen Roman seiner Zeit (ob geschrieben oder gezeichnet). Trotz oberflächlicher Gemeinsamkeiten ist „Kaputt“ – das im Original den subtileren Titel „Spend“ („völlig erschöpft“) trägt – etwas völlig anderes, nämlich ein Buch, das sich einer kritischen Analyse entzieht. Von seiner eigenen Bubble – also den liberalen Freunden der Demokratie, der LGBTQ+-Gemeinde sowie den aufgeschlossenen Fans des Mediums Graphic Novel – wird es erwartungsgemäß gelobt. Das Ausbleiben einer Reaktion, die irgendeine Emotion verrät – sei sie nun zustimmend oder ablehnend – ist aber kein gutes Zeichen. Die mir vorliegenden, durchweg positiven Rezensionen vermitteln weniger Begeisterung als eine behagliche Zufriedenheit und das Gefühl, dass alles seine Ordnung hat: Hauptsache, die Künstlerin ist sich treu geblieben. Um außerhalb ihrer Community jemanden zu provozieren, aufzuregen oder zum Nachdenken zu bringen, ist „Kaputt“ zu niedlich. So gesehen ist es ein doppelter Irr- und Schwachsinn, dass „Fun Home“ und andere Bücher der Autorin in Teilen der USA aus den Bibliotheken entfernt wurden.
Die (Verlags-)Eigenwerbung „Satire“ ist nicht korrekt, denn nichts, was hier erzählt wird, ist übertrieben (und Übertreibung der Wesenskern der Satire). Aus persönlicher Beobachtung weiß ich, dass sich ganz normale Leute genauso verhalten wie hier vorgeführt, sobald ihnen der Lebensstandard den nötigen Freiraum zu ihren putzigen Schrulligkeiten lässt. So ein Freiraum ist sprichwörtlich für die „Boomer“, die hier im Mittelpunkt stehen. Sie leben idyllisch im ländlichen Vermont (haben „der Großstadt“ also längst den Rücken gekehrt) und sind mit über 60 nicht mehr in den alltäglichen Kampf um den Lebensunterhalt verstrickt. Selbst die Schreibblockade der Titelheldin ist kein existenzielles Problem. Viel größeren Kummer bereitet ihr, dass sie meint, sich für den Fernsehvertrag schämen zu müssen, der sie einstweilen aller Geldsorgen enthoben hat („Verrat an den eigenen künstlerischen Idealen“ u.ä.). Diese auch im wirklichen Leben allgegenwärtige Jammerei auf hohem Niveau wird uns in unzähligen kurzen Szenen vorgeführt. Der Besuch bei Alisons (erfundener) Schwester, einer beinharten Trumpistin, offenbart, dass dort alles ebenso hermetisch und egomanisch ums Banale kreist wie bei Allison und ihrer Lebensgefährtin auf dem Ziegen-Gnadenhof.
All das wird abgebildet, ohne zugespitzt, ironisch gebrochen oder zur Grundlage einer Versuchsanordnung gemacht zu werden. Den Figuren bleibt sogar noch Zeit, über marxistische Thesen nachzudenken – als ob irgendeine von ihnen allen Ernstes dazu taugen würde, in einem sozialistischen oder gar kommunistischen System zu existieren (Die würden sich bedanken!).
Aber könnte nicht genau das die Pointe sein, die mir hier verschlüsselt angeboten wird?
Ich würde es gern glauben.
Guy Delisle, ein ähnlich gefeierter Star der Graphic Novel, um den es zuletzt etwas ruhiger geworden ist, hat viel mit Alison Bechdel und ihrem Konzept gemein. Auch er pflegt eine unaufgeregt-klare Linie (eine noch weitaus klarere) und realistische Beobachtungen. Auch er konstruiert keine fortlaufende Erzählung mit einer Dramaturgie, sondern beschreibt einen gesellschaftlichen Zustand. Und indem wir seinen Figuren folgen, erkunden wir ihn und erleben Variationen eines Themas. Doch bei Delisle habe ich immer das Gefühl eines Vorwärtskommens, des Verstreichens der Zeit und eines Erkenntnisgewinns. Bei Al und Hol, unserem zentralen Paar, stellt sich dieses Gefühl nicht für mich ein. Und das, obwohl sogar der Wechsel der Jahreszeiten miterzählt wird.
Die kulturellen Interessen, die in „Fun Home“ so klug verbaut und ironisiert wurden, sind gänzlich verschwunden. Als die Heldin zu Beginn kurz ihre „Bohème-Jahre“ erwähnte, tat es mir einen sehnsuchtsvollen Stich. Außer einer flüchtigen Erwähnung des Films „Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All“ und einer Zeile im Erzähltext, die ganz offensichtlich auf Virginia Woolf anspielt („Alison hat beschlossen, die Blumen selbst zu schneiden.“) scheint die Autorin heute keine größere Sorge umzutreiben, als für intellektuell gehalten zu werden.
Andererseits hat sie eine klare politische Haltung – etwa zur Trump-Herrschaft und ihren Folgen. Was ihrer Botschaft wie auch dem Appeal der Figuren geholfen hätte, wäre eine Handlung gewesen, eine wirkliche Geschichte, die uns die Möglichkeit gibt, uns unter die Charaktere zu mischen und eigene Perspektiven zu finden.
Mit dieser Kritik kann die Autorin unzweifelhaft leben. Die Alison in „Kaputt“ macht jedenfalls den Eindruck, als würde sie sich für solche Einwände nicht interessieren (Irrtum vorbehalten). Das ist ihr gutes Recht. Es verwundert mich aber angesichts der Ernsthaftigkeit, mit der sie ihre Anliegen vorbringt – in den Sprechblasen wie auch in ihren Interviews. Und Grund zur Klage gibt es ja wirklich genug.
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Der Comic „Kaputt“ von Alison Bechdel (übersetzt von Katharina Erben) ist im Reprodukt Verlag erschienen, hat 272 Seiten und kostet 24 Euro.
