Klassik, Pop und Anbiederung

Heute ist Tricia Tuttle die Gastmoderatorin der Sendung „Klassik, Pop etc.“ – eine der wenigen tatsächlich prominenten Gäste im „Musik von Prominenten“-Format des Deutschlandfunks. Es ist eine sehr persönliche Reihe, was freilich zu nichts verpflichtet.
Zwei Dinge erfahre ich heute über Trisha Tuttle.
Als Leiterin der Berlinale nun schon im dritten Jahr, spricht sie nach wie vor nicht deutsch (die Sendung wird ge-voice-overt).
Bei einem der Musiktitel (ausnahmsweise Jazz) bekennt sie sich dazu, die Filme von Woody Allen gemocht zu haben, bevor es „kompliziert geworden“ sei, sein Fan zu sein!

Sollte jemand beim nächsten Besuch des Festivals den subjektiven Eindruck haben, das Programm könnte etwas weltbürgerlicher, kunstsinniger und weniger miefig-verdruckst sein, dann weiß er, woran es eventuell liegt.

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Kultfilm Azubis: Die Leute vom Rummel

Die Welt des Rummels und der Schaustellerei beschäftigt uns in der heutigen Podcast-Folge, und hinter dem Vorhang warten tiefe Einblicke in die menschliche Seele und die Gesetze der Komik:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/freaks-funny-bones

A) Freaks
Amerikanisches Schauerdrama von 1932

Die Trapez-Artistin Cleopatra ist der Star eines Wanderzirkus. Fast noch größeres Publikumsinteresse erregen jedoch die „Freaks“ in der „Side-Show“: siamesische Zwillinge, kleinwüchsige oder von Geburt an entstellte Menschen. Einer aus ihrer Mitte, Hans, verliebt sich in die bildschöne Kollegin – und wird zu seiner Überraschung erhört. Doch Cleopatra heiratet ihn nur, um ihn umzubringen und seine Erbschaft einzusacken. Als man ihr auf die Schliche kommt, ist die Rache der Außenseiter grauenvoll.

Tod Browning, wichtiger Regisseur des Stummfilm-Horrors, brach mit den Gesetzen dieses Genres, in das der Film noch immer gern und falsch einsortiert wird. Vor der Kamera agieren reale Vertreter der damals noch existierenden anrüchigen Kuriositätenshows, während sich die thematisch verwandte 4. Staffel der Serie „American Horror Story“ mit Maskierungen behelfen musste.
MGM haderte mit der Vermarktung des humanen, aber bizarren Dramas. 30 Minuten wurden herausgeschnitten und weggeschmissen. Erst spät kam die Anerkennung für Brownings Film-Torso, noch später die deutsche Synchronfassung. Ausgerechnet der Krawallsender RTL gab sie 1992 in Auftrag – und begnügte sich mit einem lausigen Ergebnis.

B) Funny Bones – Tödliche Scherze
Britisch-amerikanische Komödie von 1995

Der junge Stand-Up-Comedian Tommy Fawkes scheitert in Las Vegas – auch weil ihm sein berühmter, wohlmeinender Vater George (Jerry Lewis in einer ernsten Rolle) die Schau stiehlt. George reist unter falschem Namen nach Blackpool, wo er die ersten sechs Jahre seines Lebens verbracht hat, und gibt sich als Konzertveranstalter aus. Er will die Varieté-Acts in dem heruntergekommenen Seebad studieren. Das Beste sieht er rein zufällig bei einem Theaterbesuch: den brillanten aber augenscheinlich minderbemittelten Komiker Jack Parker. Bald erfährt Tommy, dass ihn mit diesem ein übles Familiengeheimnis verbindet …

Regisseur Peter Chelsom hatte mit seinem ersten Film „Hear My Song“ großen Erfolg. „Funny Bones“ war diesem zu nah und ging auch deswegen unter, obwohl er seinem prätentiösen, unbehauenen Vorgänger in jeder Hinsicht überlegen und so etwas wie dessen wirklich geglückter zweiter Anlauf ist. Beide Filme sind heute vergessen, doch immerhin der Titel des zweiten hat sich fachlich eingebürgert. Der Begriff „Funny Bones“ bezeichnet das genuin komische Talent, das nicht auf gutes Material angewiesen ist.

Nächte Woche: die Kultfigur Hayao Miyazaki und seine Filme „Nausicaä aus dem Tal der Winde“ und „Das wandelnde Schloss“

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Ab durch die Hecke!

Ein neuer Tier- und Teenie-Horrorfilm steht bereit. Das Plakat lässt offen, wie groß der animalische Schurke tatsächlich ist. Er ist kleiner als man denkt.

„Primate“
von Johannes Roberts


Nach dem ersten Studienjahr am College besucht Lucy mit den Freunden Hannah, Kate und Nick ihren Vater in Hawaii, einen taubstummen Forscher mit luxuriösem Familienanwesen im Grünen. Zum Haushalt gehört auch der Schimpanse Ben. Als Vater Adam zur Buchmesse fährt, freuen sich die Kids auf sturmfreie Bude. Stattdessen bricht bei Ben
die Tollwut aus, und er entwickelt sich zu einer mörderischen Bestie. Lucy und Co retten sich in den Pool, da Ben nicht schwimmen kann. Doch das verschafft ihnen nur eine kurze Galgenfrist, denn ihr Feind hat ja ein Primatenhirn …

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/primate-aktuelle-filmkritik

Bei einem Film, der so gründlich vergurkt ist, lohnt es sich nicht, die Sache spannend zu machen. Deshalb macht es dem Rezensenten auch kein Vergnügen, die wenigen guten Szenen gleich zu Beginn zu nennen – wie um auszuholen und dann draufzuhauen. Zumal es sehr wenige Szenen sind, und die sind gar nicht mal richtig gut, sondern nur mit Einschränkungen.
Immerhin: die vorgezogene Actionszene ganz zu Beginn, in deren Anschluss der obligatorische Hinweis „36 Stunden zuvor“ erst einmal in Wellness-Feeling hinüberführt, verschleiert sehr geschickt die Größe des wilden Primaten, mit dem wir es ja tun bekommen werden. Die Dunkelheit des geöffneten Käfigs und die extreme Nahaufnahme der Augenpartie seines Insassen könnten auch auf einen Gorilla verweisen. Dass Ben lediglich ein Schimpanse ist, der sich seinen Horror erst noch erarbeiten muss, macht der Film aber gleich wieder kaputt, wenn er zum Anfang zurückblendet. Computeranimationen sind auch 30 Jahre nach „Toy Story“ noch immer riskant, sprich: sie sehen bei falscher Anwendung, also mit zu hohem Realismus-Anspruch – leider einfach scheiße aus. Gute Fellstrukturen machen noch kein insgesamt überzeugendes Tiergeschöpf, auch die Laute, die er ausstößt hätte, klingen wie aus dem Smartphone. Nur ein echter Schimpanse hätte bei Bens erstem richtigen Auftritt die nötige Possierlichkeit mitgebracht, um dem zum Monster mutierenden Affen eine Fallhöhe zu geben. Stattdessen musste ich bei seinem Anblick ich an die gruseligen, klobigen sieben Zwerge denken, mit denen Disney kürzlich einen seiner wichtigsten Klassiker harpuniert hat.
Um solche psychologischen Zusammenhänge zu begreifen, fehlt es den Kolleg*innen Filmschaffenden mal wieder an Durchblick und Handwerk. Wenn man sich nur für die Einzelbilder auf dem Monitor interessiert, die man stundenlang bearbeiten muss, gerät die Dramaturgie aus dem Blickfeld.
Die Idee, einen Swimmingpool mit Meerblick, unter dem eine Steilküste in die Tiefe führt, zur klaustrophobischen Falle zu machen, hat ihren Reiz, doch früher oder später muss die Rückeroberung des übrigen Schauplatzes den Raum für das große Gemetzel freigeben.
Wenn man all die Flüchtigkeitsfehler beiseitelässt – die Lokigfehler, die Timingfehler, die schlampige Figurenzeichnung, den aufdringlichen Einsatz von CGI an noch anderer Stelle, den inflationären Gebrauch von exakt vorberechenbaren Jump-Scares … – wenn man all das beiseitelässt, was schon angesichts der Menge nicht einfach ist, dann krankt „Primate“ immer noch an einem großen Missverständnis. Es handelt sich hier im Kern um einen Teenie-Slasher-Film. Der einzige Erwachsene in dieser Geschichte ist eine ganz besonders plump konzipierte Nebenrolle, die nur zu Beginn und im Finale auftritt, der Besitzer der gewaltigen Dschungelvilla. Wenn Teenie-Horror zu geleckt und gelackt daherkommt, sieht er schnell aus wie eine Reklame für Luxus-Kreuzfahrten. „Primate“ macht den aussichtslosen Versuch, die Grüne Hölle ausgerechnet im Sehnsuchtsparadies Hawaii zu verorten – als Kulisse, als Umgebung, in der das Heim des offenbar millionenschweren Althippie-Primatenforschers eine Insel bildet und in der die vielen Palmenbäume nächtens böse rauschen.
Aber die Macher dieses Films sind so unbedarft, dass sie auch die simple Gleichung außer Acht lassen, auf der das alles beruht: Horror = Ekel + Handlung. Oder sagen wir: + Situation. Die handwerklich tadellosen Effekte – z.B. der schauerliche Running-Gag mit den abgerissenen Unterkiefern – sind so schlecht motiviert und vom bösen Affen so inkonsequent verabreicht, dass sie nichts als tadel-, aber eben auch sinnlose Effekte sind. 

Was bleibt uns anderes übrig, als uns mit einem lustigen Zitat aufzumuntern, das wir woanders herbekommen. Im Finale eines „Planet der Affen“-Musicals singt Astronaut Taylor: „I hate ev’ry ape I see, from chimpan-A to chimpan-Z“. Hier gibt es nur einen Schimpansen, dafür aber viele sehr unsympathische Teenager.

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Eigentlich zum Küssen

Zum Tode von Gerd Thumser

Gerd Thumser habe ich zu meiner aktiven Comedy-Zeit Anfang der 90er um Thomas Hermanns herum persönlich kennengelernt und genoss sein komisches Talent auch im Publikum. Der traurigen Nachricht durch die Sendung „Meine Musik“ im rbb folgte rasch die skandalöse Erkenntnis, dass er über keinen Wikipedia-Eintrag verfügt. Die dortige knappe Passage über Cora Frost, die er lange am Klavier begleitete, nennt ihn gar nicht erst. Wer Thumsers Namen in die Suchmaschine eingibt, landet bei einem älteren Namensvetter (ebenfalls Musiker), der ein Pseudonym führt.


Ich gebe hier also den Kern des feinfühlig-informativen rbb-Nachrufs auf Gerd Thumser (den Kollegen) von Kai Luehrs-Kaiser wieder: „Gerd Thumser war ein Originalgenie der Szene, ein schwergewichtiger Mann, der mit wankendem Gang die Bühne enterte und eine geradezu bedrohliche Präsenz besaß. Er wirkte beim Auftritt gern auf bedenkliche Weise mürrisch und erzielte die größten halb erschrockenen, ganz verzückten Lacher, wenn er ein rekordverdächtig breites Lächeln mit kolossaler Zahnlücke sehen ließ. Jahrzehntelang war Thumser der getreue Pianist von Cora Frost, die ihn bis zum Schluss treusorgend ummutterte. Unvergesslich, ja unsterblich: Gerd Thumsers getanzte Playback-Version »Es war in Königswinter, nicht davor und nicht dahinter«. Er versah diesen Partykracher mit einem ekstatischen Tanz wie man ihn seinem schweren Körper kaum zugetraut hätte. Kurzum: eine merkwürdige Urgewalt der Komik ging von diesem Künstler aus. Bei Ades Zabel mimte er gern eine Figur namens Paula Frantz-Kuhn, die illegitime Tochter von Justus Frantz und Paul Kuhn.“ Letztere Figur beschreibt „QueerLive“ auf Facebook als „eine ebenso schroffe wie verletzliche Pianistin, tragikomisch, liebeshungrig und von entwaffnender Ehrlichkeit“, was mich an die Faszination der großen weiblichen Schmerzensfiguren des frühen Ernie Reinhardt denken lässt.
Mehr geht nicht.
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Das Foto machte Dirk Lang 1993 in Berlin. „Soll ich mich ausziehen?“ fragte Cora Frost, den Schauplatz würdigend.

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Ein Gangster mit besonderen Vorzügen

betr.: 53. Todestag von Edward G. Robinson

Nach der Rückkehr von einer „Bildungsreise“ nach Europa findet Gangsterboss John Sarto seinen Stuhl von einem Nachfolger besetzt. Er kann sich zur Wehr setzen, überlässt das Feld aber zuletzt seiner ehemaligen Braut und deren texanischem Verehrer, um zu den blumenzüchtenden Mönchen zurückzukehren, die ihn nach einer Schussverletzung gepflegt hatten.  
„Brother Orchid“ ist eine amüsante Parodie auf den amerikanischen Gangsterfilm mit den Stammschauspielern des Genres, der nicht zu „The Amazing Dr. Clitterhouse“* hinaufkommt, einem ähnlich konzipierten Film zwei Jahre zuvor.

Dass „Orchid, der Gangsterbruder“ seine deutsche Erstaufführung 1979 (als frisch synchronisierter ZDF-Programmpunkt) an E. G. Robinsons Todestag und dem des Super-Gangsters Lucky Luciano (1962) erlebte, war vermutlich Zufall. Mir war nicht bewusst, dass Robinson mit dieser Parodie Abschied von seinem angestammten Rollenfach als Big Boss der Unterwelt genommen hat, denn seine Karriere setzte sich glanzvoll fort, auch im deutschen Fernsehen. Dass wir hingegen Humphrey Bogart in seiner Funktion als Charge, die von Stars wie Robinson / Muni / Raft beseitigt wird, nicht wiedersehen würden, ist Geschichte: schon im folgenden Jahr wurde er selbst zum Star und fast gleichzeitig auch zur Kultfigur.

Robinson hat sich an seinen Ruhm als „Little Ceasar“ (als „Der kleine Cäsar“ ab 1970 deutsch und im Fernsehen) und die dadurch ausgelöste Periode des Gangsterfilm-Genres, auch später gern erinnert, etwa in einer kurzen Selbstparodie zu Beginn von „Robin And The Seven Hoods“ („Sieben gegen Chicago“, 1964).
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* Siehe https://blog.montyarnold.com/2019/11/29/das-doppelleben-des-dr-clitterhouse/

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Hoffmann, Gespensterseher

betr.: 250. Geburtstag von E. T. A. Hoffmann

Der Literaturwissenschaftler Wolfgang Müller-Funk hat sich für den ORF über E.T.A. Hoffmann „Gedanken für den Tag“ gemacht:

E.T.A. Hoffmann ist wie Kafka oder Goethe ein Autor deutscher Zunge, der Weltgeltung besitzt. Sein Werk ist schmal und auf den ersten Blick randständig. Der Großphilosoph Hegel hat ihn geschmäht und dem Dichterfürsten Goethe war er unbehaglich.
Auch wenn er das romantische Handwerk der Geheimnistuerei und der Beschwörung von Harmonie beherrscht, ist sein Blick hinter das menschliche Äußere düster. Früh hat Hoffmann die Nachtseiten der menschlichen Psyche erforscht, nicht in gelehrten Traktaten. Hinter der schönen Fantasiewelt tun sich Abgründe auf und die Welt ist, anders als bei vielen Romantikern, alles andere als hell und leicht. So meint der Kapellmeister Johannes Kreisler, literarischer Schatten des Autors, zu seiner geliebten Julia: „In gleißnerischer Absicht gehen die Geister der Hölle durch die Welt“.

Im literarischen Kosmos von Hoffmann sind es, ähnlich wie bei Kafka, junge schüchterne Männer, die im Vordergrund stehen, der geniale Musiker Kreisler, der sich immer auf der Flucht vor der Welt befindet, der Student Nathanael im Sandmann, der sich in eine mechanische Puppe verliebt, oder der ungelenke Student Anselmus im „Goldenen Topf“, der gleich zu Anfang in den Apfelkorb einer Hexe fällt. Nach und nach tritt aus dem gewohnten Alltag eine rätselhafte Welt hervor, in der Schlangen schöne Augen machen und Holundersträucher zu sprechen verstehen.
Überall kommt eine nicht selten unheimliche, zuweilen auch verheißungsvolle Welt zum Vorschein. So glaubt Anselmus, dass die Zweige und Blätter eines Holunderbaumes „mit halbverwehten Worten“ zu ihm sprechen und dass eine „Schlange“ „mit dunkelbraunen Augen“ sich „nach ihm streckte.“ Das Märchenglück ist wie eine Entschädigung für die vielen kleinen Unglücksschläge, die dem linkischen jungen Mann widerfahren, dessen Reise immer weiter in eine Fantasiewelt führt.

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Kultfilm Azubis: Heute ist gestern

Heimlich, still und leise haben wir die Schallmauer zu unserer 100. Folge durchbrochen. Allen, die uns zuhören: vielen Dank! Wer Lust hat, eine kleine Umfrage zu unserem Podcast mitzumachen, findet diese in der Beschreibung.
Im heutigen Podcast geht es zweimal um Science-Fiction, und das ist ja bekanntlich ein Genre, das vor allem von der Gegenwart, von der Realität handelt:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/zurueck-in-die-zukunft-star-trek-vi-das-unentdeckte-land

A) Zurück in die Zukunft / Back To The Future
Amerikanische Sci-Fi-Komödie von 1985

Der kauzige Erfinder Doc Brown hat einen DeLorean-Wagen zur Zeitmaschine umgebaut. Als er diese seinem Freund, dem Vorstadt-Teenager Marty McFly, auf dem nächtlichen Rathausmarkt vorführt, wird er von den Terroristen erschossen, denen er den nötigen Treibstoff – das Plutonium – geklaut hat. Marty flieht mit dem Wagen und landet in der einprogrammierten Zeit: im 30 Jahre zurückliegenden 1955. Um seine Rückreise zu organisieren, sucht Marty den jungen Doc Brown im Ort auf. Der erklärt ihm, nur ein Blitzschlag böte genug Energie für dieses Unternehmen. Doch Marty hat noch ganz andere Sorgen: seine Mutter – ein süßer Teenager – verliebt sich in ihn und droht seinen späteren Vater zu verschmähen. Das würde Martys Existenz nachträglich auslöschen …
Mühelos trägt uns diese federleichte Klamotte über alle Paradoxien des Zeitreise-Sujets hinweg, was nicht zuletzt an den sympathischen Hauptfiguren liegt, die fortan an ihren Darstellern klebten: der ewige Teenager Michael J. Fox und der liebenswerteste Irre, der sich denken lässt: Christopher Lloyd. Eigentlich eine Teenie-Komödie, absorbierte „Back To The Future“ alle Zielgruppen in Reichweite und überzeugte auch folgende Generationen. Die Gewitternacht an der Rathaus-Uhr wurde zu einer der ikonischen Filmszenen schlechthin. Auch die beiden Fortsetzungen sind sehenswert.

B) Star Trek VI: Das unentdeckte Land / Star Trek VI: The Undiscovered Country
Amerikanischer Science-Fiction Film von 1992

Die Explosion des Mondes Praxis vernichtet die Energieversorgung der Klingonen. Anstatt seine alten Erzfeinde ihrem kläglichen Ende zu überlassen, muss ausgerechnet der pensionsreife Captain Kirk mit seiner Enterprise der klingonischen Delegation unter Kanzler Gorkon und General Chang das diplomatische Geleit geben. Als Gorkon nach einem gemeinsamen Bankett an Bord der Enterprise von Attentätern getötet wird, werden Kirk und Bordarzt Dr. McCoy in einem Schauprozess zu lebenslanger Lagerhaft auf einem vereisten Straf-Asteroiden verurteilt. Mr. Spock muss nun seine Freunde befreien und die wirklichen Mörder finden. Die Zeit ist knapp, denn die die Verschwörer planen bereits das nächste Attentat …

Die geraden Nummern der Enterprise-Filme mit Captain Kirk & Co sind dufte, die ungeraden sind Gurken, lautet eine alte Weisheit der frühen Nerd-Kultur. In dieser kurzen Glanzliste wird „Star Trek VI“ zuletzt genannt, obwohl die humorvolle, aber niemals alberne Zeichnung der beliebten Charaktere, die Selbstironie der Inszenierung und die Balance, die diese mit den dramatischen Elementen hält, niemals sonst so gut gelungen sind. Die erste Generation des Star-Trek-Universums nimmt mit diesem Film ihren Abschied – spätere Gastauftritte nicht ausgeschlossen. 

Nächste Woche: Freaks und Funny Bones

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Vorgeschichte zur Erfolgsgeschichte

Die Bücher aus Joachim Meyerhoffs autobiografischer „Alle Toten fliegen hoch“-Reihe sind so erfolgreich, dass sie längst auch auf der Bühne stattfinden: mehrteilig gelesen vom Autor oder als Theater-Adaptionen. Der Film, um den es heute geht, ist nicht der erste, der darauf beruht.
Meyerhoff – ursprünglich Schauspieler, inzwischen auch multimedialer Popstar – hat zuletzt mit „Man kann auch in die Höhe fallen“ seine kauzige, lebenskluge Mutter hochleben lassen. Im Kino kehren wir nun zu seinen Jahren als junger Künstler zurück.

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Komödie von Simon Verhoeven

Der junge Joachim wird überraschend an einer renommierten Schauspielschule in München aufgenommen und zieht in die Villa seiner trinkfesten Großeltern Inge und Hermann mit ein. Seine Großmutter war selbst Schauspielerin und ist eine noch immer schillernde Diva, sein Großvater ist emeritierter Philosophieprofessor, folglich eine strenge und ehrwürdige Erscheinung. Ihre Tage sind durch abenteuerliche Rituale strukturiert. Zwischen diesen und der Schauspielausbildung sucht Joachim seinen Platz im Leben.

Der Titel ist Goethes „Leiden des jungen Werther“ entlehnt und hat die charakteristische Länge einer Joachim-Meyerhoff-Überschrift. So erzählte „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ von des Autors Kindheit auf dem Gelände einer Psychiatrie und der Freundschaft mit einigen der Insassen oder „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ von seinen Jahren als Schauspieler in der Provinz.

Was der Film taugt, wird im heutigen Podcast erörtert:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/ach-diese-luecke-diese-entsetzliche-luecke-aktuelle-filmkritik



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Wohnwelten (16): Ortlos, aber mit Jahreszeiten

betr.: So wohnen literarische Figuren

In der Kurzgeschichte „Elins Äpfel“ von Peter Stamm* ist ein improvisiertes Ladengeschäft zugleich das Zuhause der Titelfigur und wird später zu dem der Ich-Erzählerin. Letztere wird durch ein Schild angelockt, auf dem für Äpfel, Kartoffeln und Kürbisse geworben wird.

Erst als ich über die Straße ging, sah ich zwischen zwei großen Lagerhallen die kleine Windschiefe Hütte stehen. Sie war notdfürftig aus allen möglichen Brettern, Hartfaserplatten und anderen Materialien zusammengezimmert. Fenster gab es keine, nur ein paar Rahmen aus Dachplatten, die mit milchig-trüber Plastikfolie bespannt waren. Wenige hundert Meter über mir dröhnte ein startender Jet. (…)
Es war niemand zu sehen, aber aus einem Ofenrohr, das aus dem Wellblechdach ragte, stieg Rauch auf. Ich klopfte (…) und öffnete schließlich die Tür.
Der Raum war voller Dampf. Am entfernten Ende stand eine junge Frau an einem alten Holzherd. Sie trug Kopfhörer und hantierte mit einer großen Pfanne. (…)
Der Raum war fast leer. Neben dem eisernen Kochherd gab es eine Matratze, die auf alten Paletten lag. Daneben stand auf einem Holztisch ein Kerzenständer. Der Tisch und die drei Stühle schienen vom Sperrmüll zu stammen. An der Decke brannte eine Petroleumlampe. (…) Ich fragte: „Sie verkaufen Äpfel?“ (…)
„Kommen Sie mit!“
Sie ging voraus durch eine niedrige Tür neben dem Herd, die mit einem alten Jute-Sack verhängt war. Als ich ihr folgte, sah ich in der Pfanne ein halbes Dutzend Einmachgläser in brodelndem Wasser stehen. (…)
Hinter dem Durchgang war ein zweiter, kleinerer Raum. Auf dem gestampften Erdboden standen Lattenkisten mit Äpfeln und Kartoffeln und Zwiebeln. An den Wänden entlang auf Regalen hunderte von Einmachgläsern. (…) Ich las die Etiketten auf den Einmachgläsern. Neben verschiedenen Obstsorten gab es Rotkohl und Rote Bete in Essig, Pilze, Tomatensugo und sogar fertige Suppen.
(…) Ich ging in den Vorratsraum und von dort durch eine zweite Tür nach draußen. Vor mir lag ein Garten, der von einer hohen Hecke aus wilden Rosen umgeben war. Am entfernten Ende standen drei Apfelbäume, deren Laub schon gelb war. Neben dem Komposthaufen blühten Malven und Winterastern. Die meisten Beete waren abgeerntet. Auf einem lag das faulige Kraut einer Zucchinipflanze, daneben ein paar dürre, umgeknickte Maishalme, und um hohe Stangen wanden sich schwarz gewordene Bohnenranken. An einem Holzgitter hing eine Pflanze, deren verdorrte Blätter dünn und weiß wie Papier geworden waren. Auf dem Boden darunter lag eine halbverfaulte Gurke. Vom hintersten Beet leuchten drei große orangefarbene Kürbisse. Über allem lag der Geruch von feuchter Erde und Verwesung.
Der Garten strahlte eine große Ruhe aus (…) die Gefangenschaft in der Zeit, die zugleich Geborgenheit bedeutete und nach der ich manchmal sehnte in meinem atemlosen Leben. Alle paar Minuten startete über mir ein Flugzeug. Aber nicht einmal der Lärm konnte die seltsam friedvolle Stimmung stören.
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* Peter Stamm: „Auf ganz dünnem Eis“, S. Fischer

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