Stänkern gegen das Vergessen

Solange sich noch irgendjemand an Georg Kreisler erinnert, wird auch der Chansonnier und Harvardprofessor Tom Lehrer nicht vergessen werden. Eine eigene Fangemeinde hat Lehrer hierzulande nicht (ein Schicksal, das er mit vielen Besseren und Geringeren teilt).
Wann immer sein Name fällt, setzt der, der ihn nennt, ein hintersinniges Gesicht auf, so als wollte er gleich eine Bombe platzen lassen. Dann wird Lehrer erst einmal überschwänglich gelobt. Ach ja, übrigens, wird dann zuverlässig noch betont nachträglich hinzugefügt, er sei ja – fast hätt‘ ich’s vergessen – der eigentliche Urheber von Georg Kreislers berühmtem, nein: berühmtestem Chanson, dem Lied vom Taubenvergiften. (Man kann es auch umgekehrt machen, also erstmal Kreisler loben und dann Lehrer drüberbraten, siehe unten.)
Auf alle Fälle kommt das Lehrer-Lob damit auch stets an sein Ende. Kein weiteres seiner 500 Chansons wird genannt oder gar zitiert. Die Erwähnung von „Poisoning Pigeons In The Park“ muss genügen, als Beweisstück A-Z, denn mehr ist ja nicht nötig, um das bekanntere Lied vom „Taubenvergiften im Park“ zu diskreditieren.

Seit ich Kontakt zu Kulturfreunden, Künstlern und Kleinkünstlern habe (etwa seit 40 Jahren), wird mir immer wieder diese „Enthüllung“ zuteil. Gerade erst war sie wieder zu erleben, am Samstag in der noch nachhörbaren neuen Folge von „Klassik, Pop etc.“.
Der Gastmoderator Charles Lewinsky lobt zuerst Kreisler, aber nur ausholend, um dann zuschlagend fortzufahren: „Ich konnte ihm nie ganz verzeihen, dass er nie laut gesagt hat, dass eines seiner erfolgreichsten Werke, ‚Taubenvergiften im Park‘, gar nicht von ihm stammte, sondern eine Übersetzung aus dem Englischen war.“
Das ist leicht übertrieben: Kreislers Lied hat bei aller inhaltlichen Übereinstimmung doch einen eigenen Text und eine selbstständige Melodie. Und in den etwa 65 Jahren, die ihm danach auf Erden noch vergönnt waren, hat er auch immer wieder etwas dazu gesagt: er wehrte sich gegen den Plagiatsvorwurf. Er tat das wie einer dieser Politiker, über die sich Satiriker seines Schlages so gerne lustig machen. Anstatt das Offensichtliche zuzugeben (naja, ich hab die Idee aufgegriffen, nichts für ungut), erklärte er, die Taubenpopulation in unseren Großstädten sei ein allgemeines Problem, und so sei es doch naheliegend, sie an einem Frühlingstag Hand in Hand mit seiner Liebsten vergiften zu wollen. Ein andermal sagte er, die Idee könne er gar nicht von Lehrer haben, da er ja schließlich der Ältere sei (es sind sechs Jahre Unterschied) – vielleicht habe Lehrer sie ja von ihm … und anderen Unsinn mehr.

Dieses Schauspiel haben beide Herren nicht verdient, zumal inzwischen alle drei eminent abgenudelt sind: Kreislers Tauben, Lehrers Pigeons und die sie verbindende Anklage.
Wir sollten damit aufhören – auf die Gefahr hin, dass dann viele noch einen Grund weniger (keinen mehr) haben, sich hierzulande an Tom Lehrer zu erinnern.
Eine Zeile übrigens hat die englische Version der österreichischen voraus: die überlebenden Tauben werden mit nach Hause genommen, um mit ihnen Experimente zu machen.

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Der Song des Tages: „Soliloquy“ from „Carousel“ (cutdown)

betr.: 81. Jahrestag der Broadway-Premiere von „Carousel“

Ein perfekter Theatersong

Die „Soliloquy“ aus „Carousel“, dem zweiten Musical von Rodgers & Hammerstein, ist ein idealer Song für einen Bariton, um parallel zum Gesang auch die schauspielerischen Möglichkeiten auszudrücken – für mich gemeinsam mit Kurt Weill’s „This ist The Life“ und „Gesticulate“ aus „Kismet“ der beste, der sich in dieser Reichhaltigkeit und Komplexität denken lässt.
Und der seitenstärkste. Um ihn bei einer Prüfung oder Audition vorzutragen, ist er mit 7 Minuten zu lang. Der Meinung war auch Ed Sullivan, in dessen berühmter Fernsehshow aktuelle Musical-Produktionen vom Broadway stets ein reichweitenstarkes Podium hatten. Richard Rodgers persönlich richtete für diese Präsentation eine gekürzte Fassung ein, die vom John Raitt, dem Original-Interpreten, live performt wurde.
Ich war glücklich, einem meiner Schüler diese Kurzfassung für die Gesangsprüfung übergeben zu können.
Leider hatte der Schuldirektor von dieser Autorisierung durch den Komponisten keine Ahnung und verpasste dem Prüfling wegen der Kürzung einen Punktabzug.

Ich will sie hier trotzdem vorstellen.

[BILLY]
I wonder what he’ll think of me
I guess he’ll call me the „old man“
I guess he’ll think I can lick every other fellow’s father
Well, I can!
I bet that he’ll turn out to be
The spittin‘ image of his dad
But he’ll have more common sense
Than his puddin‘-headed father ever had

I’ll teach him to wrestle and dive through a wave
When we go in the mornings for our swim
His mother can teach him the way to behave
But she won’t make a sissy out of him
Not him
Not my boy
Not Bill!


[BILLY, spoken]
Bill

[BILLY]
My boy, Bill
I will see that he’s named after me, I will
My boy, Bill
He’ll be tall and as tough as a tree, will Bill
Like a tree he’ll grow with his head held high
And his feet planted firm on the ground
And you won’t see nobody dare to try
To boss him or toss him around
No pot-bellied, baggy-eyed bully’ll boss him around

I don’t give a damn what he does
As long as he does what he likes
He can sit on his tail
Or work on a rail
With a hammer, a-hammerin‘ spikes

He can ferry a boat on a river
Or peddle a pack on his back
Or work up and down
The streets of a town
With a whip and a horse and a hack

He can haul a scow along a canal
Run a cow around a corral
Or maybe bark for a carousel
Of course it takes talent to do that well

He might be a champ of the heavyweights
Or a fellow that sells you glue
Or President of the United States
That’d be all right, too

[BILLY, spoken]
His mother would like that
But he wouldn’t be President unless he wanted to be

[BILLY]
Not Bill

My boy, Bill
He’ll be tall and as tough as a tree, will Bill
Like a tree he’ll grow with his head held high
And his feet planted firm on the ground
And you won’t see nobody dare to try
To boss him or toss him around
No fat-bottomed, flabby-faced
Pot-bellied, baggy-eyed bastard will boss him around

And I’m damned if he’ll marry his boss’s daughter
A skinny-lipped virgin with blood like water
Who’ll give him a peck and call it a kiss
And look in his eyes through a lorgnette—
Say, why am I takin‘ on like this?
My kid ain’t even been born yet!


I can see him when he’s seventeen or so
And startin‘ in to go with a girl
I can give him lots of pointers, very sound
On the way to get ‚round any girl
I can tell him—

[BILLY, spoken]
Wait a minute
Could it be?
Oh, what the hell?
What if he is a girl?
Bill, oh Bill
What would I do with her?
What could I do for her?
A bum with no money

[BILLY]
You can have fun with a son
But you gotta be a father to a girl
She mightn’t be so bad at that
A kid with ribbons in her hair
A kind of meek and petite
Little tintype of her mother
What a pair!


My little girl
Pink and white
As peaches and cream is she
My little girl
Is half again as bright
As girls are meant to be

Dozens of boys pursue her
Many a likely lad
Does what he can to woo her
From her faithful dad
She has a few
Pink and white young fellows of two and three
But my little girl
Gets hungry every night
And she comes home to me

[BILLY, spoken]
My little girl, my little girl

[BILLY]
I gotta get ready before she comes
I gotta make certain that she
Won’t be dragged up in slums
With a lot of bums like me
She’s gotta be sheltered
And fed and dressed
In the best that money can buy
I never knew how to get money
But I’ll try, by God, I’ll try!
I’ll go out and make it
Or steal it or take it
Or die!

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Kultfilm Azubis: Ab durch die Mitte!

Manch ein Gulity pleasure ist so müllig, dass man sich ein bisschen schämt, es anzuschauen. Wenn man von seinem Mitbewohner dabei erwischt wird, muss man sich auf die Zunge beißen, um nicht zu sagen: „Ich kann das erklären …“. Diese Erklärung würde dann lauten: Es ist Kult. Ein solcher Fall eröffnet den heutigen Podcast:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/masters-of-the-universe-ein-mann-geht-durch-die-wand

A) Masters of The Universe
US-Fantasymärchen von 1987

Der abscheuliche Skeletor hat Eternia erobert und die Macht der guten Zauberin gebannt. Der tapfere Krieger He-Man stellt sich dem Aufstieg des Usurpators zum Beherrscher des Universums erbittert entgegen. Er bringt den magischen Dimensions-Schlüssel an sich und wird mit einem Häuflein Getreuer in eine andere Welt katapultiert: in die USA der Achtziger. Zwei Teenager finden das Gerät und haben prompt Skeletors finstere Handlanger am Hals. Die Schlacht des Guten gegen das Böse geht in die entscheidende Runde …

Innerhalb von fünf Jahren konnte der Spielwarengigant Mattel weltweit 120 Millionen He-Man-Actionpuppen verkaufen. Es folgte eine Zeichentrickserie, den Film besorgte die „Cannon“-Gesellschaft, ohne deren hurtig produzierte Produkte die Videotheken der 80er Jahre halbleer geblieben wären. Den israelischen Cousins Menahem Golan und Yoram Globus war zuvor mit den „Eis am Stiel“-Sexklamotten der Einstieg in die Branche gelungen.

B) Ein Mann geht durch die Wand
Wirtschaftswunder-Fantasykomödie von 1959

Der unverheiratete Finanzbeamte Buchsbaum ist ein netter Langweiler aus dem Bilderbuch – er sammelt sogar Briefmarken. Eines Tages bemerkt er eher zufällig, dass er durch Wände gehen kann. Diese Superkraft ermöglicht ihm, allerlei Unfug anzustellen – z.B. nächtliche Einbrüche – und kommt ihm sehr gelegen, als er sich seines neuen Chefs erwehren muss. In einer besonders wichtigen Angelegenheit hilft Buchsbaum diese Fähigkeit aber nicht weiter: er hat sich in seine neue Nachbarin verliebt, eine alleinerziehende französische Klavierlehrerin …

Marcel Aymés phantastische Novelle „Le Passe-muraille” von 1941 wurde mehrmals verfilmt, als Hörspiel und Musical adaptiert, in Paris wurde ihr sogar ein Denkmal gesetzt. Gewisse Parallelen zu „Und täglich grüßt das Murmeltier“ fallen uns nachträglich auf. Mit der kleinen Anita von Ow und dem Regisseur Ladislao Vajda realisierte der deutsche Superstar Heinz Rühmann im selben Jahr noch einen auf ganz andere Weise bemerkenswerten Film, das Kriminaldrama „Es geschah am hellichten Tag“ nach Friedrich Dürrenmatt.

Nächste Woche: Ferris macht blau und Tödliche Entscheidung

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Das extralange Gruselfilmeraten

Die aktuelle Filmkritik: Lee Cronin’s The Mummy

Über diesen Horrorfilm – und über einige andere – sprechen im heutigen Podcast Monty Arnold und  Volker Robrahn:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/lee-cronin-s-the-mummy

„Die Mumie“ ist wieder da, das jüngste der ganz klassischen, alten Kinomonster.

TV-Reporter Charlie Cannon ist von Berufs wegen mit seiner Familie nach Ägypten gezogen. Als sein Töchterchen Katie von einer Magierin aus dem Garten des Grundstücks entführt wird, ist die örtliche Polizei keine Hilfe, sondern äußert sogar ungebührliche Verdächtigungen.
Die Cannons kehren nach New Mexiko zurück. Acht Jahre später erreicht sie dort die Nachricht, Katie sei wiedergefunden worden: in einem Sarkophag, der unbeschädigt an der Absturzstelle eines Flugzeugs gefunden wurde. Zur allgemeinen Verwunderung ist das Mädchen noch am Leben, wenn auch nicht ansprechbar und überhaupt in einem grauenerregenden Zustand. Vor allem Mutter Larissa will Katie schnellstmöglich nach Hause holen und dort pflegen.
Wie sich herausstellt, ist das Mädchen von einem Dämon besessen. Familie Cannon macht schwere Zeiten durch …

„Die Mumie“ von 1932 ist nicht nur ein ganz besonders reizvoller Genreklassiker, sie erlebte auch ab 1999 mit Brendan Fraser und Dwayne „The Rock“ Johnson eine frisch gebliebene Neuauflage. Der Regisseur des neuen Anlaufs, Lee Cronin, verspricht eine „einzigartige, furchterregende Version, die sich von früheren Mumienfilmen unterscheidet.“ Die Heimlichtuerei geht so weit, dass erst seit heute früh um 6 überhaupt über den Film berichtet werden darf – in den USA läuft er erst morgen an. Ein Schuft, wer dabei auf die Idee kommt, die Produzenten könnten ihrem eigenen Produkt misstrauen.

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Der Song des Tages: „Jalousie“

betr.: 214. Jahrestag der Patentierung der Jalousie

Der bei Nicht-Tangotänzern berühmteste aller Tangos ist unzweifelhaft „Jalousie“ („Eifersucht“). Tango-Puristen kann diese Popularität aus verschiedenen Gründen nicht gefallen. Zunächst einmal handelt es sich um einen europäischen Tango – er stammt vom dänischen One-Hit-Wonder Jacob Gade. Außerdem ist er wegen seines unregelmäßigen, nicht durchgehenden Habanera-Rhythmus nicht sehr gut tanzbar und fällt außerdem wegen des sinfonischen Charakters und der extremen Dynamik unangenehm auf. Zähneknirschend wird er dennoch auf den meisten Milonga-Veranstaltungen gespielt, weil sein Fehlen wiederum dem breiten Publikum unangenehm auffiele.
Populär machte „Jalousie“ zunächst, dass er ins musikalische Begleitprogramm des längst Stummfilms „Der Mann mit der Peitsche“ (1925) aufgenommen wurde, in dem der damals überaus populäre Draufgänger Douglas Fairbanks jr. als Zorro auftrat.
Seither ist „Jalousie“ in unzähligen weiteren Filmen aufgetaucht, in den meisten davon als bereits eingeführter Evergreen. Von den noch unzähligeren Aufnahmen, die davon hergestellt wurden – vokal und instrumental -, eine auszuwählen, ist eine überaus undankbare Aufgabe. Ich opfere mich und nenne die Version des Sängers Frankie Laine (1951), dessen leidenschaftlich-kraftaufwändige Atemtechnik sehr gut zu jenem Tanzstil passt, dem der Titel zugeordnet wurde. Bei aller Emotion klingt Laine immer heiter und optimistisch. Und das bekommt „Jalousie“ ganz ausgezeichnet.

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Der unscheinbare Kraftmeier

betr.: 84. Geburtstag von Bill Conti

Der Filmkomponist Bill Conti muss als ein Kleinmeister seiner Zunft gelten, des amerikanischen Soundtracks in dessen letzter wahrhaft spätromantischer Phase kurz vor der Jahrtausendwende. Aber auf diesem Gebiet hängt der Hammer ja insgesamt sehr hoch. Außerdem hat Conti auf  seinen Einstand als eng budgetierter Lieferant für die „Rocky“-Filmmusik – sie wurde ebenso legendär wie der Film an sich – immer wieder wahrhaft große Soundtracks folgen lassen. Nur kamen die nicht immer in großen Filmen vor, zuweilen sogar in Fernsehserien, was damals eine Herabstufung bedeutete.
Wer nicht schon dahintergekommen ist, den mag es immer wieder angenehm überraschen, wenn ihm ein Conti-Soundtrack begegnet.
Zu den zwielichtigen Orten, an denen man sich von seiner Kunst aufschrecken lassen kann, gehört der Film „Masters Of The Universe“, der unter haarsträubend unprofessionellen Bedingungen entstand und der am Freitag im Podcast „Kultfilm Azubis“ verhandelt wird.
Der Soundtrack hat eine tadellose sinfonische Partitur, die einem parodistischen Ansatz nachgeht: das Idiom der sich selbst zu ernst nehmenden „Sword And Sorcery“ wird so hingebungsvoll und handwerklich sauber aufs Wesentliche heruntergebrochen, dass das Ergebnis es jederzeit mit den ernstgemeinten Hochleistungen der Sparte aufnehmen kann (etwa mit James Horners „Krull“ oder mit „Taran und der Zauberkessel“ von Elmer Bernstein). Das passt zu einem Film, der kinderleicht zu schmähen und zu verwerfen ist, der aber erheblichen Charme besitzt. Und außerdem etwas, was es auf dem Gebiet der Fantasy jenseits komischer Nebenrollen überhaupt nicht gibt: Humor.
Contis Musik für „Masters Of The Universe“ – der 1987 alle Gattungs-Klischees und aktuelle Trends in sich aufsog und auf einer ihrerseits kopierfreundlichen Serie von Jungs-Spielzeugfiguren basierte – ist hin und wieder dafür kritisiert worden, sein Thema erinnere an „Superman“/Fanfare und Marsch von John Williams. Das ist nicht unrichtig, geht aber von der falschen Seite an die Sache heran. Auch Williams wollte und verfertigte eine Pastiche zum Thema „Superheld“. Das tat Conti auch – in der unmittelbaren Nachbarschaft, bei den Pulp-Barbaren -, kam zu einem benachbarten Ergebnis, schrieb jedoch ein wirklich welthaltiges Stück großer Filmmusik. Williams gab sich bei „Superman“ mit einem Jingle zufrieden, das ohne seinen Kontext wie ein überproduzierter Klingelton in sich zusammenfällt. Das schien ihm angemessen, und es genügte ja auch.
Ich schätze Bill Conti dafür, dass er immer erst etwas später zufrieden war.

Alle die genannten Kollegen Contis waren übrigens Groß-Meister der sinfonischen Filmmusik – oder galten doch als solche.

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Der Rocker von Kakanien

betr.: 225. Geburtstag von Joseph Lanner

Dass der Walzer einmal skandalös war und eine Wirkung auf seine Zeitgenossen hatte wie später der Rock’nRoll, ist schwer vorstellbar – aber nicht unmöglich.
Er war nicht nur der erste Tanz, bei dem Tänzer und Tänzerin einander intensiv berühren konnten, er hatte mit dem Dreivierteltakt auch einen Rhythmus, der einen leichten Schwindel, einen Rausch auslöste.

Bevor der Name der Strauss-Dynastie zur Weltmarke wurde, war es Joseph Lanner, der dem Wiener Walzer seine charakteristische Form gab. Zusammen mit Johann Strauss/Vater entwickelte er aus Ländler, Deutschem und Vorstadttanz jene elegante Dreiviertelbewegung, die Wien musikalisch definieren sollte. Jedoch: Lanner war keineswegs „nur“ ein Wegbereiter der Wiener Tanzmusik. Seine frühen „Neuen Wiener Ländler“ zeigen bereits jene formale Verdichtung, aus der sich der große Konzertwalzer entwickelte. Während die Sträusse das Geschäft professionalisierten und internationalisierten, prägte Lanner den Ton: feinsinnig, oft melancholisch, mit einer kammermusikalischen Transparenz, die den ländlichen Walzer als urbane Kunstform adelte.

Die Konkurrenz zwischen Lanner und Strauss spaltete zeitweise das Publikum – „Lannerianer“ gegen „Straussianer“ hieß es damals. Der Grund: Im Wien des Vormärz wurde der Walzer zur klingenden Projektionsfläche einer Gesellschaft zwischen Biedermeier-Idylle und politischer Spannung.
Nach seinem Tod mit 42 gerät Joseph Lanner rasch in Vergessenheit. Seinen Rang als zentrale Figur einer musikalischen Zeitenwende – als Komponist, der den Wiener Walzer nicht nur populär machte, sondern ihm eine erste kulturelle Identität verlieh – ist es vor allem der Ruhm von Johann Strauss/Sohn, der seinem Andenken den Garaus machte. Erst 1904 erscheint eine Lanner-Biographie, die lange die einzige bleiben wird.

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Kultfiguren: Louis de Funès


Über die Kultfigur Louis de Funès, dessen Filme aus der Glanzzeit von Mitte der 60er bis Mitte der 70er Jahre sich im Rückblick wie ein einziger durchgehender Film ausnehmen, spreche ich im heutigen Podcast mit dem Podcaster, Drehbuch- und Comedyautor Gerry Streberg.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/kultfiguren-louis-de-funes

Und der hat mir auch verraten, wer heute noch an großen Komiker erinnert.
Zwei Filme nehmen wir genauer unter die Lupe:

Louis de Funès war der beliebteste Filmstar der Cassettenkinder-Generation, auch „Generation Fernsehkult“ oder schlicht „Baby Boomer“ genannt. Die Erwachsenen liebten ihn damals ohnehin, den kleinen zappeligen Despoten, der in einer Minute 40 Grimassen schneiden konnte.

„Fufu“, wie seine Landsleute ihn nannten, kam im Juli 1914 als Spross einer spanischen Adelsfamilie unweit von Paris zur Welt. Er arbeitete in vielen bürgerlichen und künstlerischen Berufen – u.a. als Zeichner und Barpianist – ehe er zu einer freien Theatergruppe stieß. Erst mit 27 begann er, Schauspielunterricht zu nehmen. Die ersten 80 Filme, in denen er auftrat, sind hierzulande bis heute unerschlossen. In den 50er Jahren begann de Funès, neben Stars wie Jean Gabin, Fernandel, Bourvil und Jean Marais markante Nebenrollen zu spielen.
Der Erfolg kam spät, aber gewaltig.
1964 wurde aus dem inzwischen kahlen Komiker, der soeben als „Balduin, der Gedschrankknacker“ in einer Hauptrolle funktioniert hatte, ein Star. Und das sollte er bleiben, 20 Jahre lang, bis zuletzt. Innerhalb weniger Monate glänzte de Funès in „Le Corniaud“ / „Scharfe Sachen für Monsieur“ an der Seite des Komikers Bourvil, in „Fantomas“ als beinahe gleichrangiger Star neben dem Haudegen Jean Marais und in „Der Gendarm von St. Tropez“, mit dem er eine langlebige Filmreihe begründete. Danach war der größte Publikumsliebling Frankreichs und erschien immer zuerst auf dem Plakat, wenn er auch klug genug war, ein fähiges Stamm-Ensemble um sich herum zu kultivieren, dem er keine Pointe missgönnte.
Obwohl tiefreligiös und nicht ohne Nationalstolz machte er sich auch über Religion und Patriotismus regelmäßig lustig – am meisten aber immer über sich selbst.
Ähnlich wie bei den Filmen seiner US-Kollegen Jerry Lewis und Laurel & Hardy – und schlimmer noch als dort – wurden die ohnehin knalligen deutschen Titel seiner Filme immer wieder verändert, um sie mehrfach auswerten und in Sommer- und Kinderkino-Programmen zusammenstellen zu können. Das sollte außerdem dabei helfen, den Publikumsliebling in der Hauptrolle sofort erkenntlich zu machen.
In diesen Überschriften hatte Louis de Funès drei Vornamen, unabhängig vom Rollennamen: Louis, Balduin – seit seinem frühen Erfolg als „Balduin der Geldschrankknacker“ – und „Oscar“ – seit seinem 1967 verfilmten frühen Theaterhit gleichen Namens, bei uns „Oscar der Korinthenkacker“, in dem er seinen Leinwandcharakter als cholerischer Tyrann in Familie und Büro ausformen konnte.
Dass ein so unangenehmer Charakter über Jahrzehnte so beliebt war, lag nicht nur am Charme und Comedy-Handwerk seines Darstellers, sondern auch an den von ihm mitgeschriebenen Geschichten: der Held ist stets gefährdet, Opfer seiner eigenen Methoden zu werden.

Näher betrachtet werden diese beiden Filme:

Le grand restaurant – Französisch-italienische Komödie von 1966. Deutsche Titel: Oscar hat die Hosen voll, Scharfe Kurven für Madame, Louis der Spaghettikoch u.a.

Monsieur Septime führt in seinem Pariser Nobelrestaurant ein strenges Regiment. Er schmäht seine Angestellten, züchtigt sie in einem Probenraum und besucht verkleidet sein eigenes Lokal, um herauszufinden, ob über ihn getratscht wird. Als ein südamerikanischer Staatschef ein Bankett bei ihm bestellt, ist Septime begeistert. Doch als das Licht gelöscht wird, um die berühmte Pyramide Septime zu flambieren, verschwindet der Ehrengast. Der Kommissar, der den Entführungsfall aufklären soll, verpflichtet den Patron, das Lösegeld zu übergeben …

Dieser Film zerfällt in zwei Teile: eine Sketchparade zum ergiebigen Thema Gastronomie im ersten Drittel, dann eine Agentenstory, die als Beitrag zu den Mitte der 60er Jahre allgegenwärtigen James-Bond-Parodien zu lesen ist. Die DEFA hat später von diesem Film eine Synchronfassung erstellt, die laut „TV Spielfilm“ „den französischen Wortwitz sehr viel pointierter umsetzt und darum die westdeutsche Version bei weitem übertrifft“. In der DDR hieß der Film übrigens schlicht „Das große Restaurant“.

Hibernatus (sinngemäß: „Der Winterschläfer“) – Französisch-italienische Komödie von 1969. Deutsche Titel: Louis taut auf, Onkel Paul die große Pflaume, Louis der Giftzwerg, Die Giftnudel, Der Familienschreck u.a.

Der Unternehmer Paul de Tartas freut sich auf die Verheiratung seines Sohnes mit der Tochter eines reichen Geschäftsfreundes, als eine Sondermeldung Aufsehen erregt: nachdem er 65 Jahre im Ewigen Eis verschollen war, ist ein Polarforscher wieder aufgetaut worden und lebt. Wie sich zeigt, handelt es sich dabei um den Großvater von Madame de Tartas. Der noch immer jugendliche Abenteurer soll nach Hause zurückkehren. Um ihm einen Schock zu ersparen, muss die frisch modernisierte Villa in den Zustand der Belle Époque zurückdekoriert werden, Edmé de Tartas wird wieder zu Mama Fournier, und für Familienoberhaupt Paul ist kein Platz mehr. Er lässt sich zähneknirschend darauf ein, doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis ihm der Kragen platzt …

Diesmal bekommt Louis, der Familientyrann, besonders starken Gegendruck: von seiner Film-Ehefrau Nr. 1 Claude Gensac, die eigentlich die Reiche in der Familie ist, von seinem leiblichen Sohn Olivier, der einmal mehr mit ihm vor der Kamera steht, von einem totgeglaubten Verwandten aus dem 19. Jahrhundert, außerdem von Staat und Wissenschaft. Das alles gipfelt in einem furiosen Zappelmonolog, der dem aus „Oscar“ nicht nachsteht, und einer besonderen Pointe.  
In etwas über einer Stunde steht die Handlung niemals still. Sie wechselt zwischen kluger Motivation und haarsträubenden Zufällen, wie es einer Komödie gut bekommt, und gibt de Funès herrliche Stichworte für seine schönsten Posen. Und dem übrigen Ensemble auch.

Nächste Woche: der Kultfilm-Azubis Masters Of The Universe und der Geheimtipp Ein Mann geht durch die Wand

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Der dankbare Glückspilz

Zum Tode von Mario Adorf

Das letzte Interview, das mir von Mario Adorf bekannt ist, gab er knapp 100jährig in St. Tropez. Und zwar einer TV-Zeitschrift, was der Sache zusätzliche flockig-terminfreie Leichtigkeit verlieh. Das passt zu diesem Glückspilz, zu einem Bundesbürger, der immer noch ein Bein im herrlichen Italien zu stehen hatte, dem großen Sehnsuchtsland der übrigen Bundesbürger. Er musste nicht einmal wirklich große Kunst herstellen – wenn es da auch viele illustre Projekte gegeben hat -, um vom Publikum im Abonnement geliebt zu werden. Keines von diesen Werken hat mich nachhaltig erreicht (Ausnahme weiter unten) oder sonderlich interessiert. Warum spreche ich trotzdem darüber? Mario Adorf vermittelte mir immer das Gefühl, sich der Sonne auf seiner Seite bewusst zu sein. In seine Lebensfreude mischte sich immer ein demütiger Schuss Bescheidenheit.

Vor etwa zehn Jahren Jahren war Adorf in der TV-Doku „Du sollst nicht langweilen – Billy Wilder“ als Zeitzeuge zu sehen. Völlig zu recht stehen bei der Betrachtung des Lebenswerkes dieses Regisseurs stets das Genie, die Erfolge und Leistungen im Vordergrund. Adorf war schon aus Gründen seiner Lebensdaten eher jemand, der den Meister in seiner Abenddämmerung antraf. Was der Schauspieler zu erzählen hat, ist bestrickend und fulminant, steht in keinem der zahlreichen Bücher über Wilder und verknüpft sich mit dem auf hochinteressante Weise missglückten, überaus sehenswerten Drama „Fedora“. Das ist ein Spätwerk wie es im Buche steht. Mario Adorfs Auftritt darin ist witzig und atmet die mediterrane Folklore, die auch seine Fans an ihm geschätzt haben. Besonders lustig ist er, als er die „Air-Condition“ einschaltet.

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