Krieg der Nerds

betr.: Aktuelle Filmkritik im Podcast / Kinostart: morgen

Mit Volker Robrahn spreche ich über den morgen startenden Film und am Rande darüber, mit wie viel Abstand ein historisches Ereignis zum Filmstoff taugt:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/the-social-reckoning

The Social Reckoning
Politthriller von Aaron Sorkin

Die leidenschaftliche Facebook-Ingenieurin Frances Haugen muss erkennen, dass ihr Arbeitgeber schädliche Inhalte duldet und mit politischer Hetze und Falschinformationen die Demokratie und das Wohl der Jugend gefährdet. Da sie intern mit ihrer Kritik nicht ernstgenommen wird, wendet sie sich schweren Herzens an das „Wall Street Journal“, um die Missstände öffentlich zu machen. Jeff Horwitz nimmt sich des Falles an, der in seinem Unternehmen einen ähnlichen Außenseiter-Status hat wie Haugen in ihrem und der immerhin etwas weniger neurotisch ist.

Unterdessen wird der unnahbar-despotische Facebook-Chef Mark Zuckerberg darin geschult, den Protest gegen seine Machenschaften rhetorisch abwehren zu können.
Der berühmte Drehbuchautor Aaron Sorkin zeichnet die Ereignisse nach, die Facebooks Ruf als gemeinnützige Einrichtung ruinierten, ohne der Plattform oder ihrem Gründer letztlich etwas anhaben zu können. Während die Veröffentlichung der „Facebook Files“ ihren Lauf nimmt, durchläuft die Welt die Corona-Pandemie. Es spielen Mikey Madison, Jeremy Allen White und Jeremy Strong.

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So siehst du aus! (16)

betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur

Edgar Wallace (1875-1932)
Die toten Augen von London

Jake Farrell, der blinde Bösewicht

Er war außergewöhnlich groß, mindestens zwei Meter, wie sie annahm, und von entsprechender Breite. Seine Kleidung bestand nur aus Hemd und Hose, die Füße und Arme waren nackt, die behaarten, muskulösen Oberarme verrieten enorme Kraft. Das rote, runde Gesicht war eigenartig nichtssagend, und die wasserblauen Augen blieben bewegungslos, wenn er sprach. Eine graue Mähne fiel unordentlich nach hinten über seinen Kopf, ein struppiger Bart umrahmte den dicklippigen, großen Mund, die riesigen Ohren standen beinah im rechten Winkel vom Kopf ab – entsetzt starrte sie diese schreckliche Kreatur an.

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Notes On A Podcast: Zeitreisevarianten

Die klassische Zeitreise ist häufig auf die Leinwand gebracht worden, und es gibt gar nicht mal so wenige gelungene Beispiele.
Viel seltener geht es im Kino um die weitaus unerfreulichere Art, aus der linearen Zeitachse auszuscheren: die Allegorie. Beide Varianten werden demnächst im Kultfilm-Podcast anhand der Beispiele „Die Zeitmaschine“ (der klassischen MGM-Verfilmung von 1959) und „Der Schwimmer“ (1968) in Augenschein genommen. Da der Held im erstgenannten Film – im Gegensatz zu den Kollegen von „Zurück in die Zukunft“ (1985 f) – zuallererst in die Zukunft reist, hat er keinen Ärger mit dem Großvater-Prinzip, das jeder kennt, der mit phantastischen Geschichten umgeht. Über dieses logische Dilemma gibt es inzwischen wiederum eigene Bücher und Filme.
Auch Issac Asimov denkt in seiner Erzählung  „Fairer Tausch“ („Fair Exchange“, 1978)* darüber nach. Sein Ausweg: wir reisen nur in Gedanken in die Vergangenheit und nisten uns im Kopf einer Person ein, die damals tatsächlich gelebt hat. Dazu ersinnt der Autor die dritte nichtlineare Zeit-Variante, in der es – hoffentlich! – nicht zu Veränderungen des Zeitverlaufs kommen kann.

Zeitmaschine!
John Sylva passte es nicht, wenn ich es so nannte. Temporale Verlagerung war seine Bezeichnung dafür.
Ich konnte hören, wie er es aussprach, und ich genoß es. (…) „Nicht eine Zeitmaschine“, hörte ich Johns Stimme in meinem Verstand. „Das wäre ein Automobil, mit dem du in den Korridoren der Zeit auf- und abfährst, und das ist theoretisch unmöglich. Was wir hier haben, ist eine temporale Verlagerung. Der Verstand kann seinen Einfluß über die Zeit hinaus geltend machen. Oder vielmehr können das die subatomaren Partikel. Und wenn sie so komplex organisiert sind wie in den fortgeschrittenen Gehirnen, wird ihr Einfluß in einem Grade verstärkt, wo wir ihn nachweisen und, wie ich hoffe, verwenden können. Wenn sich zwei Geister sehr ähnlich sind, können sie bis zu einem Punkt resonieren, wo das Bewußtsein sich über die trennende Kluft der Zeit hinwegzusetzen vermag: Temporale Verlagerung.“
„Und du bekommst das tatsächlich in den Griff?“
„Ich glaube schon. Ich gehe so weit, zu behaupten, daß jeder Verstand mit vielen anderen in Resonanz ist, und Gott weiß, hinter wie vielen Begriffen sich dieses Phänomen versteckt – hinter Träumen, dem Gefühl des déjà vu, einer plötzlichen Inspiration undsoweiter. Aber um eine tatsächliche Verlagerung vorzunehmen, braucht man eine übergreifende Resonanz zwischen zwei besonderen Geistern und die Mittel, sie entsprechend zu stärken.“
Ich war einer von Hunderten, die er testete. Es hatte keinen Sinn, Versuchstiere dazu zu verwenden. Nur das menschliche Gehirn baute ein Feld auf, das stark genug war für einen Nachweis durch Meßinstrumente – vielleicht kamen noch Delphine in Frage; aber wie sollte man es anstellen, mit ihnen zu arbeiten?
(…) „ … Selbst wenn ich tot umfiele oder der Strom ausfällt, wird die Resonanz schließlich abreißen, und du bist wieder in der Gegenwart. Es ist narrensicher, weil du ja mit deinem Körper hierbleibst. Verstehst du?“
„Ich verstehe. (…) Werde ich in der Lage sein, etwas zu tun?“
„Ich glaube nicht. Du wirst nur beobachten können.“
„Kann ich die Geschichte beeinflussen?“
„Das würde zu Paradoxien führen, und gerade die sind es doch, an denen der landläufige Begriff von der Zeitreise scheitert. Du kannst beobachten, diese Beobachtungen in die Gegenwart zurückbringen und von diesem Punkt an die Geschichte verändern – was logischerweise nicht zu Paradoxien führt.“
„Besser als nichts“, murmelte ich.
(…) Ich tröstete mich mit der Hoffnung, daß John sich täuschte oder sogar log. Wenn es auch nur den Hauch der Möglichkeit gab, die Geschichte zu verändern, wäre die technologische Überwachungsbehörde eingeschritten und hätte ihm verboten, die Experimente fortzusetzen. Also mußte John von vornerherein so eine Möglichkeit bestreiten, oder man strich ihm die Förderungsmittel für seine Forschungen.
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* Erschienen 1983 bei Bastei Lübbe im Band „Wenn der Wind sich dreht“

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Leerstand in der Villa Klapper

Zum Tode von Dada Stievermann

Wie ich höre, war die schwerkranke Dada Stievermann bis zuletzt in der Lage, ihr Umfeld am 1. Oktober mit ihrer Heiterkeit anzustecken. Ihr Ziel, die Eröffnung des Dirk-Bach-Platzes in Köln noch zu erleben und mit einem Auftritt zu begleiten, hat sie knapp verfehlt.
Als Ensemblemitglieder des Films „Im Himmel ist die Hölle los“ waren Dirk und Dada für mich nicht nur zwei geschätzte Kollegen, sondern historische Figuren meiner Biographie – Dirk spielte darin die Karikatur eines Showmasters, Dada seine Assistentin. Noch wichtiger für viele Freunde der Heiterkeit: mit Hella von Sinnen und Dirk Bach hat Dada einst die Kabarettgruppe „Die Stinkmäuse“ gegründet und jahrelang zum Ensemble von Walter Bockmayers „Theater in der Filmdose“ gehört. Auch die „Filmdosenhow“ hat sie moderiert.
Ich habe sie erst sehr spät kennenlernen dürfen.
Als ich bei Hella von Sinnen weilte, die mich als Szenarist eines autobiographischen Comics im Gefolge ihrer Moderation des „Comic Talk“ in Erwägung zog, kam Dada zu Besuch. Auf diese Weise war mein Trip nach Köln nicht vergebens, obwohl das Buchprojekt nicht zustandekam. Denn als ich mit Hella zusammensaß, klingelte das Telefon, und sie erhielt die Nachricht, dass es mit „Genial daneben“ weiterginge. Damit war die Sache augenblicklich mausetot, obwohl das so deutlich nicht ausgesprochen wurde.

Dada ließ die Fragen fröhlich über sich ergehen, die immer aus mir heraussprudeln, wenn mir Menschen begegnen, die an „Im Himmel ist die Hölle los“ Anteil hatten, und war auch sonst so wie ich sie mir vorgestellt hatte.
Die Typen und Töne der Subkultur der 80er Jahre verfliegen und verklingen in rasender Geschwindigkeit. Und die meisten gehen früh oder sehr früh. Gerade so, als müsse die Zeit vor 40 Jahren nicht nur kreativ, sondern auch sehr rauschhaft gewesen sein. Jetzt wird, wie Hella von Sinnen in ihrem Nachruf meinte, „woanders weiter“ gelacht.

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Kultfilm Azubis: Paddy Chayefsky Revisited

Wenn in Hollywood nicht gerade die Autoren streiken, interessiert sich keine Katz dafür, dass zur Herstellung von Filmen und Serien zunächst einmal Drehbücher notwendig sind. Und dass es letztlich deren Qualität ist, auf der jede andere aufbaut. Einen großartigen Meister dieser stillen Kunst wollen wir im heutigen Podcast für eine Dreiviertelstunde dem Vergessen entreißen: Paddy Chajefsky, hochdekorierter Medienautor für Bühne, Fernsehen und Film:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/network-marty

Network
Amerikanische Mediensatire von 1976

Als der TV-Sender UBS den alternden Nachrichtenmoderator Howard Beal wegen sinkender Quoten entlassen will, kündigt dieser live seinen Selbstmord vor laufender Kamera an. Das Medienecho, das er dadurch erzeugt, bringt die ruchlose Programmchefin Diana Christensen auf die Idee, ihn in einer eigenen Sendung zum zornigen Prediger aufzubauen, der all den Wutbürgern da draußen (so sollten diese Leute viel später genannt werden) eine Stimme gibt. Doch Beale wird frech. Und auch dieser Erfolg hat ein Ablaufdatum … 

Unglaublich, dass „Network“ zur Zeit seiner Entstehung als überzogen wahrgenommen wurde. Und noch unglaublicher, wie frisch sich dieser Film seither gehalten hat. Autor Paddy Chayefsky und Regisseur Sidney Lumet haben ihre Karrieren im fiktionalen Live-Fernsehen begonnen, ebenso wie eine ganze Generation von Hollywoodstars. An der Seite des Altstars William Holden spielen zwei der vier Oscar-Gewinner des Abends: Faye Dunaway und Peter Finch.

Marty
Romantische amerikanische Sozialsatire von 1955

Der schwerfällige Metzger Marty lebt noch im Haus seiner Mutter. Er wird von ihr, seinem Umfeld, ja sogar von der Kundschaft, dafür gerügt, als Ältester und einziger der Familie noch unverheiratet zu sein. Akzeptiert fühlt sich Marty nur von seinem kleinen Junggesellenclub, dessen nächtliche Vergnügungstouren ihn jedoch zunehmend anöden. Die Begegnung mit dem Mauerblümchen Clara, die im Ballsaal sitzengelassen wurde, ist im Grunde ein Betriebsunfall. Doch weder Marty noch Clara sind es gewohnt, sich auf jemand anderen einzulassen …

„Marty“ war ursprünglich ein Fernsehspiel. Autor und Regisseur kamen durch das Kino-Remake nach Hollywood, gekrönt mit einem Oscar für den Besten Film und einem für den besten Hauptdarsteller. Die humoristisch gefärbte Milieustudie machte vor, wie das Genre der romantischen Komödie nach dem Ende der Screwball-Comedy aussehen würde. Dieses Vorbild wurde von seinen unzähligen Nachahmern in die Vergessenheit abgedrängt. Der stämmige Ernest Borgnine etablierte sich in der Titelrolle für den Rest seines langen Lebens als zuverlässige tragende Nebenfigur, spielte immer wieder Schurken und wurde sogar zum Serienhelden.

Nächste Woche: Stalker und Company Men – Gewinn ist nicht alles

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Die Schippe des Auserwählten

betr.: Aktuelle Filmkritik im Podcast

Torben Sterner und Volker Robrahn haben einen Film vorab gesehen, dessen Trailer vor allen Ratlosigkeit stiften wollte. Sie sprechen darüber im heutigen Podcast:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/digger

Digger
Phantastische Komödie von Alejandro González Iñárritu

Für den Ölmagnaten Digger Rockwell laufen die Geschäfte glänzend, doch das hat unseren Planeten schwer gezeichnet. Eine Umweltkatastrophe bringt die Welt an den Rand des Abgrunds. Der US-Präsident verfügt, dass der Übeltäter selbst für Rettung sorgt. Also reist der schwerreiche Geschäftsmann um die Welt und versucht sein Bestes …

Nachdem er seine Alterskarriere jahrzehntelang mit sehr erfolgreichen Actionspektakeln hinausgezögert hat, zeigt sich Tom Cruise in dieser politischen Satire optisch völlig verwandelt. An der Seite von John Goodman und Sandra Hüller tritt er als Karikatur auf. Der Verleih legt wiederum Wert auf die Feststellung, sein Auftritt markiere dessen Rückkehr zu komplexen Charakterrollen. Regisseur Iñárritu hat mit Filmen wie „Babel“ und „Birdman“ die Herzen seiner Fans erobert und mit „The Revenant“ bewiesen, dass er auch Blockbuster kann.

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Ferkeleien im Finstern

betr.: Aktuelle Filmkritik

Erwartet irgendjemand von einem Erotik-Thriller aus Hollywood Raffinesse, Innovation oder gar Tiefgang? Nicht? Fein. Dies als kleiner Uhrenvergleich vor dem Genuss meines Gesprächs mit Torben Sterner im heutigen Podcast über diesen Film:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/verity-dunkle-geheimnisse

Verity – Dunkle Geheimnisse
Erotik-Thriller von Michael Showalter

Die talentierte, aber bisher erfolglose Autorin Lowen Ashleigh erhält das Angebot, einer berühmten Kollegin als Ghostwriterin beizuspringen. Die Bestsellerautorin Verity Crawford ist nach einem Unfall nicht mehr in der Lage, ihre Arbeit an ihrer Buchreihe fortzusetzen, die mit drastischen Gewaltdarstellungen ein Publikum entzückt, das sich selbst für schöngeistig hält. Jeremy, der Mann der Autorin, bittet Lowen persönlich, das Angebot anzunehmen. So zieht diese in das luxuriöse Anwesen der Crawfords, eine monströse Luxusvilla am See, um dort Material zu sichten und der Familie näherzukommen.
Ein unveröffentlichtes Manuskript von Verity enthält verstörende Hinweise auf die Vergangenheit der Familie und Veritys Unfall. Während Lowen eine Bindung zu Jeremy und dessen Sohn Crew aufbaut, wächst ihr Verdacht, von irgendjemanden ausgeschmiert und benutzt zu werden. Doch von wem genau?

„Verity“ basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von Colleen Hoover, es spielen Anne Hathaway und Josh Hartnett als die Ehegatten Crawford und Dakota Johnson als Jungschriftstellerin Lowen Ashleigh.

Morgen kann sich jeder und jede ein eigenes Urteil bilden!

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So siehst Du aus! (15)

betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur

Fortsetzung vom 27..9.2026

Thomas Mann (1875-1955)
Mario und der Zauberer

b) Cipolla – Der Zauberer

Er kam in jenem Geschwindschritt herein, in dem Erbötigkeit gegen das Publikum sich ausdrückt und der die Täuschung erweckt, als habe der Ankommende in diesem Tempo schon eine weite Strecke zurückgelegt, um vor das Angesicht der Menge zu gelangen, während er doch eben noch in der Kulisse stand. Der Anzug Cipollas unterstützte die Fiktion des Von-außen-her-Eintreffens. Ein Mann schwer bestimmbaren Alters, aber keineswegs mehr jung, mit scharfem, zerrüttetem Gesicht, stechenden Augen, faltig verschlossenem Munde, kleinem, schwarz gewichstem Schnurrbärtchen und einer sogenannten Fliege in der Vertiefung zwischen Unterlippe und Kinn, war er in eine Art von komplizierter Abendstraßeneleganz gekleidet. Er trug einen weiten schwarzen und ärmellosen Radmantel mit Samtkragen und atlasgefütterter Pelerine, den er mit den weiß behandschuhten Händen bei behinderter Lage der Arme vorn zusammenhielt, einen weißen Schal um den Hals und einen geschweiften, schief in die Stirne gerückten Zylinderhut. Vielleicht mehr als irgendwo ist in Italien das achtzehnte Jahrhundert noch lebendig und mit ihm der Typus des Scharlatans, des marktschreierischen Possenreißers, der für diese Epoche so charakteristisch war, und dem man nur in Italien noch in ziemlich wohl erhaltenen Beispielen begegnen kann. Cipolla hatte in seinem Gesamthabitus viel von diesem historischen Schlage, und der Eindruck reklamehafter und phantastischer Narretei, die zum Bilde gehört, wurde schon dadurch erweckt, dass die anspruchsvolle Kleidung ihm sonderbar, hier falsch gestrafft und dort in falschen Falten, am Leibe saß oder gleichsam daran aufgehängt war: Irgend etwas war mit seiner Figur nicht in Ordnung, vorn nicht und hinten nicht, – später wurde das deutlicher. Aber ich muss betonen, dass von persönlicher Scherzhaftigkeit oder gar Clownerie in seiner Haltung, seinen Mienen, seinem Benehmen nicht im geringsten die Rede sein konnte; vielmehr sprachen strenge Ernsthaftigkeit, Ablehnung alles Humoristischen, ein gelegentlich übellauniger Stolz, auch jene gewisse Würde und Selbstgefälligkeit des Krüppels daraus, – was freilich nicht hinderte, dass sein Verhalten anfangs an mehreren Stellen des Saales Lachen hervorrief.
Dies Verhalten hatte nichts Dienstfertiges mehr; die Raschheit seiner Auftrittsschritte stellte sich als reine Energieäußerung heraus, an der Unterwürfigkeit keinen Teil gehabt hatte. An der Rampe stehend und sich mit lässigem Zupfen seiner Handschuhe entledigend, wobei er lange und gelbliche Hände entblößte, deren eine ein Siegelring mit hochragendem Lasurstein schmückte, ließ er seine kleinen strengen Augen, mit schlaffen Säcken darunter, musternd durch den Saal schweifen, nicht rasch, sondern indem er hie und da auf einem Gesicht in überlegener Prüfung verweilte – verkiffenen Mundes, ohne ein Wort zu sprechen. Die zusammengerollten Handschuhe warf er mit ebenso erstaunlicher wie beiläufiger Geschicklichkeit über eine bedeutende Entfernung hin genau in das Wasserglas auf dem Rundtischchen und holte dann, immer stumm umherblickend, aus irgendwelcher inneren Tasche ein Päckchen Zigaretten hervor, die billigste Sorte der Regie, wie man am Karton erkannte, zog mit spitzen Fingern eine aus dem Bündel und entzündete sie, ohne hinzusehen, mit einem prompt funktionierenden Benzinfeuerzeug. Den tief eingeatmeten Rauch stieß er, arrogant grimassierend, beide Lippen zurückgezogen, dabei mit einem Fuße leise aufklopfend, als grauen Sprudel zwischen seinen schadhaft abgenutzten, spitzigen Zähnen hervor.
(…) man sah, dass ihm über dem linken Unterarm an einer Lederschlinge unpassenderweise eine Reitpeitsche mit klauenartiger silberner Krücke hing. Man bemerkte ferner, dass er keinen Frack, sondern einen Gehrock trug, und da er auch diesen aufhob, erblickte man eine mehrfarbige, halb von der Weste verdeckte Schärpe, die Cipolla um den Leib trug, und die hinter uns sitzende Zuschauer in halblautem Austausch für das Abzeichen des Cavaliere hielten. Ich lasse das dahingestellt, denn ich habe nie gehört, dass mit dem Cavalieretitel ein derartiges Abzeichen verbunden ist. Vielleicht war die Schärpe reiner Humbug, so gut wie das wortlose Dastehen des Gauklers, der immer noch nichts tat, als dem Publikum lässig und wichtig seine Zigarette vorzurauchen.
(…) Nachdem er seinen Seidenhut, seinen Schal und Mantel abgetan, kam er, im Rock sich zurechtrückend, die mit großen Knöpfen verschlossenen Manschetten hervorziehend und an seiner Humbugschärpe ordnend, wieder nach vorn. Er hatte sehr hässliches Haar, das heißt: sein oberer Schädel war fast kahl, und nur eine schmale, schwarz gewichste Scheitelfrisur lief, wie angeklebt, vom Wirbel nach vorn, während das Schläfenhaar, ebenfalls geschwärzt, seitlich zu den Augenwinkeln hingestrichen war, – die Haartracht etwa eines altmodischen Zirkusdirektors, lächerlich, aber durchaus zum ausgefallenen Persönlichkeitsstil passend und mit so viel Selbstsicherheit getragen, dass die öffentliche Empfindlichkeit gegen ihre Komik verhalten und stumm blieb. Der kleine »Leibesschaden«, von dem er vorbeugend gesprochen hatte, war jetzt nur allzu deutlich sichtbar, wenn auch immer noch nicht ganz klar nach seiner Beschaffenheit: die Brust war zu hoch, wie gewohnt in solchen Fällen, aber der Verdruss im Rücken schien nicht an der gewohnten Stelle, zwischen den Schultern, zu sitzen, sondern tiefer, als eine Art Hüft- und Gesäßbuckel, der den Gang zwar nicht behinderte, aber ihn grotesk und bei jedem Schritt sonderbar ausladend gestaltete. Übrigens war der Unzuträglichkeit durch ihre Erwähnung gleichsam die Spitze abgebrochen worden, und zivilisiertes Feingefühl beherrschte angesichts ihrer spürbar den Saal.
(…) Wirklich sah er schlecht aus zwischenein, hohläugig und verfallen. Das Gläschen brachte das jeweils ins gleiche, und seine Rede lief danach, während der eingeatmete Rauch ihm grau aus der Lunge sprudelte, belebt und anmaßend.

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https://www.penguin.de/buecher/thomas-mann-mario-und-der-zauberer/buch/9783730615294

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So siehst Du aus! (14)

betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur

Thomas Mann (1875-1955)
Mario und der Zauberer

a)
Mario – ein Kellner

Stellen Sie ihn sich vor als einen untersetzt gebauten Jungen von zwanzig Jahren mit kurzgeschorenem Haar, niedriger Stirn und zu schweren Lidern über Augen, deren Farbe ein unbestimmtes Grau mit grünen und gelben Einschlägen war. Das weiß ich genau, denn wir hatten oft mit ihm gesprochen. Das Obergesicht mit der eingedrückten Nase, die einen Sattel von Sommersprossen trug, trat zurück gegen das untere, von den dicken Lippen beherrschte, zwischen denen beim Sprechen die feuchten Zähne sichtbar wurden, und diese Wulstlippen verliehen zusammen mit der Verhülltheit der Augen seiner Physiognomie eine primitive Schwermut, die gerade der Grund gewesen war, weshalb wir von jeher etwas übriggehabt hatten für Mario. Von Brutalität des Ausdrucks konnte keine Rede sein; dem hätte schon die ungewöhnliche Schmalheit und Feinheit seiner Hände widersprochen, die selbst unter Südländern als nobel auffielen, und von denen man sich gern bedienen ließ.
Wir kannten ihn menschlich, ohne ihn persönlich zu kennen, wenn Sie mir die Unterscheidung erlauben wollen. Wir sahen ihn fast täglich und hatten eine gewisse Teilnahme gefasst für seine träumerische, leicht in Geistesabwesenheit sich verlierende Art, die er in hastigem Übergang durch eine besondere Dienstfertigkeit korrigierte; sie war ernst, höchstens durch die Kinder zum Lächeln zu bringen, nicht mürrisch, aber unschmeichlerisch, ohne gewollte Liebenswürdigkeit, oder vielmehr: sie verzichtete auf Liebenswürdigkeit, sie machte sich offenbar keine Hoffnung, zu gefallen. Seine Figur wäre uns auf jeden Fall im Gedächtnis geblieben, eine der unscheinbaren Reiseerinnerungen, die man besser behält als manche erheblichere. Von seinen Umständen aber wussten wir nichts weiter, als dass sein Vater ein kleiner Schreiber im Municipio und seine Mutter Wäscherin war.
Die weiße Jacke, in der er servierte, kleidete ihn besser als das verschossene Complet aus dünnem, gestreiftem Stoff, in dem er jetzt da hinaufstieg, keinen Kragen um den Hals, sondern ein geflammtes Seidentuch, über dessen Enden die Jacke geschlossen war.
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Der Song des Tages: „Lover, Come Back To Me“

Zum Tode von Bob Ziegenbalg

Der Saarbrücker Theatermann Bob Ziegenbalg ist tot, eine tragende Figur im St.-Johann-Kapitel meiner Biographie. Zuletzt sah ich ihn Anfang der 90er, als er aus unserer gemeinsamen Arbeit bei der SR-Funkreihe „Auf in den Keller“ ausschied, um sich mit Volldampf dem „Kinder- und Jugendtheater Überzwerg“, wie es damals noch hieß, zu widmen. Ein ebenso wichtiger Grund mag gewesen sein, dass ihm unser Format, das vor Publikum aufgezeichnet wurde, entsprechende Abgabefristen zumutete: vorher schriftlich zu verfassende Texte. Hätten wir das Ganze ohne den Rundfunk gemacht, hätte er es ewig hinausgeschoben und dann gesagt, „da improvisier‘ ich uns was.“

Bob Ziegenbalg (blaues Mikro) und Monty Arnold (grünes Mikro) im April 1998 im Saarbrücker Jazzkeller „Gießkanne“ – Foto: Roger Paulet

Vor genau 5 Jahren hatte ich nach langer Pause einen kurzen Facebook-Chat mit ihm. Ich hatte von seiner Pensionierung gelesen und ließ mich von ihm ermuntern, bei meinem nächsten Besuch in Saarbrücken anzuklopfen. Ich hatte zwar wenig Hoffnung, allzubald wieder dort aufzutauchen, glaubte aber, die restliche Zeit würde durchaus genügen. Das hat sie nicht.

Bob war mein Stalking-Opfer gewesen, als ich mit 18 die ersten (vollkommen ahnungslosen) Vorstöße in die freie Theaterszene der Landeshauptstadt versuchte, nachdem ich mich bisher nur im dörflichen Karneval als Parodist und Trällerkünstler hingehalten hatte. Eine Kollegin bei der Zeitung – wo ich eine Reprotechnikerlehre machte, um die Zeit bis zur Kabarett-Laufbahn zu überbrücken – hatte mir seinen Namen genannt, als ich sie nach lokalen Künstlergrößen fragte. Und nun stand ich bei ihm auf der Matte.
Heute weiß ich, was Bobs Gesichtsausdruck unter anderem bedeutet hat: „Ich kann doch gar nichts für dich tun. Na … komm erstmal rein…“
Natürlich hat Bob dann doch einiges für mich getan.
Einiges davon kann nur von außen kommen und ist absolut notwendig für einen blutigen Anfänger wie mich. Anderes hat mich erfreut und insofern bereichert. So war Bob der der erste (und bis heutige einzige), der mir vom Mark–Twain-Musical „The Big River“ vorschwärmte und mit etwas daraus vorgespielt hat. Einmal zeigte er mir ein Video seines unvollständigen Mitschnitts des berühmten Kompilationsfilms „That’s Entertainment 2“ mit alten Highlights des MGM-Musicals. Ich weiß noch, wie mir bei dieser Gelegenheit auffiel, dass „Lover, Come Back To Me“, das ich nur als Instrumentalnummer kannte, eigentlich aus einer amerikanischen Tonfilm-Operette stammt. Bei diesem Clip war ich ganz besonders Ohr.

Soweit es die letzten Bewegtbilder hergeben, die der SR nun zur traurigen Nachricht gezeigt hat, sah Bob zuletzt genauso aus wie damals: grau, aber nicht kahl, etwas weniger glatt, aber ohne Fett angesetzt zu haben. Im Grunde so, als wäre er lediglich von der Maskenbildnerin seiner Theatergruppe älter geschminkt worden. Es scheint ein gutes Leben gewesen zu sein.

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