Kultfilm Azubis: Nach dem Happy-End

In einem seiner berühmtesten Gedichte hat Kurt Tucholsky erklärt, warum „beim Happy End im Film jewöhnlich abjeblend‘“ wird. Dieser Frage gehen im Grunde auch beiden Paare nach, die heute im Mittelpunkt des Podcasts stehen:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/romanze-in-moll-zeiten-des-aufruhrs

A) Romanze in Moll
Deutsches Liebesdrama von 1943

Frankreich zur Zeit der Belle Époque. Nach dem Selbstmordversuch seiner Frau erfährt ein Kleinbürger, dass es sich bei der Perlenkette, die er oft an ihr gesehen hat keineswegs um eine Imitation handelt. Das erlaubt nur einen Schluss: seine schöne Frau hatte einen reichen Verehrer. In Rückblenden wird die Liebesgeschichte aufgerollt: Madeleine (Marianne Hoppe) lernt zufällig den pompösen Komponisten Michael (Ferdinand Marian) kennen und inspiriert ihn zu einer künstlerischen Entscheidung. Schließlich gibt sie seinem Werben nach. Eine Rückkehr in ihr altes Leben wird durch einen Erpresser verhindert …

Für den französischen Filmhistoriker Georges Sadoul war diese Verfilmung einer Vorlage von Guy de Maupassant der einzige deutsche Film von künstlerischem Wert, der während des Dritten Reichs gedreht wurde. Viele seiner Landsleute bestätigten, dass Helmut Käutner darin am reinsten den Geist des Autors beschworen habe. In der Bundesrepublik, wo sich Käutners Karriere bis ins Fernsehen fortsetzte, wurde ein anderer Film aus der Ära allerdings noch populärer: das flotte musikalische Drama „Große Freiheit Nr. 7“ mit Hans Albers.    

B) Zeiten des Aufruhrs / Revolutionary Road
Amerikanisches Ehedrama von 2008

Die USA Mitte der 50er Jahre. Ihrem Mann Frank zuliebe hat sich die verhinderte Schauspielerin April mit ihrer Familie in einem hübschen Vorort von Connecticut niedergelassen. Da Frank seinerseits an seinem drögen Bürojob leidet, schlägt sie ihm aus einer Laune heraus vor, auszusteigen und nach Paris zu übersiedeln. Frank lässt sich darauf ein, vor allem, um nicht wie sein Vater zu enden, der einst in der selben Firma versauerte. Die Vorbereitungen laufen an. Doch dann bietet man Frank überraschend eine Beförderung an – und April wird schwanger. Über die Konsequenzen daraus sind die Eheleute unterschiedlicher Meinung …

In den Nuller- und Zehnerjahren wurde durch die Serie „Mad Men“ der Autor John Cheever kurzzeitig wiederentdeckt und mit ihm die kleinen Tragödien der Vorstadt nach dem Kriege, Geschichten von Ehemännern, die mit dem Vorortzug in die Stadt fahren und dort angeblich länger im Büro bleiben, um in Wahrheit ihre Frauen zu betrügen. Auf der Kinoleinwand war Sam Mendes‘ „Revolutionary Road“ nach Richard Yates das denkwürdigste Ergebnis dieses Trends. Das garantierte seinen Erfolg ebensowenig wie die Wiedervereinigung von Kate Winslet und Leonardo DiCaprio, dem tragischen Liebespaar aus „Titanic“.

Nächste Woche: Rocky und Der Zirkus.

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Bockig zum Erfolg

Die aktuelle Filmkritik im Podcast

Wenn Sie Lust auf Animationsfilme haben und sich von unnützen deutschen Nachtiteln nicht schrecken lassen, dann hätt‘ ich jetzt was für Sie.

G.O.A.T. – Bock auf große Sprünge
Trickfilm von Tyree Dillihay

Will bekommt die einmalige Chance, einem Profiteam beizutreten und Roarball zu spielen – einen kontaktintensiven Hochleistungssport, bei dem die schnellsten und furchterregendsten Tiere der Welt dominieren. Roarball funktioniert nach den Regeln des Basketballs, bei dem es neben Talent zunächst einmal auf schnöde Körperlänge ankommt. Wills neue Teammitglieder sind von der Idee, einen schmächtigen Ziegenbock in ihre Mannschaft aufzunehmen, also nicht gerade begeistert. Unser Held gibt sich nicht mit einer Aufsteigergeschichte à la „Rocky“ zufrieden. Er entschließt sich, den Sport zu revolutionieren, damit dort künftig auch die Kleinen ganz groß rauskommen können.

Ronny Fanta
hat sich den Film für unseren Podcast vorab angesehen: https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/g-o-a-t-bock-auf-grosse-spruenge-aktuelle-filmkritik

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Die Schule des persönlichen Geschmacks

„Über Geschmack lässt sich streiten“, lautet eine Redensart, „Über Geschmack lässt sich nicht streiten“ eine andere. Beide bedeuten dasselbe: die allermeisten Menschen mögen nur, was sie kennen, und sind nach einer kurzen kindlichen Phase der Aufgeschlossenheit, in der andere für sie das Essen, die Musik und die Anziehsachen ausgewählt haben, gar nicht mehr daran interessiert, ihren Fokus auszuweiten. Oder eben darüber zu „streiten“.
Jeder mag das Wenige, das er kennt – was bleibt ihm übrig?
Mit Geschmack hat das nichts zu tun, denn der würde die Möglichkeit voraussetzen, zwischen mehreren unterschiedlichen Optionen zu wählen.
Das können nur die wenigen, die nach dem Ende der Kinder- und Jugendzeit weiterforschen und ihre Geschmacksknospen beweglich halten. Der früh gesättigte Normalmensch begegnet diesem Ansatz mit Irritation und wehrt die als autistisch empfundenen Differenzierungsangebote mit Kopfschütteln ab, vorzugsweise mit einer der zuerst genannten Redensarten.
Der Musiker Steffen Schleiermacher hat eine Anekdote dazu, die durch ihren extremen Charakter anschaulich macht, was ich meine: „Als ich vor Jahren für längere Zeit in Japan wohnte, bin ich ins Nō-Theater gegangen, das höfische, alte Tanztheater. Es war eine fantastische Aufführung, fand ich. Danach habe ich als einziger erheblich Beifall geklatscht. Ich wurde von meinem Sitznachbarn sehr höflich darauf hingewiesen, dass es mir nicht zusteht zu applaudieren, weil ich die Qualität der Aufführung überhaupt nicht einschätzen könne. Er hatte nicht unrecht, denn ich hatte im Grunde nur die Oberfläche gesehen: eine ganz seltsame Musik, ritualisierte Bewegungen, prunkvolle Masken, ganz minimalistisches Theater mit Gesten … man kriegt eigentlich nicht mit, worum es geht. Offensichtlich sind das immer sehr staatstragende Themen, die da verhandelt werden. Dieser Singsang, die ganze Atmosphäre hat mich begeistert, aber ich blieb natürlich an der Oberfläche stecken. Von all den Vorschriften – die Gestik, die Tonhöhe, die Proklamation betreffend – hatte und habe ich keine Ahnung. Ich wusste nur, dass es mich berührte, ohne es richtig oder falsch finden zu können.“

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Der Ausschaltimpuls als potenziell positive Intervention

Die Fernbedienung stieg in den 80er und 90er Jahren vom reinen Bequemlichkeitsrequisitit (das es etwa erlaubte, von der Sitzmulde aus lauter oder leiser zu machen) zum wichtigen Machtfaktor in Wohn- und Lebensgemeinschaften auf. Mit dem Aufkommen des Privat- und Kabelfernsehens gab es jetzt plötzlich Option und Bedarf zum Umschalten. Prompt geschah mit dem Halter der kleinen Maschine, was sich später mit Mobiltelefonbesitzern noch viel übler auswachsen sollte: die Knöpfe wurden viel zu häufig gedrückt, und irgendwann mochte man gar nichts mehr zuendekonsumieren. Aber das ist ein Thema für sich…
Wenn umgeschaltet wird, hat das für das gerade laufende Programm den Effekt des Ausschaltens. Daher beschäftigt die Medienphilopsophie (z.B. die Ö1-Reihe „Radiokolleg“) in diesem Zusammenhang der „Ausschaltimpuls“:
»Noch stärker als andere Medien unter Quotendruck steht das lineare (und längst auch nonlineare) „Legacy-Medium“ Fernsehen. In Zeiten von Streaming, On Demand-Plattformen, Netflix, YouTube, TikTok & Co. ist die technologisch fortschrittliche und inhaltlich oft skrupellose Konkurrenz übermächtig. In diesem Kontext wird der Ausschalt-Impuls zwangsläufig zum unmittelbarsten und bedrohlichsten imaginären Gegner von TV-Betreibern, Medienmanager:innen und Programmgestaltern.
Aber kann dieser Feind auch eine positive, produktive, lehrreiche Botschaft vermitteln? Ohne das Korrektiv des Publikums wäre die Medienlandschaft vielleicht noch uniformer, nivellierter und einfallsloser, als sie manchen sowieso erscheint. Eine paradoxe Intervention per TV-Fernbedienung ist jedenfalls nicht denkunmöglich: Abschalten, um wieder zum Einschalten animiert zu werden.«

Alfred Hitchcock – zeitlebens ein medienverständiger Fuchs – dachte schon in den 50er Jahren in seiner TV-Serie darüber nach, wie schön es wäre, wenn die Gegenstände, die man aus Unmut über das Programm gegen den Fernseher schleudert, tatsächlich die handelnden Personen träfen. Obwohl selbst gerade auf dem Bildschirm sichtbar, dachte er zuerst an sein Publikum – und damit an den eigenen Fernsehsessel.

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Überall Charaktere

betr.: 95 Geburtstag von Claire Bloom

Die Schauspielerin Claire Bloom (Chaplins Partnerin in „Rampenlicht“) war 15 Jahre lang die Geliebte, 3 Jahre lang die Gattin des Bestsellerautors Philip Roth („Portnoys Beschwerden“). In einem seiner Manuskripte musste sie lesen, wie ein „Philip“ postkoitale Gespräche führte und schließlich seine Ehefrau auftrat: eine Schauspielerin namens „Claire“, die als ältliche Heulsuse beschrieben wird. Dass sie dieses Skript liest, ist wiederum Teil der Geschichte (siehe unten).
Aus den gemeinsamen Jahren machte Claire Bloom dann den Mittelpunkt ihrer Autobiographie, die sie in Anspielung an einen emanzipatorischen Bühnenklassiker „Leaving A Doll’s House“ nannte.
Die beiden hatten erst spät zueinander gefunden: der 42jährige Witwer Roth war auf dem Weg zum Psychiater, die zweimal geschiedene Bloom ging zum Yoga, als sie auf der Madison Avenue zusammentrafen und an eine frühere Begegnung auf einer Party (1975) anknüpfen konnten. Zuvor war Bloom mit Richard Burton, Laurence Olivier, Yul Brunner und Anthony Quinn zusammen gewesen. Spontan fällt mir nur eine Liste ein, die für mich persönlich feuilletonistisch noch lauter knistert, die der Ehemänner von Mia Farrow: Frank Sinatra, Andre Previn und Woody Allen. Letzterer hat die eingangs erzählte Geschichte übrigens auch variiert. In „Deconstructing Harry“** (nach der Trennung von und ohne Farrow entstanden) suchen ihn sowohl seine Figuren als auch deren Originale heim und geben ihm Saures.
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* Die Hörspielfassung dieses Werks steht zur Zeit in der ARD Audiothek zum Gratis-Download: https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:f15bf90a1586210e/
„Täuschung“ von Philip Roth, SDR 1994 –  Schriftsteller Philip plant einen großen Roman über die Täuschung. Sich selbst (verheiratet) und seine Geliebte (verheiratet) nimmt er zum Vorbild. Sorgfältig notiert er die gemeinsam gedoppelten Betrugsmanöver, die zu – ebenfalls sorgsam notierten – lustvollen Ergebnissen führen. Nun aber findet Philips Frau diese Notizen. Philip erklärt ihr, alles sei nur ausgedacht, Vorarbeit zum geplanten Täuschungsroman. Diese Vorarbeit wirkt allerdings äußerst real. Ist das nun wirklich kunstvoller Schein, oder ist es doch die gefürchtete Wahrheit?
** Siehe dazu https://blog.montyarnold.com/2025/10/10/tron-harry-ausser-sich/

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Kultfilm-Azubis: Heilsbringer mit Lackschäden

Zwei Geschichten um Männer, die wider Willen in die Verlegenheit kommen, den Erlöser der Menschheit zu spielen, beschäftigen uns im heutigen Podcast. Wir reisen einmal zurück in die Zeit des Neuen Testaments und einmal – je nach Anschauung – in die gruselige Zukunft, die uns unmittelbar bevorsteht, oder in eine Dystopie von gestern:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/das-leben-des-brian-the-omega-man

A) Das Leben des Brian / Monty Python‘s Life Of Brian
Britische Bibelfilmparodie von 1979

Als die Heiligen drei Könige dem Stern von Bethlehem folgen, irren sie sich zunächst in der Adresse und legen ihre Gaben um ein Haar an der Krippe des Erdenbengels Brian nieder. Dieses Missgeschick ist prophetisch. Im Laufe seines Lebens wird Brian immer wieder für den Messias gehalten – so sehr er sich auch dagegen wehrt – denn alle sehnen sich wie verrückt nach einem Erlöser. Als Brian am Kreuz hängt, widerfährt ihm durch einen singenden Leidensgenossen tatsächlich die Erleuchtung: „Always Look On The Bright Side Of Life“.

Nach dem Erfolg des ersten Kinofilms der englischen Komikertruppe Monty Python – „Die Ritter der Kokosnuss“ – führte ein Witz auf einer Pressekonferenz zu dieser Bibelkomödie, die von Kritikern, Fans und Beteiligten heute als deren beste Filmarbeit betrachtet wird. Naturgemäß waren die Widerstände gegen dieses Werk, das sich unbesehen sehr leicht als blasphemisch missverstehen lässt, ebenso groß. Das Wunder geschah: die enorme Werbung, die die katholische Kirche ihm mit ihrer Kampagne eintrug, hat es letztlich gar nicht gebraucht.

B) Der Omega-Mann / The Omega Man
Amerikanischer Science-Fiction-Film von 1971

Im Jahre 1977 hat ein bakteriologischer Krieg die Welt entvölkert. In Los Angeles kämpft der Wissenschaftler Neville, der in letzter Sekunde ein selbstentwickeltes Heilmittel an sich ausprobierte, gegen die wenigen Überlebenden, eine fanatische Sekte lichtscheuer Seuchenkrüppel. Diese Albinos wollen die letzten Spuren der Zivilisation beseitigen – und ihren letzten Repräsentanten Neville, ihren „Leibhaftigen“. Richard Mathesons dystopische Erzählung „I Am Legend“ wurde später mit Will Smith noch ein drittes Mal verfilmt.

Im Leben wandelte sich der Schauspieler Charlton Heston vom Unterstützer des schwarzen Bürgerrechtlers Martin Luther King zum waffenstarrenden Redneck, auf der Leinwand von der Verkörperung biblischer und historischer Heldenfiguren zu einem der ersten großen Hollywoodstars, die sich für Science-Fiction-Filme hergaben, beflügelt vom Erfolg seiner Hauptrolle in „Planet der Affen“. „Der Omega-Mann“ überbrückt diese Rollenfächer, umweht von den letzten Schwaden der Flower-Power-Ära.

Nächste Woche: Romanze in moll und Zeiten des Aufruhrs

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Dicker als jede Lücke

betr.: 81. Geburtstag von Dupa

Der dicke, weiße, menschlaue Hund „Cubitus“ hieß in der deutschen Übersetzung der 70er Jahre zunächst „Hannibal“, hatte ein jugendliches Herrchen namens Pit und lief noch auf allen Vieren, ehe er seinen angestammten Besitzer fand, mit dem er auf völliger Augenhöhe kurze, gag-orientierte Abenteuer erlebte. Sein Sparringspartner war nun ein alter, walrossbärtiger Herr: Ossi, Walfisch-Harpunier Zweiter Klasse a. D. Da er sich mit diesem bei aller Konkurrenz doch gut vertrug, hatte Cubitus noch einen Lieblingsfeind: den schwarzen Kater Napoleon.

Dupa (Luc Dupanloup) war im Comic-Magazin „Tintin“ Assistent von Greg (Michel Louis Albert Régnier), dem Erfinder der Serie „Albert Enzian“ („Achille Talon“), für den er, wie das so üblich war, Hintergründe zeichnete, besondere Requisiten, technische Geräte …
Dupa hatte mit seinem Künstlerleben eigentlich etwas ganz anderes, Epischeres vor, wurde aber zuletzt glücklich mit „Cubitus“, dieser Serie, die zumeist aus Einseitern bestand: „Damals gab es zwei Ausgaben des Magazins, eine belgische und eine französische. Der Hauptunterschied bestand in den Werbeseiten, die von Land zu Land variierten. Auf diesen Seiten kam es manchmal zu Lücken, zum Beispiel weil ein Inserent seine Reklame nicht rechtzeitig geliefert hatte. Greg, der Chefradakteur war, kam eines Tages auf mich zu und fragte mich, ob ich nicht etwas Kleines, Schnelles machen könnte, um weiße Seiten zu füllen. Ich, der davon träumte, Abenteuer im Stile von Tilleux„Jeff Jordan“ zu zeichnen, wurde nun gefragt, ob ich bis morgen einen Gag anfertigen könne! Dann habe ich einen Ball aus Haaren gezeichnet, eine Nase, zwei Augen und das war’s.“ Passend zu seiner flotten Konzeption, hatte das Geschöpf autobiographische Züge, „was seine Moral betrifft, nicht sein Äußeres. Cubitus bläht die einfachsten Dinge zu großen Problemen auf, wie bei mir. Er ist naiv wie ich. Er mag die schönen Dinge, und auch ich bin ein Genießer.“

Anfangs quälte den Künstler dieser völlig un-epische, nicht-abenteuerliche Ansatz, doch es freute ihn, in so einem wichtigen Magazin wie „Tintin“ veröffentlicht zu werden. Wie wir wissen, wurde die Serie ein Erfolg und erschien irgendwann in beiden Ausgaben, der belgischen und der französischen. Immer häufiger wurde Dupa nun auf „diesen komischen dicken Bären“ angesprochen.

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Cheesy but nice

Die aktuelle Filmkritik im Podcast:
https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/wuthering-heights-aktuelle-filmkritik

Welcher uralte Stoff wäre ideal, um ein Publikum zu erfreuen, das nach einem Jahr Jane-Austen-Jubiläum jetzt Lust hat, sich einem anderen großen Schatz aus der britischen Klassiker-Bibliothek zuzuwenden? Wie wäre es für die nächste Kinosaison mit einer Autorin, die im Jahr nach Austens Tod zur Welt kam und noch ebenso begabte Geschwister hat – für weitere Vorlagen? Hier kommt die Antwort:

Wutherhing Heights
Episches Liebesrama von Emerald Fennell

Das windgepeitschte Ödland von Yorkshire im 19. Jahrhundert. Der Gutsherr von Wuthering Heights hat seiner Tochter Cathy einen streunenden Knaben von einer Geschäftsreise mitgebracht, der in die Familie aufgenommen und Heathcliff genannt wird. Die Kinder sind einander auf Anhieb emotional verbunden, doch als sie ins heiratsfähige Alter kommen, entscheidet sich Cathy für den braven Edgar Linton, dessen Landsitz Thrushcross Grange in einem lieblichen, windgeschützten Tal liegt. Ihr Spielgefährte wird diesen Verrat niemals verwinden. Er läuft fort, um nach fünf Jahren als gemachter Mann zurückzukehren. Er wird bei Lintons vorstellig, wo Cathy in einer erstickend langweiligen Beziehung ihr luxuriöses Dasein fristet. Als sie sich noch immer nicht von ihrem Mann trennen möchte und überdies endlich der lang ersehnte Stammhalter ins Haus steht, verfestigen sich Heathcliffs Rachegelüste …

Drehbuchautorin und Regisseurin Emerald Fennell setzt den Roman von Emily Bronte in historischen Kostümen, aber mit modernen Details und Effekten in Szene.

Wer diesen Stoff heute auf die Leinwand bringt, der hat nicht nur eine Saga zu bewältigen, die sich über Generationen erstreckt, sondern auch mindestens zwei erinnerungswürdige filmische Umsetzungen: einen schweren Burgunder aus dem alten Hollywood und eine Version aus der mexikanischen Phase von Luis Bunuel, die schon im Titel nichts anbrennen lässt: Abgrund der Leidenschaft. Zwar kennt diese Vorstufen heute kein Schwein mehr (machen wir uns nichts vor), aber ich habe insgeheim die Hoffnung gehegt, das Projekt könnte sich ihnen dennoch verpflichtet fühlen. Wie gut würde es gelingen, die dreckige Abgründigkeit mitzuerzählen, die sich bei einem solchen Klassiker der Weltliteratur von selbst versteht und die in früheren Bearbeitungen nicht möglich oder nicht gestattet war? Nachdem ich das Buch kennengelernt hatte, sah ich die Hollywood-Verfilmung von 1939 mit anderen Augen: Laurence Olivier war geradezu ein Gentleman, verglichen mit dem elenden Mistkerl Heathcliff aus dem Roman.

Alles in allem ist das Unterfangen geglückt: „Wuthering Heights“ 2026 ist als aktuelles Kinoprogramm sehenswert, als Buchverfilmung beachtlich und trotz aller geschmacklichen Entgleisungen eine spontane Kinokarte wert.

Die Autorin der Vorlage lebte tatsächlich die längste Zeit ihres kurzen Lebens auf einer solchen neblig-zugigen „Sturmhöhe“.
Der Film nutzt die heutigen Möglichkeiten des Darstellbaren: technisch und publikumsgeschmacklich. Der ärmliche Landsitz der Earnshaws in der Heide hat den Komfort einer möblierten Höhle. Leider sieht die aufgedonnerte Margot Robbie in ihrem Dirndl aus wie Veronica Ferres auf einer Münchner Filmparty und ruiniert den herben Naturalismus der ersten halben Stunde. Heathcliff, der Zweinhalbmetermann Jacob Elordi, hat es etwas besser. Er darf im ersten Teil der Handlung als zotteliger Rasputin-Verschnitt auftreten und uns nach seiner Rückkehr aus der Fremde damit überraschen, wie vollständig er sich zum viktorianischen Dressman gewandelt hat.
Als Cathy erstmals Thrushcross Grange und seine neuen Bewohner, die Lintons, erkundet, bietet sich uns dort eine betont künstliche Umgebung. Erst jetzt, in diesem überzeichneten zweiten Spielraum, ergibt die grelle Robbie-Cathy einen Sinn. Die Parallelwelt wird zum ergänzenden Gegen-Schauplatz. Quasi als dessen Anbau fungiert das von Edgars Schwester Isabella für die angehimmelte Cathy errichtete Puppenhaus – ein toller Effekt. Leider schafft es der Film nicht, die provozierend realistische arme und die Jean-Paul-Gauliter-hafte Kitsch-Welt der Reichen souverän auszubalancieren.

Klar: auch in einen Film mit Überlänge passt dieser Stoff nicht vollständig hinein, vor allem zum Ende hin fasst er sich sehr kurz. Cathys fieser Bruder Hindley aus dem Roman wird mit der gütigen Vaterfigur zu einem elenden Säufer zusammengelegt, was sehr gut funktioniert und hilft, viele Buchseiten zu bändigen. Leider lässt sich die Regisseurin in diesem Zusammenhang dazu verleiten, ihre Figuren allzuviel erklären zu lassen. Der größte Teil dieser Funktionstexte wird zwischen den Orgasmen der wilden Affäre von Cathy und Heathcliff geliefert, die im dritten Akt sehr ausführlich vor uns abrollt. In den Trailern werden diese Szenen ihre Wirkung nicht verfehlt haben, im Film bedeuten sie die einzige wirklich ungebührliche Aufweichung der Originalstory und beschädigen die Glaubwürdigkeit der Figuren. Aber zum Glück findet die Sache zum Ende hin wieder zu ihrer grimmigen Storyline zurück. Ich hatte mir während der endlosen Kopulationsmontage schon Sorgen gemacht, man könnte mir nach all der werkgetreuen Niedertracht ein Happy-End zumuten.

Insgesamt sieht man dem Film seine Stilvorbilder etwas zu deutlich an, die Anspielungen sind ungeschickt arrangiert. Dass unmittelbar auf eine ikonische Hitchcock-Szene eine „Vom Winde verweht“-Einstellung folgt, ist ebenso unwuchtig wie die eingestreuten Songs der Sängerin Charli XCX, die in den glücklicheren Momenten nach Enya klingt, in den weniger glücklichen nach Dieter Bohlen, die aber nie einen eigenen Stil erkennen lässt. Baz Luhrmann, bei dessen pathetisch-poppigen Musikdramen sich „Wuthering Heights“ besonders ausdrücklich bedient, hat damals solche Stilbrüche vermieden, indem er schlauerweise auf alles Reale verzichtet und mit existierenden Songs gearbeitet hat.

Ein besonderer Glücksgriff der Besetzung ist Shazad Latif als Edgar Linton. Seine Performance liefert die ideale Verkörperung des weichtierhaften Schnösels, unter dessen edlem Zwirn ein freundlicher Kleinbürger steckt (nicht weniger, aber auch nicht mehr). Latif sieht in seiner Aufmachung Paul Dahlke zum Verwechseln ähnlich, der einst in „Romanze in moll“ eine ähnliche Rolle ähnlich großartig gespielt und zu einer der besten Liebestragödien des deutschen Films beigetragen hat.
Nach der Vorstellung waren viele, mit denen ich sprach nicht sicher, was sie von „Wuthering Heights“ halten sollten: auch ihnen passte vieles nicht zusammen. Der außer mir zufriedenste, mit dem ich sprach, will am Ende über das Schicksal der Heldin geweint haben. Dazu besteht nun wirklich kein Anlass. Aber es lohnt sich!

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Die wiedergefundene Textstelle: „Roots“, Nebenhandlung

betr.: 34. Todestag von Alex Haley

Im Jahre 1963 platzierte Alex Haley den Artikel „Der Mann, der nicht aufgeben wollte“ im „Reader’s Digest“. Der schwarze Journalist wurde knapp 15 Jahre später zum weltweit gefeierten Beststellerautor, als er in „Roots“ die Geschichte seiner Familie bis zur Verschleppung seines afrikanischen Urahnen Kunta Kinte durch amerikanische Sklavenhändler zurückverfolgte und in Romanform nachzeichnete.
Der Artikel beschreibt, wie sein Bruder, der angehende Anwalt George Haley, in der juristischen Fakultät von Arkansas mit dem herrschenden Rassismus zu kämpfen hat: „Sein Parterrezimmer lag nahe den Redaktionsräumen der ‚Law Review‘, einer Studentenschrift, die von den zwölf Besten im letzten Studienjahr geschrieben und redigiert wurde. Wie Haley zu Ohren kam, waren diese zwölf erbittert darüber, dass er dieselbe Toilette benutzen musste wie sie. Eines Nachmittags flog plötzlich die Tür seines Zimmers auf, und als er erschrocken herumfuhr, klatschte ihm eine Papiertüte voll Urin ins Gesicht. Nach diesem Vorfall bot man ihm einen Schlüssel zur Dozententoilette an. Er lehnte ihn ab und nahm stattdessen tagsüber keinerlei Flüssigkeit zu sich, um die Toilette nicht benutzen zu müssen.
Mit der Zeit aber begann er sich Gedanken zu machen, ob das duldsame Hinnehmen so entwürdigender Behandlung ihn nicht am Ende seelisch ruinieren und alles männliche Selbstbewusstsein in ihm abtöten würde. War es nicht besser, Hass mit Hass und Kampf mit Kampf zu erwidern? Er trug diese Zweifel seinem Vater und seinem Bruder in langen, gequälten Briefen vor. Sein Vater antwortete: ‚Halte dir immer vor Augen, dass diese jungen Leute nur aus Furcht so handeln. Sie fürchten, dass Deine Anwesenheit dem Ruf der Universität schaden und infolgedessen ihre eigene Ausbildung und ihre Aussichten im Leben beeinträchtigen könnte. Hab Geduld mit ihnen. Gib ihnen Gelegenheit, Dich kennenzulernen und einzusehen, dass du keine Gefahr für sie bist.‘
Als Haley einen Tag nach Eintreffen dieses Briefs in sein Parterrezimmer trat, baumelte ein Strick mit einer Schlinge von der Decke.“
George wird sein Examen bestehen, und man wird ihn später sogar bitten, an einer Diskussion über Rassenfragen zu sprechen.
Doch die Konflikte und das Stillhalten, zu dem sein Vater ihm geraten hatte, forderten ihren Tribut: am Ende des ersten Jahres hatte er fast 30 Pfund abgenommen.

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