Summer Of Kult: Marlon Brando

In der ersten Staffel unseres Podcasts, in der wir die amtlichen 42 Kultfilme der Wuppertaler Liste durchgegangen sind, kam Marlon Brando nicht vor. Das ist ungerecht – andererseits erging es Charlie Chaplin, Marilyn Monroe, Laurel & Hardy, Gene Kelly und Fred Astaire, Jane Mansfield, Greta Garbo, Louis de Funès, Clint Eastwood, Steve McQueen und Jerry Lewis nicht anders. Seit wir mit „Pulp Fiction“ den letzten wirklichen Kultfilm der Zelluloid-Ära gewürdigt haben, sind Torben Sterner und ich dabei, diese Lücken langsam zuzuspachteln. Mit Marlon Brando haben wir in der 2. Staffel schon ein paar „Kultfilm-Azubis“ besprochen.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/summer-of-kult-marlon-brando

Marlon Brando ist der einzige männliche Kultstar, der es heute noch halbwegs mit der Popularität eines Humphrey Bogart aufnehmen kann, den wir vor zwei Wochen in unserer Sommerserie „Summer Of Kult“ gefeiert haben. Brando starb 2004 im Alter von 80 Jahren und ist uns eine Generation näher als Bogart. Das hat ihm den digitalen Sumpf des Vergessens nicht erspart, in den das algorithmisch konsumierende Publikum seine Popstars von gestern so gnadenlos versinken lässt. In der Fachliteratur ist die Welt noch in Ordnung. Dort steht Marlon Brando, zeitweise der bestbezahlte Filmstar der Welt, neben Namen wie Bogart oder Marilyn Monroe noch immer ganz oben im Regal. Er hat es zeitlebens verstanden, sich und seine Fans mit einem herben Duft von Haltung und Rebellentum einzustänkern – was unzweifelhaft die ambitionierteste und handwerklich sauberste schauspielerische Leistung seiner Karriere darstellt.

Fred Zinneman – Regisseur unseres Kultfilms „12 Uhr mittags“ – hat Marlon Brando 1950 seine erste Filmrolle gegeben. Doch seine Legende begann einige Jahre zuvor auf der Theaterbühne. Er durfte mit der erotischen Präsenz seiner Jugend einen zeitlosen Männertypus verkörpern und später auf der Leinwand in ewige Sicherheit bringen, den es im Kino so noch nicht gegeben hatte, den schwitzenden Rüpel mit Achillesverse: Stanley Kowalski in Tennessee Williams‘ und Elia Kazans Klassiker „Endstation Sehnsucht“, der uns in diesem Podcast noch beschäftigen wird.
Brando war ein Schlawiner, der wusste, dass die Welt verarscht werden will. Er beschwerte sich unentwegt über die Dämlichkeit des kommerziellen Kinos – und hat dessen Millionengagen allweil gern kassiert, um damit sein dekadentes Inselkönigdasein zu finanzieren. Zur Oscar-Verleihung erschien er nicht und ließ sich von einer – falschen – indigenen Mitbürgerin vertreten, um sich ein Ansehen zu geben. Dieses versilberte er wenige Jahre später mit einer besonders üppigen Gage für eine besonders kleine Rolle, für die er zu spät anreiste und vorher keinen Text lernen musste, was ihm immer sehr am Herzen lag. Der Film hieß „Apocalypse Now“, die Rolle „Colonel Kurtz“. Die Widersprüche der öffentlichen Brando-Figur sind zu keiner Zeit so kontrovers diskutiert worden wie anlässlich dieses Films. Und diese Debatte hat dem Erfolg nicht im Geringsten geschadet.
Wir betrachten außerdem den Skandalfilm „Der letzte Tango in Paris“ und gehen zum Schluss noch einmal zurück in die späten 60er Jahre und zu einem Juwel wie man es im linearen Fernsehen gern als „Spätfilm“ verabreicht hat. Brandos Darstellung des homosexuellen Südstaaten-Majors in „Spiegelbild im goldenen Auge“ ist unter Cineasten hoch angesehen, doch es war nicht die Zeit, in der man für solche Portraits einen Oscar erwarten konnte. Ausgerechnet diesen Film kennen die wenigsten Brando-Fans.
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Der letzte Tango in Paris
Französisch-Italienisches Drama von 1974

Nach dem Selbstmord seiner Frau trifft der verstörte amerikanische Hotelier Paul bei einer Wohnungsbesichtigung in Paris die 19jährige Jeanne. Der alternde Mann und das in den Tag hineinlebende Mädchen erliegen einer seltsamen Faszination füreinander und lieben sich in der leeren Wohnung. Sie treffen sich nun regelmäßig, um hemmungslos ihre sexuellen Fantasien auszuleben. Sie vereinbaren, sonst nicht nach dem Leben des anderen zu fragen. Das geht nur ein paar Tage lang gut …

Bernardo Bertoluccis Körper- und Seelen-Striptease ist der populärste aller Skandalfilme, ein „Casablanca“ des gehobenen Schweinkrams. Marlon Brandos Partnerin Maria Schneider hat später offenbart, sie sei tatsächlich vor der Kamera vergewaltigt worden, was Bertolucci erst 2013 öffentlich zugab – zwei Jahre nach dem Tod der Schauspielerin. In die Skandalgeschichte des Films ließ sich dieses Detail gut integrieren. Gato Barbieris Soundtrack wurde unabhängig von seiner Quelle zum Klassiker.

Apocalypse Now
Vietnam-Kriegsfilm von 1979

Captain Willard erhält von seiner Stabsstelle den Auftrag, in den Wirren des Vietnamkriegs nach Colonel Kurtz zu suchen, einem Elitekrieger, der eines Tages im Dschungel Kambodschas untertauchte und – offenbar verrückt geworden – ein Terrorregime errichtet hat. Für die US-Army ist er außerdem ein Sicherheitsrisiko. Willards Eintauchen in den Urwald wird zu einem Trip in die eigenen Abgründe und zur sprichwörtlichen Reise ins Herz der Finsternis.

Ungeachtet seines Ruhmes, seines Erfolges und dem Prädikat, der wichtigste aller Vietnam-Filme und ein Meisterwerk des Kinos zu sein, wird immer wieder punktuelle Kritik an „Apocalypse Now“ geübt, der sehr freien und doch treffenden Verfilmung einer Erzählung von Joseph Conrad. Auch sein Regisseur Francis Ford Coppola hat die Welt immer wieder irritiert: mit der immensen Kluft zwischen schimmernden Ruhmestaten – wie „Der Pate“ 1 und 2 – und Murks – wie „One From The Heart“, „Megalopolis“ oder „Der Pate III“.

Spiegelbild im goldenen Auge / Reflections In A Golden Eye
Amerikanisches Südstaaten-Drama von 1967

Major Penderton und Lt. Colonel Langdon leben mit ihren Ehefrauen auf einem Militärstützpunkt in Georgia am Rande großer Waldungen. Die kriegsfreie Zeit lässt Neurosen ins Kraut schießen, die allesamt sexueller Art sind. Der impotente Major (Marlon Brando) verzweifelt an seiner lebenslustig-gefühllosen Frau (Elizabeth Taylor), die sich mit Langdon vergnügt, während dessen Frau langsam durchdreht und der verschrobene Stallbursche Williams (Robert Forster in seinem ersten Filmauftritt) sie heimlich stalkt. Dass das nicht gut ausgeht, wird schon zu Beginn des Films verraten: „Dort im Süden steht ein Fort, in dem vor Jahren ein Mord geschah.“

John Hustons Verfilmung einer Erzählung von Carson McCullers zeigt uns eine Garnison in Friedenszeiten als Mikrokosmos verkorkster Beziehungen und Obsessionen. Die Rolle des verklemmt schwulen Major Penderton hätte für Montgomery Clift das Leinwand-Coming-Out werden sollen, doch Clift starb kurz vor Beginn der Dreharbeiten, und der von ihm beeinflusste Marlon Brando übernahm. Brandos Biograf Tony Thomas attestierte diesem „die komplizierteste, rundeste und intelligenteste schauspielerische Leistung“ seiner Karriere. Elizabeth Taylor glänzt einmal mehr als große Komödiantin in einem Drama.

Nächste Woche: zum Abschluss der Sommerpause stehen sich Monty Arnold und Torben Sterner unter dem Motto „Zwei Stühle, sechs Meinungen“ in drei Gesprächen vollends unversöhnlich gegenüber.

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So siehst du aus!

betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur

Dorothy L. Sayers (1893-1957)
Die geheimnisvolle Entführung

Alice Wetherall (vorher – nachher)

Ausgerechnet dieser glänzende Arzt auf dem Höhepunkt seines Lebens und seines Rufes, und Alice Wetherall, dies feine, goldblonde Frauenbild, in diesen verlorenen Erdenwinkel verbannt! Sein Herz schlug ein wenig schneller bei dem Gedanken, dass er sie wiedersehen sollte.
(…) Er trat näher und erkannte ein Portrait von Alice Wetherall, das er zuletzt in New York gesehen hatte. Es war von Sargent*, in einem seiner besten Augenblicke gemalt; das liebliche Wiesenblumengesicht schien sich, strahlend vor Leben, aus dem Rahmen herniederzuneigen.
Plötzlich barst im Kamin ein Klotz und fiel funkensprühend zusammen. Als habe das Geräusch und der Lichtschein etwas aufgestört, vernahm er mit einemmal – oder bildete er es sich ein? – eine Bewegung in dem großen Lehnstuhl vor dem Feuer. Nichts war zu sehen, aber ein neues Geräusch hatte eingesetzt, eine Art leises, tierhaftes Murmeln, äußerst unangenehm anzuhören. Es konnte nicht von einem Hund oder eine Katze hervorgebracht sein, dessen war er sicher. Es klang saugend oder schmatzend und traf ihn auf sonderbar ekelerregende Weise. Dann kamen ein paar kurze Grunz- oder Kreischtöne, und dann war es still.
(…) Wetherall trat auf den Kamin zu, seine Augen sonderbar starr auf Langley geheftet. Dann sagte er, zum Lehnsessel gewandt:
„Alice, steh auf, meine Liebe, und begrüße einen alten Verehrer. Komm. Ihr werdet beide euren Spaß daran haben. Steh auf.“
Etwas scharrte und winselte zwischen den Polstern. Wetherall neigte sich mit fast übertrieben höflicher Miene und stellte das Etwas auf die Beine. In Augenblick, und es trat Langley im Lampenlicht gegenüber.
Es trug ein kostbares Kleid aus goldfarbener Seide und Spitze, das zerknüllt und faltig um den dicken, schlaffen Körper hing. Das Gesicht war weiß und gedunsen, der Blick leer, der Mund stand töricht offen, kleine Speicheltropfen rannen aus den Winkeln herab. Eine trockene, rostfarbene Strähne klebte auf dem kahlen Schädel wie die toten Haarbüschel auf dem Kopf einer Mumie.
„Komm, mein Liebes, sag Mr. Langley guten Tag.“
Das Wesen blinzelte und stieß ein paar unmenschliche Laute aus. Wetherall schob seine Hand unter den Arm des Geschöpfes, und es streckte langsam eine leblose, tierähnliche Klaue aus.
„Da, sie erkennt Sie. Ich dachte es mir. Gib ihm die Hand, meine Liebe.“
Langley wurde von Übelkeit gewürgt, als er die kraftlose Hand erfaßte. Sie fühlte sich feuchtkalt und rauh an und erwiderte seinen Druck nicht. Er ließ sie los; einen Augenblick tappte sie unsicher ins Leere, dann fiel sie herab. „Ich fürchtete, Sie würden aus der Fassung geraten“, sagte Wetherall, der ihn aufmerksam beobachtete. „Ich habe mich daran gewöhnt, und es berührt mich nicht mehr so sehr wie einen Außenstehenden. Zwar sind Sie kein Außenstehender – alles andere als das – nicht? Vorzeitige Senilität ist, glaube ich, die laienhafte Bezeichnung für dieses Phänomen. Erschütternd, natürlich, wenn man es nie zuvor gesehen hat. Sie brauchen im übrigen nicht darauf zu achten, was Sie sprechen. Sie versteht nichts.“

* John Singer Sargent (1856-1925)
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https://www.amazon.de/Die-geheimnisvolle-Entf%C3%BChrung-andere-Kriminalgeschichten/dp/3436010774

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Der Welt größte Häufchen

Der Film, um den es heute geht, wird bereits als großes Dino-Abenteuer angekündigt – was schade ist, weil man ohne dieses Wissen viel mehr Freude an dem Spannungsbogen der ersten halben Stunde hätte. Aber das lässt sich nicht ändern. Zusammen mit Volker Robrahn gehe ich im heutigen Podcast dem auf den Grund, wann an Spaß noch übrigbleibt:

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The End Of Oak Street
Ein Horror-Action-Familien-Spaß von David Robert Mitchell

Eine sommerliche amerikanische Vorstadt Anfang der 80er Jahre. Die Platts sind eine nette, normale Familie – obwohl Mutter Denise und Vater Greg kleine Krisen und die Teenager Audrey und Brian kleine Geheimnisse haben. Nächtliche Kugelblitze und seltsame Alltagsphänomene stiften Verwirrung. Doch was dann passiert, übertrifft jede böse Vorahnung: der Sprengel rund um die Oak Street mit dem Grundstück der Platts wird in die graue Vorzeit transportiert: in die Zeit der Dinosaurier. Wie sich herausstellt, sind nur die wenigsten der Riesenechsen sanftmütige Pflanzenfresser …
 
Namen wie J. J. Abrams, Ann Hathaway und Ewan McGregor als Papa Platt verweisen auf eine Mega-Produktion – was der Film auch ist. Sein stilechter Eighties-Look lässt ihn kleiner wirken, und die Schauwerte – allen voran die wilden Dinosaurier – bescheren uns ein nostalgisches, trotz einzelner Grausamkeiten unschuldiges Vergnügen. Das ganz große Rätsel ist: auf welche Zielgruppe legt der Film es an?

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Still, da komm ich selbst!

Es ist wichtig, wie ein Buch anfängt. Wie das bei „Popóm“ aussieht, berechtigt zu den schönsten Hoffnungen. In diesem Roman wird das unverwüstliche literarische Doppelgängermotiv mit einer neuen Variante aufgeladen.

Seine Endzwanziger hat sich Hendrik Popom anders vorgestellt. In seinem Agenturjob sitzt er seine Zeit ab, und mit seiner Freundin lief es auch schonmal besser.
In einem Kiosk um die Ecke möchte er eigentlich nur eine Kleinigkeit einkaufen, doch durch diesen kurzen Ausflug gerät sein Leben aus den Fugen. Er begegnet einem älteren Mann und weiß augenblicklich: Dieser Mann bin ich selbst. Er läuft ihm nach, spricht ihn an. Der andere empfindet nichts dergleichen, verbittet sich die Belästigung und verschwindet.
Wie paralysiert kehrt Hendrik in die Wohnung zurück, völlig ratlos, wie er der Liebsten seinen Zustand erklären soll …
Mit diesem famos erzählten Paukenschlag (er steht als Leseprobe online*) beginnt „Popóm“. Donnerwetter!

Johanna Sebauer lebt im Burgenland. 2023 erschien ihr vielbeachtetes Romandebüt „Nincshof“. Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur 2024 erhielt sie für ihren satirischen Text „Das Gurkerl“ den Publikumspreis und den 3sat-Preis.
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* https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1078707942?msockid=0e9fbe28b56b65de2d80a8bdb4196489

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Jetzt altern schon die Comicfiguren

Heute hatte ich im Studio mehrfach den Namen „Donald Duck“ auszusprechen. Das heißt, ab der zweiten Erwähnung stand da nur noch „Donald“, und kaum hatte ich das gesagt, brach ich selbst ab und fragte nach der Aussprache-Regelung. Ich neige nämlich zu einem dualen System, also dazu, den Vornamen der berühmten Ente deutsch auszusprechen, wenn der Vorname ohne den Nachnamen auftaucht. Und dann, wenn es um die Comics geht (- da hieß er für meine Generation eben nicht „Donnld Dack“, sondern „Donald Duck“).
Außerdem ist der anglophone „Donnld“ inzwischen von einer abscheulichen Bedeutung überlagert worden, von der Walt Disney noch nichts ahnen konnte.
Die Antwort der Regie war überraschend und auch wieder nicht. Es müsse schon die englische Aussprache sein. Und – „Hä?“ – die deutsche gibtsjaganich.
Der zweite Hinweis hat mich etwas erschauern lassen. Da merkte ich mal wieder, wie die Zeit vergeht …

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Summer Of Kult: Endzeit und Apokalypse

Wer diesen Podcast ein bisschen kennt, der weiß, dass ich auf vielgeschmähte Dinge wie „Unterhaltung“ und „Eskapismus“ – was nichts anderes bedeutet als „Zerstreuung, Ablenkung“ – nichts kommen lasse. Ich halte so etwas für wichtig. Der Beruf des Entertainers ist ein edles Handwerk. Und außerdem halte ich es mit Hans Magnus Enzensberger: „Eskapismus? Was denn sonst bei dem Sauwetter?“
Damit könnte auch das Welt- und Gesellschaftsklima gemeint sein.

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Der Kalte Krieg brachte im Kino eine Strömung hervor, die unser heutiges Epochengefühl genau trifft. Sie schlängelte sich durch Gattungen wie Science-Fiction, Drama und Polit-Thriller, fühlte sich aber im Horror besonders wohl: der Endzeit-Film.
In seiner heutigen Form ausdefiniert hat ihn Alfred Hitchcock, eher nebenbei: im dritten Akt seines Klassikers „Die Vögel“.
Die Filme unseres heutigen Programms waren einmal pure Unterhaltung, und sie sind inzwischen allesamt – noch ’ne Schublade! – Zeitstücke. Da haben wir den Salat: die Grenzen zwischen Unterhaltung und dem realen Leben sind fließend. Das Leben imitiert die Kunst.
In der ersten Staffel „Alle 42 Kultfilme“ hatten Torben Sterner und ich nur einen solchen Titel zu behandeln, und der ist nicht nur ein Kultfilm, sondern – aller billigen Machart zum Trotz – außerdem ein Klassiker des Horrorfilms. Heute könnte man ihn sogar als Ursprung eines Franchise bezeichnen, aber das wäre nun wirklich zu grauenvoll!


Die Nacht der lebenden Toten
/ Night Of The Living Dead
Amerikanischer Horrorfilm von 1968

Beim Besuch auf einem ländlichen Friedhof wird ein junges Paar von einem benebelten Wüstling attackiert. Der Junge wird umgebracht, das Mädchen rettet sich in ein einsames Farmhaus. Dort trifft sie auf eine kleine Gruppe Gestrandeter, die sich verbarrikadieren, um nicht von einer Horde Untoter gefressen zu werden. Sie ahnen es nicht, doch sie befinden sich im Zentrum der ersten klassischen Zombie-Apokalypse des Kinos.

Mit Mini-Budget, Abfällen aus der Schlachterei und vielen Freunden und Bekannten revolutionierte George A. Romero den Horrorfilm, ein Genre, das von jeher dazu prädestiniert war, für kleines Geld ein großes Publikum zu finden. Das Wort Zombie war bisher auf Angehörige von Naturvölkern angewandt worden, die sich in einen rituellen Trance-Zustand begeben hatten. Romero hat sich an dem popkulturellen Trend, den er da ausgelöst hatte, später selbst beteiligt.

Zwischen zwei Welten / Between Two Worlds
Phantastisches US-Melodram von 1944

Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe Londoner Flüchtlinge ist glücklich, dem deutschen Bombenhagel entkommen zu sein und sich auf einem Dampfer zu befinden, der sie nach Amerika bringen soll. Ihre Erleichterung ist so groß, dass ihnen ein paar Merkwürdigkeiten zunächst nicht auffallen. So ist das einzige Besatzungsmitglied ist ein älterer Steward, der ihren Fragen ausweicht und sie immer wieder ermuntert, es sich bequem zu machen. Einzig ein Paar junger Selbstmörder ahnt, was hier gespielt wird: die Reise führt nicht über den Atlantik, sondern über den Styx – geradewegs ins Totenreich …

„Zwischen zwei Welten“ ist wie der Kultfilm und Klassiker „Casablanca“ ein Liebesdrama der Warner Brothers aus der Kriegszeit, das von ihm zwei wichtige Nebendarsteller übernimmt. Das zentrale Liebespaar – Paul Henried und Eleanor Parker – ist etwas blass, umgibt sich jedoch mit einem wahrhaft malerischen Ensemble. „Outward Bound“, das zugrundeliegende Theaterstück von Sutton Vane, stammt von 1923 und profitiert davon, dass es in die Gegenwart der Filmadaption übertragen wird: den zweiten Weltkrieg.

Das letzte Ufer / On The Beach
Amerikanisches Endzeit-Drama von 1959

Im Jahre 1964 hat ein Nuklearkrieg die Welt entvölkert. Eine radioaktive Wolke bewegt sich unaufhaltsam auf den letzten noch unbehelligten Kontinent Australien zu, wo die Welt augenscheinlich noch in Ordnung ist. Die Menschen genießen das Leben, solange sie noch können, der Originaltitel „On The Beach“ verweist darauf. Unterdessen verteilt die Regierung vergifteten Tee an das Volk, um ihm zu gegebener Zeit ein würdevolles Ende zu ermöglichen. Parallel dazu bricht ein amerikanisches U-Boot auf, um einem mysteriösen Funksignal nachzugehen. Gibt es etwa doch noch menschliches Leben da draußen?

Als erste große Kinoproduktion macht dieser Schwarzweißfilm die drohende (hier bereits vorweggenommene) Nuklearkatastrophe zu seinem Plot. Der couragierte Filmemacher Stanley Kramer leitet ein eindrucksvolles Ensemble.

Nächste Woche: Kultstar Marlon Brando

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The Bigger Brother

betr.: 42. Todestag von Richard Burton

Als 1984 die zweite (und bessere) Verfilmung des gleichnamigen SF-Klassikers von George Orwell in den Kinos lief, war ihr Hauptdarsteller bereits von uns gegangen: der Weltstar Richard Burton. Ich hatte ihn gerade aus alten Filmen wie „Das Gewand“ vor Augen und entsprechende Mühe, ihn in diesem Spielalter wiederzuerkennen. Als Folterer, der den Helden Winston Smith auf Linie zu bringen hat, kommt er sogar darauf zu sprechen: „Sie denken, dass mein Gesicht alt und müde ist. Dass ich, während ich von Macht rede, überhaupt nicht in der Lage bin, den eigenen Verfall zu verhindern. Aber das Individuum ist nur eine Zelle, Winston. Aus der Müdigkeit der Zelle erwächst die Kraft des Organismus.“
Sekunden zuvor hatte er einen berühmteren Ausspruch getan: „Wollen Sie eine Zukunftsvision, Winston? Sie müssen sich ein Paar Stiefel vorstellen, die ununterbrochen auf einem Gesicht herumtrampeln.“

Als Filmmusik-Album (ich war bereits in wilder Sammelwut entbrannt) mussten wir uns damals mit einem Pop-Album von den Eurythmics veräppeln lassen („1984 (For the Love of Big Brother)“), auf dem wohl mancherlei zu hören war, aber nicht der eigentliche Soundtrack von Dominic Muldowney. Der erschien erst vor wenigen Jahren, und ich fand ihn rein zufällig bei einem meiner selten gewordenen Besuche im letzten kümmerlichen Filmmusik-Fach des örtlichen Elektromarktes: ein Sensationsfund!
Muldowney komponierte für diese Dystopie die „Ozeania“, ein Hosianna aus einschmeichelnd-pathetischer Gehirnwäsche-Musik, die tatsächlich aus einer östlichen Diktatur stammen könnte (wo gute sinfonische Musiker ja allweil zur Verfügung standen).
Ich werde zur Feier des Tages außerdem „The Robe“ auflegen, einen ganz gradlinigen Historien-Soundtrack von Alfred Newman.

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https://www.amazon.de/1984-DVD-John-Hurt/dp/B00C7HLVL6 / https://www.jpc.de/jpcng/movie/detail/-/art/Das-Gewand/hnum/4054720

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So siehst Du aus! (7)

betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur

Thomas Mann (1875-1955)
Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Der Schauspieler Müller-Rosé (vorher – nachher)

Bei seinem ersten Auftreten war er schwarz gekleidet, und dennoch ging eitel Glanz von ihm aus. Dem Spiele nach kam er von einem Treffpunkt der Lebewelt und war ein wenig betrunken, was er in angenehmen Grenzen, auf eine verschönte und veredelte Weise vorzutäuschen verstand. Er trug einen schwarzen, mit Atlas ausgeschlagenen Pelerinenmantel, Lackschuhe zu schwarzen Frackhosen, weiße Glacés und auf dem schimmernd frisierten Kopf, dessen Scheitel nach damaliger militärischer Mode bis zum Nacken durchgezogen war, einen Zylinderhut. Das alles war vollkommen, vom Bügeleisen im Sitz befestigt, von einer Unberührtheit, wie sie im wirklichen Leben nicht eine Viertelstunde lang zu bewahren wäre, und sozusagen nicht von dieser Welt. Besonders der Zylinder, der ihm auf leichtlebige Art schief in der Stirn saß, war in der Tat das Traum- und Musterbild seiner Art, ohne Stäubchen noch Rauheit, mit idealischen Glanzlichtern versehen, durchaus wie gemalt, – und dem entsprach das Gesicht dieses höheren Wesens, ein Gesicht, das wie aus feinstem Wachs gebildet erschien. Es war zart rosafarben und zeigte mandelförmige, schwarz umrissene Augen, ein kurzes, gerades Näschen sowie einen überaus klar gezeichneten korallenroten Mund, über dessen bogenförmig geschwungener Oberlippe sich ein abgezirkeltes, ebenmäßiges und wie mit dem Pinsel gezogenes Schnurrbärtchen wölbte. Elastisch taumelnd, wie man es in der gemeinen Wirklichkeit an Betrunkenen nicht beobachten wird, überließ er Hut und Stock einem Bedienten, entglitt seinem Mantel und stand da im Frack, mit reich gefältelter Hemdbrust, in welcher Diamantknöpfe blitzten. Mit silberner Stimme sprechend und lachend, entledigte er sich auch seiner Handschuhe, und man sah, daß seine Hände außen mehlweiß und ebenfalls mit Brillanten geziert, ihre Innenflächen aber so rosig wie sein Antlitz waren. An der einen Seite der Rampe trällerte er den ersten Vers eines Liedes, das die außerordentliche Leichtigkeit und Heiterkeit seines Lebens als Attaché und Schürzenjäger schilderte, tanzte alsdann, die Arme selig ausgebreitet und mit den Fingern schnalzend, zur anderen Seite und sang dort den zweiten Vers, worauf er abtrat, um sich vom Beifall zurückrufen zu lassen und vor dem Souffleurkasten den dritten Vers zu singen. Dann griff er mit sorgloser Anmut in die Geschehnisse ein.
Dem Stücke zufolge war er sehr reich, was seiner Gestalt eine bezaubernde Folie verlieh. Man sah ihn bei fortschreitender Handlung in verschiedenen Toiletten: in schneeweißem Sportanzug mit rotem Gürtel, in reicher Phantasie-Uniform, ja gelegentlich einer ebenso heiklen wie zwerchfellerschütternden Verwicklung sogar in Unterhosen aus himmelblauer Seide. Man sah ihn in kühnen, übermütigen, bestrickend abenteuerlichen Lebenslagen: zu den Füßen einer Herzogin, beim Champagner-Souper mit zwei anspruchsvollen Freudenmädchen, mit erhobener Pistole, bereit zum Duell mit einem von Grund aus albernen Nebenbuhler. Und keine dieser eleganten Strapazen konnte seiner Makellosigkeit etwas anhaben, seine Bügelfalten zerrütten, seine Glanzlichter auslöschen, seine rosige Miene unangenehm erhitzen. Zugleich gefesselt und gehoben durch die musikalischen Vorschriften, die theatralischen Förmlichkeiten, aber frei, keck und leicht innerhalb der Gebundenheit, war sein Benehmen von einer Anmut, der nichts Fahrlässig-Alltägliches anhaftete. Sein Körper schien bis in das letzte Fingerglied von einem Zauber durchdrungen, für den nur die unbestimmte Bezeichnung »Talent« vorhanden ist und der ihm offensichtlich ebensoviel Genuß bereitete wie uns allen. Zu sehen, wie er die silberne Krücke seines Stockes mit der Hand umfaßte oder beide Hände in die Hosentaschen gleiten ließ, gewährte inniges Vergnügen; seine Art, sich aus einem Sessel zu erheben, sich zu verbeugen, auf- und abzutreten, war von einer Selbstgefälligkeit, die das Herz mit Lebensfreude erfüllte. Ja, dies war es: Müller-Rosé verbreitete Lebensfreude, – wenn anders dies Wort das köstlich schmerzhafte Gefühl von Neid, Sehnsucht, Hoffnung und Liebesdrang bezeichnet, wozu der Anblick des Schönen und Glücklich-Vollkommenen die Menschenseele entzündet.
(…) Wenn wir in unseren Unterhosen dort oben stünden (…) – wie würden wir bestehen? Und wie keck und ebenbürtig er mit zwei so anspruchsvollen Freudenmädchen verkehrt! – Wenn Müller-Rosé vom Schauplatze abtrat, so fielen die Schultern hinab und eine Kraft schien von der Menge zu weichen. Wenn er, erhobenen Armes einen hohen Ton aushaltend, in sieghaftem Sturmschritt vom Hintergrunde zur Rampe vordrang, so schwollen die Busen ihm entgegen, daß die Atlastaillen der Frauen in den Nähten krachten. Ja, diese ganze beschattete Versammlung glich einem ungeheuren Schwarme von nächtlichen Insekten, der sich stumm, blind und selig in eine strahlende Flamme stürzt.

Mein Vater unterhielt sich königlich. Allein nach Schluß der Vorstellung, draußen auf dem Gange, (…) sagte mein Vater zu mir: »Komm mit, wir wollen ihm doch die Hand schütteln. Gott, als ob wir nicht genaue Bekannte wären, Müller und ich! Er wird enchantiert sein, mich wiederzusehen.« Und nachdem er unseren Damen befohlen hatte, in der Vorhalle auf uns zu warten, brachen wir wirklich auf, um Müller-Rosé zu begrüßen. (…) wir schritten weiter bis zur letzten, an der unteren Schmalseite des Ganges gelegenen Tür, und dort klopfte mein Vater, indem er sein Ohr zu dem pochenden Knöchel hinabbeugte. Man antwortete drinnen: »Wer da?« oder: »Was, zum Deibel!« Ich erinnere mich nicht genau des hellen, aber unwirschen Anrufs. »Darf man eintreten?« fragte mein Vater; worauf es antwortete, daß man vielmehr etwas anderes, in diesen Blättern nicht Wiederzugebendes tun dürfe. Mein Vater lächelte still und verschämt und versetzte: »Müller, ich bin es – Krull, Engelbert Krull. Man wird Ihnen doch wohl noch die Hand schütteln dürfen!« Da lachte es drinnen und sprach: »Ach, du bist es, altes Sumpfhuhn! Na, immer ’rein ins Vergnügen! – Sie werden ja wohl«, hieß es weiter, als wir zwischen Tür und Angel standen, »nicht Schaden nehmen durch meine Blöße.« Wir traten ein, und ein Anblick von unvergeßlicher Widerlichkeit bot sich dem Knaben dar. An einem schmutzigen Tisch und vor einem staubigen und beklecksten Spiegel saß Müller-Rosé, nichts weiter am Leibe als eine Unterhose aus grauem Trikot. Ein Mann in Hemdärmeln bearbeitete des Sängers Rücken, der in Schweiß gebadet schien, mit einem Handtuch, indes er selber Gesicht und Hals, die dick mit glänzender Salbe beschmiert waren, vermittels eines weiteren, von farbigem Fett schon starrenden Tuches abzureiben beschäftigt war. Die eine Hälfte seines Gesichtes war noch bedeckt mit jener rosigen Schicht, die sein Antlitz vorhin so wächsern idealisch hatte erscheinen lassen, jetzt aber lächerlich rot-gelb gegen die käsige Fahlheit der anderen, schon entfärbten Gesichtshälfte abstach. Da er die schön kastanienbraune Perücke mit durchgezogenem Scheitel, die er als Attaché getragen, abgelegt hatte, erkannte ich, daß er rothaarig war. Noch war sein eines Auge schwarz ummalt, und metallisch schwarz glänzender Staub haftete in den Wimpern, indes das andere nackt, wässerig, frech und vom Reiben entzündet den Besuchern entgegenblinzelte. Das alles jedoch hätte hingehen mögen, wenn nicht Brust, Schultern, Rücken und Oberarme Müller-Rosés mit Pickeln besät gewesen wären. Es waren abscheuliche Pickel, rot umrändert, mit Eiterköpfen versehen, auch blutend zum Teil, und noch heute kann ich mich bei dem Gedanken daran eines Schauders nicht erwehren. Unsere Fähigkeit zum Ekel ist, wie ich anmerken möchte, desto größer, je lebhafter unsere Begierde ist, das heißt: je inbrünstiger wir eigentlich der Welt und ihren Darbietungen anhangen. Eine kühle und lieblose Natur wird niemals vom Ekel geschüttelt werden können, wie ich es damals wurde. Denn zum Überfluß herrschte in dem von einem eisernen Ofen überheizten Raum eine Luft – eine aus Schweißgeruch und den Ausdünstungen der Näpfe, Tiegel und farbigen Fettstangen, die den Tisch bedeckten, zusammengesetzte Atmosphäre, daß ich anfangs nicht glaubte, ohne unpäßlich zu werden, länger als eine Minute darin atmen zu können.  (…)  Ich erinnere mich, daß der Sänger, obgleich doch der begeisterte Beifall des Publikums ihn seines Triumphes hätte müssen versichert haben, unaufhörlich fragte, ob er gefallen, in welchem Grade er gefallen habe – und wie sehr verstand ich seine Unruhe! (…) Dies also – so etwa gingen damals meine Gedanken –, dies verschmierte und aussätzige Individuum ist der Herzensdieb, zu dem soeben die graue Menge sehnsüchtig emporträumte! Dieser unappetitliche Erdenwurm ist die wahre Gestalt des seligen Falters, in welchem eben noch tausend betrogene Augen die Verwirklichung ihres heimlichen Traumes von Schönheit, Leichtigkeit und Vollkommenheit zu erblicken glaubten! (…)
Empfinde noch mehr! Frage dich, was den abgeschmackten Witzbold trieb, diese abendliche Verklärung seiner selbst zu erlernen! Frage dich nach den geheimen Ursprüngen des Gefälligkeitszaubers, der vorhin seinen Körper bis in die Fingerspitzen durchdrang und beherrschte!
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https://www.thomasmann.de/werk/romane/felix-krull

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Die eigene Nase

Gestern abend hat Ralf König zum Ausklang des Hamburger CSD-Wochenendes eine seiner Dia-Lesungen im „Nachtasyl“ über dem Thalia-Theater präsentiert: eine kommentierte Revue aus kurzen Comics. Zuvor hatte auf der selben Bühne ein Gespräch mit dem aus New York zurückgekehrten Aktivisten Hans Berlin stattgefunden, der seinen Ruhestand als Pornodarsteller in der Heimat mit Aufklärungsarbeit zum Thema HIV bestreiten wird. (Der beredte Charme, den er dabei entfaltete, dürfte das Unternehmen zu einem großen Erfolg machen!)
Dazu passte, das Ralf uns eine Sittengeschichte des Sexlebens und -verhaltens in der Bundesrepublik aufklappte, einen Leporello, den er mit seit den frühen 80er Jahren geschaffenen Comics satirisch begleitet hat. Es war eine überwältigende Chronik! Und eine saukomische. Dass er die zugrundeliegenden Beobachtungen bekanntlich stets aus der schwulen Perspektive gemacht hat, hinderte ihn nicht daran, die heterosexuelle Normalversion mitzubetrachten und zu –kommentieren. Seit 1987, als er in „Der bewegte Mann“ die Heteros sogar als die eigentlichen Exoten zum Thema machte (was der Film von 1994 zu seinem Leidwesen wieder zurücknahm), ist er ohnehin ein Künstler mit Breitenwirkung über das eigene Milieu hinaus, dessen Gleichnisse von nicht-homosexuellen Frauen ganz besonders geschätzt werden. Die Pointen saßen, und schon die Subkultur-Szenen aus den Bänden der Reihe „Schwulcomics“ (die ersten, die in Buchform veröffentlicht wurden) waren nicht zimperlich, was männliche Neurosen angeht. Die Empfindlichkeiten, Kommunikationsprobleme und Beziehungskapriolen schwuler Männer mussten schon deshalb nicht beschönigt werden, weil sich die anderen (Normalos und homosexuelle Frauen) im Zweifelsfalle noch alberner aufführen.
Als Ralfs Mutter kürzlich hochbetagt verschied, tauchte noch ein vergessener Karton mit besonders frühen Arbeiten auf, die enthüllten, dass der Künstler in Kindertagen sogar eine religiöse Phase hatte.
Was die gestrige Collage vollends zu einem Bildungsprogramm machte, war die historische Einordnung, die dem Publikum dabei half, die Comics akkurat in die eigene Biographie einzuweben: in die AIDS-Krise, die Antischwule Hetze der GauweilerCSU, das segensreiche Wirken der konservativen Gesundheitsministerin Rita Süssmuth, die Quoten-Homos im frühen Privatfernsehen, die Homo-Ehe u.v.a.m.
Selbstverständlich gab es einen Büchertisch (er wurde weitgehend leergekauft), aber eins hat leider gefehlt: der gestrige Abend in Buchform. Er hätte das Zeug zum Klassiker.

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Wohnwelten (21): Eine Working Class Künstlerwohnung

betr.: So wohnen literarische Figuren

John Osbornes tragischer „Entertainer“ Archie Rice lebt mit seiner Familie in einer Wohnung, die nur knapp so beschrieben wird:

Hinten ein Schleiervorhang. Dahinter ein hohes Podest, zu dem Stufen hinaufführen. Kniehohe Blenden und ein Türrahmen genügen als Wand.

Es handelt sich bei diesem modernen Theaterklassiker nämlich um Stück, das mit symbolischen Dekorationen arbeitet:

Möbel und Requisiten so sparsam wie für einen kurzen Sketch.

Umso ausführlicher erläutert der Autor im Einführungstext das Milieu, in dem sich die Wohnung befindet. Sie ist das Biotop, in dem der Unterhaltungskünstler lebt und von dem aus er Tag für Tag in die (ihrerseits) untergehende Welt der englischen „Music-Hall“ aufbricht. Handlungszeit ist die Gegenwart (1957).

Das Stück spielt in einem großen Kurort an der Küste. Familie Rice wohnt in einem jener häßlichen Imponierbauten erfolgreicher Geschäftsleute um die Jahrhundertwende: Zur Strandpromenade nur 25 Minuten im Wagen. Jetzt rumpelt vorne der O-Bus mit Arbeitern vorbei – ringsum sind kleine Fabriken entstanden. Diesen Stadtteil bekommen die Kurgäste nie zu Gesicht – wenn aber doch, eilen sie schnell in die Ferienidylle zurück. Dem zu entkommen, waren sie ja zwei, drei Stunden mit dem Zug gefahren. Da müssen sie noch nicht einmal vom Hauptbahnhof aus vorbei, denn dieser Stadtteil existiert ganz für sich und hat seinen eigenen Bahnhof, ziemlich groß sogar, ein Gelände mit Güterschuppen und Rangiermöglichkeiten. Aber die Schnellzüge halten da nicht. Weder Wohngegend noch Industriegebiet kann man das nennen. Es gibt viele schmutzige Baulücken und hohe schwarze Außenmauern, einen Gasometer, einen großen Schornstein, eine Hauptstraße, die vor Lastwagen und Dreck vibriert. Die Geschäfte liegen vereinzelt an der Kreuzung zu Nebenstraßen. Ein Zeitungsladen, ein Lebensmittelgeschäft, Fish & Chips.

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