Der Song des Tages: „Lover, Come Back To Me“

Zum Tode von Bob Ziegenbalg

Der Saarbrücker Theatermann Bob Ziegenbalg ist tot, eine tragende Figur im St.-Johann-Kapitel meiner Biographie. Zuletzt sah ich ihn Anfang der 90er, als er aus unserer gemeinsamen Arbeit bei der SR-Funkreihe „Auf in den Keller“ ausschied, um sich mit Volldampf dem „Kinder- und Jugendtheater Überzwerg“, wie es damals noch hieß, zu widmen. Ein ebenso wichtiger Grund mag gewesen sein, dass ihm unser Format, das vor Publikum aufgezeichnet wurde, entsprechende Abgabefristen zumutete: vorher schriftlich zu verfassende Texte. Hätten wir das Ganze ohne den Rundfunk gemacht, hätte er es ewig hinausgeschoben und dann gesagt, „da improvisier‘ ich uns was.“

Bob Ziegenbalg (blaues Mikro) und Monty Arnold (grünes Mikro) im April 1998 im Saarbrücker Jazzkeller „Gießkanne“ – Foto: Roger Paulet

Vor genau 5 Jahren hatte ich nach langer Pause einen kurzen Facebook-Chat mit ihm. Ich hatte von seiner Pensionierung gelesen und ließ mich von ihm ermuntern, bei meinem nächsten Besuch in Saarbrücken anzuklopfen. Ich hatte zwar wenig Hoffnung, allzubald wieder dort aufzutauchen, glaubte aber, die restliche Zeit würde durchaus genügen. Das hat sie nicht.

Bob war mein Stalking-Opfer gewesen, als ich mit 18 die ersten (vollkommen ahnungslosen) Vorstöße in die freie Theaterszene der Landeshauptstadt versuchte, nachdem ich mich bisher nur im dörflichen Karneval als Parodist und Trällerkünstler hingehalten hatte. Eine Kollegin bei der Zeitung – wo ich eine Reprotechnikerlehre machte, um die Zeit bis zur Kabarett-Laufbahn zu überbrücken – hatte mir seinen Namen genannt, als ich sie nach lokalen Künstlergrößen fragte. Und nun stand ich bei ihm auf der Matte.
Heute weiß ich, was Bobs Gesichtsausdruck unter anderem bedeutet hat: „Ich kann doch gar nichts für dich tun. Na … komm erstmal rein…“
Natürlich hat Bob dann doch einiges für mich getan.
Einiges davon kann nur von außen kommen und ist absolut notwendig für einen blutigen Anfänger wie mich. Anderes hat mich erfreut und insofern bereichert. So war Bob der der erste (und bis heutige einzige), der mir vom Mark–Twain-Musical „The Big River“ vorschwärmte und mit etwas daraus vorgespielt hat. Einmal zeigte er mir ein Video seines unvollständigen Mitschnitts des berühmten Kompilationsfilms „That’s Entertainment 2“ mit alten Highlights des MGM-Musicals. Ich weiß noch, wie mir bei dieser Gelegenheit auffiel, dass „Lover, Come Back To Me“, das ich nur als Instrumentalnummer kannte, eigentlich aus einer amerikanischen Tonfilm-Operette stammt. Bei diesem Clip war ich ganz besonders Ohr.

Soweit es die letzten Bewegtbilder hergeben, die der SR nun zur traurigen Nachricht gezeigt hat, sah Bob zuletzt genauso aus wie damals: grau, aber nicht kahl, etwas weniger glatt, aber ohne Fett angesetzt zu haben. Im Grunde so, als wäre er lediglich von der Maskenbildnerin seiner Theatergruppe älter geschminkt worden. Es scheint ein gutes Leben gewesen zu sein.

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Kultfilm Azubis: Im Internat

Viel zu selten wenden wir uns dem französischen Kino zu, im heutigen Podcast ist es mal wieder soweit. Aus der Nation, die das Kino nicht nur erfunden hat, sondern die es auch ohne jeden Nationalismus global abfeiert, kommt der erste Film.

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A) Die Teuflischen / Les diaboliques
Französischer Thriller von 1954

Der geizige Privatschullehrer Michel Delasalle quält seine Gattin Christina wie auch seine Geliebte Nicole, eine der Lehrerinnen, mit ausgesuchter Bosheit und genießt den Tratsch im Kollegium. Die gedemütigten Frauen tun sich für ein Mordkomplott zusammen. Sie wollen Michel in der Badewanne ertränken und im Schwimmbecken der Schule versenken, wo ihn nach ein paar Tagen zur allgemeinen Überraschung jemand entdecken wird. Doch der Leichnam lässt sich Zeit damit, an die Oberfläche zu kommen …

Jahrzehntelang wurde dieser Film als amoralisches Vergnügen gefeiert. Das später auch für Hitchcocks „Vertigo“ verantwortliche Duo Boileau et Narcejac gratulierte Henri Georges Clouzot zu den Änderungen, die er für seine Verfilmung an ihrer Vorlage vorgenommen hatte. Ein 1996 entstandenes Remake mit Sharon Stone in der Rolle von Simone Signoret schlägt sich erstaunlich gut – weil es sich wiederum genau an die Version von 1954 hält.

B) Alles, was wir geben mussten / Never Let Me Go
Englische Dystopie von 2010

England Ende der 70er Jahre in einem Parallel-Universum. Drei Freunde erleben trotz der seltsamen Kontrollmechanismen in einem abgeschieden Eliteinternat, in dem besonders streng auf die Gesundheit der Zöglinge geachtet wird, eine glückliche Kindheit. Ruth ist eifersüchtig auf die Zuneigung, die Kathy und Tommy füreinander hegen und drängt sich als Teenager aggressiv zwischen die beiden. Sie wird das später bereuen, doch es bleibt keine Zeit für eine zweite Chance: die Kinder von Hawisham sind todgeweihte Klone. Und man hat ihnen von Anfang an beigebracht, nicht aufzubegehren.

Andrew Garfield liefert hier kurz vor dem Aufstieg zum Weltstar seine bis heute imposanteste schauspielerische Leistung. Die notorisch abgründige Charlotte Rampling erhält Gelegenheit zu einer Paraderolle als Internatsdirektorin. Kazuo Ishiguro war in die Adaption seines Romans intensiv eingebunden. Der Literaturnobelpreisträger hatte Jahre zuvor mit „Was vom Tage übrig blieb“ auch in der Popkultur Furore gemacht.

Nächste Woche: Network und Marty

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Der saubere Bildschirm

betr.: Die aktuelle Filmkritik im Podcast

Dieser Film erzählt eine in den USA allseits bekannte Geschichte, sogar der Name des Helden wurde beibehalten. Bei uns mutet er geradezu satirisch an – obwohl auch wir von der Glotze einiges gewohnt sind.

Primetime
Schwarzhumoriges Drama von Lance Oppenheim

Vor gut 20 Jahren ist Chris Hansen eines der bekanntesten TV-Gesichter Amerikas. Sein Magazin „To catch A Predator“ lockt Pädophile zu fingierten Dates, um sie dann vor laufender Kamera bloßzustellen und verhaften zu lassen. Der alterslos jugendlich wirkende Nachwuchsschauspieler Dan Plumm funktioniert als Lockvogel so gut, dass er in dem reißerischen Reality-Format Karriere macht. Bei der Jagd nach einem „Wal“ – also einem prominenten Täter aus der Politik – geraten alle an ihre Grenzen: Hansen, der allmählich zum wahnhaften Kreuzritter mutiert, Plumm, der seine Chancen schwinden sieht, noch als seriöser Schauspieler arbeiten zu können, und die Produzentin Andie, die von der Konkurrenz aggressiv umworben wird. Sie alle setzt das abscheuliche Thema zunehmend unter Druck – besonders, als die Quoten sinken …

„Primetime“ ist das Spielfilmdebüt des US-amerikanischen Regisseurs Lance Oppenheim. Der Thriller dramatisiert die tatsächlichen Ereignisse um die MSNBC-Realityserie „To Catch a Predator“, die von 2004 bis 2007 lief, und um den noch heute aktiven Chris Hansen, der als allzeit beherrscht-autoritärer Moralapostel Kultstatus erlangte. Robert Pattinson ist auch Mitproduzent, an seiner Seite spielen Skyler Gisondo und Merrit Wever.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/primetime

Der Coup in dieser Besetzungsliste ist Skyler Gisondo als unbedarfter Zwanziger, der sich als Teenager zurechtmachen muss, um seine Opfer anzulocken und lange genug hinzuhalten. Seine Rolle ist zudem klug geskriptet und inszeniert. Dan ist ein im Grunde liebenswerter Junge, geistig-moralisch im selben Maße mit seiner neuen Aufgabe überfordert wie er als Typ ideal dafür ist. Seiner Erscheinung und seiner Fähigkeit, sich überzeugend die Stimme zu verstellen (ein Aspekt, an dem unsere Synchronbrache sich sicherlich verheben wird) steht ein begreiflicher Mangel an Lebenserfahrung und Überlebenstaktiken gegenüber. Dans Naivität wird durch das illustriert, was ihn begeistert und inspiriert. Zum einen das Musical „Rent“ – ein Werk, das bei immenser Oberflächlichkeit für seinen Tiefgang gefeiert wurde. Zum anderen die Interviewreihe „Inside The Actor’s Studio“, in der Hollywoodstars Seichtigkeiten von der Sorte absonderten „Du musst immer an dich glauben, wenn du es in Hollywood zu etwas bringen willst!“; „Bewahre dir immer ein kindliches Staunen!“ oder sogar komplett Irreführendes wie „Du musst in diesem Beruf immer du selbst sein!“, während Moderator James Lipton dazu ein wichtiges Gesicht machte. Pikant ist der Clip, der für den Film ausgewählt wurde: wir sehen Billy Bob Thornton, einen Spezialisten für die Darstellung irrer und perverser Typen.
Dans Musical-Begeisterung wird zum Schluss wieder aufgegriffen. In seinem letzten, ihn restlos verstörenden Einsatz für „To Catch A Predator“ darf er den Eröffnungs-Song aus „Rent“ zum Besten geben, um den „Wal“ einzulullen, das Lied, das er bei seinem Vorsprechen für die Sendung gesungen hat. Im Epilog sehen wir Dan bei seinem Versuch, von vorn zu beginnen und doch noch ein ernsthafter Schauspieler zu werden.

Robert Pattinson – so wird erzählt – hatte ursprünglich nur als Mitproduzent in Erscheinung treten wollen, als er schließlich die Hauptrolle übernahm. Der Brite wurde als asexueller romantischer Held in der „Twilight“-Saga berühmt und konnte mit interessanten Independent-Projekten an den frühen Erfolg anknüpfen. Nachdem er diese heikle Klippe seiner Laufbahn genommen hat, scheint er sein neues Rollenfach gefunden zu haben: den abgründigen, beschädigten Schönling. Dabei kommt ihm ein optisches Detail zugute wie es auch den jungen Sean Connery einst von anderen vergleichbar attraktiven Schauspielern seiner Generation unterschied. Was bei Connery die markanten Magenfalten, sind bei Pattinson die kleinen Hautunreinheiten am Unterkiefer, die die Kamera gern prominent aus leichter Untersicht in den Blick nimmt. Kürzlich wurde Pattinson in „The Odyssey“ als fratzenschneidender Brunnenvergifter vorgeführt. Die schwierige Aufgabe, seinem klischeehaften Charakter in „Primetime“ Komplexität zu verleihen, meistert er gut genug, um diese Scharte auszuwetzen.

Um die passende Atmosphäre zu schaffen, gönnt sich „Primetime“ ein konsequent-nostalgisches Look-and-feel im Bildschirm-Format, mit schlechter Auflösung und einem stilechten Soundtrack (der allerdings eher in die frühen 90er als in die 2000er verweist). Atmosphärisch orientiert er sich in an Vorbildern wie „Taxi Driver“ und imitiert in seinen TV-Sequenzen die schwül-verwaschene Ästhetik des umstrittenen Fotografen David Hamilton. Das Ergebnis ist ein fesselnder und über weite Strecken sehenswerter Thriller, der leider selbst nicht ganz von dem selbstgerechten Pathos seines Gegenstandes lassen kann. Außerdem ist der völlig überzüchteten Schlusssequenz deutlich anzumerken, dass Ari Aster die Produzentenriege anführt, dessen Vorliebe für wüsten Kitsch bei dieser um Relevanz ringenden Aufarbeitung einer „wahren Begebenheit“ gänzlich fehl am Platze ist. Bis zu dieser Entgleisung hat der Film zeitweise das Zeug zu einer Mediensatire, einer interessanten, raren und besonders schwierigen Gattung.
Es wird hochinteressant sein, „Primetime“ in ein paar Jahren wiederzusehen und zu betrachten, wie er sich im Rückblick schlägt. Schon jetzt lohnt er sich!

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So siehst Du aus! (13)

betr.: Personenbeschreibungen in der Literatur

Ivan Turgenev (1818-83)
Väter und Söhne

Jewgeni Basarow, der Nihilist

Basarow schlug den Mantelkragen zurück und enthüllte sein ganzes Gesicht: lang und schmal, breite Stirn, die Nase oben platt und unten spitz zulaufend, große grüne Augen und ein sandfarbener herabhängender Backenbart. Belebt von einem ruhigen Lächeln, strahlte es Klugheit und Selbstbewusstsein aus.

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https://projekt-gutenberg.org/authors/ivan-sergejevich-turgenev/books/vaeter-und-soehne/chapter/1/

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Kinder an die Macht!

betr.: 115. Geburtstag von William Golding

„Ich war schwierig. Niemand hatte mir bis dahin gesagt, dass es außer mir etwas gab, das zählte.“ Der sensible, träumerische Billy beschreibt seine ersten Schultage, auf die er sich vor allem freut, weil sie ihm Kämpfe bringen sollen. Dass es auch um Disziplin, Zahlen und den höflichen Umgang mit anderen gehen soll, ist dem Jungen mit der großen Leidenschaft für Wörter nicht bewusst. Er wartet voll Sehnsucht auf die Pause zwischen elf Uhr und elf Uhr fünfzehn und das Herumbalgen mit den anderen Jungen. Doch eines Tages stellen sich die anderen Kinder gegen ihn …
Die Erzählung „Billy The Kid“ liest Michael Rotschopf in der Reihe „Radiogeschichten“ im ORF:
https://oe1.orf.at/programm/20260907/844172/Schwieriger-Schulbeginn

Schon bald nach diesem schwierigen Schuleinstieg, im Alter von nur sieben Jahren, begann der am 19. September 1911 in Cornwall geborene William Golding mit dem Schreiben. Als 23-jähriger Student veröffentlichte er 1934 seinen ersten Gedichtband. Während seiner Arbeit als Lehrer beobachtete Golding das Verhalten seiner Schüler. Eine jähe Zäsur war sein Kriegsdienst als Offizier in der britischen Navy. Unter anderem erlebte er die Landung in der Normandie. Nach Kriegsende lehrte Golding wieder und schrieb die Geschichte von den Schulbuben, die auf einer einsamen Insel stranden und rasch zu Geschöpfen der Wildnis herabsinken. Rund zwanzig Verlage lehnten das Skript ab, bis es 1954 als „The Lord of the Flies“ erschien – 1956 die erste deutsche Übersetzung als „Herr der Fliegen“, große Verfilmungen folgten 1963 und 1990.
Golding gab seinen Lehrberuf auf und schrieb. Er wurde 1980 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet, 1983 mit dem Nobelpreis für Literatur. 1993 starb der Autor im Alter von 81 Jahren in seiner Heimat Cornwall.

Der Kultursender Ö1 an sich und die Qualität der von Gudrun Hamböck, Stefanie Zussner und Zita Bereuter betreuten Sendereihe „Radiogeschichten“ kann ich nicht genug loben. Die leider nur knapp 20minütigen Lesungen, die dort von Montag bis Donnerstag zu hören sind (Freitags gibt es einen Essay) sind von einem handwerklichen Niveau, das vergleichbare Angebote tief in den Schatten stellt, sowohl das Durchschnittsniveau deutscher Hörbuchproduktionen wie auch öffentlich-rechtliche Eigenproduktionen (etwa die asubtilen Komplettlesungen aus dem WDR-Sprecherensemble, zu finden auf ARD Sounds).

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* William Golding, „Billy the Kid“ aus „Spiele ohne Ende. Erzählungen aus hundert Jahren“. Ausgewählt von Hans Bender, S. Fischer Verlag

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Kultfilm Azubis: Hollywood Gothic

Der Klassiker und Kultfilm „Citizen Kane“ beginnt mit einer Absperrung im Nebel. Kaum haben wir das Schild „Betreten verboten“ gelesen, dringt die Kamera weiter vor, und wir folgen ihr natürlich. Hätten wir gehorcht, hätten wir den Anfang des Films verpasst. Unser heutiger Hauptfilm wäre gleich komplett ausgefallen. Über diese Dokumentation, die im Kino um die Welt gegangen ist und mit Preisen überschüttet wurde, spreche ich im heutigen Podcast mit der Schauspielerin und Drehbuchautorin Karola Oswald – unter anderem.

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/marlene-1983-fedora

A) Marlene
Deutsch-amerikanisches Filmportrait von 1983

Seit zehn Jahren hat sich Marlene Dietrich, der allergrößte deutsche Weltstar, in ihrer Wohnung in Paris verbarrikadiert. Die Diva will sich ihrem Publikum im Stadium des Verfalls nicht mehr zeigen. Sie gestattet ihrem Kollegen Maximilian Schell ein Film-Interview unter der Bedingung, dass sie darin nicht zu sehen, sondern nur zu hören ist.

Dieser Dokumentarfilm, der uns Marlene optisch nur in alten Film- und Wochenschau-Ausschnitten zeigt, ist selbst zur Legende geworden. Die Dietrich redet über Gott („meschugge“), ihre Karriere („hab ich nie ernst genommen“), den „Blauen Engel“ („der hängt einem doch zum Hals raus“) und begründet ihre Unsichtbarkeit mit dem heute legendären Satz: „Ich bin zu Tode fotografiert worden!“
Mit gleichem Titel und Sujet brachte Joseph Vilsmaier 17 Jahre später einen Spielfilm heraus.

B) Fedora
Deutsch-französisches Drama von 1978

Mit seinen letzten Dollars in der Tasche fliegt der Produzent Barney Dettweiler in die Ägäis. In einer Villa auf Korfu lebt sehr zurückgezogen die legendäre Filmdiva Fedora, eine alte Frau, die noch immer aussieht wie eine Dreißigerin. Dettweiler will sie, die sich allen Filmangeboten seit Jahren verweigert, mit einem guten Drehbuch umstimmen. Als er wieder abreist, kennt er den Grund für ihre Zurückhaltung: ein schauerliches Familiengeheimnis.

Obwohl „Fedora“ deutlich an Billy Wilders Klassiker „Sunset Boulevard“ gemahnt, vereint er doch alles, was das Verblühen seiner beispiellosen Hollywoodkarriere greifbar macht: billige Kulissen, europäische Originalschauplätze, Nebendarsteller aus dem Produktionsland BRD, eine fehlende Leichtigkeit. Obwohl Wilders vorletzter Film ebensoviele Mängel aufweist wie seine Heldin, ist er doch berührend und von beständigem Unterhaltungswert: ein „bad movie we love“.

Nächste Woche: Die Teuflischen und Alles, was wir geben mussten

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Ein Monster im Haus

betr.: Die aktuelle Filmkritik im Podcast

Gentle Monster
Drama von Marie Kreutzer

Die Konzertpianistin Lucy ist mit ihrem Mann Philip und dem gemeinsamen Sohn in die Nähe von München aufs Land gezogen, damit Philip sich von seinem Burn-Out erholen kann. Noch immer quälen ihn Panikattacken. Eines Tages steht die Polizei mit einem Durchsuchungsbeschluss vor der Tür und beschlagnahmt seinen Computer. Philip wird beschuldigt, Fotos und Videos getauscht zu haben, die sexuellen Missbrauch von Kindern zeigen. Inwiefern er außerdem als Nutzer oder Hersteller solchen Materials aktiv ist, bleibt zunächst im Unklaren. Lucy flieht mit dem Kind aus der gemeinsamen Wohnung. Sie lässt sich schließlich von Philip überzeugen, er sei lediglich in diese Machenschaften „hineingerutscht“ und habe das Geld gerne kassiert, um den Umzug und die neue Wohnung zu finanzieren. Doch immer neue Scheußlichkeiten, immer tiefere Verstrickungen kommen ans Licht …

Léa Seydoux spielt die junge Mutter, in Gastrollen sind Sylvester Groth und Cathérine Deneuve zu sehen.

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Wäre dieser Plot Gegenstand eines Hollywoodfilms (der Titel würde ja dazu passen), liefe er Gefahr, auf oberflächliche Botschaften, unerfreuliche Details und ein dickes, aber tristes Finale hinauszulaufen. Diese Befürchtung hat sich sogar verfestigt, nachdem ich zum gleichen großen Thema den insgesamt sehenswerten „Prime Time“ von Ari Aster gesehen habe, von dem hier in Kürze die Rede sein wird.
Bei einem Arthaus-Film wie unserem heutigen Programmpunkt droht eine andere Gefahr: Betroffenheit und wiederum Tristesse. Nichts dergleichen ist passiert. „Gentle Monster“ ist mitreißend, ohne reißerisch zu sein, und wird seinem Thema gerecht, ohne uns abstoßen oder frustrieren zu müssen.
Der Film spielt in Frankreich und in der süddeutschen Provinz und zeigt uns eine polyglotte Familie, die unentwegt zwischen vier Sprachen (wenn wir das Österreichische einzeln nummerieren) hin- und herwechselt. Das öffnet allen Beteiligten eine zusätzliche Ebene, auf der sie sich als eingespielte Lebens- und Schicksalsgemeinschaft bewähren können, und lässt Raum für Mentalität und Folklore. Léa Seydoux (sie hat auch schon mit Quentin Tarantino und Woody Allen gedreht) überzeugt auch als Musikerin in den Konzertsequenzen. Ihre Film-Mutter war früher selbst eine gefeierte Musikerin, und insofern ist sie mit der effektvollen Cathérine Deneuve passend besetzt. Sie darf zu ihrer Tochter den wenig tröstlichen und verdeckt selbstkritischen Satz sagen: „Ich habe ich dich immer gewarnt: das einzige, was für eine Künstlerin noch schlimmer ist, als ein Kind zubekommen, ist, aufs Land zu ziehen!“

Eine etwas schmalere Parallel-Handlung wird um die Sonderermittlerin Elsa auf den Weg gebracht: sie kümmert sich um ihren bildungsbürgerlich-verbohrten Vater, der mit seinen Grabschereien Pflegerin um Pflegerin vergrault. Das wirkt etwas konstruiert, wird jedoch so elegant erzählt, dass es uns nicht weiter betrüben muss. Ich habe erst einige Zeit nach der Sichtung des Films gelesen, Sylvester Groth spiele einen Demenzkranken. Was wir hier sehen, ist ein notgeiler alter Familientyrann, wie ich sie häufig auch ohne eine solche Diagnose erlebt habe. Aber das müssen wir an dieser Stelle zum Glück nicht verbindlich festlegen.

Die österreichische Autorin und Regisseurin Marie Kreutzer konnte bei dieser Produktion auf persönlichen Erfahrungen aufbauen. 2022 kam mit dem Historienfilm „Corsage“ ihre vierte Arbeit ins Kino. Der Erfolg bei der Kritik wurde an der Kinokasse und in der anschließenden Debatte vom Pädophilie-Skandal um den Schauspieler Florian Teichtmeister überschattet, der bei Kreutzer den Kaiser Franz Joseph I. spielt. Schon wenige Monate nach dem Ende der Dreharbeiten waren erste Berichte, noch ohne Namensnennung, durch die Medienwelt gegeistert. Intern stritt Teichtmeister zunächst alles ab. Nach Bekanntwerden der Anklage sagte Kreutzer der Presse: „Ich bin traurig und wütend, dass ein feministischer Film, an dem mehr als 300 Menschen aus ganz Europa jahrelang gearbeitet haben, durch die grauenvollen Handlungen einer Person so beschmutzt und beschädigt wird.“ Damit nicht genug. Ein weiterer Darsteller aus dem Ensemble löste einen MeToo-Skandal in Österreich aus.
Das vielleicht schönste Kompliment, dass ich „Gentle Monster“ zum jetzigen Zeitpunkt machen kann, ist, dass er sich aus den Niederungen solcher Nebengeräusche erhebt. Ein wirklich großer Film.
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Außerdem heute online: Ronny Fanta und Torben Sterner sprechen mit dem Meteorologen Felix Dietzsch über die Hintergründe des Films „Pressure“, der ebenfalls heute startet:

https://alle42kultfilme.letscast.fm/episode/pressure

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Kultfilme – Das Kneipenquiz / Auflösung

betr.: Antworten auf die Fragen vom 14.9.2026

Beim Verlesen der Frage nach dem Fundort der verschollenen „Metropolis“-Filmmeter befiel mich kurz der Zweifel: ist diese Frage nicht vielleicht doch ein bisschen zu schwer?
Nach der Veranstaltung berichtete ich einem der Teilnehmer davon, und er beruhigte mich mit dem Hinweis: bei „Metropolis“ dachte er an Nazis und bei Nazis sofort an Argentinien.
Man sollte sich nicht immer so viele Sorgen machen.

RUNDE 1

1.01: „Moonraker – Streng geheim“
1.02: 40.000 Dollar
1.03: Jack Nicholson
1.04: Vietnamkrieg
1.05: „Das Lied vom Tod“
1.06: „An der schönen blauen Donau“
1.07: schwarz
1.08: Der Mensch
1.09: George Lucas
1.10: Wien

RUNDE 2

2.01: Roger Moore
2.02: Christopher Lee
2.03: Maria
2.04: Opernsängerin
2.05: Die Pantomime
2.06: „King Kong und die weiße Frau“
2.07: „Frankenstein“ / „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“
2.08: Philip Marlowe
2.09: Film Noir
2.10: Alfred Hitchcock

RUNDE 3

3.01: Einen
3.02: Argentinien
3.03: Ars gratia Artis
3.04: Ein Rodelschlitten
3.05: Matt Damon
3.06: Drei
3.07: Schwester Ratched
3.08: Little Neros Pizza
3.09: OutaTime
3.10: (Studio) Ghibli

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Kultfilme – Das Kneipenquiz

Gestern abend fand in der Hamburger Mittelalter- und Rollenspiel-Taverne „Zum tanzenden Einhorn“ unser Filmquiz statt, das die Kollegen von „Quiz The North“ veranstaltet haben. Wer nicht dabei war, kann das Quiz nachspielen. Die Antworten werden in Kürze nachgereicht.

RUNDE 1

1.01: In welchem James-Bond-Film wird die 5-Ton-Folge aus „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ ebenfalls eingesetzt?

1.02: Mit welcher Summe unterschlagenen Geldes begibt sich Marion Crane in „Psycho“ auf die Flucht?

1.03: Wer singt?

1.04: Der Roman „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad erzählt die Geschichte einer Expedition im Dschungel von Belgisch Kongo, in dem langsam alle Wahnsinnig werden, während sie nach jemandem suche, der bereits wahnsinnig ist. In der berühmten Verfilmung wurden Zeit und Ort der Handlung geändert. Zur Zeit welches großen Konfliktes spielt der Film?

1.05: Unter welchem Titel erschien der Soundtrack zu „Spiel mir das Lied vom Tod“ in der Bunderepublik auf Single-Schallplatte?

1.06: Welcher berühmte Walzer wird in „2001: Odyssee im Weltraum“ zum Schweben der Raumstation gespielt?

1.07: Welche Farbe hat der „Malteserfalke“?

1.08: In „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ wird sich auf die gefährlichste aller Tierarten geeinigt. Welche ist das?

1.09: Wer führte Regie bei „American Graffiti“?

1.10: Der Schauplatz von „Der dritte Mann“ ist nach dem Zweiten Weltkrieg in vier Sektoren aufgeteilt. Wie heißt diese Stadt?

RUNDE 2

2.01: Wer hat am häufigsten die Rolle des James Bond gespielt?

2.02: Wer singt?

2.03: Welchen weiblichen Vornamen trägt der Cyborg im Stummfilm „Metropolis“?

2.04: Welchen Beruf übt die Titelfigur von „Diva“ aus?

2.05: Welche Bühnenkunst wird in „Kinder des Olymp“ gepflegt und gefeiert?

2.06: Wie lautet der deutsche Verleihtitel für den Film „King Kong“?

2.07: Auf welchen Klassiker der Weltliteratur bezieht sich die Handlung der „Rocky Horror Picture Show“?

2.08: Welchen berühmten Detektiv spielt Humphrey Bogart in „Tote schlafen fest“?

2.09: Welches beliebte Filmgenre verbirgt sich hinter der veralteten deutschen Bezeichnung „Schwarze Serie“?

2.10: Welcher Regisseur prägte den bis heute gebräuchlichen Ausdruck „MacGuffin“ für die meist gegenstandslose Motivation einer Geschichte?

RUNDE 3

3.01: Wie viele Filme drehte das Traumpaar aus „Casablanca“, Humphrey Bogart und Ingrid Bergman, gemeinsam?

3.02: In welchem Land wurden 2008 umfangreiche verschollene Passagen des Films „Metropolis“ aufgefunden, die wir auf immer verloren glaubten?

3.03: Wie lautet die Inschrift über dem Kopf des Löwen im MGM-Logo?

3.04: Welcher Gegenstand verbirgt sich hinter dem Wort „Rosebud“, des letzten Wortes auf dem Sterbebett von „Citizen Kane“?

3.05: Wer singt?

3.06: Auf wie viele Filme brachte es der Hollywoodstar James Dean?

3.07: Wie heißt der Bösewicht in „Einer flog über das Kuckucksnest“?

3.08: Welcher Pizzaservice ist in „Kevin – Allein zu Haus“ am Werk?

3.09: Welcher Schriftzug ziert das Nummernschild des DeLorean von Doc Brown?

3.10: Welche japanische Trickfilmstudio schuf solche Hits wie „Chihiros Reise ins Zauberland“ und „Das wandelnde Schloss“?

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Der letzte Mensch und die Methode Luca Brasi

Kaum eine politikwissenschaftliche These wurde so gründlich missverstanden wie jene des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama: Als er im Sommer 1989 – nur wenige Monate vor dem Fall der Berliner Mauer – in seinem berühmten Essay „Das Ende der Geschichte“ ausrief, meinte er keineswegs, dass es keine Kriege, Konflikte oder historische Schlüsselereignisse mehr geben wird. Fukuyamas Kernthese war rein philosophischer Natur: Die Kombination aus Rechtsstaat, Demokratie und Marktwirtschaft stellt das finale Modell der politischen Ideengeschichte dar, postulierte er. Dass Systeme in der Praxis fehlerhaft sind oder Autokratien fortbestehen, ändert nichts daran: Im globalen Ideenkatalog existiert schlicht keine höhere, funktionierende Alternative mehr. Monarchismus, Faschismus und Kommunismus haben sich historisch als unterlegen erwiesen.
Vor allem im Falle des letzteren verstummen törichte Leugnungen auch im offiziell demokratischen Lager nicht und sind selbst unter geachteten Intellektuellen salonfähig. So hält der allgemein als spitzfindiger-humanistischer Entertainer beklatschte Gregor Gysi die DDR bis heute „nicht für einen Unrechtsstaat“ – eine Ansicht, die auch unter aktiven jungen Politikern (also solchen, die das Elend nicht erleben mussten) wieder geteilt wird. Das traurige Thema der unverdrossenen Kommunismus-Verherrlichung hat Christian Reiermann soeben im „Spiegel“ zusammengefasst, und zwar so mustergültig, dass ich mir den Artikel „Marx und Murks“ rahmen werde.
Doch das andere, das rechte Extrem hat gegenwärtig einen solchen Vorsprung, dass der olle Marx mit seinem Rauschebart schon wieder wieder posterwürdig wird …

Dass die freiheitliche Ordnung allerorten wankt, liegt an einem der genannten Fehler der Demokratie: um effektiv wehrhaft zu sein, müsste sie sich einiger hässlicher Mittel bedienen, die ihren totalitären Gegnern keine Gewissensbisse bereiten. Damit ist ihr Unterliegen unausweichlich, sobald es – wie im Augenblick – zu einem Zweikampf kommt. Jedenfalls im Augenblick. Die dritte Demokratie auf deutschem Boden wird – falls es dazu noch kommt – eventuell pragmatischer konzipiert sein.

In seinem aktuellen Werk „Der letzte Mensch“ blickt Francis Fukuyama übrigens auf das psychologische Vakuum unseres saturierten Zeitalters – und bleibt somit beim Thema*. Der Schlüssel zum Verständnis des globalen Rechtsrucks liegt für ihn in einem antiken Konzept Platons: dem Thymos – dem tiefen menschlichen Verlangen nach Anerkennung und Würde. Während die liberale Demokratie zwar immensen materiellen Wohlstand schuf, hinterließ sie bei vielen das Gefühl, kulturell und sozial herabgesetzt zu werden.
Populistische Bewegungen besetzen dieses Vakuum perfekt: Sie verwandeln ökonomische Verlustängste in Identitätskämpfe und bieten im Tausch für Kränkungen ein kollektives Gefühl von Stolz. Weil das System zwar Sicherheit, aber keine tiefe Sinnstiftung liefert, bricht eine paradoxe Rebellion gegen den Frieden selbst aus. Es ist die von Friedrich Nietzsche prophezeite Flucht vor der Existenz als satter, aber gelangweilter „letzter Mensch“: Der moderne Bürger erschafft sich künstliche Feindbilder und zerstört lieber eine funktionierende Demokratie, als in einem bedeutungslosen Konsumparadies zu leben.
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* Francis Fukuyama: „Der letzte Mensch. Wohin steuert die Welt?“, Übersetzung von Helmut Dierlamm und Thomas Stauder, Verlag Hoffmann und Campe

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