Doppelplusglück mit Tilman Spengler

betr.: 17. Geburtstag von BR alpha (heute: ARD alpha)

Ich mag mich täuschen, aber ich glaube, seit der Sender „BR alpha“ „ARD alpha“ heißt, hat das Programm ein wenig an Kontur verloren. Jedenfalls hat dieser allerletzte Archivkanal des öffentlich-rechtlichen Fernsehens (nach der Abschaffung des ZDF-Theaterkanals und dem Verkommen von EinsFestival zu einer weiteren Abspulstation für die aktuellen ARD-Sendungen vom Vortag) seit seiner Umbenennung damit aufgehört, so skurrile Fundstücke zu senden wie „Ein Gespräch mit Edward Albee“, „Hanns Eisler zum 115. Geburtstag“ oder die historische Reihe „Das Profil“ von Friedrich Luft.
Besonders schmerzlich aber vermisse ich eine fast aktuelle Sendereihe: „Klassiker der Weltliteratur“ von und mit dem Autor und Sinologen Tilman Spengler, die von 2009 bis 2011 produziert und noch bis vor einiger Zeit wöchentlich ausgestrahlt wurde.

Spenglers viertelstündige Auftritte sind abgefilmtes Radio: der Moderator, ein Herr mit grauem Lockenkopf, spaziert durch eine Zweizimmer-Studiokulissenwohnung, setzt sich hie und da aufs Sofa oder an ein Tischchen und spricht über einen großen Schriftsteller oder Dramatiker bzw. über eine Schriftstellerin. Die Reihe ist chronologisch aufgebaut. Mal steht die Epoche im Vordergrund, mal ein bestimmtes Werk, mal der modus operandi oder das größte künstlerische (gesellschaftliche …) Verdienst des Portraitierten. Mal muß Herr Spengler etwas schneller sprechen, um mit der Sendezeit auszukommen (bei George Orwell scheint er es trotzdem nicht ganz geschafft zu haben), ganz selten nimmt er sich eine oder zwei Fortsetzungen heraus – bei Schiller und Goethe, Shakespeare und Tschechow.

Dabei kommt den „verehrten Zusehern“ zugute, dass die langjährige Lektüre der Klassiker Spenglers Sprachwitz geschliffen hat – womit er aber niemals kokettiert; er verzieht keine Miene bei der Arbeit. (Ab Folge 11 hat sich das Konzept richtig warmgelaufen, und der Unterhaltungswert ist beachtlich!) Unter dem Vorwand des literarischen Themas klappt sich ein historisches Sittengemälde auf. Die Kunst besteht in der geschickten Auswahl der Informationen.
Dass das so gut funktioniert, ist nicht ohne Ironie: in der traurigen Zeit, als es noch keine Literatur gab, hat der Mensch auf genau diese Weise Informationen ausgetauscht: er hat sie sich erzählen lassen.
Es ist auch nicht selbstverständlich: die ebenso konzipierte alpha-Sendereihe „Mythen – Michael Köhlmeier erzählt Sagen des klassischen Altertums“ läßt die lebenskluge Schnurrigkeit der Literaturreihe vollständig vermissen.

Die Mediathek des Bayerischen Rundfunks bietet alle 101 Ausgaben zur Nachbetrachtung an (- leider nicht zum Download). Das ist tröstlich, aber auch ein Symptom des sich selbst abschaffenden Fernsehens, das sein Publikum förmlich von der Glotze vor den Rechner treibt – wie den „Esel, der den Stock auf seinem Hintern spürt und den Futtersack vor sich hat“.

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1 Antwort zu Doppelplusglück mit Tilman Spengler

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