Die Gekurzweilten

betr.: 104. Geburtstag von Marshall McLuhan

Ein Reisebericht (1489)

Um zwei Uhr morgens kam das Land in Sicht, von dem wir etwa acht Seemeilen entfernt waren. Wir holten alle Segel ein und fuhren nur mit einem Großsegel, ohne Nebensegel. Dann lagen wir bei und warteten bis zum Anbruch des Tages, der ein Freitag war, an welcher wir zu der Insel gelangten, welche uns von den Büchern als altes Kulturland angekündigt worden war.
Dort erblickten wir alsogleich nackte Einheimische. Unseren Blicken bot sich weiterhin eine Landschaft dar, die mit grün leuchtenden Bäumen bepflanzt und reich an Gewässern und allerhand Früchten war.

Die Eingeborenen nahmen keinerlei Notiz von uns. Das hing, so folgerten wir, gewiß damit zusammen, dass jeder von ihnen eine violett schimmernde Muschel mit sich trug, die sich alle ans Ohr pressten. Mit etwas abwesendem Blick sahen sie in die Welt.
So gingen sie nackend umher, so wie Gott sie erschaffen, Männer wie Frauen, von denen eine noch sehr jung war. Alle jene, die ich erblickte, waren jung an Jahren, denn ich sah niemand, der mehr als 30 Jahre alt war. Dabei sind alle sehr gut gewachsen, haben einen schön geformten Körper und gewinnende Gesichtszüge. Sie haben dichtes, struppiges Haar – allein mir schien es, als litten sie Mangel an allen Dingen. Alles, was sie zu besitzen schienen, waren die Muscheln, von welchen jeder eine bei sich hatte.

Wir sahen viele von dieser Sorte im Sande liegen und sammelten schließlich einige davon auf, um zu erkunden, was die Eingeborenen so an ihnen berückte.
Jeder hob eine Muschel ans Ohr und begann zu lauschen.
Es war verblüffend. Ich hörte eine unirdische Musik, ganz und gar von allem verschieden, was ich je erfahren hatte. Ich vermochte nicht einmal zu sagen, welche Instrumente hier aufspielten. Noch eigenartiger aber war, dass die Melodie kaum eine Minute währte und dann vorüber war. Sogleich begann wieder eine neue, ebenfalls rasch verklingende und so fort.
Ich befragte meine Gefährten, was sie in ihrer Muschel gehört haben mochten, und einige beschrieben mir ein ähnliches Erlebnis. Andere hatten Stimmen gehört, deren Sprache sie allerdings nicht verstanden. Auch sie berichteten von kurzen Passagen, die nach kurzer Frist zuende waren, so dass eine weitere beginnen konnte.

So bestrickend diese Gegenstände auch waren – wir tauschten sie untereinander und hörten alle noch so mancherlei an diesem Tage – so sehr irritierte uns die fortdauernde Beschäftigung, die die Menschen auf der Insel ihnen zuteilwerden ließen. Mit leerem Blick, ohne einen Ausdruck der Faszination auf ihren anmutigen Gesichtern, die etwa jener geglichen hätte, die wir beim Lauschen empfunden hatten, schienen sie es vollauf zufrieden zu sein, eine endlose Folge kurzer musikalischer Werke oder Textbotschaften zu empfangen. Wir gingen nämlich davon aus, dass ein ähnliches Gaukelspiel, wie wir es aus unseren Muscheln vernommen hatten, auch aus den Exemplaren der uns Umgebenden erklang und hegten überdies das Vorurteil, die gingen allezeit so umher, tagein, tagaus.

Da erinnerte ich mich einer Geschichte, die mir der alte Rodrigo erzählt hatte. Er hatte mir von einem Inselvolk berichtet, das zur Muße unfähig gewesen sei, also zur erholsamen Untätigkeit, die rechtschaffene Ermüdung ausfüllt. Sobald ihr Tagwerk beendet war, eine Mahlzeit oder ein Liebesakt, ergriff eine Unruhe von ihnen Besitz, bei der es sich vermutlich um eine ungewöhnlich rasch einsetzende Langweile handelte. Wie wir wissen, ist Langeweile mitunter qualvoll, dieser unerfüllte Wunsch nach einer lohnenden und erquicklichen Tätigkeit. Dieses Volk war vollends unfähig, sich mit sich selbst zu beschäftigen oder etwas zuwege zu bringen, das man einen Zeitvertreib hätte nennen können.
In einer abgelegen Bucht dieser Insel wurde eines Tages eine Art von Muscheln gefunden, die Töne von sich gaben und in denen unablässig Musik erklang. Die Insulaner waren überglücklich, etwas gefunden zu haben, dass es ihnen ersparte, ihre Langeweile aushalten zu müssen.
Die Freude währte nicht lang. Sie hatten sich rasch daran gewöhnt, diese jederzeit verfügbaren Gegenstände zu ergreifen und sich von ihnen zerstreuen zu lassen.
Bald war es ihnen überhaupt nicht mehr möglich, ihre Aufmerksamkeit länger auf etwas zu richten, als auf die wunderlichen Signale aus ihren Muscheln.
Die Freude über deren Entdeckung war die letzte gewesen, die sie verspürt hatten.

Aus „Pieter Gausterlichs Beobachtungen aus allen Weltteilen“ von Cadwiller Olden, übersetzt von Monty Arnold

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