Gipfeltreffen

betr.: 110. Geburtstag von Samuel Beckett

Nichts ist bekanntlich komischer als das Unglück. Zwei Literaturnobelpreisträger treffen sich: Samuel Beckett und Harold Pinter. Pinter erzählt Beckett, wie tief er über den Zustand der Welt deprimiert ist. Daraufhin lächelt Beckett ihn an und antwortet: „Nicht so deprimiert, wie ich es bin, Harold!“ Und die beiden brechen in Gelächter aus.

Beckett war Melancholiker, er litt an seiner Zeit, wird aber auch als großzügig, weise und heiter beschrieben. Seine Werke, in der die Tragik in ihrer Aussichtslosigkeit in die Komik hinübergleitet, gelten als Meilensteine des sogenannten Absurden Theaters, und so wird ihr Autor in der Einordnung seiner Mitwelt zum Humoristen.

1964 kam es zu einer weitgehend vergessenen Begegnung dieses Theaterhumoristen mit einem der Größten aus der Welt des komischen Films: Buster Keaton.
Wie man sich erinnert, war Buster Keaton, der in seinen Glanzzeiten als ernstzunehmender Konkurrent des Weltstars Chaplin betrachtet worden war, mit dem Aufkommen des Tonfilms gescheitert und untergegangen – schon mit Anfang 30. (Wenn das auch weniger dem Tonfilm geschuldet war als einer Reihe von Fehlentscheidungen und persönlichen Tragödien.) Kurz vor seinem Tod haben ihn die europäischen Cineasten wiederentdeckt und rehabilitiert, und er spielt wieder eine Hauptrolle in einem Stummfilm. Mit seinen 21 Minuten hat dieser sogar die Länge eines klassischen Two-Reelers aus der Frühzeit des Kinos. Titel dieses von Samuel Beckett geschriebenen Films: „Film“.

Die Hauptfigur O (wie Objekt) will unsichtbar werden, was einer vollständigen Auflösung gleichkäme – „Film“ ist das allerstummste Werk Buster Keatons, denn es gibt nicht einmal die übliche  Musikbegleitung. O verhängt alle Spiegel und Fensterscheiben, er entfernt seine Katzen, die ihn anschauen könnten.
Beckett notiert in seinem Drehbuch: „Wenn alle Wahrnehmung anderer – tierische, menschliche und göttliche – aufgehoben ist, hält einen die Selbstwahrnehmung im Sein. Die Suche nach dem Nichtsein durch Flucht vor der Wahrnehmung anderer scheitert an der Unausbleiblichkeit der Selbstwahrnehmung.“
In keinem anderen Filmauftritt nach dem Ende seiner Zeit als sein eigener Regisseur ist Keaton so deutlich anzumerken, dass er Regieanweisungen erhält – was dem Vergnügen freilich keinen Abbruch tut.

Samuel Beckett hat sich mit dieser Arbeit wenn schon nicht portraitiert, so doch kommentiert: er wollte nie, dass man eine Biographie über ihn schreibt, er äußerte sich nie zu privaten Erlebnissen, und er lehnte es ab, sich filmen zu lassen.
Er entzog sich den Medien nach Kräften, was schon damals gar nicht so einfach war. Immerhin: schön wie war, ließ er sich zumindest gern fotografieren."</p

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