Die ersten schlimmen Tage

betr.: 66. Jahrestag des Beginns der Sprengung des Berliner Schlosses auf Weisung der Führung der DDR

Kinderpsychologen haben einen Heidenrespekt vor dem Tag, da der junge Mensch sich seiner eigenen Sterblichkeit bewusst wird. Dieser Tag verunsichert tief und verändert das Leben völlig. Ich persönlich kann mich an diesen Moment in meiner Biographie gar nicht mehr erinnern. Wusste ich etwa vorher schon, dass ich sterblich bin (aus einem früheren Leben vielleicht)? Hat es mich nicht interessiert? Habe ich es erst mal gar nicht geglaubt?
Auch das habe ich vergessen.
Immerhin weiß ich noch, wie ich im Wohnzimmer meines ersten Elternhauses saß und begriff, dass meine Omi mir altersmäßig vorausgeeilt ist und dass auch ich mich auf dieses Stadium zubewege. Rückblickend erscheint mir die Information „Du wirst altern“ sogar noch schrecklicher als die „Du wirst sterben!“ – aber auch hier: kein mir erinnerlicher Schock. Ich trug es wie ein Soldat.
Überhaupt: das Wort „altern“ begegnete mir bewusst erst einige Jahre später in der Comic-Version von „Planet der Affen“ (den Film kannte ich noch nicht), in der Szene gleich zu Beginn der Geschichte, als der Astronaut Taylor erklärt, dass die Zeit auf der Erde viel schneller vergeht, als für die Raumfahrer.

Eine besonders niederschmetternde Erkenntnis hinsichtlich des traurigen Themas „Vergänglichkeit“ war eine, die nur langsam auf meine Seele hinuntertröpfelte. Niemand – kein Erwachsener – hatte je mit mir darüber gesprochen. Wenn es soweit ist, dass man selber dahinterkommt, ist man völlig allein damit – es gibt keine nette Klassenlehrerin, keine süße Omi, niemanden mehr, der einem dann noch helfen kann.
Die Erkenntnis lautet: Alles, was man sich erarbeitet hat – ganz gleich, ob es gutes Klavierspiel ist, eine sportliche Leistung, etwas Geld oder ein schöner Posten in einer Laienspielgruppe – schlichtweg alles beginnt sofort von ganz allein, sich wieder aufzulösen.
Es endet nicht etwa mit dem Tod oder dem Weltuntergang, nein: es beginnt sofort!
Und es gibt kein Erbarmen!
Als ich das restlos begriffen hatte, ging es mir monatelang sehr schlecht.
So könnte sich ein kleiner Junge fühlen, der gerade pünktlich begriffen hat, dass er sterblich ist.

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