Die Tränen des Fleischfressers

betr: 92. Geburtstag von Sam Peckinpah (†) / SPIEGEL-Titel Nr. 8 / 18.2.2017 „Gewissensbisschen“

Mit Männerfilmen wie „The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz“ und „Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia“ ging der US-Regisseur Sam Peckinpah an die Grenze des Zumutbaren. Er schonte, wie es dann immer so schön heißt, weder sich noch seine Schauspieler/innen. Das bisher nicht auf Deutsch erschienene Buch „Peckinpah: A Portrait in Montage“ von Garner Simmons, Limelight Editions (1982), versammelt Lebenserinnerungen und Briefe des Regisseurs und Statements von seinen Kollegen.
Jedes Kapitel enthält in etwa so viel Testosteron wie ein beliebiger Film aus seinem Werk.

Ich erinnere mich daran, wie ich meinen dritten Hirsch geschossen habe. Er stand am Rande eines Abhangs, vielleicht hundert Yards entfernt. Es schneite. Ich pirschte mich an, schlich um eine Baumgruppe herum und schoss ihm in den Hals. Als ich näher kam, hing er halb über dem Rand, aber lebte noch. Und er blickte mich beim Näherkommen mit einer Mischung aus Furcht und Resignation an. Ich hätte gern gesagt: „Es tut mir leid!“ Eigentlich hatte ich ihn gar nicht töten wollen. Die Jagd hatte mich mitgerissen. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als ihm eine Kugel in den Kopf zu schießen, um sein Leiden zu beenden. Danach kniete ich im Schnee neben dem Kadaver nieder, um ihn auszuweiden, und es war mir nicht möglich, meine Tränen zurückzuhalten. Ich fühlte mich diesem Tier unglaublich verbunden. Ich hätte alles dafür gegeben, es wieder laufen zu sehen. Aber wenn man wirklich jagt, dann besteht eine enge Beziehung zwischen dem Mann und dem, was er tötet, um zu essen. Man kann das Menschen schwer erklären, die glauben, das Fleisch käme aus ihrem Supermarkt. Oder diesen Typen, die alles schießen, was sich bewegt, um eine Trophäe zu kriegen. Aber ich habe um diesen Hirsch mehr geweint, als ich je in meinem Leben geweint habe.

Fleisch spielte auch in dem Brief eine Rolle, mit dem Peckinpah auf eine Beschwerde über eine Szene in „Pat Garrett jagt Billy The Kid“ antwortete, in der Hühnern die Köpfe abgeschossen werden. (Was in Wirklichkeit mit den armen Viechern geschah, um diesen Effekt herzustellen, war noch um einiges gruseliger).

Lieber Mr. Sapiar.

Ich bin ganz ihrer Meinung: dieser Vorfall ist widerwärtig, und Sie müssen mich mit einem anderen Sam Peckinpah verwechselt haben. Ich habe noch nie ein Pferd, einen Hund oder – überraschend genug – eine Katze in einem meiner Filme verletzt. Ich habe niemals Hühner, Vogelscheuchen, Wachteln, Fasane, Enten, Tauben – natürlich wilde – Seebarsche oder Schellfische getötet, die nicht jemand aus meiner Familie dann gegessen hätte. Bei Hirschen wurden die Häute und die Geweihe immer verarbeitet. Das ist in meiner Familie seit 150 Jahren so üblich.
Was sagen Sie eigentlich zu Mỹ Lai und dass Lt. Calley ein zweieinhalbjähriges Mädchen in den Rücken schoss, als es wegrannte? War er hungrig? Vielleicht wäre es eine gute Idee und außerdem viel angemessener, wenn Sie an die Mutter des toten Mädchens schreiben würden. – Vielleicht auch nicht, denn ich hörte, sie wurde auch erschossen.
Ich freue mich, dass Sie Filme kritisieren können, die Sie nicht gesehen haben. Sie müssen Richard Nixon gewählt haben, dessen geschätzte Meinung mit der Ihren offenbar übereinstimmt. Unglücklicherweise beschäftigt er sich mit Menschenleben.
Ich danke Ihnen für Ihren Brief.

Hochachtungsvoll
Sam Peckinpah

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