William Golding Revisited

betr.: Salman Rushdie: „Sprachen der Wahrheit – Texte 2003-2020“

Heute erscheint der neue Essayband von Salman Rushdie. Einer der frischesten Texte daraus enthält ein rares Beispiel für den optimistischen Umgang mit der Corona-Krise (was nicht dem Tenor des gesamten Textes entspricht).

Ich habe mich in dieser Zeit des Öfteren William Goldings dunkler Geschichte „Herr der Fliegen“ zugewandt*, da ich in diesem Buch über die Zerbrechlichkeit der Zivilisation und über die Leichtigkeit, mit der diese Hülle zerstört werden kann, um das Barbarentum darunter freizulegen, eine schreckliche und gültige Wahrheit fand. Dann las ich im Mai 2020 einen Artikel von Rutger Bregman im „Guardian“: 1965 verschlug es eine Gruppe Schüler auf eine Insel im Pazifik, südlich von Tonga. Und ganz anders als bei Golding bauen diese Schiffbrüchigen „eine kleine Gemeinschaft mit Gemüsegarten, mit ausgehöhlten Baumstämmen, um Regenwasser aufzufangen, einen Sportplatz mit sonderbaren Gewichten, einen Badmintonplatz, Hühnergehege und ein dauerhaftes Feuer, alles von Hand gemacht mit einer alten Messerklinge und viel Entschlossenheit. Während die Jungen in ‚Herr der Fliegen‘ sich um das Feuer prügelten, hüteten die in der gelebten Version die Flamme, sodass sie über ein Jahr nie erlosch.
Die Kinder einigten sich darauf, in Zweierteams zu arbeiten, erstellten einen strikten Arbeitsplan für den Garten, die Küche und für die Wache. Manchmal stritten sie sich, doch wann immer das geschah, lösten sie den Konflikt durch eine Auszeit. Ihre Tage begannen und endeten mit Gesang und Gebet. Einer der Jungen rutschte eines Tages aus, stürzte von einem Felsen und brach sich ein Bein. Die anderen Jungen suchten nach einem Weg hinunter zu ihm und halfen ihm wieder hinauf. Sie richteten sein Bein mit Stöcken und Blättern. ‚Sei unbesorgt‘, scherzte ein Junge. ‚Wir erledigen die Arbeit, während du hier wie König Taufaʻahau Tupou herumliegst.’“
Mit anderen Worten: sie benahmen sich wie zivilisierte junge Leute, arbeiteten zusammen, kümmerten sich umeinander, und deswegen überlebten sie. Nach anderthalb Jahren wurden sie gerettet, und man fand sie in recht guter Verfassung. Das gebrochene Bein war vollkommen verheilt.
_____________________
* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.com/2017/01/23/die-schoensten-comics-die-ich-kenne-12-von-der-zerstoerung-der-demokratie/

Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Literatur abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.