Die Aufsteigerin

betr.: Leseprobe / Kind und Gesellschaft / „social correctness“

Was bisher geschah:
Herma hat das Landleben satt, und außerdem versucht ihr Nachbar, der Borkenkäfer, sie für Politik zu begeistern – und daran hat sie nun gar kein Interesse. Als Hummel hat sie zum Glück einen weniger vollen Terminkalender als ihre Kollegen, die Bienen. So beschließt sie, die Sommerferien für eine Bildungsreise zu nutzen. In der Nähe ihrer Wiese, so erzählt man sich, soll es ein altes Bauernhaus geben, in dem ein richtiger Mensch lebt. Er bewirtschaftet den Hof nicht, aber immerhin kommt er aus der Stadt – und das ist so ziemlich das Fremdartigste und Geheimnisvollste, was eine kleine Hummel sich vorstellen kann. Eines Morgens fliegt sie also los, und nach einer kurzen Weile kommt auch schon das Ziel ihrer Reise in Sicht.

Die Aufsteigerin

Als Herma das alte Haus erblickte, setzte sie gemächlich zur Landung an. Sie hatte gehört, dass Menschen, die ja nun mal nicht anders können, Grundstücke durch Tore und Räume durch Türen betreten. Zur Feier des Tages wollte sie es genauso machen.
Sie senkte ihre Reiseflughöhe so weit, dass sie unter dem eisernen Torbogen durchsurren konnte, der die Umzäunung des Grundstücks an der Nordseite unterbrach. Das Tor war zwar verschlossen, aber Herma wollte nicht kleinlich sein. Schließlich mußte sie vorankommen.

Auf den ersten Blick unterschied sich das verwilderte Gelände kaum von der Wiese, die sie hinter sich gelassen hatte. Immerhin umhüllten die Lianen, die Wicke und der Wegerich einen alten, verrosteten Traktor – eine Maschine, unter der Herma sich natürlich nichts vorstellen konnte. Und die Reste einer verwitterten Hollywood-Schaukel waren hinter einem wuchernden Brombeerstrauch gerade noch sichtbar – aber sonst war ihr der Ort recht vertraut. Alles grünte und blühte.
„Die Natur lebt und webt!“ stellte Herma enttäuscht fest. Sie hatte auf ein wenig Großstadt-Atmosphäre gehofft – aber ihr war klar, dass das eine ziemlich dumme Idee gewesen war. Für eine Großstadt war selbst dieses enorme Grundstück entschieden zu klein.
Herma setzte sich auf eine Sonnenblume und überlegte, wie sie nun weiter vorgehen sollte.
„Vielleicht“, überlegte sie, „sollte ich nicht einfach reinfliegen. Ich war ja noch nie in solch einem … Haus. Am Ende ist es da drinnen total gefährlich … Ich werde mal sehen, ob ich jemanden … nach dem richtigen Weg fragen kann. – Aber wen?“
Die Auswahl war groß. Das Summen und Zirpen, das die sommerliche Luft erfüllte, schien sogar noch lauter zu sein als draußen in der Wildnis.
Herma hielt sich die Augen zu.
„Gleich mach ich sie wieder auf“, sagte sie, „und das erste Wesen, das ich da unten entdecke, wird angequatscht!“
Sie zählte langsam bis zwölf, dann nahm sie die Hände weg – und stieß einen spitzen Schrei aus.
Sie blickte direkt in das augenlose Gesicht einer gallertartigen Gestalt. Halt – da waren ja doch zwei Augen – zumindest so etwas Ähnliches – aber die lagen weiter oben auf zwei langen Stängeln.

 Ach so. Natürlich. Eine Schnecke.
Nichts Besonderes eigentlich. Aber wo, verflixt und zugenäht, war die so plötzlich hergekommen?
Schnecke„Na, das ist ja mal eine tolle Begrüßung!“ sagte die Schnecke vorwurfsvoll. „Was hab ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht?“
„Aber nicht doch“, entgegnete Herma eilig
. „Gar nichts! Ich habe nur nicht damit gerechnet, hier jemanden zu sehen, wenn ich … die Augen wieder aufmache. Schon gar nicht jemanden, der … die …“
„Schon gut“, sagte die Schnecke etwas angestänkert. „Wir gehören nicht zu den Schnellsten. Das ist zumindest das Vorurteil,
das uns vorauseilt.“
„Äh … ja nun … ich habe so jemanden wie dich … wie Sie auch noch nie … so weit oben … also, auf einer Sonnenblume …“
Wenn Herma gehofft hatte, ihr Gegenüber auf diese Art zu besänftigen, dann war das gründlich schiefgegangen.
„Du liebe Güte, warum denn nicht?“ rief die Schnecke, und sie machte ein Gesicht, als würde sie die Last der Welt auf ihrem Rücken tragen. Dort war aber nichts – nicht mal das übliche Schneckenhaus. Danach wollte sie aber lieber nicht fragen – das hätte bestimmt wieder Ärger gegeben. Sie versuchte, etwas Interesse zu heucheln. (Lügen haben zwar kurze Beine, aber kurze Beine sind besser als nichts – besonders wenn man ein Insekt ist. Und ganz besonders, wenn man es mit einem Bauchfüßer zu tun hat.)
„Ich habe noch nie ein Weichtier kennengelernt“, begann sie ihren Smalltalk.
„„Das ist ja wirklich die Höhe!“ maulte die Schnecke. „Erst muß ich mich anschreien lassen, dann wird mir die Anwesenheit auf einer Sonnenblume nicht zugetraut, und jetzt werde ich auch noch beschimpft!“
„Beschimpft?“ – Herma war ehrlich platt.
„Du hast mich gerade ein Weichtier genannt! Streite es bloß nicht ab! ‚Weichtier‘ hast du gesagt, jawohl!“
„Ja und? Stimmt das denn nicht?“
„Weichtier ist ein abfälliger Ausdruck! Ein Schimpfwort!“

 Siehe da – die Bildungsreise hatte schon begonnen, das war nicht von der Hand zu weisen.
„Au Backe – das tut mir aber leid“, sagte Herma ehrlich zerknirscht. „Wissen Sie, ich bin zum ersten Mal von zu Hause weg und … weiß vielleicht noch nicht so recht, was sich gehört. Ich hab’s bestimmt nicht böse gemeint!“
„Das kann man wohl sagen!“ sagte die Schnecke, und es hörte sich beinahe gesungen an. „Deine Manieren sind wirklich eine Schande für jedes Blattlausrudel!“
„Würden Sie mir denn sagen, wie … wie Sie gerne … wie Sie richtig angesprochen werden?“ fragte Herma kleinlaut. „Dann kann ich es beim nächsten mal besser machen!“
Die Schnecke räusperte sich. „Also gut! Zunächst mal, gewöhn dir das Wort ‚Weichtier‘ ab!“
„Aber das sind Sie doch nunma…?“ rutschte es der neugierigen Hummel heraus.
„Schweig stille!“ fiel ihr die Schnecke ins Wort. „Schon das Wort ‚Tier‘ ist eine Frechheit. Das ist politisch völlig überholt! Heutzutage sagt man Lebewesen!“
„Aha!“ – Das hörte Herma wirklich zum ersten Mal. „Und weiter?“
„Und Weichtier ist besonders übel! Ich bin ein Lebewesen mit herabgesetztem Härtegrad.“
Also Lebewesen … Schleimlebewesen … Lebeschleimwesen?“
Du meine Güte, dieses Kind! Schleim ist abfällig! Das nennt man Sekrete! Und komm bloß nicht auf die Idee, meine Körperhaltung zu kritisieren!“
„Sie kriechen, gell?!“ – Herma wollte es jetzt wirklich wissen.
Die Schnecke beruhigte sich etwas – die Schimpferei begann sie zu erschöpfen.
„Hör zu, Kleines. Ich will mich nicht aufregen, aber … deine Ausdrücke zeugen wirklich von einem sehr negativen Weltbild!“
„Sie kriechen nicht?“
„So etwas sagt man nicht zu fremden Leuten, selbst, wenn es wahr wäre!“
„Versehe. Und was sage ich stattdessen?“
Da mußte die Schnecke selbst nachdenken.
„Hm … Ich bin eine bodennahe Lebensform …“
Nun verstand Herma gar nichts mehr.
„Bodennah. Dann ist es doch ein Ding, dass ich Sie hier oben getroffen habe!“
Die Schnecke stöhnte.
„Ach … ich glaube, du bist einfach noch zu klein. Das ist alles viel zu kompliziert für dich! Ich muß jetzt auch weiter – ich habe noch einen langen Weg vor mir!“
„Verstehe. Na dann, gute Weiterreise Sie bodennahe Lebensform mit Sekrethintergrund und herabgesetztem Härtegrad!“
Herma winkte ihr nach.
Die Schnecke antwortete nicht. Sie senkte nur gramvoll die Fühler und schob sich über den Rand der großen Blüte abwärts. Eine glitzernde Spur blieb zurück, die Herma noch Minuten zuvor für simplen Schleim gehalten hätte.
Herma war erleichtert.
„Ein Glück, dass ich nicht einfach ‚Gehwegschnecke‘ zu ihr gesagt habe!“

Aus dem Kinderbuch „Die Hummel, die zuviel wußte“

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