Systematisch verpeilt

betr.: 96 Jahre Manifest des Dadaismus

Im alten Jahr wurde viel über die Zeit vor 100 Jahren nachgedacht, als der Erste Weltkrieg ausbrach. Zwischen den Zeilen war immer wieder der Verdacht zu lesen, der damalige Zustand unserer Gesellschaft weise mit dem heutigen gewisse Parallelen auf. Diese mulmige Rückschau hat aber auch ihre heiteren Momente, z.B. Dada.
Vom Züricher „Cabaret Voltaire“, in dem sich eine Reihe hauptsächlich aus Deutschland emigrierter Künstler versammelt hatte, ging der Wunsch aus, den bestehenden Kunstbegriff zu zertrümmern und dem „Spießer“ (mal wieder) Feuer unterm Hintern zu machen. Die Ergebnisse dieser durchaus ernsten Bestrebungen bilden heute eine eigene Humorgattung.
Dichter wie Walter Mehring, Christian Morgenstern, Jakob van Hoddis und Hugo Ball, ein Pionier des Lautgedichts, bildeten die Bewegung der Dadaisten, in deren Happenings schräge Lieder und Reime zu wilder Percussion vorgeführt wurden, man hüllte sich in Umhänge aus Glanzpappe und performte zur Musik von Claude Débussy und Arnold Schönberg. Auch in der bildenden Kunst fand diese Hinwendung zum Durchgeknallten ihren Niederschlag – etwa bei Marcel Duchamp und George Grosz.

Seither wurde die Fackel dieser Anarchos fleißig hochgehalten, unabhängig von der Gefahr des unmittelbar drohenden Untergangs. Die besseren Beiträge zur „Neuen Deutschen Welle“ zählen ebenso dazu wie Teile der Nonsens-Kultur der 70er Jahre und die Soloprogramme von Helge Schneider und Rainald Grebe – und der Nachwuchs ist auch schon an der Arbeit. Inzwischen geht es natürlich längst nicht mehr um die Bekämpfung des Spießbürgers – der natürliche Feind von einst wird bestenfalls belächelt, in der Regel ignoriert.

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