„Schatzmeister Silberfisch“

betr.: 191. Geburtstag von Jean-Henri Fabre

Jean-Henri Fabre erfüllte sich im Alter von 59 Jahren einen Herzenswunsch, als er “ein Stück Land” erwarb, “nein, nicht besonders groß, aber abgeschlossen und geschützt vor neugierigen Blicken; ein Stück Land, verlassen, unfruchtbar, von der Sonne verbrannt, aber günstig für Disteln und Hautflügler. Da kann ich Sandwespe und Grabewespe befragen, ohne von Passanten gestört zu werden …” Hier lebte er über 30 Jahre bis zu seinem Tod, nachdem er die Parzelle mit einer hohen Mauer umgeben hatte. Seine Beobachtungen der hier paradiesisch gedeihenden Insektenwelt begründeten die Verhaltensforschung und sind in Fabres “Souvenirs Entomologiques” festgehalten.*
Sie sind auch eine der Grundlagen für “Die Hummel, die zuviel wußte”, das parallel als Hörspiel und als Kinderbuch entstanden ist. Hier ein weiterer Auszug …

Schatzmeister Silberfisch

Als Herma gelandet war, sah sie auf dem Fußboden eine schlanke, metallicfarbene Gestalt.
Von diesen Tieren hatte sie schon mal gehört. Das musste ein Silberfisch sein.
Gerade, als sie überlegte, wie sie jetzt ein Gespräch anfangen könnte, winkte ihr der Bursche auch schon zu.
Herma schwirrte zu ihm hinunter.
Hallo! Ich bin Herma – ich bin durch’s offene Fenster reingekommen …“
Mit anderen Worten: du hast gefensterlt!“ sagte der Silberfisch mit gespieltem Ernst.
Ach, so nennt man das. Man lernt wirklich jeden Tag etwas dazu!“
Ich mag Leute, die was dazulernen wollen!“
Wie schön. Ich bin nämlich verdammt wissensdurstig!“
Du hättest es nicht besser treffen können. Darf ich mich vorstellen? Ich bin Kuno Vadis, der Altertumsforscher!“
Tolldu!“
Und damit nicht genug! Ich habe sogar ein eigenes Insektenmuseum!“
Needu! Echt jetzt?“
Aber hallo!“
Ein Museum ist doch ein Ort mit lauter fürchterlich alten Sachen, nicht wahr?“
Oja! Schrecklich alt!“
Ich habe gar nicht gewusst, dass Insekten alt genug werden, um ein Museum zu betreiben.“
Nicht alle Insekten natürlich. Du musst wissen: wir Silberfische werden weit über zehn Jahre alt, wenn wir schön aufpassen!“
Boooah!“
Siehst du? Ich bin die große Hoffnung all jener, die den 13. Geburtstag noch vor sich haben.“
So alt hätte ich dich aber gar nicht geschätzt!“
Das macht die Ernährung. Und die Hygiene natürlich!“
Jetzt war Herma aber wirklich platt!
Hypnotisieren kannst du auch?“
Nicht doch! Nicht Hypnose! Hygiene! Ich sorge für Sauberkeit! Im Grunde ist Essen und Saubermachen bei mir dasselbe. Ich ernähre mich … sagen wir mal von dem, was der Mensch übriglässt … hm … runterfallen lässt.“
Das muß ja ganz schön viel sein. Ich glaube, so ein Mensch – auch die kleineren – lassen eine Unmenge fallen. Wie schaffst du es, so schlank zu bleiben?“
Oh, da hast du was mißverstanden. Das meiste lasse ich liegen. Trotzdem führt meine Anwesenheit zu Sauberkeit im Haus. Wenn mein Mensch mich manchmal plötzlich entdeckt, wenn er nachts im Bad das Licht anschaltet, sagt er: ‚Iiiieh! Wie schrecklich! Ich denke, es wird doch mal wieder Zeit, dass ich das Bad putze!’“
Herma hatte jetzt wirklich ein bisschen Angst um den tollkühnen Museumswärter. „Das klingt aber gefährlich! Was tust du, wenn er dich einfach wegputzt?“
Keine Bange. So schnell putzen die Preußen nicht! Erst mal flucht er immer ein bisschen, und dann geht er wieder ins Bett. Das kann dauern, bis er mit dem Scheuermittel wiederkommt. Naja – und außerdem ist er Junggeselle. – Aber nun genug getratscht! Komm mit! Ich zeige dir meine Ausstellung! Ich finde nämlich nicht nur Nahrung hier draußen sondern auch ganz tolles Gerümp… äh … dufte Exponate!“ 

Ein bisschen mühsam war das schon, worauf sich unsere Herma da eingelassen hatte. Kuno hatte hinter der Fußleiste Unmengen antiker Madenhülsen, Fliegen-Flügel und sogar einen Briefmarkenzacken zusammengetragen.
Es gab Schädlings-Skulpturen, Waben, in denen noch Honigreste klebten, und sogar ein winzigkleines Schräuchen, das der Mensch sicher schon vermißte.

Die Museumstour dauerte fast fünf Stunden.
Und auf den hier bin ich besonders stolz!“ erklärte er unverdrossen.
Uff“, sagte Herma halblaut. „So langsam tun mir echt die Füße weh.“
Wir sehen hier ein Exemplar der Gattung Elasmoscarabäus“, fuhr Kuno fort. „Das waren gigantische Raubkäfer, die im Mesozoikum – im Erdmittelalter – weltweit ufernahe Teichregionen bewohnten.“
Herma räusperte sich.
Is’ ja irre! Aber ich bin echt müüü-deee!“
Während der Kreide – des letzten Systems des Mesozoikums – starben wie alle anderen Scarabäosaurier auch die Plaesioskarabäen aus. Und als sie von der Erde verschwunden waren, traten an ihre Stelle primitivere, aber erfindungsreichere Insekten wie du und ich.“
Herma zupfte Kuno an der Schwanzflosse. – „Kuno?“
Ja bitte?“
Können wir vielleicht ein andermal weitermachen?“
Ja, schon … wieso denn?“
Also, ich glaube, wenn wir eine Uhr hätten, dann wäre es jetzt mindestens schon halb sieben!“
Kuno stutzte.
Alle Wetter, du könntest recht haben! Was sagt der Mensch dazu? Ich habe mich ja total verplaudert!“
Das ist schon in Ordnung – das ist ja auch alles total interessant, aber heute geht in meinen Kopf nichts mehr rein.“
In diesem Augenblick bemerkte Kuno, wie gerührt er darüber war, dass er schon seit Stunden eine so aufmerksame Zuhörerin hatte. Es kamen nämlich nicht sehr oft Besucher in sein Museum.
Er schlug der totmüden Herma vor, ihr ein Gästezimmer herzurichten und den Unterricht morgen fortzusetzen.
Und so machten es die beiden.
Kuno war nämlich nicht nur Altertumsforscher sondern insgesamt ein verhinderter Universalgelehrter, der Herma viel zu zeigen und zu erzählen hatte.
Und seine Besucherin blieb und blieb und blieb.
Er berichtete ihr von der Erfindung der Fliegenklatsche und des Mückensprays, schilderte ihr die großen Unruhen der Wander-Heuschrecken im Heiligen Land, brachte ihr ein Dutzend neuer Summtöne bei und zeigte ihr, dass sich Pollen auf dem Feuer garen ließen.

Nach einem Monat hatte Herma das Ziel ihrer Wünsche erreicht. Obwohl sie dem geheimnisvollen Menschen, der dieses Haus bewohnte, noch gar nicht begegnet war, hatte sie vieles gelernt, was sie sie sich im Leben nicht hätte nicht hätte träumen lassen.
Doch nun war die Stunde des Abschieds gekommen.
Tja, dann mach ich mich wohl mal auf den Weg! Danke für alles, was du mich erklärt hast. Ich glaube, die ungebildeten Krabbelviecher bei mir zu Hause werden ganz schön Augen machen!“
Gut, gut! Bevor du aber gehst, habe ich noch etwas besonders Wichtiges für dich! Das habe ich mir extra bis zuletzt aufgehoben.“
Kuno setzte ein besonders finsteres Gesicht auf und reichte Herma einen verschlossenen Umschlag.
Verwahre ihn gut! Und du musst dich unbedingt hinsetzen, bevor du ihn öffnest, versprich mir das!“
Versprochen – äh, was steht denn drin?“
Nun sei doch nicht so vorwitzig! Lies ihn zu Hause – im Sitzen!“
Okay!“
So flieg denn wohl, kleine Herma! Rechts rum und immer an der Wand lang, dann kommst du ins Wohnzimmer zurück, und da steht um diese Jahreszeit fast den ganzen Tag das Fenster offen!“
Herma schob den Umschlag unter ihren Ringelpullover.
So mach ich’s! Und nochmals vielen Dank!“

* https://www.dradio.de/hoerspiel/fabre/flash/flash.html

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1 Antwort zu „Schatzmeister Silberfisch“

  1. Edeltraud Bartzen sagt:

    So schnell werde ich kein Silberfischchen mehr fangen –
    meistens gelingt s ja ohnehin nicht!!!

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