Die wiedergefundene Textstelle (19): Eine „Acht-Dolla-Hochzeit“

betr.: Internationaler Frauentag (seit 1926) / Texte für SchauspielerInnen

Die in dieser Reihe präsentierten Texte sind kleine Schauspiel- bzw. Vorsprechmonologe, die von der (pädagogischen) Fachwelt übersehen / abgelehnt werden, weil sie nicht aus den üblichen Quellen stammen. Sie teilen sich nach meiner Einschätzung auch ohne die hier gelieferte Hinführung auf die eine oder andere Weise mit.

Hin und wieder muß sich ein Schauspieler als Energiebündel präsentieren, darf / sollte „auf die Kacke hauen“, um den burlesken Komödianten sichtbar werden zu lassen, dem nichts peinlich ist. Zu solchen Anlässen ist der Reklame-Monolog von Standesamt-Sam, der sicherlich ruchlosesten Figur aus dem Bestiarium des Satirikers All Capp, gut geeignet.
Der Comic-Strip „Li’l Abner“, der in den USA von 1934 bis ’77 erschien, brachte seinem Schöpfer vorübergehend das ehrenvolle Etikett „Swift der Comics“ ein
.
In der hier gebotenen verschriftlichten Form müssen wir auf die treffsicheren Zeichnungen zwar verzichten (… wie wäre es übrigens mit „Busch der Comics“?), aber einiges von diesem fein beobachteten Irrsinn wartet förmlich darauf, schauspielerisch neu gestaltet zu werden.

Der Schauplatz der Serie ist Dogpatch, ein Ort, der so weit auf dem Lande liegt, dass man dort keine Elektrizität kennt. Der etwas beschränkte Titelheld Li’l Abner Yokum ist ein strammer Bursche, für den die Ehe den größtmöglichen Horror bedeutet. Der gefährlichste Mann im Dorf ist folglich der erwähnte Standesamt-Sam, der nicht nur sein Geld mit der Verheiratung junger Männer verdient, er genießt auch ganz unverhohlen das Leid, das er damit über sie bringt. (Solche Frechheiten mögen der Grund sowohl für Capps lang anhaltenden Erfolg als auch für den schlechten Ruf sein, den er heute in der Fachliteratur genießt.)
In der nachfolgend beschriebenen Szene scheint die Eheschließung Li’l Abner Yokums mit seiner Dauer-Verehrerin Daisy Mae (die Marilyn Monroe zum Verwechseln ähnlich sieht) unausweichlich. Vorher will Mutter Yokum aber unbedingt wissen, warum Sam ganze „acht Dollas“ für seine Dienste verlangt. Sam antwortet:

Acht Dollas!!! Dafür krichter ne Vorstellung, von der ich mich vielleicht nie wieder erhol! Ersmal mach ich mich obn frei un sing „Heil Dir im Siegerkranz“. Denn folcht die Wahnsinnsarie aus „Lucia“ aufm Kamm geblasn – noch immer obn ohne! Un dasis erst der Anfang, ihr kricht noch viel mehr für acht Dollas! Es folcht ne Informazjon un Vorführung zum Thema „Wie betrüch ich meine Freunde beim Kaatnspieln“. Denn vier deftige Witze, die Mensch un Tier außer Fassung bringn. Un dann kommt der Höhepunkt: Ich steich aufn Baum, kipp mirn Kanister Benzin übern Kopf, zünd n an un spring brennend runter! Dabei pfeif ich „Es brennt, es brennt“, un währnd ich inner Luft bin, schießt mir Matschauge Yokum n Appel vom Kopf. Ich tanz mitm Schwein, un denn reissich mir zwei Zähne raus, die kriegn Braut un Bräutigam zur Erinnerung an diesn denkwürdign Tach! Un denn kommich in Fahrt: ich wer jedem, ders will, den Blinddarm rausnehmen – mit bloßer Hand un umsons! Was daran so teuer is? Das große Finale türlich! Ihr bindt meine Arme un Beine an vier verschiedene Wildesel un denn schießt ihr ne Flinte ab – un währnd se mich zerreißn, halt ich die Trauungszeremonie ab … wie findste das?

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