So einen hat Frau Merkel nicht

betr.: 81. Geburtstag von Klaas Akkermann

Dass in den letzten Jahren viele Hamburger Kinos geschlossen wurden, liegt nicht am Internet. Es hat natürlich mit der Kulturpolitik der Hansestadt zu tun und ganz viel mit dem zuletzt erbärmlichen Niveau des Hollywood-Mainstreams. Wenn man sich also in die 90er Jahre zurückversetzt, könnte der Eindruck entstehen, Hamburg sei damals wenn schon keine Film-, so doch eine Kinostadt gewesen, denn da gab es wenigstens das „Grindel“ noch, das „Ufa“ und das traditionsreiche Erstaufführungskino „Steit’s“. Doch auch damals lagen wir Hamburger, was die deutschen Kinokartenverkäufe anbelangte, nur auf dem kläglichen neunten Platz.
Und trotzdem kamen Leute wie Goldie Hawn, Tom Hanks, Sylvester Stallone, Dustin Hoffman oder Richard Gere, wenn sie sich auf P.R.-Tour überhaupt nach Deutschland bemühten, weitaus häufiger nach Hamburg als nach Berlin, Köln oder München.
Das lag an Klaas Akkermann.

Klaas Akkermann                           Klaas Akkermann mit einem Fan an der Bar des „Streit’s“

Üblicherweise gibt es pro Stadt und Filmverleiher je einen hauptverantwortlichen „Pressemann“. In Hamburg ließen sich vier Major-Filmstudios jahrzehntelang allein von ihm vertreten, einem Original, wie man (noch) früher gesagt hätte. (Er vertrat UIP, Warner Brothers, Columbia TriStar und die Disney-Tochter Buena Vista, zuständig für “Hamburg”, “Nord” oder “bundesweit“.)
Klaas Akkermann hatte die Stars zu betreuen (sie zur Reeperbahn zu führen und sie dort ggf. auch pünktlich wieder einzusammeln) und die Journalisten mit ihnen zusammenzubringen. Der Alltag bestand in der Organisation und Veranstaltung von etwa 500 Pressevorführungen im Jahr. Die Allerfrühesten – für die hohen Tiere der Monats- und Wochenpresse – hießen „Pinky“-Vorführungen, seit es 1963 einmal eine solche mit dem brandneuen Komödienkracher „Der rosarote Panther“ gegeben hatte. Sie fanden im unbezahlbaren 60er-Jahre-Ambiente des kleinen Studiokinos im „Streit’s“ statt.

Klaas Akkermann, ein ostfriesischer Zahnarztsohn, verströmte diesen gewissen Respekt, der bei solcher Öffentlichkeitsarbeit unbedingt vonnöten ist, war dabei aber jovial und charmant, niemals einschüchternd oder wichtigtuerisch, hatte einen enormen Mutterwitz und füllte sein Amt mit einer Selbstverständlichkeit aus, als habe er in einem früheren Leben unter dem Namen P. T. Barnum einen großen Zirkus geleitet.
Er hätte in einer Krimiserie den „kantigen, aber gütigen Vorgesetzten“ verkörpert, der jederzeit in der Lage wäre, den Panzerknacker auch selbst einzufangen. Amüsanterweise hat er im Film einen verblüffenden Lookalike: den Schauspieler Henry Bergman, der in den abendfüllenden Stummfilmen von Charles Chaplin stets eine kleine, markante Rolle spielte und als sein Assistent im Vorspann geführt wird.

Klaas Akkermann konnte so gut wie nichts aus der Ruhe bringen, und trotz seines keineswegs perfekten Englisch fühlten sie sich alle wohl bei ihm: Sean Connery, Kim Basinger, Kevin Costner, Robin Williams, Clint Eastwood … Die Allüren des Alleinunterhalters Eddie Murphy brachten ihn allerdings an den Rand seiner diplomatischen Belastbarkeit. Wenn er einen Film mit Murphy ankündigte, ging stets ein wissendes Kichern durch die Reihen der Filmjournalisten. Doch: „99,9 % der Stars sind phantastisch!“

Ein solcher Job lässt keinerlei Raum für ein Privat- oder gar ein Familienleben. „Es reicht gerade mal für eine geleaste Tochter“, pflegte er zu witzeln. Eike Hahn kümmert sich heute um ihn und um die uralte aber verlockende Idee, aus Klaas Akkermanns Geschichten(n) ein Buch zu machen. Das wäre dann wieder so eine Gelegenheit, bei der Hamburg wie eine richtige Filmstadt aussähe.

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4 Antworten zu So einen hat Frau Merkel nicht

  1. Oliver Törner sagt:

    Ein schöner Andenkartikel! Kleine Anmerkung zur Kinolandschaft in Hamburg. Bis mehr oder weniger weit in die 90er erinnere ich mich auf jeden Fall auch noch ans Broadway in der Gerhofstraße, ans knarzige Thalia an der Grindelallee und das Aladin an der Reeperbahn. Allesamt gern besucht …

    • montyarnold sagt:

      Oja, diese kleine Aufzählung war ja eben auch nur eine kleine Aufzählung. Im Aladin habe ich mal „Im Land der Raketenwürmer“gesehen – diese Monster hatten keine Chance gegen die … besondere Atmosphäre.

  2. John sagt:

    Und warum wird hier das Thalia am Grindel unterschlagen? 🙂
    Im sonntäglichen Matinee musste Godzilla regelmäßig japanische Matchbox-Autos zertreten und die liebenswerteste aller Platzanweiserin raunzte uns an, wenn die Füße wieder einmal dort lagen, wo sie nicht hingehören.
    Das war sogar vor Deiner Zeit, lieber Monty!

  3. Pingback: Zum Tode von Klaas Akkermann - Monty Arnold blogt.Monty Arnold blogt.

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