Das Viech und ich

betr.: 75. Todestag von Selma Lagerlöf

Im Fernsehen meiner Kindertage hatten Geschichten Konjunktur, in denen ein (zumeist männliches) Kind, das in Naturnähe heranwächst, sich eines verletzten Tierbabys annimmt, dieses großzieht, an der daraus strömenden Verantwortung reift und schließlich auch noch lernen muß, dass der Abschied zum Leben dazugehört, dass man kein anderes Geschöpf für immer besitzen darf. Eine Variation dieses Themas bildete die TV-Serie „Frei geboren“, in dem die Löwin Elsa zur festen Familienangehörigen eines Wissenschaftlerehepaares werden durfte.
Auch die wildeste Bestie bekam in solchen Produkten unweigerlich etwas Niedliches, und selbst die Gänse, mit denen Nils Holgersson einige Jahre später in einer recht lieblosen Trickserie auf Wanderschaft ging, bedienten dieses Klischee.
Dass Tiere dennoch nicht „possierlich“ sein müssen und dass bereits der flüchtige Kontakt mit ihnen das Potenzial hat, ein junges Leben zu verändern und mit Erfahrung anzureichern, las ich zu meiner Überraschung in den „Spider-Man“-Heften (damals noch: „Die Spinne“), die mir mein drei Jahre älterer Bruder überließ.
Noch einen Schritt weiter ging der vergessene Comic-Künstler Attilio Micheluzzi, dessen weiter unten nacherzählte Geschichte mir in Belgien in die Hände fiel, einem Arkadien der Comicfreunde. Das Tier ist weiterhin eines mit schlechtem Ruf – wiederum eine Spinne – zudem ist sein menschlicher Gegenpart keine anheimelnde Teenagerfigur mehr.
Als ich diesen Text einmal meinem Publikum vorlas, bemerkte ich, dass er sehr komisch ist. Das war mir zuvor gar nicht aufgefallen.

KAMERADEN
Attilio Micheluzzi
Übersetzt und bearbeitet von Monty Arnold

I.

Er hatte Schmerzen. Seine Arthritis setzte ihm heute ganz besonders zu, vor allen Dingen in der Schulter und im linken Knie. Seit elf Uhr heute morgen hatte er auf das Mädchen mit den Pickeln gewartet (Carol? Kathy? Er konnte sich ihren Namen einfach nicht merken), das dicke Mädchen, das ihm die Einkäufe machte. Wenn sie nicht käme, wäre er gezwungen, rauszugehen, und dieses lästige Hin und Her selbst zu erledigen. Sogar der überschaubare Weg bis zum Supermarkt war für ihn ein endloses, schmerzhaftes Unterfangen, das er sich lieber ersparte.

Er war um sechs aufgestanden, wie immer. Er hatte sich rasiert, hatte das Fenster geöffnet, um die zarte morgendliche Brise hereinzulassen, er hatte die Zeitung hereingeholt und sein obligatorisches Glas Tropicana getrunken. Das war alles, was er zum Frühstück einnahm. Tja, es hat Zeiten gegeben, da hätte er zwei große Eier, drei Scheiben Schinkenspeck, zwei bis drei Toastbrote voller Konfitüre und mehrere Tassen Kaffee verbraucht. Damals, als er noch Haare auf dem Kopf und Geld in der Tasche hatte. Und hätte es da schon diesen Supermarkt gegeben, der Weg dorthin wäre ihm gar nicht aufgefallen.
Aber das lag lange zurück. Jetzt verzichtete er nur zu gerne auf sein Frühstück. Der Hunger, wie alles andere auch, erwachte nicht mehr vor zwölf Uhr in ihm. Andererseits war es ihm fast unmöglich, nach sechs Uhr morgens noch zu schlafen oder länger als bis um neun am Abend wach zu bleiben.

Wenn gegen elf sein Magen langsam anfing, zu arbeiten, schaute er auf sein einziges Regal, oberhalb seines einzigen Waschbeckens. Dieses Regal war leer, und das irritierte ihn. Nicht so sehr, weil es leer war, sondern weil ihn dieser Umstand bei jedem Aufwachen überraschte. Sein Gedächtnis, seine ganze Persönlichkeit waren im Begriff, sich aufzulösen.

Seine Zeitung hatte er gegen acht Uhr bereits aus der Hand gelegt – nachdem er ein Viertel davon gelesen hatte. Es lief immer nach dem gleichen Schema ab: seine Augen ermüdeten schnell, und was in der Welt vorging, interessierte ihn von Mal zu Mal weniger. Daraus ergab sich ein täglicher Zeitraum von drei Stunden zwischen Zeitunglesen und Frühstücken, den es auszufüllen galt. Manchmal ging er ein bißchen spazieren, aber heute erlaubte ihm das seine Arthritis nicht.

Er hatte niemals einen Fernseher besessen, und das Radio war kaputt. Er hatte es bereits zweimal reparieren lassen, aber alles, was er dann jeweils empfangen konnte, nahmen seine Ohren allenfalls als rhythmisches Getöse wahr. Er mochte Bing Crosby, aber der war lange tot. Also blieb er nur in seinem Sessel sitzen und betrachtete die Straße, lauschte den Geräuschen des Verkehrs.
Er dachte an allerlei, vor allem an den Tod. Keine morbiden Gedanken oder irgendeine Form von Selbstmitleid. Er fürchtete sich nicht vor dem Ende. Es waren vor allem praktische Erwägungen über eine ordentliche Art zu sterben. Würde er im Bett sterben, könnten Tage vergehen, vielleicht sogar mehrere Wochen, ehe ihn jemand finden würde. Der Geruch der Leiche wäre zu diesem Zeitpunkt bereits unerträglich, und der Gedanke, sich in Gestank aufzulösen, behagte ihm nicht. Also stellte er sich ein Ende in der Badewanne vor, das Wasser kon­serviert ja ein wenig. Aber in diesem Falle würde man ihn nackt auffinden. Was war nun schlim­mer?
Gestank oder Nacktheit?
Eine schwierige Frage. Er hätte nicht einmal sagen können, warum ihn diese Formalitäten eigentlich so beschäftigten – sie taten es eben. Das war alles.

Manchmal schlief er in seinem Sessel vor dem Fenster ein, und das passierte immer häufiger – aber das war nicht tragisch, denn der Schlaf brachte Träume mit, die weitaus angenehmer waren, als das leere Einerlei des Wachzustandes. Gelegentlich verpasste er den Übergang von dem einen in den anderen Zustand. Dann erinnerte er sich des Hippie-Slogans, dass der Traum nur eine andere Form der Wirklichkeit sei.
In seinen Träumen war er stets ein junger Mann; er träumte nie von der Gegenwart. Er war immer so um die dreißig und lief so schnell, dass im der Fahrtwind in den Ohren brauste. Die meiste Zeit befand er sich im Grünen oder an einem sonnigen Strand. Immer wieder träumte er von einem Mädchen, und sie hatten Sex miteinander. Das überraschte ihn, weil er ganz vergessen hatte, was das ist und dass es schon so weit zurücklag.

II.

Er war übrigens nicht allein in seinem Zimmer. Hinter dem Wand­schrank in der Wand lebte eine Mäusefamilie. Er sah sie selten, aber sie waren häufig zu hören, vor allem nachts. Sie schnüffelten herum, stießen kleine Schreie aus, zankten sich und taten alles, was Mäuse in einer Häuserwand so tun. Am Anfang hatte er sich bei Mrs. Mendez, der Hauswirtin, beschwert, aber es geschah nichts. Sie sagte immer, die Kammerjäger seien einfach zu teuer.

Eines Nachts war er aufgewacht und hatte in die Augen einer kleinen Maus auf seiner Bettdecke geblickt. Er gab keinen Laut von sich, bewegte sich nicht, bemühte sich nur, das kleine Vieh in Stille zu beobachten, wie es über die Land­schaft seiner Zudecke spazierte, sich manchmal aufrecht auf die Hinter­pfoten stellte um zu schnuppern, die Schnurrhaare angestrahlt vom kalten Licht des Mondes. Dann war die Maus wieder hinunterge­sprungen, um den Schrank zu erfor­schen, und er war wieder eingeschlafen.

Aber nicht nur Mäuse lebten bei ihm. Der ganze Wohnblock war voller Kakerlaken, und die waren weitaus unangenehmer als die Mäuse. Er sah sie Tag und Nacht unter seinem Sessel herum- und an der Wand hinauf­kriechen. Sie waren überall, und er zermalmte von Zeit zu Zeit einige davon mit seinem Schuh oder mit der Zeitung. Eine zeitlang versuchte er es sogar mit einem Vertil­gungsmittel, doch das ging ins Geld – und half nichts.

Einmal war er mitten in der Nacht aufgestanden und hatte das Licht angemacht, weil er das Gefühl hatte, die Decke, die Wände und die Möbel bewegten sich. Seitdem stand er nachts grundsätzlich nicht mehr auf.

Er haßte die Kakerlaken. Sie waren dumm und häßlich. Nicht einzuse­hen, warum Gott sie in die Welt gesetzt hatte. Im Laufe der Zeit hatte er mehrere Techniken entwickelt, sich an den Biestern zu rächen. Seine bevorzugte Methode war, sie bei lebendigem Leibe zu verbrühen. Er hatte irgendwo gelesen, dass Kakerlaken wochenlang ohne Nahrung auskom­men können, nur brauchten sie alle zwei bis drei Tage Wasser. Also kochte er Wasser und wartete so lange, bis eine ausreichende Men­ge der Biester in seinem Waschbecken angetreten war, um zu saufen. Schnell verpaßte er ihnen die heiße Dusche und sah ihnen dabei zu wie sie zappelnd krepierten. Danach fühlte er sich besser.

Wenn seine Arthritis es ihm erlaubte, die Wohnung zu verlassen, ging er entweder in den Supermarkt an der Ecke oder er setzte sich auf eine Bank in der 103. Straße, um die Autos zu beobachten. Er wäre gerne in den Park gegangen, aber bis dorthin war es ein weiter Weg, und es kostete zuviel, die U-Bahn oder den Bus zu nehmen. Er hatte einmal drei Wochen gespart, um den Bus nehmen zu können, aber gerade an diesem Tag hatte es geregnet.

Jetzt setzte er sich auf die Bank unterhalb seiner Wohnung, aber nicht zu lange, weil die Abgase ihm Kopfschmerzen verursachten.

III.

Eines Tages, es war im vergangenen Sommer, saß er in seinem Sessel, als ein junger Poertoricaner durch sein Fenster einstieg. Das hatte ihm keine Angst gemacht, denn bei ihm war nichts zu holen. Der Junge hatte schwarze Haare, matte Haut und einen kräftigen Akzent. Er hat ihm zugerufen: „He, Opa! Bist Du allein da drin? Hör zu! Wir, die ‚Angels‘ haben diesen verfaulten Wohnblock satt. Wir werden ihn anzünden, verstehst Du? Wenn hier alles abbrennt, ist die Stadt gezwungen, uns neue Wohnungen zu bauen! Wir kümmern uns darum, aber hab keine Angst, wir werden Dich vorwarnen, Opa! Wir werden alle warnen, bevor es geschieht! Einverstanden? Ciao! Relax, Max!“

Er hätte ihn gerne gefragt, wer die „Angels“ sind (oder dieser eigenartige Mensch namens Max), aber der Junge schien es eilig zu haben und kletterte wieder hinaus.
Er ist nie mehr aufge­taucht.
Niemals hat irgendje­mand den Wohnblock abgebrannt. Schade, eigentlich.

Es war inzwischen fast zwei Uhr, und noch immer keine Spur von dem dicken Mädchen. Er konnte nur noch hoffen, dass seine Ar­thritis sich bis zum Abend beruhigen würde, damit er selbst rausgehen konnte. Aber was bedeutete schon eine ausgelassene Mahlzeit? Davon stirbt man nicht.
Zumindest jetzt noch nicht.

Sein Blick schweifte durch das Zimmer und heftete sich schließlich an den Tisch, auf dem früher das Telefon gestanden hatte. Von allen Din­gen, die er einmal besessen hatte, fehlte ihm das Telefon am meisten. Er hatte eine direkte Verbindung zur Polizei gehabt, und wenn der Apparat klingelte, bestand die Möglichkeit, daß Barry am anderen Ende war. Barry hatte in den zehn Jahren, als der Apparat noch auf dem Tisch stand, nur ein einziges Mal angerufen. Aber das hat ihn nicht daran gehindert, weiter zu hoffen. Der Anruf damals hat drei Minuten gedauert. Barry hatte ihn um zwanzig Dollar gebeten, und er hatte ihm ge­antwortet, er besäße nicht einmal fünf, dass es ihn aber sehr gefreut hätte, Barrys Stim­me zu hören und er einen gelegentlichen Anruf zu schätzen wisse.
Barry hat nicht wieder angerufen, und irgendwann hat die Post die Leitung abgeklemmt.

Er heftete seinen Blick eine ganze Weile auf den Tisch. Für einen Moment schien er sogar ganz abwesend zu sein. Er war sich nicht sicher. Jedenfalls war das der Augenblick, da er das Spinnennetz zum ersten Mal bemerkte. Es war sauber vom Tisch bis zur Wand gespannt. Er verzog das Gesicht und brummte etwas in der Art: „Mir bleibt auch nichts erspart!“
Er war nicht in der Stimmung, übermäßig auf sich zu halten, aber ein Spinnennetz in seiner Wohnung? Das kränkte ihn.
Er griff nach dem Besen, der an der Wand lehnte und war eben im Begriff, das Ärgernis zu beseitigen, als er etwas entdeckte, was ihn aufmerken ließ: eingewickelt in die Fäden hingen hier und da die ausgelutschten Überreste einiger verstorbener Kakerlaken von beträchtlicher Größe. Die düsteren Trophäen eines stolzen Jägers.
Er stellte den Besen zurück und beugte sich vor, um genauer hinzuschauen. Auf schimmernden Fäden sitzend, unscheinbar verborgen in einem konischen Tunnel, harrte der besagte Jäger. Der Körper rund, glänzend, wie ein schwarzes Ei hinabhängend, wartete er in aller Stille. Von Zeit zu Zeit tastete er mit einem Bein den Hauptfaden ab, um zu erkunden, ob sich unglücklicherweise etwas Interessantes in die klug ausgedachte Falle verirrt hätte.

Das alles faszinierte den alten Mann. Er hatte nie zuvor ein Spinnennetz aus so unmittelbarer Nähe betrachtet. Im fahlen Nachmittagslicht glänzten die Fäden wie gewebtes Gold, so als hätte der achtbeinige Schöpfer seinem präzisen Werk Leben eingehaucht. Der Greis war von der Schönheit der Linien und der Komplexität dieses Bauwerks wie hypnotisiert. Ein intensiver Schmerz im linken Knie rief ihn in die Wirklichkeit zurück, und er setzte sich wieder hin.
Er setzte seine Beobachtungen jedoch noch eine gute Stunde lang fort und hegte dabei die Hoffnung, den Künstler hinabsteigen zu sehen, um ihn genau in Augenschein nehmen zu können. Letztlich kämpfen wir doch auf der selben Seite sagte er sich.

Ein Klopfen an der Tür unterbrach seine Träumerei. Er hörte eine dumpfe, ihm vertraute Stimme. Der Türgriff bewegte sich, und das dicke Mädchen trat ein, zwei Einkaufstüten in den Armen. Die stellte sie auf den Telefontisch und streckte ihm die Hand entgegen. Er durchwühlte seine Taschen, fand nichts, zeigte mit dem Finger auf den Schreibtisch und sagte, sie solle sich rausholen, was er ihr schulde.
Das Mädchen, das übrigens Sharon hieß, bediente sich, legte sich noch einen Dollar drauf, aber das würde er nicht merken.
Jedesmal brachte sie das gleiche: sechs Pepsis, drei Dosen Gemüsesuppe, Obst nach seinem Wunsch für einen Dollar und Brot. Und Seife, wenn er welche brauchte. Das war alles, wovon er lebte. Er brach niemals Vorräte an, wenn er sie nicht sofort aufbrauchen konnte, weil sich sonst die Kakerlaken den Rest holen würden.
Wenn nun einmal die Überweisung der Rente zu spät kam und er nicht gleich bezahlen konnte, wurde sie ein bißchen pampig, kam aber doch wieder. Er wußte nicht, wo sie wohnte, und mit ihrem Namen hatte er auch gleich vergessen, ebenso wie diese Vereinbarung zustande gekommen war. Es war vermutlich schon immer so gewesen.
Normalerweise stopfte sie die Scheine in ihre Hosentasche und machte eilig, dass sie wegkam, versäumte auch nicht, die Tür hinter sich zuzuschlagen. Aber heute ließ sie sich Zeit. Die Daumen in den Schlaufen ihrer Jeans, sah sie aus dem Fenster und ließ die Blasen ihres Kaugummis platzen.
Er blieb in seinem Sessel sitzen und besah sich zerstreut ihren Hintern, versuchte, ihr Alter zu erraten – aber bei jungen Leuten hatte er da kein Talent. Sie konnte achtzehn sein, vielleicht auch zwölf. Sie streckte sich und murmelte etwas in der Art: „’s wird regnen.“
Schon der Klang ihrer Stimme langweilte ihn.
Er sah ihren Rücken unter dem grauen, schmutzigen Sweatshirt, und als sie sich reckte auch den großen weißen Fettreifen, der über den oberen Rand der Jeans hinüberschwappte. Sogar dort hatte sie Pickel.
Er fühlte sich mit einem Male sehr unwohl. Das dicke Mädchen war noch nie so lange geblieben. Soweit er sich erinnerte, hatte er sich noch nie mit ihr unterhalten müssen.
Er spürte, daß sie irgendetwas von ihm erwartete – was auch immer das sein mochte. Inzwischen roch das ganze Zimmer nach ihrem Kaugummi.
Er wollte schon zu ihr sagen: „Ich habe ein sehr schönes Spinnennetz entdeckt“, doch war ihm klar, dass das beide in Verlegenheit gebracht hätte. So schwieg er und rieb sich nur die Knöchel.
Dafür sagte sie wieder etwas: „Hab Ihnen für heute ’n paar Birnen mitgebracht.“
Er dankte ihr wortlos.
Sie ging immer noch nicht.
Was wollte sie bloß?
Er nickte nochmal mit dem Kopf. Sie glotzte ihn an. Dann ließ sie eine weitere Gummiblase knallen und sagte: „Bis morgen!“
Und ging.

Es war spät geworden. Er knipste das Licht an und räumte die Vorräte in den Brotkasten neben den Heizplatten. Er aß eine der Birnen und ließ Teewasser kochen. Die erste Cola würde er sich erst morgen genehmigen. Mit der Zeit wurde es ihm zu teuer.
Eine Schabe huschte hinter dem Brotkasten hervor und kletterte mit unverhohlener Arroganz die Wand hinauf. Er zuckte mit den Schultern – dann kam ihm die Idee.
Er nahm ein Glas, stülpte es über das Insekt, schob ein Stück Zeitung zwischen Wand und Glas und brachte alles zum Telefontischchen. Unter Schmerzen beugte er sich nach unten und besah sich den zylindrischen Tunnel. Er zog die Zeitung zurück und leerte das Glas über dem Netz.
Kaum hatte das Insekt die Fäden berührt, durchliefen sie Schwingungen, und im Tunnel regte sich etwas. Binnen eines Augenblicks kam ihr Weber auch schon herausgekrochen.
Die Spinne zögerte einen Moment im Angesicht der Schabe, die sich zappelnd zu befreien versuchte. Der Alte konnte den runden, glänzenden Rumpf genau sehen. Dann sprang sie auf das Opfer – wie ihre Zähne sich durch den Panzer bohrten, ließ sich nicht ausmachen. Das plötzliche Erstarren der Glieder aber, die allmähliche Verlangsamung ihrer im leeren Raum rudernden Bewegungen, durchtränkt vom Gift der Spinne, die hatte er registriert.
Kurze Zeit später stieg die Spinne auf den gelähmten Körper und begann mit einer rhythmischen Bewegung, ihn zwischen ihren Beinen unaufhörlich zu drehen. Die Schabe verfärbte sich, wurde hellgrau. Er wurde gewahr, dass sie sie in einem Futteral aus Seidenfäden fesselte und gefangenhielt. Als sie ganz und gar unbeweglich geworden war, nahm sie sich die Zeit, ihr die Körpersäfte auszusaugen.
Mund und Augen standen dem Alten weit offen vor Staunen.
Er bereitete den Tee zu, zog den Stuhl heran, der aus demselben Holz gezimmert war wie das Telefontischchen, und setzte sich eine Stunde lang hin, um ihrer Mahlzeit zuzusehen.
Als sie endlich auf ihrem seidenen Hochsitz platznahm, vollgestopft und satt, lächelte ihr der Alte zu.
„Hat’s geschmeckt?“ fragte er sie.

IV.

Er hatte in dieser Nacht so seine Schwierigkeiten, einzuschlafen. Er würde morgen früh in der Bibliothek ein seriöses Buch über Spinnen besorgen. Lange war es her, dass er sich derartig für eine Sache begeistert hatte. Für einige Momente haderte er mit der Idee, aus einem derartigen Anlass so in Wallung geraten zu sein – dem Abwurf fetten Ungeziefers über einem Spinnennetz – aber in seinem Alter konnte er sich rasch auf seine vermutlich einsetzende Senilität herausreden, und das versöhnte ihn mit sich selbst. Dem Genuss stand nun nichts mehr im Wege.

Der nächste Tag wurde ihm zu einem der schönsten seit Jahren. Die Arthritis besserte sich. Er ging in die Bibliothek, holte sich das besagte Buch und las es vollständig und ohne Unterbrechung. Er las dort, dass die Spinne kein Insekt sei, sondern zu der Familie der Arachniden gehörte. Er besah sich die Abbildungen: Wolfsspinnen, Zwergspinnen, Wasserspinnen … doch die vom Telefontisch fand er nirgends. Einige Seiten waren herausgerissen. Wahrscheinlich war sie dort abgebildet gewesen. Das Buch war trotzdem faszinierend.
Es wurde ihm zur lieben Gewohnheit, regelmäßig Kakerlaken für die Spinne zu sammeln. Bald war das hauchdünne Netz so voller Insektenleichen, dass die Spinne sie nach und nach hinauswarf. Er fegte sie regelmäßig auf.
Und überhaupt sorgte er dafür, dass rings um das Netz alles schön sauber blieb und nichts die Spinne störte. Und er sprach oft zu ihr, vor allem, wenn er sie fütterte – hoffend, ihr möge das nichts ausmachen.
„Na, ist das nicht ein toller Brocken“, sagte er dann. „Runter damit!“ oder „Jetzt schau dir diesen Kaventsmann an! Da verschlägt’s dir die Sprache, was?“

Gelegentlich wünschte er seiner Gefährtin einen guten Tag, wenn er erwachte. Er grüßte sie, wenn er hinausging oder von seinen nun wieder etwas zahlreicheren Spaziergängen zurückkehrte.

In den lauen Sommernächten saß er in seinem Sessel und erzählte ihr von Gott und der Welt. Er tat das ohne jedes Schamgefühl. Es wurde ihm klar, dass er eine Menge zu erzählen hatte – über seine Jugend, über ein Mädchen, das er einmal gekannt hatte. Wenn die Spinne sich jemals durch sein Gerede gestört gefühlt haben sollte, so zeigte sie es nicht. Sie begnügte sich damit, geduldig in ihrem silbernen Tunnel zu hocken und darauf zu warten, dass etwas in ihr Netz fallen möge.
Und die Tage vergingen.
Der Sommer auch.

Die beiden Kumpane aßen, schliefen und blieben in der Wohnung. Das dicke Mädchen brachte die Vorräte, er bezahlte, er ging spazieren, er setzte sich auf die Bank vor dem Haus.
Er fütterte die Spinne und sprach mit ihr. Und er dachte nicht mehr über den Tod nach.

V.

Eines Tages erwachte er früher als sonst. Er spürte einen Windhauch auf seiner Brust, stand auf, schloß das Fenster und holte sich eine zusätzliche Decke – als ihm plötzlich das Kapitel über die Kälte wieder einfiel!
Er stürzte zum Netz und fand die Spinne zu einem kleinen kompakten Kügelchen zusammengeschrumpft.
Er fuhr auf und spürte ein Stechen in der Herzgegend.
Er knipste das Licht an, fand zwei Schaben, die er in das Netz warf. Besorgt beobachtete er die Spinne – sie bewegte sich nicht.
Er stammelte vor sich hin, trat auf der Stelle und rieb sich die Hände. Das Parkett war kalt unter den nackten Füßen. Er streifte seine Pantoffeln über.
Noch nie hatte ihn etwas so verwirrt.
Er nahm auf dem Stuhl platz und redete der Spinne gut zu. Er ermunterte sie, sich zu bewegen, sie blieb ein Knäul.

Gegen Mittag hatte sich der Raum etwas aufgewärmt, und die Spinne fing an, sich kaum merklich zu regen. Doch verweigerte sie jede Nahrungsaufnahme.
Er verstand das alles nicht.
„Du wirst mir doch jetzt nicht krank werden?“ fragte er sie. Sie blieb in ihrem elenden Zustand.
Er selbst nahm den ganzen Tag nichts zu sich. Am Abend kühlte das Zimmer wieder ab, und die Spinne unterließ es, sich um die Schaben zu scheren, die er ihr serviert hatte.
Der Boden war noch kälter geworden. Er trat gegen die Heizungsrohre, schrie das Treppenhaus hinunter, Mrs. Mendez möge die Heizung hochfahren. Sie machte sich sogar die Mühe, etwas zurückzubrüllen: „Is kapuut!“
Er unternahm an die hundert Schritte und schaute nostalgisch auf das Netz hinunter. Um Mitternacht glich der Raum einer Tiefkühltruhe. Er mummelte sich in seinen einzigen Wintermantel ein und hörte nicht auf, sich trotz seiner Gelenkschmerzen im linken Bein durch die Stube zu bewegen, um sich etwas Wärme zu verschaffen.
Es herrschte ein eisiger Durchzug von der Tür durch die verkommene Fensterverkleidung. Er nahm die Decke vom Bett und klemmte sie unters Fenster. Diese Nacht verbrachte er auf dem Stuhl.
So schlief er ein, neben seiner Spinne.

Der Verkehrslärm und das gleißende Licht der Sonne weckten ihn auf. Er bückte sich und besah sich das Netz. Es schien leer zu sein, und anfangs dachte er, seine Bewohnerin hätte sich eine wärmere Behausung gesucht.
Doch als er näher herankam, sah er sie – wie eine kleine, schwarze, verttrocknete Erbse, ganz oben im Tunnel.
Er biss sich auf die Lippen und griff nach der Glühbirne, um das Tier damit zu wärmen. Dabei stieß er laute Seufzer aus. Den Stuhl schob er unters Licht und zerrte an den Stromleitungen, die nur sehr provisorisch an der Decke befestigt waren.
Er war zweimal kurz davor, den Halt zu verlieren, und es war ihm klar, dass er nach der Landung nicht wieder hochgekommen wäre.
Als er genug Kabel abgerupft hatte, positionierte er die Birne über dem Tischchen und befestigte die Leitung provisorisch mit Klebeband an der Decke. Dann nahm er auf dem Stuhl platz und starrte voller Erwartung auf das Netz.
Eine Viertelstunde lang passierte nichts. Dann, es war gegen zehn Uhr, streckte die Spinne wie in Zeitlupe ihre Beine aus. Der Greis lächelte und stand sogleich auf um ein frisches Insekt zu holen. Die Kälte hatte sie alle in das Mauerwerk getrieben. Er mußte sie mit Lebensmitteln hervorlocken. Er fing ein besonders mächtiges Exemplar und beeilte sich, es abzuliefern.
Die Spinne wartete keinen Augenblick; er schaute ihr lachend dabei zu, wie sie sich darüber hermachte.

Es klopfte.
Herein kam das Mädchen, die Arme voller Vorrräte, die sie auf das Telefontischchen legte. Sie baute sich vor dem Fenster auf, die Hände in die Hüften gestemmt, er selbst ging deutlich auf Abstand, um ihre Aufmerksamkeit von dem Netz abzulenken.
Das Mädchen … richtig: Sharon! … blieb lange vor dem Fenster stehen. Irgendetwas hatte sich bei ihr geändert, aber was? Er kam erst nicht darauf, dann fiel ihm auf, dass sie statt der Jeans ein Kleid trug und dass sie keinen Kaugummi kaute.
Warum blieb sie schon wieder so lange vor dem Fenster stehen? Er wollte sie loswerden, um sich wieder seiner Spinne widmen zu können.
Sie drehte sich schließlich um und setzte sich mit ihrem breiten Hintern auf die Fensterbank. Sie starrte ihn an, mit einem merkwürdigen Ausdruck in den Augen. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie sich ziemlich ungeschickt geschminkt hatte. Sie hatte etwas Entschlossenes, fast Streitsüchtiges. Plötzlich sagte sie völlig unvermittelt: „Die Kerle sind echt anstrengend, aber was soll’s?“
Er wusste es auch nicht und schwieg vorsichtshalber. Ein Zucken fuhr über ihr Gesicht. „Ich komme schon klar! Ein Mädchen sollte wissen, wie es seine Reize einsetzen muß!“ Ihre Stimme bebte herausfordernd. Sie öffnete ihre Bluse mit einer ruckartigen Bewegung. „Sehen Sie das? Na, was sagen Sie jetzt?“
Völlig unvorbereitet starrte er auf zwei bleiche, nicht völlig makellose Halbkugeln.
Quälende Sekunden verstrichen, in denen sich nichts im Raum bewegte.
Auf einmal entrang sich ihr ein undefinierbarer Laut. Im Sauseschritt stürzte sie nach draußen und flüchtete durch das knarrende Treppenhaus – ohne die Tür geschlossen und das Geld an sich genommen zu haben.
Er wartete einen Moment, um sich zu vergewissern, dass es vorüber war, dann schloß er die Tür, blinzelte und kehrte zu seiner kleinen Patientin zurück. Sie fühlte sich wieder restlos wohl und thronte inmitten ihres Netzes. Er lächelte und beobachtete sie noch eine Weile.
Er bereitete den Tee zu und aß einen der Äpfel, die das Mädchen mitgebracht hatte.
Das Licht ließ er die ganze Nacht brennen.

VI.

Am nächsten Morgen besorgte er sich ein neues Buch – es war das vierte zu diesem Thema – und kaufte im Supermarkt eine Ersatzglühbirne.
Seine Arthritis spielte ihm manchen Streich. Er hatte Mühe, die Treppe zu seiner Wohnung hinaufzukommen.
Als er die Tür öffnete, stieß er einen spitzen Schrei aus.
Barry saß in seinem Sessel, hinter ihm stand seine schwangere Frau, in der Hand ein Staubtuch.
Barry stand ruckartig auf, ein gepresstes Lächeln im Gesicht. Er packte ihn bei den Schultern und lobte, der alte Knabe sei ja wirklich noch in Topform.
Er stellte ihm seine Frau Annie vor, meinte, das Baby sei bald fällig und fragte ihn, ob er dem jungen Glück etwas Geld borgen könnte.
Annie blieb schüchtern hinter ihrem Mann – das offensichtliche Ergebnis einer sorgfältigen Stellprobe. Sie habe ein wenig geputzt, sagte sie. Das sei doch das Mindeste.
Mit den Augen durcheilte der Alte das Zimmer – und bekam einen Schock. Das Geschirr war gespült, die Fenster geputzt, der Abfalleimer geleert, das Parkett geschrubbt … er schrie und fuchtelte mit den Armen.
Er brachte kaum einen Ton heraus.
Das Telefontischchen war frisch gewachst, das Netz war verschwunden.
Er brülltee die beiden an, trampelte zornig auf der Stelle, ließ sein Buch auf den Boden fallen. Heiße Tränen rannen ihm über das Gesicht.
Barry wich zurück. Auch Backe, was war denn hier los?
Annie zupfte an seinem Hemd und arbeitete sich rückwärts zum Ausgang vor.
Ich sagte dir doch, der hat selber nichts“, flüsterte sie mehrmals.
Dann ging es polternd abwärts.
Von unten schrie Barry noch: „Alter Spinner!“
Dieser Ruf hallte dem Alten noch lange in den Ohren, nachdem er, am ganzen Leibe zitternd, in seinen Sessel gesunken war.
Er blieb den ganzen Tag so sitzen, schaute in die leere Ecke, wo einmal das Netz gewesen war.

Mit der Nacht kühlte der Raum ab. Sein Körper bat ihn, er möge aufstehen und sich schlafen legen. Doch sein Geist wollte davon nichts wissen. Er starrte noch immer in die leere Ecke.
Annie hatte die Decke vom Fensterbrett genommen und irgendwohin weggeräumt. Die Kälte konnte sich ungehemmt im Zimmer ausbreiten.
So blieb er sitzen – drei Tage lang, ohne sich zu bewegen. Von Zeit zu Zeit schlief er ein, doch die meiste Zeit fixierte er die leere Ecke. Er sah keinen Grund, den Platz zu wechseln. Also blieb er, wo er war.
Am Morgen des vierten Tages war er so geschwächt, dass er gar nicht mehr hätte aufstehen können.
Das dicke Mädchen war nicht wieder aufgetaucht.

Als er aufwachte an jenem Nachmittag – die Sonne erhellte den ganzen Raum – spürte er einen entsetzlichen Schmerz in Armen und Knien. Die übliche Arthritis, doch schlimmer. Der Schmerz ließ ihn aufstöhnen.
Plötzlich, zu seiner großen Freude und Überraschung, sah er die Spinne auf der Armlehne seines Sessels herumklettern. In seinen müden Augen flackerte es kurz.
Es fehlte ihr ein Bein. Sie war Annies gründlichem Putztuch nur knapp entronnen. Er streckte ihr einen zitternden Finger hin. Der schwarze Körper erklomm seine Hand. Er spürte einen kurzen Stich in der Fingerspitze, der schnell wieder verging, und lächelte als er sah, dass die Spinne ihr Netz zwischen der Armlehne des Sessels und seinem Bein zu weben begann.
Die Schmerzen in den Schultern und Knien verschwanden mit dem letzten Licht der Abendsonne, und er wußte, sie würden nicht wiederkommen. Als nächstes verschwand sein Augenlicht – es war ihm gleich.
„Willkommen“, flüsterte er der Spinne zu. Es war für lange Zeit der letzte Laut in diesem Raum.

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1 Antwort zu Das Viech und ich

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