Ich sehe tote Filme!

betr.: 27. Geburtstag von Haley Joel Osment

Hat man keine Kinder und interessiert sich nicht für Autos, erkennt man vor allem an den Medien, wie die Zeit vergeht.
Wer 40 oder älter ist, wird es schon bemerkt haben: Filme aus den 80er Jahren altern am schnellsten. Während man freilich auch jedem anderen Jahrzehnt sofort anmerkt, dass es vorüber ist, bringen doch die meisten ein bißchen Glamour mit, einen Look, ein Feeling, der in ihren Erzeugnissen weiterswingt. Sogar die 70er machen im Rückblick einen unerwartet stilwilligen Eindruck. Mit dem Ausbruch der 80er Jahre setzt nicht nur eine bis dato physikalisch unmögliche Geschmacklosigkeit ein, was Möbel, Klamotten und Frisuren betrifft, es wird auch an der Technik gespart. War es immer ein Anliegen der Unterhaltungsindustrie gewesen, Bild- und Tonqualität eines Produktes zu verbessern, wurde nun plötzlich gespart: der Ton wurde dumpf, wo immer möglich wurde von Filmmaterial auf Videotape umgestellt – was zu diesem Zeitpunkt besonders unbefriedigend war (vor allem in den USA). Sogar Kinofilme aus jenen Jahren sehen häufig aus wie VHS-Raubkopien.

Ein von mir geschätzer Filmhistoriker bemerkte denn auch einmal mit selbstverständlicher Beiläufigkeit, die letzten Filmklassiker seien in den 70er Jahren entstanden (eine Ansicht, die unter Fachleuten nicht unpopulär ist, aber es ist nicht ratsam, sie verbal zu äußern.)
Worauf wir uns vermutlich alle verständigen können: auch Klassiker kommen in die Jahre. Sie altern nur nicht alle gleich schnell und alle gleich gut. Wo auch immer wir die Rote Linie ziehen, die Aktuelles von Vintage trennt – viele Filmklassiker, die diese Bezeichnung verdienen, sind schon im Rentenalter.
Ein Regisseur, der seinerzeit als verstörend innovatives Genie galt, hat den test of time besonders schlecht bestanden – und das, obwohl sein etwas voreiliger Durchbruch in die Monate der Jahrtausendwende fällt, als sich das mediale Niveau längst wieder etwas normalisiert hatte. Die Rede ist von M. Night Shyamalan.

Sein früh als zukünftiger Klassiker gehandelter Horrorthriller „The Sixth Sense“ ist derartig rapide verfallen, dass sich ein neuerliches Ansehen schon wieder lohnt.
Als ich ihn vor einer Zeit wiedersah, galt das Grauen weniger den wandelnden Leichen als meiner früheren Wertschätztung.
Zunächst einmal leidet der Genuß des Werks unter der Kenntnis seiner Pointe. (Das muß nicht zwangsläufig so sein! „Psycho“ kann man auch immer wieder mit Gewinn betrachten, die umgekippte Freiheitsstatue am Ende von „Planet der Affen“ erwartet man geradezu mit Freunden.) Wenn man
„The Sixth Sense“ wiedersieht, fallen einem seine Unzulänglichkeiten lawinenartig auf die Füße: das stummfilmhafte Pathos, die schon in diesem Frühwerk wuchernde Selbstbesoffenheit der Erzählung, die Brüchigkeit der hier gelegten falschen Fährten. – Dass Bruce Willis die ganze Zeit nicht gemerkt haben will, was mit ihm los ist, würden wir heute nicht einmal dem Helden einer Soap zubilligen.
Hinzu kommt ein sicher unfairer Reflex, den ich nichtsdestotrotz nicht abstellen kann: ich gehöre zu denen, die Shyamalans folgende Werke nicht ausstehen konnten – am ehesten vielleicht noch „Happening“. „Unbreakable“ fand ich geradezu abseitig. Schlimmer aber war diese selbstbesoffene Mystery-Fratzenschneiderei, die sich zudem standgasartig wiederholte. (Sie wird besonders greifbar in Shyamalans glotzäugigen Gastauftritten.)

Selbst ein nach wie vor beachtlicher und sehenswerter Film wie Alan Parkers „Fame“ (1980) wirkt heute in seiner Dramatik etwas betulich. Themen, die hier noch sehr grundsätzlich und mit einem gewissen Wagemut behandelt werden, hat unsere Gesellschaft (glücklicherweise) inzwischen so kräftig durchgekaut und abgenagt, dass das Werk genau da aufhört, wo man gern ansetzen möchte.
Bei „The Sixth Sense“ kommen diese Abnutzungserscheinungen noch dazu. Man möchte seinen noch immer imposanten kleinen Helden, Haley Joel Osment, trösten und schnell weit fortbringen von diesem Irrtum.

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