„Sie! Das war Beamtenbeschädigung!”

betr.: 86 Jahre „Big Business“ mit Laurel & Hardy

Im sonnigen Kalifornien machen Stan und Ollie als Christbaumverkäufer keinerlei Umsatz – zumal das Osterfest weitaus näher liegt als der 1. Weihnachtstag. Nach einer Reihe von Demütigungen an diversen Haustüren wollen die beiden es wirklich wissen. Als Testobjekt bietet sich der schnauzbärtige James Finlayson an (ihr archetypischer Gegenspieler), denn er weigert sich besonders ausdrücklich, einen Weihnachtsbaum zu kaufen. Es kommt zu einer Auseinandersetzung, bei der nicht nur der Dienstwagen unserer Freunde samt „Geschäftsbäumen“ und das Haus von Mr. Finlayson zerstört werden, sondern sogar sein Gartengrundstück – Abholzungen inbegriffen. Ein frühzeitig hinzukommender Polizist, protokolliert lieber als einzugreifen – bis ein Spaten auf seinem Fuß landet und längst alles im Eimer ist.

Für viele ist „Big Business“ „der komischste Zweiakter der Kinogeschichte“. Das ist naturgemäß eine Vereinfachung (die kurzen Tonfilme des Duos halten auch noch allerlei bereit!), und doch trifft es den Kern der Sache. Die anarchische Komik, für die das sogenannte Sahnetorten-Kino steht, ist in diesem Film gleichsam wie in Lehm gebacken – und das schließt so unterschiedliche Stile mit ein wie die den des Melancholikers Chaplin, den des stoisch-athletischen Poeten Buster Keaton und die Verfolgungsjagden der vertrottelten Keystone Kops. Man besudelt einander, zerstört des anderen Eigentum / Kleidung / Ehre, aber niemand wird körperlich verletzt oder auch nur gefährdet; es gilt beinahe: man bleibt Freund.

Die drei tragenden Stilmittel von Laurel & Hardy sind fast verschwunden. Double Take und Slowburn werden nur angedeutet, und die Kunst des Tit For Tat wird stark variiert. Normalerweise wartet jeder Kontrahent brav seine Misshandlung durch den Gegner ab – eine Bepinselung mit Schmieröl oder Honig, das Ruinieren der Kleidung, die Schändung des Haarteils – um dann ebenso ungestört zuzuschlagen, sobald er wieder an der Reihe ist. Es gehört in dieser seltsam heilen Welt zum guten Ton, den anderen bei seiner Rache nicht zu unterbrechen, und es hat auch etwas mit Neugier zu tun. Anders in „Big Business“: diesmal widmet sich nach kurzer Anlaufzeit jeder der Habseligkeiten des anderen. Finlayson nimmt sich das fahrende Geschäft der Herren vor, und Stan und Ollie tun etwas, was der Amerikaner „to wreck a home“ nennt. Die Aufhebung dieser Anstandsregel führt zu einer Eskalation jenes Irrsinns, der den klassischen Slapstickfilm ausgezeichnet hat.

„Big Business“ ist der letzte Stummfilm von Laurel & Hardy – nach einer etwa zweijährigen Übergangszeit, in der ihre Werke parallel in einer stummen und einer Tonfassung entstanden. (Die deutsche Synchronfassung basiert allerdings auf der stummen Version.)
Der Tonfilm beendete die Karrieren der meisten Filmstars, und die Slapstick-Comedy war überdies als Genre besonders betroffen, da sie so sehr auf die Beweglichkeit der Kamera angewiesen war und viele Gags auf dem Fehlen eines akustischen Realismus beruhten.

Laurel & Hardy meisterten den historischen Umbruch mühelos, und das lag weniger am zweijährigen Üben. Ihr Humor war so gültig, so selbstverständlich, dass er immer beide Seiten hatte – oder sagen wir: alle 360°.

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