Sind wir schon auf Sendung?

betr.: Nationalfeiertag der Vereinigten Schnüffel-Staaten von Amerika

Satiriker und Humoristen hoffen insgeheim immer, ein von ihnen verfasster Text könnte sich im Nachhinein als prophetisch erweisen. Meistens wird daraus nichts. Was auch nur halbwegs aktuell ist, liest sich schon Monate später wie beim Aufwischen unterm Tisch gefunden.
Der folgende Text aus meinem ersten abendfüllenden Soloprogramm machte mir in den vielen Jahren seit seiner Entstehung immer wieder große Freude: zuerst bei der Volkszählung Ende der 80er (die noch Gegenstand heftiger Proteste war), dann bei den mehrfach aufflackernden Diskussionen um den „Großen Lauschangriff“, beim Sturm auf das Ministerium für Staatsicherheit durch wiedervereinigte Bürgermassen, beim Siegeszug der sozialen Netzwerke, der letzten Volkszählung (für die sich keine Sau mehr interessierte), der Snowden-Affäre, der Merkel-
Handy-Affäre usw. usf.
Der innere Jubel nahm kein Ende mehr.
Wenn ich könnte, würde ich mir selbst den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleihen.

Weynand und das magische Auge
aus „Die besonders frühen Jahre“ (1987)

Weynand war ungemein verblüfft, als er erfuhr, dass es in seinem Lande Institutionen gebe, denen es möglich und erlaubt sei, winzige Kameras in privateste Wände einzupflanzen, die ein breites, vollständiges Bild des Raumes optisch wie akustisch einfangen und dem interessierten Empfänger zusenden könnten, sommers wie winters, rund um die Uhr.
Arbeitskollege Kornhinz setzte ihn im Rahmen einer freundschaftlichen politischen Beschwatzung von diesem Phänomen in Kenntnis.
„Die kommen in deine Wohnung, wenn du arbeiten gehst!“ sagte er. „‘ne halbe Stunde später ist die Wanze installiert, und die Kerle verschwinden wieder. Spurlos!“
Weynand war von diesem Tage an felsenfest davon überzeugt, dass sich auch in seiner Wohnung eine solche Anlage befinden müsse, war er doch der Polizei schon mehrfach durch allerlei Parksünden und die eine oder andere Beamtenbeleidigung aufgefallen. Im übrigen weigerte er sich seit nunmehr zwei Jahren beharrlich, den Haarkünstler aufzusuchen. Sein Haupthaar stand in voller Blüte. Der Eindruck, in ihm einen Staatsfeind vor sich zu haben, war durchaus herzuleiten.
Aber sicher! Es gab garantiert ein solches Überwachsungsgerät bei ihm!
Aber, was tun? Wie sollte er es finden?

Weynand begnügte sich zunächst damit, erst einmal den ungefähren Standort der Wanze auszumachen. Er stellte sich an jede Wand seiner Wohnung und versuchte von dort aus, den Raum zu überblicken. Mit dieser subtilen Strategie gelangte er zu der Überzeugung, die Wanze müsse sich wohl an der Ostwand seines Wohnzimmers befinden, denn dies sei der günstigste Platz im aufschlussreichsten Raum seiner Wohnung, pflegte er doch hier – allabendlich vor dem Zubettgehen – seine Monologe über den vergangenen Tag zu halten, was den Kollegen vom Verfassungsschutz ja unweigerlich bekannt sein musste.
Er setzte sich nun der besagten Wand gegenüber und dachte nach, wie denn dem Übel am besten beizukommen sei.
„Ich werde bei meinen Ausführungen in Zukunft natürlich weniger Wert auf eine deutliche Aussprache legen“, sagte er sich. „Schließlich können mich diese Düsterlinge ja auch hören.“
Er überlegte weiter.
„Darüberhinaus werde ich die Fülle meiner mimischen und gestischen Kunststückchen bei solcherlei Gelegenheiten drastisch einschränken.“
Nach einer Weile kam er zu dem Entschluß, seine Beobachter richtiggehend zu langweilen.
Jawohl!
Er wollte ihnen einfach fortan nichts mehr bieten, was sie beobachten konnten. Er wollte sich einfach nur noch in jeder freien Minute vor die Ostwand seines Wohnzimmers setzen und die Wanze, wo sie auch nun genau befestigt sein mochte, mit einem bewegungslosen, stoischen Blick anöden. Auf diese Weise mußten die Herren Spione ja irgendwann begreifen, welche Fehlinvestition diese Anlage darstellte.
Wenn er nach Hause kam, begrüßte er die Überwachungseinrichtung mit freundlicher Kälte und sagte dann nichts mehr.

Weynand betrieb diese Taktik etwa drei Monate lang mit stetig wachsender Akribie und sichtlichem Vergnügen.
Er stellte sich vor, wie tödlich langweilig diese Angelegenheit für jene sein mußte, die ihn zu überwachen hatten.
Wäre doch gelacht, dachte er sich.
Mit der Zeit jedoch wurde sein Eifer von der Vermutung getrübt, die Wanze könne ja längst entfernt worden sein.
Das war sogar anzunehmen, hatte er sich doch in den letzten Monaten strikt geweigert, ihrer Existenz einen Sinn zu geben. Genaugenommen hatte er sie sogar ihrer Funktion beraubt und damit ihre gnadenlose Demontage provoziert.
Ein beklemmendes Gefühl der Scham befiel ihn bei diesem Gedanken.
Noch nie hatte sich jemand auch nur annähernd so sehr für ihn interessiert; noch nie war er von seinen Mitmenschen auch nur bemerkt worden, wenn er sich nicht ausdrücklich dafür eingesetzt hatte.
Nun hatte es einmal jemand von allein getan, und er reagierte derart schäbig darauf.
Und wenn es auch nur eine blöde Wanze gewesen war, es wurmte ihn aufrichtig.
„Sind Sie noch da?“ rief er. „Tja, ich war wohl nicht besonders gesprächig in letzter Zeit – der Wetterumschwung, mein Blutdruck, wissense – macht ja auch nichts.
Ach, ich MUSS Ihnen was Tolles erzählen. Sie werden’s nicht glauben, aber mir ist da neulich eine Sache passiert …
Aber ich könnte Ihnen natürlich auch was vorlesen.
Möchten Sie Tee?
Ich geh‘ mir nur schnell was Hübsches anziehen – bleiben Sie dran!“

Leider brachte auch der neue Kurs keinen rechten Erfolg.
Selbst, als er sich mit geblümter Krawatte etwas menschlicher gestaltet hatte, höhnte Weynand nur die Stille an.
Das war wirklich kein gutes Zeichen.
Und er suchte verzweifelt die Ostwand seines Wohnzimmers ab, aber er fand nichts.
Und ebenso ergebnislos blieb die Suche an allen anderen Wänden der Wohnung.
Damit war der Fall klar: die Überwachungseinrichtung mußte wieder entfernt worden sein.
Seither wartet Weynand auf eine neue Chance.

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