Die wiedergefundene Textstelle (25): Geständnis eines Filmliebhabers

betr.: 93. Todestag von Carl Großmann

Der folgende Text ist ein feiner kleiner Schauspiel-Monolog, weshalb er in dieser Reihe präsentiert wird. Er stammt von Ed McBain, dessen Leben und Werk in einem brandneuen E-Book* gewürdigt wird: „Cops in the City. Ed McBain und das 87. Polizeirevier. Ein Report.“ von Frank Göhre und Alf Mayer. Freundlicherweise darf ich ihn daraus zitieren:

Ein Geständnis

„Den ganzen Film über hat sie hinter mir geredet. Die einzelnen Rollen angesagt. Ach, guck mal, da ist der Ehemann! Ach, guck mal, jetzt kommt der Freund rein! Huh, da ist ein Löwe! Huh, sogar zwei! Dann die Schauplätze. Das ist ihre Farm. Jetzt sind sie im Dschungel. Das ist die Praxis des Arztes. Er ist der Arzt. Vorabkommentare zur Handlung. Bestimmt schläft sie mit ihm. Bestimmt findet der Mann es raus. An einer Stelle, als der Arzt sagte: ‚Sie haben Syphilis‘, sagte die Frau hinter mir: ‚Sie hat was?‘
Ich habe mich umgedreht und gesagt: ‚Sie hat Syphilis, Madame!‘
Und sie hat gesagt: ‚Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten, ich habe mit meinem Mann gesprochen.‘
Ich habe mir weiter den Film angesehen – habe es versucht. Die Frau hat gesagt: ‚Egal, was es ist, ich glaube, sie hat es von ihrem Mann.‘
Den ganzen Film über habe ich mich beherrscht, habe das ständige Geschwätz über mich ergehen lassen.
Dann, gegen Ende des Films, konnte ich es nicht länger ertragen. Da ist eine lange Grabrede, Meryl Streep liest so ein hübsches Gedicht vor, und dann entfernt sie sich vom Grab und blickt in die Ferne, und wir wissen, was sie in diesem Augenblick empfindet, und die Frau hinter mir sagt: ‚Die Frau bei dem Ehemann – das ist die reiche Erbin, die er geheiratet hat‘. Ich habe mich umgedreht und gesagt: ‚Madame, wenn Sie reden wollen, warum bleiben Sie dann nicht zu Hause und sehen fern?‘ Sie hat erwidert: ‚Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen sich um Ihre eigenen Angelegenheiten kümmern!‘
Und ich habe gesagt: ‚Das hier ist meine Angelegenheit. Ich habe für diesen Platz bezahlt.‘ Und sie hat gesagt: ‚Dann bleiben Sie auf dem Platz sitzen und halten den Mund.‘
Und da habe ich sie erschossen.“

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* erschienen im CulturBooks Verlag

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