Plunderling – Das erotische Werk

betr.: 133. Geburtstag von E. T. A. Plunderling

Sie alle kennen und verehren den großen latverianischen Propheten, Trunkenbold und Heimatdichter E.T.A Plunderling, den berühmtesten Vertreter seines Landstrichs im Bereich der Früh-Romantik, des beginnenden 19. Jahrhunderts also.
Bislang galt es – einem geflügelten Kritikerwort zufolge – als „ungewiß ob er überhaupt jemals die Toilette besucht, geschweige denn sonst etwas mit seinen Weichteilen angestellt hat“.
Nun, es waren andere Zeiten. Die Kirche hatte im Falle einer sexuellen Tätigkeit das Fegefeuer ausgelobt, die Mediziner versprachen jedem eine Rückgratverkrümmung, der es wagte, selbst Hand an sich zu legen, und die führenden Handelsnationen schoben sich das Urheberrecht für die großen Geschlechtskrankheiten gegenseitig in die Schuhe.
In diesem Zusammenhang verwundert es nicht, daß die latverianische Nationalbibliothek in Zusammenarbeit mit dem dortigen Staatsarchiv und der örtlichen Brauerei erst jetzt bereit ist, einen Einblick in das erotische Schaffen des großen Dichters zu gewähren, ein Schaffen, das – wie wir deutlich sehen können – Ausdruck großen, wenn auch unerfüllten Verlangens gewesen ist.

Wir wollen gemeinsam einen kurzen Streifzug durch Leben und Werk des Meisters wagen. erstmals in den sekretfroheren seiner Arbeiten gründeln, dabei aber seine Welt, das Biedermeier, nicht aus den Augen verlieren.

Wir erinnern uns. Im Alter von 20 Jahren – zwei Jahre, bevor Plunderling zum ersten Mal in seinem Leben einen nackten Menschen zu Gesicht bekommt – wird er an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen aufgenommen. Im Jahr darauf schwere Typhuserkrankung. Seelische Ernüchterung. Völlig mittellos. Wird von holländischen Wirtsleuten unentgeltlich gepflegt. Die Ursache seiner Krankheit wird von den Biografen in der hier evozierten Begebenheit vermutet.

Herbstsonate

Von süßer Huld umbrandet und umbrauset
steh stumm in Deiner Straße ich.
Wie ringsumher der Regen das Blut in meine Lenden sauset
und selbst mein Zeh pocht fürchterlich.

Am Ende bist Du fortgezogen
schon längst in eine andre Stadt,
bist wie im Herbst davongeflogen,
ein schillernd buntes Ahornblatt.

 Wie gerne tät ich Dich entblättern,
der Baum vor mir, der tut grad solch,
und gleich danach – ach weh, ich schweige!
was bin ich für ein Sittenstrolch!

Danach Rückkehr nach Emselsau. Bei allmählicher Genesung rege folkloristische Tätigkeit. Plunderling spielt mit dem Gedanken, als Bienenzüchter in Brasilien ein neues Leben zu beginnen.
Das wird aber nichts. Stattdessen: unerfüllte Gefühlsregungen für eine Seifenverkäuferin aus einem Nachbarflecken. Aus diesem Anlaß: kühner Wechsel in ein neues Reimschema.

Acromegalie

Du sitzt auf meiner Leber, einem bösen Dämon gleich
an ein Geschwür gemahnend
das sich brandig faulend
langsam weiter aufwärts frißt
und weiter und weiter
bis kurz vor die Kammern meines Herzens
doch, Haaresbreiten nur davor,
dem armen Ding den Todesstoß versagend,
nagst Du Dich weiter Richtung Schlüsselbein
den Unterleib verschmähend –
wie so oft!
Scheibenkleister
elendiglicher
Murks
Verdammter!

Im Jahr danach Beginn der Freundschaft mit Johanna Lifczik. In den nächsten zwanzig Jahren häufiger Gast im Lifczik-Haus in Frankfurt am Main. Die Beziehung bleibt platonisch.
Die Zeit der berühmten Aufsätze für die „Illustre Welt“, z.B. „Das Messer des Dicken“, „….“ und „Die Herzogin läuft Schlittschuh“, alles Ausdrücke verdrängten Dranges – und außerdem: der geheime erotische Zyklus „Die konstante Nymphe“, dem diese Zeilen entnommen sind.

Im Salon

Seit Viertel sechs schon starr ich voller Flehen
Zu Dir und Deinem Tische hin
Ich seh bereits den Tag sich neigen
Und scheue mich, die Brunst zu zeigen
Schon drängt mein Harn – allein, ich will nicht gehn.
Ich warte feige auf ein Zeichen
Auf einen Blick oder ein „Hm“
Ein Knarzen nur, ein schlichtes Knurren
Ein Dir Dein Hutband fester Zurren
Ein Kratzen nur an Deinem Knöchel
Ein angeödet’s Luftgefächel
Willst Du nicht einmal erbarmen
Doch nur zu wedeln mit den Armen
Ein flüchtig in der Nas sich Bohren
Ein leises Puhlen in den Ohren
Ein Rülpsen und Vornüberkippen
Ein Finger-in-den-Kaffee-Stippen
Ein Schnarchen, Niesen, leis Vibrieren,
Ein Zucken oder Kollabieren,
Ein Stehen auf der linken Hand –
Ja, ist denn das zuviel verlangt
Ach selbst, wenn’s nur ein Starren wäre,
Woanders hin als in die Leere
Ein heitres mit der Zunge Schnalzen
Und froh über den Boden Walzen
Ein Rad geschlagen und – ratz-fatz –
Säßt wieder Du auf Deinem Platz

Und sei’s ein Wedeln mit den Ohren
Ein sich Errichten Deiner Poren
Ein Blähen Deiner holden Nüstern
Ein Husten, Zischen, lüstern Flüstern
Ein Rollen mit den Hühneraugen
Ein Zutzeln, Zuutschen oder Saugen
Ein kecker Biß ins Handgelenke
Ein Recken, ein Herumgerenke
Ein Mahlen mit den Backenzähnen
Ein Prusten, Gackern oder Gähnen
Ein Splittern, Bersten oder Knacken
Ein leichtes Schrumpeln, hint’ im Nacken
Ein Rascheln mit der Morgenzeitung
Ein Blubbern in der Wasserleitung
Ein Friemeln in den Hinterhaaren
Ein selbsthypnotisches Gebaren
Ein Weinen in die Untertassen
Ein stiekum einen fahren lassen
Ein Runzeln über Deinen Brauen
Und schwupp – schon würde ich mich trauen
Doch es geschieht mir nichts dergleichen.

Doch da – ein Strolch, ein Wicht, ein Bursche
Wie garstig ist sein Angesicht
Er mieft, ich kanns bis hier vernehmen
Herrjemineh – es stört Dich nicht
Jetzt läßt Du Deine Hand ihn nehmen
Ein Schreck, ein Graus – erhör mein Flehn!
Und ach, Ihr wendet Euch zum Gehn!
Du läßt den andern Dich besteigen –
Doch ich hab Dich zuerst gesehn!

Am folgenden Neujahrsabend: Beginn eines 13jährigen Schweigens zwischen Plunderling und Johanna Lifczik. Rückkehr nach Eselsbrück, ins Haus seiner Eltern, das inzwischen fremden Leuten gehört. Fortan wohlgelitten unter dem Spitznamen „Reimheini“.
Im Jahr danach Nikotinvergiftung oder Typhuserkrankung.
Es geht gesundheitlich immer weiter bergab.
Kurz vor seinem Tode erscheint das erste große Drama „Hotel der Verlogenen“.
Letzte Eintragung in sein Tagebuch: eine neuerliche Zote!

Die Unvollendete

Ich spür, wenn ich Dich seh, ein Beben
Mein Puls wird heiß und butterweich
Mein Antlitz feucht und käsebleich
Und zwischen Bein und andrem Beine
Ein Schwellen wie bei Ochsenfröschen
Und je…

 An dieser Stelle enden Gedicht und Oevre von E. T. A. Plunderling.
Niemals werden wir erfahren, ob er je seine Erfüllung gefunden hat, und vor allem, was sich auf „Ochsenfröschen“ gereimt hätte.

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