Gar nicht komisch

betr.: 53. Todestag von Willy Schaeffers

Wer in Berlin gegen Ende der zwanziger Jahre am KaDeWe in Richtung Westen fuhr, passierte das nicht weniger berühmte KadeKo am Ku’damm, das Kabarett der Komiker. Dieses heute vergessene Etablissement ist eine jener Kabarett-Institutionen, die das Dritte Reich überdauerten – sieht man einmal von der kurzzeitigen Schließung sämtlicher öffentlichen Einrichtungen um das Kriegsende ab.
Seit seiner Gründung 1924 war das KadeKo weniger literarisch-politisch gewesen als andere Kabarett-Bühnen und hat die Nationalsozilisten mit seinem Kleinkunst- und Varietéschwerpunkt weniger provoziert. Weiterhin hatte es ab 1938 mit Willy Schaeffers einen sehr diplomatischen Leiter, der es gut verstanden haben soll, sich mit dem Propagandaministerium zu arrangieren, ohne sein satirisches Berufsethos völlig dranzugeben. Er leitete die Bühne, bis sie 1950 aus finanziellen Gründen aufgeben mußte.

Werner Finck ist einer der Kabarettisten, die in jenen Jahren dort gespielt haben und der die Zeit in der jungen Bundesrepublik reflektierte, als Zeitzeuge und eben als Kabarettist. Mir als Nachgeborenem fällt es schwer zu glauben, dass er seine in den 60er Jahren wiederaufgeführten alten Programme nicht ein wenig frisiert hat. In den 70er und 80er Jahren, als man keineswegs Gefahr lief, deswegen im KZ zu landen, traute sich kaum jemand, derart treffliche Hitlerwitze zu machen wie Finck, aber vielleicht greift diese Überlegung ja zu kurz.
Sehr viel plastischer ist uns das Kabarett der DDR überliefert, eine ähnlich absurde Konstruktion. Der beteiligte Satiriker Peter Ensikat, Autor für die Dresdner Herkuleskeule und das Berliner Kabarett Die Distel, hat mehrfach beschrieben, wie für alle Beteiligten schmachvoll und lichtlos die Abende waren, an den die Zensoren der SED in der Voraufführung saßen, um das Programm abzunehmen. Auf der Bühne habe man versuchen müssen, so subversiv zu sein, dass die Zensoren die Pointen nicht mitbekamen, das Publikum aber wohl. Ich weiß nicht, ob das geglückt ist, aber Ensikats gramzerfurchtes Gesicht bei all seinen Nach-Wende-Auftritten und Interviews ließ den Horror der totalitären Humorarbeit so eindrucksvoll wieder aufleben, als wäre man dabeigewesen.

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