Bing wie bingelig

betr.: 18. Todestag von Sir Rudolf Bing

Der gebürtige Wiener Rudolf Bing hatte von 1950 bis ’72 das Amt des Direktors der Metropolitan Opera inne, und er hat hier viel Mutiges getan und bewegt. So holte der die schwarzen Sängerinnen Leontyne Price und Marian Anderson ans Haus und gab umgekehrt Maria Callas den Laufpaß. Aus Sorge um die Sympathien seines Stammpublikums schreckte er vor modernen Inszenierungen zurück, was mir, dem der Begriff „moderne Inszenierung“ im tatsächlich erlebten Theateralltag in aller Regel Angst und Schrecken bedeutet, auf eine recht unhinterfragte Weise sympathisch ist.
Für mich, den Nicht-Wagnerianer, bleibt Rudolf Bing derjenige, der Helen Traubel rausgeschmissen hat, zeitweise die führende Wagner-Sopranistin Nordamerikas und eine der begabtesten Komödiantinnen Hollywoods – was an sich ja kein Widerspruch ist.

Helen Traubel hatte ein sehr unbekümmertes Verhältnis zur Popkultur, zur Leichten Muse. So trat sie z.B. in Radio und Fernsehen in Unterhaltungssendungen auf, an denen so anarchische Elemente wie Spike Jones und Jimmy Durante teilhatten, sang auch Operette und spielte eine Freundin des Operettenkomponisten Sigmund Romberg in dem MGM-Musical „Deep In My Heart“.
Rudolf Bing bewies, dass die Unterscheidung von „E“ und „U“ keine rein deutsche Angelegenheit ist, indem er ihren Vertrag als Reaktion auf solches Treiben 1953 nicht verlängerte.
1955 trat Mrs. Traubel in „Pipe Dream“ am Broadway auf, einer der ganz wenigen vergessenen Shows von Rodgers & Hammerstein.
1961 durfte sie sich in einem Film von Jerry Lewis gewissermaßen selbst spielen. Als definitive Verkörperung einer gereiften Walküre namens Helen Welenmelon führt sie in „The Ladies‘ Man“ ein überdimensionales Gratis-Wohnheim für junge Künstlerinnen und macht sich mal wieder vor allem über ihren Beruf und über sich selbst lustig.

Rudolf Bings Ruhestand verlief weniger amüsant.
Nach dem Tod seiner Frau in Jahre 1983 heiratete er die 38 Jahre jüngere Carroll Douglas und erkrankte an Alzheimer. Seine Frau Nr. 2 bemühte sich, das wohlverdiente Vermögen raschestmöglich zu verjuxen, und als es Bings befreundeter Vermögensverwalter endlich schaffte, diese Ehe annullieren zu lassen, reichte das Geld nicht einmal mehr für die Krankenhausrechnungen des alten Herrn.
Rudolf Bing verbrachte die letzten Jahre in einem jüdischen Altersheim in der Bronx.

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1 Antwort zu Bing wie bingelig

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