Die schönsten Filme, die ich kenne (40): „Zu heiß gebadet“

Zum Tode von Jerry Lewis (91)

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Jerry Lewis war ein tugendhafter Komiker. Er umgab sich vor der Kamera nicht etwa mit Nieten, um selbst besser auszusehen – eine verbreitete Unsitte – sondern wählte Kollegen aus, die ihre eigenen Lacher verdienen konnten und durften. Keiner von ihnen schaffte das häufiger als Kathleen Freeman, die bei Jerry Lewis annähernd den Status der Evelyn Hamann im Loriot-Ensemble einnahm.
Nach der Trennung von Dean Martin wurde Jerry Lewis zunächst zum Solisten unter der Regie seines alten Lieblingsregisseurs Frank Tashlin, dann zum heiteren Autorenfilmer, zum „Total Film-Maker“**, wie er selbst es unbescheiden nannte.
„The Ladies‘ Man“ ist der beste jener „totalen“ Jerry-Lewis-Filme, und das hat mindestens zwei Gründe: hier ist der Einfluss von Frank Tashlins Regiehandwerk am spürbarsten, und hier gibt es die imposanteste zweite Hauptrolle seiner Solo-Karriere: die wahrhaftige und wahrhaft walkürenhafte Wagner-Diva Helen Traubel.
Traubel hatte wegen ihrer selbstironischen Unerschrockenheit und ihrem Hang zur Leichten Muse (und deren Medien) ihren festen Vertrag an der Metropolitan eingebüßt*. „The Ladies’ Man“ bewahrt das Andenken an diese beachtliche Teilzeit-Unterhalterin, bei der das Wort „Selbstparodie“ eine ungewohnt positive Bedeutung bekommt.

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Neben dieser Stimmungskanone gönnte sich Jerry Lewis einen besonders aufwendigen Spielplatz, der sich auch für den Betrachter auszahlt: der Film „wurde in einem einzigen Dekor gedreht, in einem vierstöckigen Gebäude ohne Fassade, das sich über zwei Paramount-Studios hinstreckte. Ich habe schon immer von einem Eine-Million-Dollar-Dekor geträumt; dieses hat 900.000 gekostet.“**

Herbert H. Heebert*** muss am Tag seines erfolgreichen Schulabschlusses erkennen, dass das Mädchen seiner Träume längst einen anderen hat. Er schwört sich, nie wieder etwas mit Frauen zu tun haben zu wollen.
Der Ort, an dem er sich als Hausboy von Nachtschwester / Köchin Kathy verpflichten lässt, nachdem er einem entsprechenden Gesuch im Fenster spontan gefolgt ist, entpuppt sich am nächsten Morgen als überdimensionales Puppenhaus einer früh verwitweten und kinderlos gebliebenen ältlichen Operndiva. Um diese familiäre Lücke zu schließen, fördert und beherbergt Mrs. Helen Welenmelon 35 begabte junge Künstlerinnen. Unversehens ist Herbert der einzige Mann in einem Haus voller hinreißender Musikerinnen, Schauspielerinnen und Tänzerinnen. Auf Bitten und Betteln der Dame hin akzeptiert er es, vorläufig zu bleiben. Bedingung: er will nicht als Mann, sondern als ausdrückliches „Mädchen für alles“ angesehen werden.
Auch als das Fernsehen kommt, um die Diva für die Sendereihe „Das Heim der Künstlerin“ zu portraitieren, will sich Herbert nützlich machen – mit ins Bild will er natürlich auch …

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„Zu heiß gebadet“ ist ein weitgehend handlungsloses Füllhorn blühenden Blödsinns (z.B. die Reinigung der Glasfigürchen-Sammlung), absurden Theaters (etwa die entflogenen Schmetterlinge), zündender Musiknummern (wie „Don’t Go To Paris“, einem nebenbei eingeworfenen Song auf Cole-Porter-Niveau), musikalischer Parodien (so in der Revue-Einlage zu Ehren von Mrs. Welenmelon) und denkwürdiger Gastauftritte, z.B. des großen George Raft, der wie ein Gangster aussieht, aber ein gewiefter Tangotänzer ist. Der betörendste dieser Auftritte belebt ein uraltes Märchen-Klischee: einen Raum darf Herbert, der sonst überall Trost spendet, saubermacht und repariert, auf keinen Fall betreten; er wird von Kathy darob immer wieder ermahnt. Schließlich erliegt er doch der Versuchung und öffnet die Tür. Dahinter lockt ein weißes Wunderland, in dem Harry James mit seiner Big Band zu Hause ist.
Jerry Lewis war der einzige in Hollywood, der sich so etwas ausdachte und es dann auch konsequent umsetzte.

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* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.com/2015/09/02/bing-wie-bingelig/
** J. L. in „Wie ich Filme mache“ / „The Total Film-Maker“, Random House, New York 1971
*** Das H. steht ebenfalls für Herbert.

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