Ein Scherzbold am Abgrund

betr.: 38. Todestag von Zero Mostel

Zero Mostel gehörte zu jenen Künstlern, die in der McCarthy-Ära fünfzehn Jahre lang an der Ausübung ihres Berufes gehindert waren. Er trat nun bis auf weiteres nur noch in Clubs auf, häufig in England, so dass seine Kunst einer Konservierung auf Film entging.
Nach seiner Wiederauferstehung konnte er zwar noch Beachtliches zur Popkultur beitragen, aber auch in diesem Abschnitt seiner Karriere tun sich betrübliche Lücken auf.

Zero Mostel war ein massiger aber ungemein wendiger Charakterschauspieler, ein Untier. Insgesamt von zotteliger, etwas lasterhafter Gestalt, hatte sein Gesicht etwas Kindliches, und obwohl für dieses Prädikat zu jung, war er ein Vaudeville-Entertainer wie aus dem Lehrbuch: hochmusikalisch und ein Komödiant, der zu Deformationen in der Lage war, die man üblicherweise nur Cartoon-Figuren zutraut.
Ab 1962 konnte er dies in den Dienst des dafür idealen Mediums stellen: das Musical. Er führte die Originalbesetzung von Stephen Sondheims „A Funny Thing Happened On The Way To The Forum“ an (was er bei der Verfilmung des Stoffes wiederholen durfte), war der erste „Tevje“ in „Fiddler On The Roof“ (eine Rolle, die er wegen der Intervention des Regisseurs in der Filmversion abgeben mußte) und legte in Mel Brooks‘ erstem Film „The Producers“ die Figur des schmierlappigen Theatermannes Max Bialystock an, die viele Jahre später auch an den Broadway fand.

In dem Film, der ihn nach meiner Einschätzung am umfänglichsten abbildet, konnte er den eingangs erwähnten Riss in seiner Biographie nacherzählen: „The Front“ („Der Strohmann“) von Martin Ritt. Hauptdarsteller Woody Allen ist hier einmal nur als Schauspieler gebucht, kann aber seine Paraderolle des hibbeligen, kleinen Aufschneiders zur allgemeinen Erheiterung weiterspielen.
Obwohl der Look des Films die damalige Gegenwart abbildet (die Mitte der 70er Jahre), ist er inhaltlich in den 50ern angesiedelt und zeigt uns eine Unterhaltungsindustrie, die unter den Lücken zu leiden hat, die McCarthys Schwarze Liste in ihr Personal schlägt.
Wir lernen den jüdischen Fernsehkomiker Hecky Brown (Mostel) kennen, der nach seiner Ächtung durch das Komitee wieder in die Catskill Mountains zurückkehren muß, um Kurgäste zu unterhalten. Damit nicht genug: er wird gedemütigt, heruntergehandelt, und zuletzt bekommt er nicht einmal diese verminderte Gage vollständig ausbezahlt.

In diesem Zusammenhang liefert er eine der beeindruckendsten Darstellungen, die dem Beruf des Unterhalters je gewidmet worden sind, ein tragisches Komikerportrait für die Ewigkeit.
Nach der Show, die er zum allgemeinen Jubel absolviert hat, sitzt Hecky Brown mit seinen vorwiegend weiblichen Fans zusammen und betrinkt sich.
Er nutzt – scheinbar bester Laune – den noch laufenden Showbusiness-Modus, um sich und den anderen witzereißend bessere Aussichten vorzuspielen.
Sein Veranstalter kommt mit einem Briefumschlag voller Klimpergeld um die Ecke. Hecky erhebt sich und reagiert darauf scheinbar humorvoll. Er greift seinem Direktor plaudernd in die Jackentasche, öffnet dessen Geldbeutel, packt ihn schließlich am Kragen, und seine Scherze gehen fließend in tödlichen Ernst und eine handfeste Raserei über.
Freilich provoziert er damit einen endgültigen Hinauswurf.
Das alles dauert kaum eine Minute – und dürfte auch jene erschüttern, die sich in einer gutbürgerlichen Festanstellung befinden.

Schauspielerkollege Woody Allen schrieb Zero Mostel ein Drehbuch auf den Leib, das durch dessen Tod im folgenden Jahr in der Schublade verschwand. Es wurde erst gut 30 Jahre später mit Larry David verwirklicht: „Whatever Works“.
Mostels Sohn Josh ist in einigen von Allens Filmen aufgetreten.

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