Wirklich nur Sch… im Kopf?

betr.: 117. Geburtstag von Mitchell Leisen

Um die Zeit seines letzten Filmprojekts erklärte der große Billy Wilder seinen kompetentesten und gescheitesten Biographen Neil Sinyard & Adrian Turner, warum er Regisseur geworden ist. Zunächst war er nämlich Drehbuchautor gewesen – bereits im Berlin der Weimarer Republik und dann in Hollywood, wo er für Ernst Lubitsch z.B. den Klassiker “Ninotchka“ schrieb. Das nennt man ganz oben anfangen.
Nun, zumindest mit gewissen Einschränkungen.
Wenn er und sein Mitautor Charles Brackett es nicht gerade mit einem Genie wie Lubitsch zu tun hatten, hatte Wilder häufig Grund, sich zu beklagen.
Besonders über seinen Regisseur Mitchell Leisen hat er sich fürchterlich geärgert, einen ehemaligen Architekten, Kostümdesigner und Kreativen der Werbebranche. (Nach dem Ende seiner Regiekarriere hat er noch als Innendekorateur und Bildhauer gearbeitet.)
Leisen berichtet in seinen Erinnerungen, Wilder habe immer Zeter und Mordio geschrien, wenn er am Dialog etwas ändern oder weglassen wollte. Wilder revanchierte sich im o.g. Gespräch: „Wenn man ihm so etwas vorwarf, rannte er gleich zum Produzenten und petzte!“

Wilders Lieblingsbeispiel dafür, wozu Komödienregisseure mitunter fähig sind, ist dieses: „Ich habe einmal eine kleine Szene geschrieben, die in einem Tanzlokal spielt. Vorne am Eingang hängt ein Schild: >Alle Gäste müssen Krawatte tragen!< Dann kommt ein Mann, der einen Vollbart hat, und der Aufpasser hebt den Vollbart hoch, um zu sehen, ob der Mann eine Krawatte trägt. Als der Film fertig ist, sehe ich, was der Idiot von Regisseur daraus gemacht hat: er hat dem Schauspieler in dieser Szene einen ganz kleinen Spitzbart angeklebt! Und der Aufpasser hebt tatsächlich diesen Spitzbart ein bißchen hoch, obwohl man die Krawatte auch so deutlich sehen kann! Nicht, dass ich auf diesen Gag besonders stolz wäre, aber ein Regisser, der sowas tut, muß doch Scheiße im Kopf haben!“

In Mitchell Leisens „Hold Back The Dawn“ traf es den Autor noch schlimmer – da ging ihm zusätzlich auch noch sein blasierter Hauptdarsteller auf die Nerven.

Etwa zehn Jahre nach dem Ende von Wilders Karriere führte der Fall der Berliner Mauer zu einer Wiederentdeckung seiner Ost-West-Komödie „Eins, zwei, drei“, die seinerzeit – wegen der Errichtung des nämlichen Bauwerks – übel gefloppt war. Nun gab es wieder viel Billy Wilder in den Programmkinos, und ich – der ich längst entschlossen war, alles von diesem Mann gesehen oder wenn möglich gesammelt zu haben – konnte endlich „Enthüllung um Mitternacht“ anschauen. Buch: Brackett & Wilder, Regie: Mitchell Leisen.
Ganz recht: eines dieser verpfuschten Frühwerke, vor denen der Meister selbst gewarnt hatte.
Ich will es kurz machen: es war ein fugenloses Vergnügen.
Hatte Wilder etwa übertrieben, war das alles am Ende gar nicht so schlimm, damals in Hollywood? Vermutlich war es das!
Was ich da zu sehen bekam, mag der kümmerliche Rest einer Menge guter Gags gewesen sein, aber es war ein gewaltiger, prachtvoller Rest …
… den Mr. Leisen uns da hinterlassen hat.

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