Der Mann hinter der Torte

betr.: 123. Geburtstag von Seymour Felix

Hollywood bestand nur aus bewaldeten Hügeln, und selbst New York galt noch als Metropole einer kulturlosen Nation: der Broadway der Jahrhundertwende war noch auf Importe angewiesen.
Zu den Künstlern und Kunsthandwerkern, die er beschäftigte, gehörten Musiker, die eigens dazu herbeigerufen wurden, um Partituren aus der Alten Welt zu yankeefizieren. (Da den europäischen Komponisten ohnehin keine Tantiemen gezahlt wurden, brauchte man sie auch nicht um Erlaubnis zu fragen.)
Der später als Musicalschreiber berühmte Jerome Kern begann seine Karriere mit der Komposition von Musiknummern, die in solche Importe eingebaut (interpoliert) wurden, um ihnen etwas amerikanisches Flair zu verpassen, um also aus einer Operette eine Show zu machen.

Unabhängig davon war die europäische Romantik sehr beliebt bei den Entertainern und Musikfreunden Amerikas, und sie wird – besonders im frühen Tonfilm – unablässig zitiert: in Cartoons mit Bugs Bunny und Tom & Jerry (in einer Vielzahl von Konzertsaal-Pardien), in Melodramen aus dem Künstlermilieu und natürlich in Filmmusicals. Die Werke werden in der Regel etwas schneller dirigiert als auf europäischen Schallplatteneinspielungen – was nach heutiger Einschätzung dem eigentlich intendierten Originaltempo weitaus besser entspricht – und wirkten auf meine Kinderohren so lebensfroh und schmissig, dass ich lange brauchte, um mich an den offiziellen E-Musik-Sound zu gewöhnen.

In keiner anderen auf Film konservierten production number ist der hemdsärmelige american way, sich bei der Klassik zu bedienen, so in Lehm gebacken wie in „A Pretty Girl Is Like A Melody“. Der Leadsänger Dennis Morgan verkommt zum Zinnsoldaten … nein, sagen wir zum Figürchen auf einer gewaltigen, langsam rotierenden Hochzeitstorte.
Eine Freitreppe, die sich um einen haushohen Zylinder nach oben windet und die über und über mit Dekoration und kostümierten MGM-Vertragsdarstellern belagert ist, wird in einer langsamen (beinahe durchgehenden) Kamerafahrt abgebildet während der Song erklingt. In ihn sind – nicht als Stilvorlage sondern als Zitate – Ohrwürmer wie „An der schönen blauen Donau“, Puccinis „Madame Butterfly“ oder die „Rhapsody In Blue“ eingebettet. Wir machen uns bewußt: im Jahre 1936, dem Entstehungsjahr des betreffenden Films „The Great Ziegfeld“ und auf dem Höhepunkt der Großen Depression, mußte dieses unglaubliche Bühnenbild tatsächlich und in voller Größe errichtet werden; mit Kameratricks war hier nicht zu arbeiten.

Der Verantwortliche für diese Inszenierung war Seymour Felix, ein Choreograph, den wir heute für einen Augenblick dem unverdienten Vergessen entreißen wollen.
„A Pretty Girl Is Like A Melody“ war nicht seine einzige beachtliche Arbeit – er choreographierte u.a. „Cover Girl“ und den Oscar-Gewinner „Yankee Doodle Dandy“, aber als er sich nach 25 Jahren und 30 Filmen aus Hollywood zurückzog, hatte er es noch immer nicht zu Ruhm gebracht. Sein Name taucht auch nicht immer in den Credits auf – so zum Beispiel in der stargespickten Revue-Klamotte „Hollywood Party“, die außerdem weder einen Regisseur noch einen Produzenten nennt … das ist nie ein gutes Zeichen.
Ich werde ihm immer dankbar sein für das Staging einer „komischen Einlage“, die Fanny Brice zu einem frühen Musical mit Judy Garland beisteuert: „Quainty Dainty Me“. Seymour Felix wußte nicht nur Entertainer zu führen, er wußte auch wie man sie zur Selbstironie anleitet.

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