Paukenschlag im Filmriß

Betr.: 54. Todestag von Bruno Walter

Bruno Walter war einer der bedeutendsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts – als Komponist steht seine Entdeckung noch aus. 1933 verschwand er wie so viele große deutsche Künstler aus dem hiesigen Musikleben und setzte seine Karriere in der übrigen Welt fort.
Mit seinem Namen verbindet sich auch ein nicht unwichtiges musikalisches Ereignis, das in seiner Biographie zumeist unterschlagen wird. Wir wollen diese Lücke heute schließen.

Bruno Walter
Heute dirigiert er selbst: Bruno Walter.

Ein anderer großer Dirigent des 20. Jahrhunderts, Leonard Bernstein – nicht weniger berühmt als Komponist, Konzertpianist und Musikpädagoge – ist im November 1943 fünfundzwanzig Jahre alt und Assistent des Dirigenten beim New York Philharmonic Orchestra. Er erzählt:

Bei diesem Job mußte man ständig bereit sein, einzuspringen, wenn einer der wichtigen Dirigenten des Orchesters krank wurde, Rodzinski oder ein Gastdirigent. Aber niemand bei den Philharmonikern konnte sich erinnern, dass jemals ein Dirigent krank geworden war. Und alle Assistenten hatten immer nur herumgesessen, mit wachsender Enttäuschung und Frustration. Sie kannten alle Partituren, waren stets auf dem Sprung, ihr Frack hing in der Garderobe hinter der Bühne, sie konnten sofort loslegen. – Aber sie bekamen nie die Gelegenheit dazu. Und ich war nicht mal zwei Monate in dem Job.
Es war der 14. November 1943, das werde ich nie vergessen. An diesem Sonntag ging morgens um 9 das Telefon. Es war Bruno Zurato, und er sagte: „Jetzt geht’s los! Sie müssen heute um 15 Uhr dirigieren! Keine Chance für eine Probe! Bruno Walter ist krank. Er hat Grippe. Wir bekommen das Orchester vorher nicht mehr zusammen. Sie werden also um 14 Uhr 45 in der Carnegie Hall hinter der Bühne erscheinen und dann heute nachmittag das Konzert dirigieren.“
Ich stehe da, zittere am ganzen Leib und höre Bruno Zurato zu. Er ist auf die Bühne gegangen und wendet sich nun ans Publikum, um ihm die unangenehme Neuigkeit mitzuteilen, dass es jetzt nicht Bruno Walter hören würde – allgemeines Aufstöhnen -, sondern einen jungen Dirigenten namens Leonard Bernstein. Und das ist das Letzte, an das ich mich bis zum Konzertende erinnern kann.
Ich nahm dann erst wieder wahr, wie der ganze Saal jubelte und tobte.

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