Die Unmöglichkeit der politischen Comedy

Betr.: Recep Tayyip Erdoğan stellt Strafantrag gegen Jan Böhmermann

Politiker sind fleißig – sie arbeiten so hart und ausdauernd, dass sie in anderthalbfacher Geschwindigkeit altern. Politiker sind beinahe zwangsläufig überdurchschnittlich gebildete Menschen. Vielfach wurde auch auf ihre Nähe zum Schauspielerberuf hingewiesen. Aber eines sind Politiker definitiv nicht: Komiker, zumindest keine freiwilligen. Von Humor als Handwerk verstehen sie nichts. Sie mögen im persönlichen Umgang mitunter sehr drollig sein – gerade Angela Merkel wurde das ja wiederholt nachgesagt. Aber sobald sie sich unter den Druck setzen, öffentlich eine Pointe abzuliefern, wird es Nacht.
Von wenigen schillernden Ausnahmen abgesehen – die letzte dürfte der junge Joschka Fischer gewesen sein – haben wir diese scheiternden Versuche wacker verdrängt: den pausenlos karnevalistischen bayrischen Schampus-Sozi Klaus Ernst, die stets ins eigene Knie treffenden Apercus des zornigen Guido Westerwelle, Horst Seehofers sorgfältig geprobtes Spontan-Wortspielchen über jenen Westerwelle, die vernuschelten Opa-Metaphern von Rainer Brüderle, Frau Merkels anfängliche Verteidigung des aufgeflogenen Schummlers zu Guttenberg …
Diese Einlagen sind generell unerfreulich, aber wer von Berufs wegen mit dem Witz beschäftigt ist, leidet zusätzlich unter dem handwerklichen Dilettantismus, der hier geboten wird.
Wir dürfen uns also nicht wundern, dass Angela Merkel sich gegenwärtig mal wieder als Nicht-Humoristin erweist – wenn iihr Versäumnis auch diesmal weit über einen verstolperten Stand-Up hinausgeht.

Es ist bezeichnend, das sich Recep Tayyip Erdoğan (ein Politiker auch er) ausgerechnet über einen satirischen Beitrag aufregte und dass sich Angela Merkel für diesen Beitrag meinte entschuldigen zu müssen – nicht etwa über eine Ergogan-kritische Berichterstattung, wie es sie es sie zuletzt reichlich gegeben hat. Journalist ist ein anerkannter Beruf, Komiker irgendwie nicht. Die Presse ist wichtig für unser Land, der Humor nicht.
Der Kern des Problems ist, dass Satire von unserer politischen Klasse nicht zur Meinungsfreiheit gerechnet wird. Sie gilt als ein letztlich verzichtbarer Auswuchs.

Der ARD-Rechtsexperte Frank Bräutigam brachte eine besonders hübsche Pointe zu diesem Thema: als Ersttäter (!) müsse Jan Böhmermann immerhin keine Gefängnisstrafe fürchten.

Dieser Beitrag wurde unter Fernsehen, Gesellschaft, Kabarett und Comedy, Medienphilosophie abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.