Ein Tresen für Sitting Bull

betr.: Die Seriale 2016*

Die Seriale war wieder ein großes Vergnügen mit einer Unzahl herrlicher Begegnungen. Hier ist eine kleine Auswahl von Tagebucheinträgen.

Freitag, der 3. Juni

Gleich bei der Abholung, erfahre ich: Mitveranstalter Csongor hat seit Wochen nur jede zweite Nacht geschlafen. Abgesehen davon, dass er ein bißchen blass aussieht, merkt man davon nichts. Er ist vergnügt, hochkonzentriert und der geduldigste und liebenswerteste Mensch der Welt. Ich muß ihn gelegentlich nach seinem Geheimrezept fragen.

Samstag, der 4. Juni

Eben lief „Positive Sinking“ von Thomas Heinemann. Diese Comedy leidet nach meiner Meinung etwas unter ihrem immens unsympathischen Protagonisten. Auch schauspielerisch kriegt er mich nicht – im Gegensatz zum übrigen Ensemble. Besonders der Sohn des Helden ist irre witzig. In einer Szene liest er „Safere Zeiten“ von Ralf König, eine seltsame Lektüre für einen Halbstarken. Ich kann es mir nicht verkneifen, den Serienmacher im Rahmen der Moderation zu fragen, was er sich dabei gedacht hat.

PS

„Gar nichts. Der Comic lag zufällig am Drehort herum.“ Er tröstet mich mit der Aussicht, na ja – man wisse ja nie, wie sich die Geschichte noch weiterentwickelt. Es sei ja eine Serie … – Dennis und Emma finden „Postive Sinking“ übrigens einfach großartig!

Als die Preisverleihung über die Bühne ist, verkünden die rechtschaffen ermatteten Veranstalter, nächstes Jahr gäbe es eine Fortsetzung und verabschieden sich mit dem Aufruf, nun die Korken knallen und die Puppen tanzen zu lassen. Gute Idee, zumal es sogar Live-Musiker gibt, die gerade eben noch aufgespielt haben. Alle setzen sich hin (die Musiker auch), und es wird noch bis tief in die Nacht – fröhlich und in aller Stille geplaudert. Wir befinden uns im wunderschönen Restaurantbereich des Hotel Heyligenstaedt, das aber eben leider kein Club o.ä. ist.
Was der Seriale bisher fehlt, ist ein zünftiger Festivaltreffpunkt, wo man miteinander feiern und wo der interessierte Besucher den Serienmacher anquatschen kann.
Von Freunden und Kollegen, die häufiger Filmfestivals in aller Welt besuchen, weiß ich, dass das kein Einzelfall ist. Das „Max Ophüls Festival“ in Saarbrücken gehört zu den weltweit etwa vier oder fünf derartigen Veranstaltungen, die über eine angemessene, kuschelige Location verfügen. Dabei wäre es doch ganz einfach: ein gut erreichbarer öddeliger Tresen mit zwei Säulen rechts und links und zwei Topfpalmen aus dem örtlichen Dekoladen (einem idealen weiteren Sponsor) ohne zu laute Musik, nebenan ein Raum mit Tanzfläche (und meinetwegen auch mit zu lauter Musik), und fertig ist der kleine Klaus. Und alle können bleiben, solange sie wollen, ohne ehrbaren Gießener Kneipiers den Feierabend zu verderben. Da die Seriale ein Indie-Festival ist, könnte man diesen Ort „Sitting Bulls Bistro“ nennen und ihn mit indianischem Nippes ausstatten. (Oder meinetwegen „Mogli‘s Tavern“ mit indischem Nippes. Die Indianer-Idee finde ich aber irgendwie fetziger.)
Die Leute lieben sowas. Es wäre ein Träumchen!

Sonntag, der 5. Juni

Beim abschließenden „Serienmacher-Frühstück“ entbrennt eine dieser leidenschaftlichen Kulturdiskussionen, die ich so liebe. Mit dem Jurymitglied Christian Junklewitz streite ich mich über die TV-Serie „Deutschland ‘83“. Er fand sie großartig, ich sie zum Händefalten peinlich. Irgendwann meldet sich unser Fahrer Jan mit dem Einwand, er habe die Serie gar nicht gesehen und könne der Debatte daher leider nicht folgen. Ich kann wiederum diesem Einwand nicht folgen, denn die Bücher im „Literarischen Quartett“ kannte ich ja auch nie, und trotzdem hatte ich einen Riesenspaß. „Na gut“, meint er. Jedenfalls sei er jetzt total neugierig auf diese Serie und könne es kaum erwarten, sie sich anzusehen. Das hat man nun davon.

Im Antiquariat neben dem Kino habe ich vorgestern bei einer eiligen Erforschung der Wühlkiste kurz vor Vorstellungsbeginn ein frühes „Lustiges Taschenbuch“ gefunden – gut erhalten und in der Originalaufmachung mit den abwechselnden Schwarzweiß-Seiten. (Ich habe es schon zu Hause in meiner Sammlung, aber es kostete nur zwei Euro, und ich kann es später Toby und Ila vererben, die inzwischen zwei kleine Jungs haben und eine solide Comic-Sammlung somit gut brauchen können!) Jetzt – auf der Zugfahrt nach Hamburg – werde ich es nach Jahrzehnten zum ersten Mal wieder lesen. Zu meiner Freude finde ich darin eine Atömchen- und eine Gamma-Geschichte. In einer davon besucht die Mickymaus undercover ein Gangster-Seminar mit griffigen Lerninhalten von der Sorte „Beim Umgang mit der Polente ist zu beachten: …“ In der letzten Geschichte ereignet sich ein überaus beknackter Kalauer, an den ich mich noch aus Kindertagen erinnern kann. Eine Gangsterbande ist ins Patentamt eingebrochen, um die tollen Erfindungen zu stehlen (z.B. die Tasse für Linkshänder „mit dem Henkel auf der linken Seite! Wir werden ein Vermögen damit machen!“). Unter den Beutestücken befindet sich auch eine Pauke, an der eine Pistole befestigt ist. „Das ist eine Revolvertrommel, eine revolutionäre Neuheit für den Jazz!“ – „Fantastisch! Bisher kannte ich nur den Trommelrevolver!“ Dazu zwei blöde Gesichter mit Hundenasen.
Helles Entzücken!

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* siehe dazu die Blogs vom 3. und 4. Juni

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