Der ermüdete Volksmund

betr.: Beginn der Fußball-Europameisterschaft

Ab heute werden wir sie wieder häufiger live hören, die verstimmten Männerchöre mit den Fußball-Accessoires. Einen davon erlebte ich vor einigen Tagen in einem Intercity-Großraumwagen. Es war eine Art vorausgehende Übungs-Einheit. Diese jungen Leute waren ungewöhnlich gepflegt, und sie waren NICHT betrunken. Nun gut – es war hellichter Tag, aber es fiel trotzdem auf.
Trotz ihrer Nüchternheit wußten sie, was das Klischee von ihnen erwartete: sie sangen und grölten mit der ausgestellt guten Laune herumziehender Schlachtenbummler. Doch man merkte ihren Stimmen den fehlenden Alkohol an. Ihr Gebrüll war angestrengt, sie amüsierten sich weniger gut, und etwa alle zehn Minuten mußten sie eine Gesangspause einlegen, um ihre Stimmbänder zu schonen. Inzwischen wurde weiter gelärmt, aber auf Sparflamme, zart schaumgebremst. Nach jeweils einer Viertelstunde folgte die nächste Chornummer – immer ein klein wenig mühseliger als die letzte.

Mir fiel ein, was man mir immer wieder über schreiende  Babies erzählt: sie werden nicht heiser, weil sie es instinktiv fertigbringen, sich beim Schreien zu entspannen. Als Erwachsener schafft man Vergleichbares nur mit Stütze (also Gesangsausbildung) oder eben – weniger präzise – wenn man einen sitzen hat.
Mich erstaunte, wie gut man den Jungs in der Bahn auf Anhieb diese Quälerei anmerkte. Das erinnerte mich an die Rezension eines Hörbuchs in der „F.A.Z.“. Da stand sinngemäß, der Sprecher entschied sich dafür, Hercule Poirot mit französischem Akzent sprechen zu lassen, was ihn und den Zuhörer anstrengte.

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1 Antwort zu Der ermüdete Volksmund

  1. Beate sagt:

    zum 26.06.2016

    Mich erstaunt nicht, lieber Monty, dass du auf Anhieb die angestrengten Stimmbänder der jungen Leute bemerkt hast. Du bist ja nicht nur ein wunderbarer Blogger, sondern seit langem ein 1 A-Profisprecher und erfreust Groß und Klein mit deinen vielen Rollen, die du bereits gesprochen hast!
    Heute hast du Geburtstag, zu dem ich dir von Herzen gratulieren möchte! Und ich möchte dir danken und meine große Wertschätzung aussprechen. Du schreibst deinen interessanten und ungemein vielfältigen Blog mit großer Leidenschaft, Genauigkeit und Versiertheit und hast gewiss manch „Stammleser“ gewonnen oder einem, der „just browsing“ im Internet betreibt, Lust auf mehr „Vorbeischauen“ gemacht.
    Ich kenne dich auch als guten, erfahrenen, humorvollen Dozenten und Lehrer, der mich in die Welt des Hörspiels, der Graphic Novels und Comics eingeführt hat. Wie fein!! -Alles Liebe für dich!

    Herzlich, Beate
    +

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