Der volkstümliche Allrounder

betr. 91. Geburtstag von Mikis Theodorakis

Angeblich hat es den Sirtaki, dieses Herzstück aller griechischen Tourismus-Klischees, gar nicht gegeben, bis 1964 ein weltweit erfolgreicher Film im Kino lief: „Alexis Sorbas“. Der irisch-mexikanische Hauptdarsteller des großen Griechen, Anthony Quinn, war ein notorischer Nichttänzer – was ihn nicht daran hindern sollte, seine Autobiographie „Ein-Mann-Tango“ zu nennen – und der Sirtaki wurde erfunden, um ihn dennoch in seiner großen folkloristischen Tanzeinlage im Finale gut aussehen zu lassen.
Das konnte nur deshalb so gründlich gelingen, weil dahinter ein fähiger musikalischer Kopf steckte: Mikis Theodorakis. Dieser zutiefst poetisch empfindende Künstler wollte mit seiner Musik immer möglichst viele Menschen erreichen. Deshalb hat er sich auch – anders als seine berühmten einheimischen Kollegen – nie auf die Moderne eingelassen. Die Sparte des (international wichtigsten) Filmkomponisten Griechenlands war hingegen genau die richtige. Mikis Theodorakis schrieb außerdem Sinfonien, Opern, Ballette, Oratorien, Kammer- und Theatermusik. Eine weitere Sparte brachte ihm viel Ärger ein: seine Protestsongs haben ihn zur Zeit der Obristen zu einem Verfemten und in der Folge zum Volkshelden gemacht.

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Eine griechische Tragödie mit der Filmmusik von Theodorakis und mit Melina Mercouri. An ihrer Seite: Anthony Perkins, der Held unseres gestrigen Blogs.

Als Theodorakis in Athen Komposition und Dirigat studiert, ist das Land nach dem Zweiten Weltkrieg noch nicht zur Ruhe gekommen. Griechenland befindet sich im Griff der kommunistischen „Befreiungsarmee“, doch Stalin hat das Land Churchill versprochen. Es kommt zum Bürgerkrieg. An einem Tag werden Tausende Menschen, die gesamte griechische Intelligenz, verhaftet und auf Verbannungsinseln verbracht. Theodorakis kommt in ein angebliches Umerziehungslager für geistig Verwirrte, in dem brutal gefoltert wird. Einmal wacht er schwer verletzt in einem Leichenschauhaus auf, ein anderes mal ist er der knappe einzige Überlebende einer Todesliste, der neunzehn seiner Freunde zum Opfer fallen.
“Einem Menschen kann nichts Schlimmeres passieren, als gefoltert zu werden!“ erzählt Theodorakis. „Schon die Vorbereitung – in eine Zelle gebracht zu werden, zu sehen, wie sich die Folterer auf ihr Werk vorbereiten – das ist das Schlimmste, was man erleben kann. Wenn man aber Folter ausgehalten hat, kommt irgendwann ein Gefühl der Genugtuung: man hat es bewältigt.“

1967 kommt es in Griechenland zum Putsch der Obristen und zu einer siebenjährigen Militärdiktatur. (Vor diesem Hintergrund ist das Misstrauen des griechischen Volkes gegenüber der jeweiligen Regierung verständlich, das wir im Rahmen der Euro-Krise miterleben konnten.) Nicht nur das Singen, selbst das Hören der Lieder von Mikis Theodorakis wird unter Strafe gestellt. Er und seine Musik werden aber auch international zu einem Symbol des Widerstandes. Geradezu kokett mutet da sein rückblickendes Statement an: „Eine politische Intention hatte meine Musik nie …“ – ein Eindruck, der durch die zweite Satzhälfte auf verblüffende Weise entkräftet wird: „… vielmehr bewahrte sie mich davor, in der Politik aufzugehen.“

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