Broadway’s Like That (19): Vom Autodidakten zum Millionär

5. Mr. American Music – Irving Berlin (2) (Fortsetzung vom 26. Juli)

Diese Bedeutung Berlins hatte bereits Jerome Kern erkannt, als er über ihn bemerkte:

Sowohl der typische Yankee als auch eine Berlin-Melodie haben Humor, Persönlichkeit, Schwung, Bodenständigkeit. Beide sind hellwach und beide sind manchmal ein bisschen laut, aber was der oberflächliche Betrachter fälschlicherweise für Blech halten könnte, ist in Wirklichkeit Gold. Er nimmt die Schwingungen auf, die von den Menschen, dem Geist und dem Leben seiner Zeit ausgehen und gibt diese Eindrücke der Welt zurück – vereinfacht, geläutert, verherrlicht. Irving Berlin hat nicht einen Platz in der amerikanischen Musik, er ist die amerikanische Musik!

Darüberhinaus verkörpert sich in Berlin auch die amerikanische Erfolgsstory – „From Rags To Riches“, vom Tellerwäscher zum Millionär. Irving Berlin, Sohn eines Kantors, lebte nach der Emigration seiner Eltern in der Lower East Side in Armut. Berlins Vater Moses Baline starb bereits 1896, und der 8jährige Israel – Izzy genannt – beschloß, seine Mutter zu versorgen. Er konnte das immerhin in Höhe einiger Cents, die er als Zeitungsjunge verdiente.

Mit 14 lief er von zu Hause fort. Sein erster Job war, als Sänger der 2. Stimme einen blinden Straßensänger namens Blind Sol zu begleiten. Dadurch lernte er die Songs solcher Größen wie George M. Cohan kennen: „Mary’s A Grand Old Name“ oder „Give My Regards To Broadway“. Ein Talentscout des Musikverlegers Harry von Tilzer hörte ihn und bat ihn ins Büro seines Chefs zu kommen. Für 5 Dollar in der Woche musste er in Tony Pastor’s Music Hall im Publikum sitzen, und sobald der Sänger auf der Bühne sein Lied beendet hatte, musste Izzy „Spontan“ aufstehen und dieses Lied begeistert wiederholen. Seine Repertoirekenntnisse erweiterten sich. Seine folgenden Engagements verdankte er in der Regel seinem hellen Knabensopran.

Er arbeitete als singender Kellner in Chinatown, als er – hier noch nur als Texter fungierend – mit einem seiner Kollegen seinen ersten Song schrieb: „Mary From Sunny Italy“. Sogar eine gedruckte Einzelausgabe für erschien davon, für die Izzy 37 Cents Tantiemen erhielt – und noch etwas: der Schriftsetzer, der den Namen des Textautors am Telefon mitgeteilt bekam und nicht richtig zuhörte, machte aus „I. Baline“ „I. Berlin“. Izzy beschloß, den Namen zu behalten. 1911, er komponierte inzwischen selbst, hatte er einen richtigen Hit: „Alexander’s Ragtime Band“.

Musikalisch war Berlin Autodidakt. Sein technisches Wissen über Musik wie seine pianistischen Fähigkeiten, beschränkten sich auf ein Minimum. Er musste seine Musik von Helfern notieren lassen, und weil er nur auf den schwarzen Taten – also in fis-dur – spielen konnte, hatte er einen Hebel am Klavier, mit dessen Hilfe er transponierte. Musiker, die für ihn gearbeitet haben, berichten aber von Berlins sehr präzisen Harmonievorstellungen und von einem ebenso genauen Gehör.
Zeitlebens unternahm Berlin freilich nichts, um sich die fehlenden musikalischen Grundlagen nachträglich anzueignen. Er war eben durch und durch Instinktmusiker, der sich das Credo leisten konnte: „Wenn sich ein Song nicht von selbst schreibt, dann laß ihn sein!“

Offensichtlich war Berlin weise genug, um aus seinen Schwächen kein Hehl zu machen und ihnen mit Humor zu begegnen. In ihrem Erinnerungsbuch „Bring On The Girls“ berichten Wodehouse & Bolton, wie sie, um mit Berlin über „Sitting Pretty“ zu verhandeln, das ja Kern dann schließlich ausführte,  Berlin in seiner luxuriösen New Yorker Penthousewohnung besuchen, zu deren Innenausstattung auch zwei lebendige Tukane gehören. Als Berlin nach einem der Vögel die Hand ausstreckt, hackt dieser mit seinem großen Schnabel und verfehlt sie nur um Zentimeter. „Wenn ich Sie wäre, würde ich mich lieber von diesem Federvieh fernhalten!“ warnt Wodehouse. „Die reißen Ihnen womöglich noch den Finger ab!“ Unbeeindruckt entgegnet Berlin: „Ja, und es könnte der sein, mit dem ich Klavier spiele!“
Forts. folgt

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