An der Welt irre geworden – Paul Abraham

Betr.: 124. Geburtstag von Paul Abraham

Viele der hier in Deutschland erfolgreichen jüdischen Komponisten, die vor dem Terror der Nazis in die Neue Welt geflohen sind, haben im Exil eine umso größere Karriere gemacht und im Gegenzug Amerika dabei geholfen, zum Hauptland der Weltunterhaltung zu werden. Zu den tragischen Ausnahmen gehört ausgerechnet Paul Abraham. Ausgerechnet deshalb, weil er – einer der letzten Operettenkomponisten – wie kein anderer den neuen Sound des Broadway in sein Idiom einbaute. Hin und wieder wird er heute als „Erfinder der Jazz-Operette“ bezeichnet – ein alberner Begriff, denn Operetten mit Jazz-Einfluss hatten sich in den USA bereits entwickelt und hießen neuerdings Musicals.
Ende der 20er Jahre feiert Paul Abraham drei Riesenerfolge in Berlin. In „Die Blume von Hawaii“ nimmt er mit Löhner-Beda-Texten wie „Der Mann, der mich will frei’n muß wie ein Cocktail sein“ und „Du sollst in meinen starken Händen happy-enden“ den deutschen Schlager vorweg – augenzwinkernd, versteht sich. Als die „New York Times“ Anfang Februar 1933 den Riesenerfolg von „Ball im Savoy“ im „Großen Schauspielhaus“ bejubelt, ist Abraham schon Hals über Kopf nach Budapest geflohen. Sein Vermögen wird von den neuen Machthabern eingezogen, sein Butler verkauft einige zurückgelassene fertige Schlager an nichtjüdische Komponisten. Bis zum „Anschluss Österreichs“ macht er sich hinsichtlich seiner Chancen, in Europa überleben und weiterarbeiten zu können, etwas vor.

Auf Umwegen in New York angekommen, hat Abraham große Schwierigkeiten, sich über Wasser zu halten. Er spielt seine Musik Verlegern und Produzenten vor, aber es gelingt ihm nicht, am Broadway Fuß zu fassen. Er komponiert noch eine Operette, dann wird er 1946 mit Anfällen von Größenwahn – das Spätstadium einer Syphilis-Erkrankung – in die Uniklinik gebracht. Während seine Musik Anfang der 50er Jahre in der jungen Bundesrepublik wiederentdeckt und seine Operetten verfilmt werden, dämmert Paul Abraham in der Psychiatrie vor sich hin – ein freundlicher Patient, der in der Küche hilft und gern die Treppen fegt. Seine Freunde ziehen sich nach und nach von ihm zurück und überlassen ihn seinem Schicksal.
In Hamburg wird die „Paul Abraham-Gesellschaft e.V.“ gegründet, die sich für seine Rückkehr nach Deutschland einsetzt. 23 Jahre nach seiner Flucht und zehn Jahre nach seiner Einlieferung sind die Formalitäten erledigt, und Paul Abraham kommt nach Europa zurück – zusammen mit 51 anderen erkrankten Emigranten, die in ihre jeweilige Heimat ausgeflogen werden.

Paul Abraham erreicht Hamburg „vollkommen saniert, aber mit leichten Defekten“, wie sein Psychiater, der damalige Stationsoberarzt Paul M. Burchard feststellt. Die Behandlung in den USA sei „allererste Sahne“ gewesen. Trotz seiner Demenz, improvisiert er gekonnt seine und fremde Melodien, auf einem Flügel, der ihm in der Klinik zur Verfügung steht.
1957 wird er entlassen. Durch die Tantiemen, die inzwischen wieder reichlich fließen, kann er mit seiner Frau, die aus Ungarn freigekommen ist, noch vier Jahre bequem leben, dann stirbt er an einer spät entdeckten Krebserkrankung.
Der Regisseur Peter Schulze-Rohr hat sich eine Grabinschrift gemerkt, die auch auf Paul Abraham gepasst hätte: „In seiner Jugend die schönsten Hoffnungen weckend, wurde er später zum Schmerze der Seinen, von einer Traumwelt umfangen, die ein sanfter Tod endete.“

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