Konzertmeister des Neorrealismo

betr.: 101. Geburtstag von Alessandro Cicognini (Einige Quellen gehen vom 25. Januar aus.)

Alessandro Cicognini ist der wichtigste Komponist des italienischen Neorealismus und vertonte mit „Don Camillo“ eine der größten italienischen Filmreihen. Dennoch ging die erfreuliche Flut alter Filmmusik auf Tonträger, die um die Jahrtausendwende rollte, an ihm vorbei.
2008 erschien immerhin „Genosse Don Camillo“ auf CD, die Originalbänder vom letzten Film mit Fernandel als Dorfpfarrer und Gino Cervi als seinem säkularen Gegenspieler. (Ein erster farbiger „Don Camillo“ war in Arbeit, doch dann starb Fernandel.)

Genosse Don Camillo_FDer Film beginnt mit einem ausgiebigen Zeichentrickvorspann und lässt dann einige der Tracks vermissen, die auf diesem Soundtrack zu finden sind. (Digitmovies Alternative Entertainment 2008)

In allen fünf Filmen wird das „Don Camillo“-Thema variiert: ein beschwingtes Hornmotiv im Dreivierteltakt, das von Kirchenglocken begleitet wird. In den meisten Vorspann-Versionen kommt ihm kommunistische Marschmusik in die Quere, und ein Schlagabtausch-Medley beginnt. Einer dieser Märsche ist das Thema für den roten Bürgermeister Peppone; in „Genosse Don Camillo“ hören wir allerlei russische Folklore. Selbstverständlich sind das nur zwei Farben auf der Palette. Cicogninis Musik – von italienischer Oper und Volksmusik geprägt – ist so flexibel und reichhaltig wie die seiner amerikanischen Kollegen (ohne an die sprungbereite Experimentierfreude der Franzosen heranzureichen). Auch die im Laufe der „Don Camillo“-Serie anbrechenden Swinging Sixties sind deutlich herauszuhören.

Die filmhistorisch wichtigsten Projekte des Komponisten waren die Arbeiten für Vittorio de Sica, allen voran „Das Wunder von Mailand“ und „Fahrraddiebe“. Als sich der Regisseur mit Cicognini zusammentat, um das Lebensgefühl der italienischen Nachkriegszeit in eine neue Filmsprache umzusetzen, war dieser schon zehn Jahre im Geschäft. Im Gegensatz zu fast allen anderen Filmkomponisten blickte er nicht auf seine Sparte herab. Er betrachtete das Kino als vollwertige erzählerische Kunstform in der Tradition von Theater und Literatur. Das gefiel de Sica – wie zuvor schon vielen anderen italienischen Regisseuren (Palermi, Brigone, Blasetti, Genina, Camerini, Mastrocinque …). Leider führte diese Haltung Cicogninis nicht dazu, dass er auf sein Werk achtgegeben hätte. Fast alle seine Partituren ließ er verlorengehen; einige wurden für ein Album mit de Sica-Filmmusiken aufwändig wiederhergestellt.

In den USA, wo er drei Filme für Paramount betreute, wurde Cicognini für seine Gabe gelobt, das Publikum mit einem widerstandsfähigen Ohrwurm aus dem Kino zu entlassen. Auch sein „Don Camillo“ ist ein guter Beleg dafür.

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