Der klassische Rückgabetresen

betr.: 158. Geburtstag von Knut Hamsun

Dem deutschen Komponisten, der dieser Tage in den nach ihm benannten Festspielen gefeiert wird, werden sein rassistisches Dumpfbackentum und die Sympathien des obersten Nazis für ihn und sein Werk 150 Jahre nach seinem Tode allmählich verziehen. (Ich habe jedenfalls diesen Eindruck …)
Auch der Holocaust-Überlebende Marcel Reich-Ranicki neigte dazu, die Person des Komponisten getrennt von seinem Werk zu beurteilen.
Der norwegische Literaturnobelpreisträger Knut Hamsun erlebte im Gegensatz zu jenem fehlgeleiteten Musikus das Dritte Reich noch persönlich mit, und ihm hat es gefallen, während Krieg und NS-Okkupation seiner Heimat nach Berlin zu reisen und sich von den dortigen Machthabern feiern zu lassen.
Marcel Reich-Ranicki äußerte sich zum Fall Hamsun 1995 im „Literarischen Quartett“ anlässlich der Wiederveröffentlichung von „Mysterien“ (1892).

Knut Hamsun – längst ein alter Mann – war zur Zeit des Dritten Reiches ein widerwärtiger Nazi. Die Norweger waren entsetzt und beleidigt, hielten ihn für einen Landesverräter und haben – einmalig in der Geschichte der Weltliteratur – tausende seiner Bücher zu seinem Haus getragen und ihm über den Zaun zurückgeworfen: eine Nation gibt ihrem größten Schriftsteller seine Werke zurück.
Dies aber ändert nichts – keinen Pfennig, keinen Zentimeter – an der Qualität dieser Bücher, des Werks von Knut Hamsun; genau wie bei Gerhart Hauptmann, der die Hand zum Hitlergruß erhoben hat … – Ich hab‘ es gesehen, ich war dabei! „Die Weber“ und „Die Ratten“, „Rose Bernd“ und „Fuhrmann Henschel“ sind geblieben, was sie vorher waren: wichtige Theaterstücke.

Knut Hamsun ist ein Autor, der mir sehr nahe stand und nahe steht, ein Autor, der für meine Generation eine enorme Rolle gespielt hat. Er ist, kein Zweifel, einer der ganz großen Schriftsteller im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts und noch gegen Ende des vorigen, ein Name, der  mit Joseph Conrad, mit Thomas Mann, mit Maxim Gorki in eine Reihe gehört, auch mit dem damals sehr berühmten Hermann Hesse. Anders jedoch als Conrad, Gorki oder Thomas Mann wurde Knut Hamsun von der Jugend Europas nicht nur geschätzt und bewundert, er wurde geliebt. Eine ganze Generation erkannte sich in seinen Werken wieder.
Warum? Vermutlich, weil Hamsun in der Regel jüngere Menschen in den Mittelpunkt seiner Romane gestellt hat, romantische Rebellen, Aufrührer gegen Konvention und Autorität. Das hat das junge Europa beeindruckt.
Wie kaum ein Schriftsteller hat Knut Hamsun in seinen Romanen die Psychologie des Individuums mit der Poesie (beispielsweise der Landschaft) in Einheit gebracht.

Nun hat man einen seiner frühesten Romane in einer neuen Übersetzung wieder aufgelegt. Ich habe „Mysterien“ nach unendlich langer Zeit nun wiedergelesen. Ich hatte etwas Angst – so wie man sich auch beim Wiederlesen von „Dantons Tod“ fragt, ob das Werk wohl noch immer etwas taugt. Hamsun hat es ausgehalten. „Mysterien“ ist ein Meisterwerk der Weltliteratur! …

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