Bimmelnde Klingeln

betr.: 50 Jahre Einführung des Farbfernsehens in der Bundesrepublik / „Wir lieben Fernsehen!“ (1), heute um 20.15 im ZDF

Die Einführung des Farbfernsehens vor 50 Jahren, die sich am 25. dieses Monats jährt, ist ein Grund zum Feiern. Am Rande der Ereignisse will ich hier stellvertretend an einen jener Archivschätze erinnern, die wir aus zwei Gründen im linearen Programm – und auch sonst – nicht wiedersehen werden: weil sie a) in Schwarzweiß sind und b) in 4:3. Bei sogenannten „Fernsehkult“-Objekten wird immer wieder gern eine Ausnahme gemacht („Ekel Alfred“ in Ewigkeit amen), aber dieser Begriff wird sehr eng gefasst.
Wie wäre es mal mit einer Reihe von antiken Fernsehspielen – bunt oder nicht? Gern in tiefer Nacht, wo’s keinem wehtut? (Es gibt ja Festplattenrecorder.) Für den 50. Geburtstag ist es natürlich zu spät, aber es gibt auch einen zeitlosen Anlass: wir Gebührenzahler haben diese Sachen bezahlt – also her damit!

„Hallo – Mr. Moss“, ZDF 23.12.1965

Max Colpet war in der jungen Bundesrepublik einer unserer bedeutsamsten Songtexter. Seine wichtigste Kundin dürfte Marlene Dietrich gewesen sein, aber er übersetzte auch Musicals. Eines davon handelt von der Mitarbeiterin eines Auftragsdienstes, Ella Peterson, die an einem Helfersyndrom leidet. Sie nimmt qua Stimmverstellung falsche Identitäten an, um sich hilfreich in das Leben ihrer Stammkunden einzumischen. In einen davon, einen trinkenden Autor mit Schreibblockade, verliebt sie sich und will ihn nicht nur heilen, sondern auch erobern. Dummerweise hat sie sich ausgerechnet ihm am Telefon als mahnendes, altes Mütterchen verkauft (- ein Mütterchen von 63, was damals noch um einiges älter war als heute). Es gilt also, sich zu materialisieren und einiges geradezurücken …

Die Urfassung „Bells Are Ringing“ ist ein theaterhaftes, etwas tutiges Stück, aber die Figuren – sogar der Bösewicht – machen einen Heidenspaß. Der Part der Ella ist in seiner kabarettistischen Konzeption eine wahre Traumrolle für jedes witzige Mädchen. Am Broadway und in der Filmversion spielte die früh verstorbene Judy Holiday die Hauptrolle. In der deutschen Version von Max Colpet war es Bibi Johns.
Ich habe Frau Johns einmal angeschrieben und gefragt, ob sie vielleicht eine VHS-Kopie dieser Sendung besitzt. Frau Johns antwortete mir, dass sie leider keine Kopie besitze. Das sei bedauerlich, weil sie es in ihrer Karriere selten mit so guter Musik zu tun bekommen habe. Es sei nur wahllos an zwei Titel erinnert: „A Simple Little System“ ist eine parodistische Chornummer, die im Rahmen einer Gangster-Hauptversammlung in einem Heizungskeller gesungen wird, der Solist ist ein unwiderstehlicher Schmierlappen. „The Party’s Over“ / „Das ist das Ende“ erklingt im 3. Akt, als Bibi / Ella in ihrer Liebesgeschichte beinahe scheitert. Es ist der letzte Torch-Song der Musical-Literatur (von Sondheims Nachzügler „Losing My Mind“ einmal abgesehen) – und einer der besten überhaupt.

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