Endlich auch mal gesehen: „Sonnenallee“

Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung zeigen die Ossis den Wessis, dass nicht alles unrichtig war im DDR-Alltag, dass auch dort die Familie (zumindest die, aus der man selber stammte) eine ziemlich muffige Angelegenheit war, die Pubertät eine Plackerei, die Vopos nicht anders als die Bullen und die Mauersoldaten auch nicht schlimmer als der Bundesgrenzschutz. Das ist zweifellos ein dankbarer Stoff für eine Satire und eine gute Gelegenheit, den Besser-Wessis humoristisch eins überzubraten.

In einem Punkt erschien mir „Sonnenallee“ tatsächlich überraschend frisch, als ich ihn nun endlich zum ersten Mal sah: die Darsteller sind genauso aufgedreht („Huiii, wir drehen einen Film!“) und bestrebt, jeden ihrer Witze per Grimasse kenntlich zu machen, wie ich es aus den Kinokomödien unserer Tage kenne (da waren wir zwischendurch etwas dezenter). Auch das Tempo hat es in sich – einiges hätte ich mir gern genauer angesehen. Insofern ist der Film völlig auf der Höhe unserer Zeit. Aber das ist auch sein Problem. Die Gags (es sind ein paar gute dazwischen) haben keine Chance gegen die dicke, selbstverliebte Schrilligkeit, mit der sie uns serviert werden. Die Disco-Szenen, in denen unbeholfene Jungs bei schnöseligen Mädchen abblitzen, stammen aus einer Dauerschleife der ewigen Pubertätsklamottenkiste.
Dann gibt es ein paar Botschaften: Westliche Rockmusik hat letztlich noch jeden sozialistischen Betonkopf weichgekriegt, alberne Klamotten schützen vor einem Unrechtsregime, und die deutsch-deutsche Grenze ist ein Durchgang gewesen wie jeder andere auch – abgesehen von ein paar besonders lächerlichen Aufsichtsbeamten, die sich mit Gusto verarschen ließen.
Der Schlusssatz – aus dem Off-gesprochen vom Helden der Geschichte – bringt es auf den Punkt: „Es war einmal ein Land, und ich hab dort gelebt. Wenn man mich fragt, wie’s war: es war die schönste Zeit meines Lebens, denn ich war jung und verliebt.“ Im Abspann werden die wichtigsten Pointen noch einmal wiederholt, und dazu läuft – erraten! –: „Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael!“ … für den Fall, dass man die Witze doch nicht verstanden und Nina Hagens größten Oldie ebenfalls verpasst hat.

Ein junger Kollege erzählte mir, ihm habe man „Sonnenallee“ im Geschichtsunterricht gezeigt, vermutlich nach der Devise: die Leute, die ihn gemacht haben, müssen es ja schließlich wissen. Leider ist Ironie nicht nur Glückssache, sondern mitunter auch ein Handwerk.

Dieser Beitrag wurde unter Film, Gesellschaft, Rezension abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.