Die wiedergefundene Textstelle: „Network“ (2) – Mr. Jensens Rede

Fortsetzung vom gestrigen Beitrag

NETWORK
MGM/United Artists  1976
Produziert von Howard Gottfried und Fred Caruso
Drehbuch: Paddy Chayefsky
Regie: Sidney Lumet

Zeit: 1975
Ort: New York City

Howard Beale ist durch seine TV-Auftritte als „Erleuchteter“ zu einer Berühmtheit ganz neuer Art geworden und wird von einer wachsenden Fangemeinde als Guru verehrt. Dass er sich angesichts seines Erfolges entschlossen hat,  von seinem geplanten öffentlichen Selbstmord Abstand zu nehmen, schadet seinem Fluidum nicht. Er nutzt seine Präsenz im Fernsehen für immer flammendere Ansprachen und versteigt sich zu politischen Botschaften.
Eines Tages wird er von Arthur Jensen zur Audienz gebeten, dem Präsidenten der Holding CCA (Communication Company Of America), die UBS geschluckt hat, den größten Aktionär seines Arbeitgebers WUBS-TV – was Howard in einem seiner letzten Auftritte öffentlich machte und anklagte. Howard fühlt sich sehr geschmeichelt, begegnet dem großen Mann aber ohne übertriebene Unterwürfigkeit. Mr. Jensen begrüßt ihn überaus freundlich…

Guten Morgen Mister Beale. Man hat mir gesagt, Sie wären verrückt.
Ich hab‘ als Vertreter angefangen, Mister Beale. Ich hab‘ Nähmaschinen verkauft, Autoersatzteile, Haarbürsten und elektronische Geräte. Man sagt, ich könnte alles verkaufen. Ich möchte gern versuchen, Ihnen etwas zu verkaufen.
Gehen wir in den Konferenzsaal. Das scheint mir eine angemessene Umgebung zu sein für das, was ich Ihnen zu sagen habe.

Er macht eine präsentierende Geste.

Walhalla, Mister Beale. Bitte nehmen Sie Platz!

Mit einem Mal wechselt der Tonfall in den Gestus einer zornigen Beschimpfung.

Sie haben sich in das Spiel der Urgewalten der Natur eingemischt, Mister Beale! Und das möchte ich nicht haben, ist das klar?
Sie denken, Sie hätten lediglich ein Geschäft verhindert, aber das ist nicht der Fall! Die Araber haben Milliarden aus diesem Land rausgeholt, und jetzt müssen sie sie wieder einbringen! Das ist Ebbe und Flut, Schwerkraft der Gezeiten, ökologisches Gleichgewicht!
Sie sind ein alter Mann, der noch in Begriffen wie Nationen und Völker denkt. Es gibt keine Nationen, es gibt keine Völker! Es gibt keine Russen, es gibt keine Araber, es gibt keine Dritte Welt, es gibt keinen Westen! Es gibt nur ein einziges großes, holistisches System der Systeme! Ein riesiges, ungeheuer mächtiges, verflochtenes, sich gegenseitig beeinflussendes, multivariables, multinationales Dominon von Dollars! Petro-Dollars, Elektrodollars, Multidollars, Deutsche Mark, Gulden, Rubel, Pfund! Also jede Art von Geld!
Es ist das internationale Währungssystem, das die Globalität des Lebens auf diesem Planeten bestimmt! Das ist die natürliche Ordnung der Dinge heutzutage.
Das ist die atomare und die subatomare und die galaktische Struktur der Dinge heutzutage!
Und Sie haben sich in das Spiel der Urgewalten der Natur eingemischt!
Und Sie werden das wieder gutmachen!
Verstehen Sie mich eigentlich, Mister Beale? Sie erscheinen darauf auf ihrem lächerlichen, kleinen Bildschirm und Wehklagen über Amerika und Demokratie.

Er hat die Aufmerksamkeit seines Zuhörers und wechselt in eine Tonart, die seine eigene Faszination für das Gesagte ausdrückt. Seine Stimme wird beschwörend und zuletzt beinahe flüsternd.

Es gibt kein Amerika, es gibt keine Demokratie! Es gibt nur IBM und ITT. Und AT&T undU Point, Dow Chemical, Union Carbide und Exxon. Das sind die Nationen der Welt heutzutage. Was glauben Sie, worüber die Russen bei ihren Ministerratssitzungen reden? Über Karl Marx? Die holen ihre Linearpogrammierungstabellen raus, statistische Entscheidungstheorien, Logarithmentabellen und befragen die Computer nach dem Kosten-Nutzen-Effekt ihrer Transaktionen und Investitionen, genau wie wir. Wir leben nicht länger in einer Welt von Nationen und Ideologien, Mister Beale. Die Welt besteht aus … aus einer Gruppe von Konzernen. Sie unterliegt bestimmten Gesetzen, unwandelbaren Gesetzen der Wirtschaft.
Die Welt ist ein Geschäft, Mister Beale. Das war so seit der Mensch aus dem Urschlamm gekrochen ist. Und unsere Kinder werden es erleben, Mister Beale. Sie werden sie erleben: die perfekte Welt, in der es weder Krieg noch Hungersnot gibt, weder Unterdrückung noch Brutalität. Eine riesige, ökumenische Holding-Gesellschaft, für die alle Menschen arbeiten werden, um einen gemeinsamen Profit zu erwirtschaften. Und alle Menschen werden an dieser Gesellschaft einen gewissen Anteil haben. Alle Bedürfnisse werden befriedigt. Angst und Schrecken werden verschwunden sein. Und auch Langeweile wird es nicht mehr geben.

Ich habe Sie auserkoren, Mister Beale, dieses Evangelium zu verkünden. Warum Sie? Weil Sie beim Fernsehen sind, Sie Dummkopf. 60 Millionen Menschen sehen Sie jeden Abend von Montag bis Freitag.
Sie erzählen den Leuten immer, Sie hätten das Antlitz Gottes gesehen. Da könnten Sie vielleicht Recht haben, Mister Beale.

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1 Antwort zu Die wiedergefundene Textstelle: „Network“ (2) – Mr. Jensens Rede

  1. Ingo Ramann sagt:

    Das ist aktueller denn je. Wer das nicht erkennt ist blind und dumm.

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