Der Rächer von Central City

betr.: 10. Todestag von Will Eisner

Warum ist Will Eisner heute das Aushängeschild der Comic-Branche (bzw. -Kunst) und der Namensgeber des bedeutendsten amerikanischen Comic-Preises? Zunächst einmal ist er der Schöpfer des legendären Comics „The Spirit“. Er erfand ihn mit 23 Jahren, zu einer Zeit, als das Schicksal vieler Comics noch mit dem der Zeitung verknüpft war, in der sie erschienen. Eisners „Spirit“ hatte ein eigenes Heft – zwar als Sonntagsbeilage, aber immerhin.
Der Spirit ist ein maskierter Kreuzritter, der für tot gehaltene Privatdetektiv Denny Colt, der jene Verbrecher bekämpft, gegen die die Polizei machtlos ist, weil der Archetyp des „korrupten Bullen“ sich noch nicht durchgesetzt hat.

Spirit     … und Erwachsne ebenso! „Spirit“ war auch im Merchandising ganz vorne.

Gut vierzig Jahre lang waren Comics nur für Erwachsene gedacht, für Zeitungleser eben. Eisners Serie folgte dem noch frischen Konzept, das sich erstmals an jugendliche Leser richtete: der Superheldenstory. „Spirit“ verband Elemente daraus mit dem Look des Film Noir. Mit der Zeit entwickelte sich daraus eine Parabel auf den realen Dschungel der Großstadt und das ewige Spiel menschlicher Verfehlungen. An die Stelle der frühen Superkriminellen traten Alltagsfiguren wie Taschendiebe, geschmierte Politiker, kriminelle Buchhalter und geflohene Sträflinge. Mitunter war Spirit nur eine Nebenfigur, und im Zentrum der siebenseitigen Abenteuer standen gepeinigte oder doch wenigstens ratlose Kreaturen. Die gelegentlichen phantastischen Elemente in Eisners Kunst kamen sich nie mit dem Realismus seiner Zeichnungen und seiner humanistischen Botschaft ins Gehege. Ein gutes Beispiel dafür ist die Episode „Der Vogelmensch“. Ihr Held, ein graues Männlein namens Gerald Shnobbel, hat seine angeborene Fähigkeit zu fliegen stets unterdrückt, um das kleinbürgerliche Idyll seines strengen Elternhauses nicht zu beschädigen. Wir erleben den Tag, an dem Shnobbel sich endlich entschließt, die Flügel auszubreiten – und eine Tragödie, die realistischer nicht sein könnte.

Will Eisner verlor das Interesse an der Serie schon 1952 und stellte sie ein. In den folgenden Jahren war er als Gebrauchsgrafiker und Illustrator von Schulungsmaterial für die Streitkräfte tätig, ehe er mit „Ein Vertrag mit Gott“ die Graphic Novel (den Comic-Roman) begründete und ihr auch den Namen gab. Der „Spirit“ wurde unterdessen zum oft reproduzierten Klassiker. In den 70er Jahren begann Eisner mit der Herstellung von Spirit-Artworks und neuen Titelseiten für die alten Abenteuer. Dazu baute er Spirits Namen in ein eigenständiges grafisches Kunstwerk ein, das die Stimmung vorgab. Schon früher hatten Comics mit den Linien gespielt, die die Panels umranden, aber weder „Polly“ noch „Little Nemo In Slumberland“ oder die Helden von „Bringing Up Father“ vermochten sie zu sprengen – der „Spirit“ schaffte es. Das freiere Layout begann sich durchzusetzen, woran auch Eisners Schüler Jim Steranko (Marvel Comics) seinen Anteil hat.

Eisners letzter Comic bescherte dem Spirit eine Wiederauferstehung. Der Bestseller-Autor Michael Chabon überredete den Altmeister zu einem kurzen Gastspiel bei „The Escapist“, einem Strip, der nur in seinem preisgekrönten Roman „The Amazing Adventures of Kavalier & Clay“ existiert. Will Eisner leistet sich nicht den kleinsten Stilbruch.

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2 Antworten zu Der Rächer von Central City

  1. DMJ sagt:

    Nun gut – diesmal ist der Zufall/die Synchronizität nicht ganz so groß, wie im Fall Günter Eich, aber er/sie sei trotzdem nicht verschwiegen: Gerade gestern begann ich eine Kurzgeschichtensammlung von Joe R. Lansdale, in welcher auch ein Gesamtverzeichnis seiner Arbeiten enthalten ist. Diesem entnahm ich zu meinem Erstaunen, dass er auch eine Story für die aktuelle „Spirit“-Serie geschrieben hatte.

    Nebenbei halte ich die Gerald-Shnobbel-Geschichte für überschätzt. Zusammengefasst klingt sie immer großartig, aber wohl durch ihre geringe Seitenzahl beengt, wirkt sie auf mich furchtbar erzwungen und das Mitgefühl mit dem Helden scheiterte bei mir an seiner Blindheit, den Spirit-Handlungsstrang um sich herum zu bemerken.

  2. Pingback: Die schönsten Comics, die ich kenne (9): „The Long Tomorrow“ - Monty Arnold blogt.Monty Arnold blogt.

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