Alle lieben Krimis

betr.: „Tatort: Blutschuld“ – ARD, heute um 20.15 h

Über den wahnsinnigen Erfolg der „Tatort“-Reihe und des Krimis im Allgemeinen wird immer wieder nachgedacht, auch in Artikeln. Häufig wird dann die Vermutung geäußert, der Grund dafür sei, dass unter uns wohl doch sehr viele Moralisten lebten. Glaub‘ ich nicht. Die richtige Lösung lautet: es hat mit dem Genre zu tun.

Im US-Fernsehen ist es etwas griffiger: „Drama“ ist im Fiction-Bereich beinahe alles, was nicht „Comedy“ bzw. „Sitcom“ ist, also ein weites Feld. So unterschiedliche – und teilweise hochamüsante – Serien wie „Six Feet Under“, „Mad Men“, „The Wire“ und „Breaking Bad“ sind dort Dramaserien. Bei uns wird dieser Begriff hauptsächlich auf das Theater bezogen, und wenn er im Fernsehkontext gebraucht wird, deutet er auf Tragik hin und riecht ein wenig nach Hochkultur – als deutsche Serien-Genrebezeichnung taugt er nicht. Wer also als Zuschauer sichergehen will, dass er jenseits der Komödienabteilung nicht in eine Liebes-, Heimat- und Familienschnulze à la Rosamunde Pilcher gerät, wer Dialoge hören will, die nicht strikt auf Pointe (bzw. Pointenversuch) geschrieben sind, der geht beim Krimi am ehesten auf Nummer sicher. Auch da darf es dann gerne mal was zu Lachen geben, aber selbst in betont albernen Varianten wie z.B. den beliebten „Tatorten“ aus Münster, geht es um die „letzten Dinge“. Andererseits sorgen auch in jenen dieser Fälle, die etwas besinnlicher angelegt sind, köstliche Chargen wie die von Mechthild Grossmann gespielte Staatsanwältin für einen Witz jenseits der Punchline.

Im Krimi fliehen wir also nicht allgemein vor dem Alltag (was der Philosoph so schön „Eskapismus“ nennt), sondern zusätzlich vor Schnulzen und Klamotten aus heimischer Fertigung.
Ein gutes Beispiel für diesen Schleichweg, der auch mich immer wieder an den Tatort zurückführt, sind die Bücher von Håkan Nesser. Dass es hier auch mal ’ne Leiche gibt, ist nur ein Vorwand, um Jugendromane („Kim Novak badete nie im See von Genezareth“), Gesellschafts- („Eine ganz andere Geschichte“) oder Familiendramen zu erzählen („Mensch ohne Hund“).
Das ist der Deal im deutschen Genresystem: Das Todesopfer stellt sicher, dass nicht unentwegt geblödelt oder geschmachtet werden muß.
Im Fernsehen funktionieren Nessers Arbeiten übrigens nur mäßig. Da ist man bei den Hörbüchern besser aufgehoben, um die sich glücklicherweise Dietmar Bär kümmert. – Womit wir wieder beim „Tatort“ wären …

Dieser Beitrag wurde unter Fernsehen, Gesellschaft, Krimi, Medienkunde, Medienphilosophie abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.