Das lange Telefonat der Seele

betr.: 139. Jahrestag des ersten Telefongesprächs

Wir alle haben unsere Lieblingsfilme – der Plural ist bewußt gewählt. Wer das Kino liebt, wird sich beinahe zwangsläufig zwischen die Stühle setzen müssen und vielleicht so behelfen: dies ist mein liebster Krimi, mein liebster Western, meine liebste Schnulze.
Wenn ich – etwas davon abweichend – gefragt würde, welches der schönste Film aller Zeiten ist, würde ich ohne zu zögern sagen: „Sorry, Wrong Number“.
Der deutsche Titel „Du lebst noch 105 Minuten“ hat zwei Nachteile: erstens stimmt die Zahl nicht, weil der Film weniger als 90 Minuten dauert, und zweitens klingt er arg nach inhaltlicher Vorwegnahme, nach einem Spoiler wie man heute sagt.
Sonst gibt es an der deutschen Fassung zum Glück nichts auszusetzen: sie ist genauso vintage wie es die schwarzweiß flimmernden Bilder sind – das Werk entstand 1947.

Die Vorlage war ein 30minütiges Hörspiel, das vier Jahre zuvor in einer Suspense-Reihe ausgestrahlt worden war. Die Autorin Lucille Fletcher, Gattin des für seine effektvolle Düsterkeit berühmten Filmkomponisten Bernard Herrmann, durfte auch das erheblich umfangreichere Drehbuch schreiben. Trotz der nun hinzukommenden filmisch ausgestalteten Rückblenden bleibt das Ganze ein dichtes Kammerspiel, das von seiner bettlägerigen Heldin getragen wird, der Schauspielerin Barbara Stanwyck (- im Radio war es Agnes Moorehead, die klassische Schreckschraube des frühen Tonfilms).
Leona Stevenson ist eine schwerreiche Frau, die wegen einer Herzkrankheit ans Bett gefesselt ist. Beim abendlichen Versuch, ihren Mann zu erreichen, der merkwürdigerweise nicht nach Hause gekommen ist, hört sie durch einen technischen Fehler das Telefongespräch zweier anderer Teilnehmer mit, die sich zu einem Mord verabreden. Sie wählt erneut, um die Polizei zu verständigen, die ihr natürlich rät, das Ganze als Scherz abzutun.
Bei Mrs. Stevenson setzt nun eine zunächst noch recht fröhliche Assoziationsextase ein, und sie telefoniert weiter. Es ist der Start in einen Horrortrip.
Mrs. Stevenson findet heraus, dass sie selbst das Mordopfer ist, über das die Herren am Telefon geredet haben, sie erfährt, warum ihr Mann nicht nach Hause gekommen ist und erleidet einen Nervenzusammenbruch. Etwa genausoviel erlebt der Zuschauer: er darf sich in allerfeinster film noir-Atmosphäre vor mysteriösen Anrufern fürchten, ein finsteres Haus auf Staten Island besuchen und – wichtiger noch – er lernt eine Frau kennen, die von ihrem reichen Vater zu einem manipulativen Wrack verzogen wurde, das weder mit sich selbst noch mit anderen Menschen zurechtkommt. Dieses Psychogramm ist erschütternd und präzise und ebensoweit vom Hollywoodkitsch jener Jahre entfernt wie das Ende des Films. (Ich würde „modern“ sagen, wenn der Begriff nicht seinerseits so unmodern wäre …)

Die Hörer der Urfassung hatten – im Gegensatz zu den Kinobesuchern der 40er Jahre – das Glück, diese Geschichte zu Hause genießen zu können, unter eine Bettdecke schlüpfend, die keinerlei Schutz bietet. Wir können es mit „Sorry Wrong Numer“ heute wieder so halten.

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