Das Zittern unterm Mikrofongalgen

betr.: 71. Geburtstag von Lutz Mackensy / Sprechergeschichten

Mitte der 90er Jahre hatte ich die Freude, eine Sprachaufnahme mit Hans Paetsch absolvieren zu dürfen. Sowohl vor dem Klang dieses legendären Märchenerzählers konnte man ehrfürchtig strammstehen, als auch und erst recht vor seinem Lebenswerk, mit dem seinerzeit praktisch jeder großgeworden war. Wenn man dem Meister dann persönlich gegenüberstand, rührte man sich schnell wieder, denn er war von einer Liebenswürdigkeit, die das Klischee bediente, nach dem wirkliche Größe kein Getöse braucht.
Weiterhin eilte ihm der (leider nicht selbstverständliche) Ruf voraus, ein unkomplizierter Profi zu sein, der sehr gerne klare Regieanweisungen bekommt.
Die beiden jungen Kollegen aus der Werbeagentur, die nun mit uns arbeiteten, wußten das aber nicht.

Unser Auftrag war kurz – ein regionaler Funkspot für ein Unternehmen in der Umgebung Hamburgs. Ich hatte mit einer Trickstimme dem gütigen Off-Sprecher, der die Werbebotschaft wie ein altes Märchen verkündete, ins Wort zu fallen.
So begannen wir.
Herr Paetschs Text endete mit den Worten „An der Abfahrt Halstenbek-Krupunder“, doch er sprach es versehentlich „Krubunter“ aus und blieb auf diesem Versprecher sitzen, wie es manchmal geschieht. Die beiden Kollegen auf der anderen Seite der Glasscheibe belauerten einender gegenseitig nach dem Motto: „Sag du’s ihm doch!“, aber keiner der beiden wagte es, den Fehler zu benennen. So hofften sie schließlich, bei einer Wiederholung würde er sich vielleicht versprechen und „Halstenbek Krupunder“ zufällig richtig aussprechen.
Herr Paetsch – der sich keiner Schuld bewußt war – mußte den ansonsten tadellosen Take immer und immer wiederholen. „Dufte“, hieß es jedesmal, „aber können wir noch einen haben?“
Er tat wie ihm geheißen ahnte aber irgendwann, dass da irgendetwas lief, was ihm keiner sagen wollte.
Die Kollegen in der Regie erwähnten das Banal-Mißliche nicht, und nach 40 Versionen beendeten wir die Session – nicht vollständig verrichteter Dinge.

Wie ich später an der Abrechnung merkte, ist der Spot mit dieser kleinen Schramme trotzdem auf Sendung gegangen.

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1 Antwort zu Das Zittern unterm Mikrofongalgen

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