In Neptuns Gen-Pool

betr.: Weltwassertag

„Warum greifen wir nach den Sternen“, fragt mit weihevoller Stimme der Bond-
Bösewicht Curd Jürgens, „wenn sieben Zehntel unseres Planeten unerforscht sind?“ In dieser – selbstverständlich rhetorischen – Frage mag ein nostalgisches Gefühl für jene Zeiten mitgeschwungen haben, als die Fantasie der Menschheit noch nicht von Naturwissenschaftlern und anderen Spielverderbern in die Schranken gewiesen wurde. Unsere Mythologie war nicht nur in der Ebene (Vampire, Werwölfe, Höhlenmonster), in den Bergen (Bigfoot, Yeti) und in der Luft (Harpyen, Flugdrachen) sondern auch in der Tiefe des Meeres, ja sogar in kleineren Binnengewässern von wundersamen Ungeheuern bevölkert. Die wenigsten waren so langlebig wie das Ungeheuer von Loch Ness (ein Geschöpf des 6. Jahrhunderts), dem im anbrechenden Medienzeitalter prompt seine Sehnsucht nach einer gewissen Privatsphäre verübelt wurde.
Der unverwüstliche japanische Seedrache Godzilla widerum ist ein Produkt dieses Zeitalters und somit Gegenstand eines anderen Textes. (Die gewaltigen hymischen Seeschlangen, die man noch bis ins 19. Jahrhundert hinein gesichtet haben will, haben bei seiner Erfindung nachgeholfen.)

Beginnen wir mit dem Kleinvieh. Im Mittelalter ging man davon aus, dass es zu allem feständischen Leben auch ein maritimes Pendant geben müsse. Als ein in Norwegen bis dato unbekannter Fisch angeschwemmt wurde, leitete man von seinem Aussehen – miesepetriges Gesicht, Übergewicht, Glatze und die Anmutung einer Kutte – den vergleichsweise harmlosen liturgischen Aberglauben ab, es müsse Mönchs- und sogar Bischofsfische geben. Ein offensichtlicher Kenner des Klerus kam auf die Idee, diese Tiere seien in der Lage, Stürme zu verursachen und Schiffe zu versenken.
Eine ähnlich knappe mittelalterliche Überlieferung rankt sich um ein (einmaliges!) Flussungeheuer, das in dem französischen Flüßchen
Husine gelebt haben soll – mit grünen Zotteln bewachsen und mit einem Krokodilschwanz ausgestattet, mit dem es seine menschlichen Opfer vor dem Verzehr erschlagen konnte. Es kam zuweilen sogar an Land gekrochen, spuckte Feuer und fraß kleine Kinder und schöne, junge Frauen. Der Verlobte eines dieser Opfer säbelte ihm den Krokodilschwanz ab, woraufhin es elend verhungern mußte.

Zu größerer Prominenz hat es die griechische Wasserschlange Hydra gebracht, die das gute Aussehen ihrer Mutter (Echidna, einer „schönen Frau mit einem Schlangenleib“) nicht geerbt und vermutlich vor allem damit den Unmut der antiken Heldenszene erregt hatte. Ihr Körper war schuppig, und die Menschenköpfe, die mit langen Hälsen daran befestigt waren, sahen auch noch „grässlich“ aus. Wieviele es davon gab, ist ungewiß, denn bekanntlich wuchsen jeweils zwei neue nach, wenn ein Recke einen abschlug. Der Kopf in der Mitte war zu allem Übel unsterblich.
Erst Herakles – der bekanntlich schon im Säuglingsalter mit Schlangen Erfahrung gesammelt hatte – kam auf die Idee, nach jeder Enthauptung den Stumpf mit einer glühenden Speerspitze auszubrennen und somit das Nachwachstum zu verhindern. Den unsterblichen Kopf vergrub er unter einem Felsen, wo er angeblich immer noch liegt und sich so seine schmutzigen Gedanken macht.

Ebenfalls in Griechenland machte man sich Gedanken um einen Saugfisch namens „Echeneis“. (Die Lateiner nannten ihn „Remora“, was so viel wie „Verzögerung“ bedeutet.) Das Biest war in der Lage, sich mit einer pümpelförmigen Kopf-Wucherung an Schiffen festzusaugen und seinen Schwanz um einen Felsen zu wickeln. Sowohl Marcus Antonius als auch Caligula sollen auf diese Weise in Verzug geraten sein.
Für das südchinesische Meer war der „Seebonze“ (oder „Hai-Ho-Shang“) zuständig. Auch hier kam manchem Augenzeugen der Vergleich mit einem (buddhistischen) Mönch in den Sinn. Jede Dschunke hatte mindestens einen speziellen Tänzer an Bord, der – gehüllt in ein schwarzes Gewand mit Puffärmeln – den Riesenfisch eventuell besänftigen konnte.

Damit wären wir wieder in der unerforschlichen Tiefe: auch Meerjungfrauen waren nämlich keineswegs so liebenswert, wie uns der Disney-Konzern in den 80er Jahren glauben machte. Bei schlechter Laune beschworen auch sie Stürme herauf, bei guter setzten Sie sich auf einen gut sichtbaren Felsen, um ihr Haar zu bürsten und mit FKK und Sirenengesängen Seeleute ins Verderben zu locken.
In allen Teilen der Welt (sogar bei den Indianern) erzählte man sich von Wesen, halb Mensch, halb Fisch. Und hier wollte auch die Wissenschaft nicht immer abseits stehen: der berühmte Entdecker Henry Hudson (1750-1611) will sogar eine Nixe mit getupftem Schwanz gesichtet haben, die versammelte Mannschaft war Zeuge. 

Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Literatur abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.