Läge mir im Weg ein Herz

betr.: 114. Geburtstag von Curt Bois

„Welch eine Zeit!“ schrieb Bruno E. Werner* über die Berliner 20er Jahre. „Welch eine überwältigende Fülle von Akteuren im Bereich aller Künste.“ Nicht nur die Massenmedien begannen sich breitzumachen (Rundfunk und Kino gesellten sich zu den Printmedien), es war auch die Zeit, da der Trichter vom Grammophon verschwand. Auf den harten, aber leicht zerbrechlichen Platten hat sich ein winziger Bruchteil dessen erhalten, was damals an kreativen Kräften in der alten Reichshauptstadt wütete, in den Jahren zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Nationalsozialismus. Der machte nicht nur dem weltberühmten Berliner Nachtleben sondern auch der Kreativität ein Ende – durch Gleichschaltung, und Vertreibung und Ermordung des künstlerischen Personals.

Einer der Mitspieler dieser kurzen Phase, von der Herr Werner eingangs schwärmte, war ein zierlicher, hellstimmiger Herr namens Curt Bois, von Beruf Charakterkomiker. Die Nachkriegsgeneration erfuhr von Herrn Bois erst durch den musikalischen Ulk „Das Spukschloss im Spessart“. Hier spielte den Geist Hugo. Den eigentlichen Höhepunkt hatte Bois schon 1930 mit Liedern wie „Ich mache alles mit den Beinen“** und „Der kleine Wolf aus Olmütz“ gehabt, in denen er die Nonsensschlager der 70er Jahre vorwegnahm. Der Starkritiker Alfred Polgar nannte ihn den „Federgewichtsmeister in allen Künsten heiteren Theaters, das Genie der kleinen flüchtigen und frechen Drôlerien“. Vor den Nationalsozialisten war er nach Hollywood geflüchtet, wo er neben vielen Emigrantenkollegen in „Casablanca“ auftrat, mit Buster Keaton und mit Gene Kelly drehte.

Alles mit den Beinen FineCurt Bois liebte es, zu improvisieren und danach den Kollegen bei der Analyse seines Treibens zuzuhören. Er spielte nach seiner Rückkehr nach Deutschland bei Bert Brecht und hatte einige große Erfolge unter der Regie von Fritz Kortner. In Molières „Don Juan“ stolperte er beinahe halsbrecherisch als Sganarelle auf der Probebühne eine große Treppe hinunter. Auf dem Weg nach unten überbrachte er eine schreckliche Botschaft, um pünktlich mit dem Ende seines Textes heil unten anzukommen. Die Kollegen schüttelten sich vor Lachen. Kortner tat das auch. Als er sich davon wieder erholt hatte, verfügte der Regisseur, wie sich das nach jedem großen Gelächter in der Werkstatt gehört: „Wunderbar, ganz außerdordentlich! Aber das lassen wir weg!“ Bois – ebenso enttäuscht wie Kollegen – fragte: „Warum, Herr Kortner? Sie haben doch selbst gelacht?“ – „Ja, aber unter meinem Niveau!“


* Der deutsche Germanist, Publizist, Journalist, Schriftsteller, Essayist, Übersetzer, Kunst- und Literaturkritiker Bruno Erich Werner (1896 – 1964) war auch Diplomat im Dienst der Bundesrepublik. Seine Lebenszeit reicht somit vom Deutschen Kaiserreich bis in die Adenauer-Ära.
** Text und Musik von Friedrich Hollaender

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