Monty oder John? – James Bonds größtes Geheimnis

betr.: 87. Geburtstag von Monty Norman

John Barry war und ist neben Ennio Morricone der wichtigste und kommerziell erfolgreichste europäische Soundtrack- und Filmsongschreiber der Welt. Sein Beitrag zur größten Kinofilmreihe aller Zeiten ist unbestritten: der von ihm geschaffene Sound ist bis heute maßgeblich, wenn 007 mal wieder kurz die Welt rettet. Und doch war Barrys Arbeit für dieses Projekt nicht unproblematisch – nicht zu Beginn, nicht am Ende und nicht danach.
Sein wichtigstes Verdienst um 007 und die gesamte Popkultur hat sich einer Klärung lange widersetzt. Mehr als 50 Jahre nach dem Start der Serie und einige Prozesse später, gilt nach wie vor Monty Norman als der Komponist des „James Bond Theme“. Das ist richtig, und doch ist es nicht die restlose Wahrheit.
Die Musik unter dem berühmten Gunbarrel-Logo klingt derart nach purem John Barry, dass ein „Cinema“-Buch* noch 1987 anmerkte: „Obwohl Monty Norman als Komponist (…) angegeben ist, war es John Barry, der die zündende Themamusik schrieb. (…) Barry machte Anleihen bei seinem eigenen Instrumental-Repertoire, speziell bei einem kleinen Stück mit dem Titel ‚Bea’s Knees’, in dem die gleiche scharf geschlagene Gitarre auftauchte (…) Barrys Honorar für das Bond-Thema: ganze 200 Pfund …“. (In den Stabangaben nennt das Buch aber noch immer brav Monty Norman als Urheber.)
Wie ist es nun wirklich gewesen?

Als Monty Norman zum Team des ersten Bond-Films „Dr. No“ stieß, hatte er einige wenige Soundtracks geschrieben – darunter für die Jeckyll-&-Hyde-Adaption „Schlag 12 in London“ – und ein unveröffentlichtes Musical: „A House For Mr. Biswas“ nach der gleichnamigen Erzählung des indisch-britischen Schriftstellers V. S. Naipaul. (In diesem Zusammenhang wird gerne auf Normans Mitwirkung an dem Musical-Erfolg „Irma La Douce“ hingewiesen, aber das ist etwas irreführend: er war nur einer der drei englischen Bearbeiter der französischen Originalfassung von Marguerite Monnot.)
Einer der beiden Bond-Produzenten schätzte ihn, seit er „Belle Or The Ballad Of Dr. Crippen“ mitfinanziert hatte, ein kurzlebiges Musical von Monty Norman.
Für „Dr. No“ wünschte er sich nun zweierlei von ihm: die Adaption der Folklore Jamaikas, wo der Film spielen sollte, und die Komposition eines Themas, das im Erfolgsfalle als Leitmotiv einer Serie taugen würde. Normans „Steel-Drum-Musik“, die source music** des Films, ist das, was wir auf dem Soundtrack-Album hören: viel Karibik-Jazz, ein wenig experimentelle elektronische Musik und ein paar Songs, die von der Byron Lee Band gespielt werden. Der wichtigste davon ist „Underneath The Mango Tree“, der so etwas wie der erste Bond-Filmsong ist, ohne offiziell zu dieser edlen Reihe gerechnet zu werden. („Dr. No“ fehlt noch die klassische Vortitelsequenz. Sie wird erst im nächsten Film eingeführt.)
Für das gewünschte Titelthema recycelte Norm
an die erste Zeile des Songs „Bad Sign, Good Sign“ aus dem erwähnten Naipaul-Musical, er war aber nicht in der Lage, es in zufriedenstellender Weise in eine Aufnahme umzusetzen. (Wenn man diesen Song hört, fühlt man sich an die frühen Novelty-Acts von Peter Sellers erinnert, in denen der Akzent indischstämmiger Briten für große Heiterkeit sorgte – übrigens auch bei den indischstämmigen Briten!). Der B-Teil des Bond-Themas war neu – bis heute ist ungeklärt, ob er ebenfalls von Norman oder von John Barry stammt. Barry wurde nämlich hinzugezogen, Normans Material zu orchestrieren und an dessen Stelle ein zweieinhalbminütiges Thema herzustellen. Zusammen mit seiner verstärkten John Barry Seven machte er schließlich die Aufnahme, die wir heute kennen. Der Arrangeur des im Film erklingenden Underscorings (das sich nicht auf der LP findet) war Burt Rhodes, Dirigent der im Vorspann ungenannte Eric James. (Er hatte zum Beispiel Chaplins „A King In New York“ dirigiert.)
Monty Norman war der Aufgabe, eine komplette Musik für „Dr. No“ abzuliefern, nicht gewachsen. In der Tat soll er an dem Job auch nicht sonderlich interessiert gewesen sein und hatte ihn schließlich angenommen, weil er mit seiner Frau auf diese Weise einen kostenlosen Jamaika-Urlaub machen konnte.


Noch etwas deutet auf John Barrys Mit-Urheberschaft am „Bond Theme“ hin: als Studiomusiker hatte er im Vorjahr einen Popsong vom Adam Faith betreut, in dem sich der 007-Groove schon machtvoll ankündigt: „Poor Me“.
Dass Monty Norman später als Komponist kein Aufsehen mehr erregte, ist wiederum nicht verwunderlich, wenn man sich die Millionen vor Augen führt, die er allein an Tantiemen für das „James Bond Theme“ kassiert hat.

John Barrys blieb als musikalischer Leiter bei 007, aber seinem Talent wurde noch immer nicht recht vertraut. Auch der Song zum nächsten Bond, „From Russia With Love“, kam noch von einem Gast: Lionel Bart, auch er ein Mann des Musicals. Wenige Jahre zuvor hatte er mit „Oliver“ seinen einzigen Hit gelandet.
Der Song erklingt noch unter der Schlussszene und dem Abspann. Erst im folgenden Jahr rundete sich die Erfolgsformel endgültig ab: auch der Titelsong stammte von Barry, lag unter dem Vorspann und war so prägnant, dass er nicht nur zum Welterfolg des Films beitrug (und damit zu dem des Helden) sondern auch dessen Interpretin zum Star machte: „Goldfinger“.

Trotz gelegentlicher Gastspiele anderer Komponisten, blieb Barry für die Reihe tonangebend, soweit es das Publikum betraf. In den 80er Jahren wurde seine Eignung von den Produzenten erneut in Frage gestellt, denn er mußte sich die Popgruppe „a-ha“ vor die Nase setzen lassen. Bald darauf war er aus der Serie verschwunden – während weiterhin in jedem Film Monty Norman als Urheber des Titelthemas genannt wird.
Barrys Ausstieg aus der Reihe war für die Fans nicht nachvollziehbar, denn er war noch viele Jahre lang als Filmkomponist erfolgreich.*** In der Sekundärliteratur über den Komponisten wurde um dieses delikate Thema nur wortreich herumgeschrieben.
Man kann sich denken, dass John Barry – all seiner Leistung zum Trotz – übel mitgespielt worden ist. Das ist traurig, hat aber für Normalsterbliche wie Sie und mich auch etwas Tröstliches.

 

* Dirk Manthey (Hrsg.): „James Bond – Die Hintergrund-Story zu 25 Jahre Bond“, Kino Verlag GmbH, 1987 – ISBN 3-89324-026-8 – Seit 2001 ist es verboten, diese Darstellung zu drucken.
** Die source music gehört gewissermaßen zur Geräuschkulisse eines Films (laufende Radios, Kneipenbeschallung, Live-Musik …) und wird auch von den handelnden Personen gehört, im Gegensatz zum Underscoring (der Szenenmusik).
*** Seine Oscars erhielt John Barry für Arbeiten jenseits der Bond-Reihe: 1966 je einen für Soundtrack und für Titelsong zu „Born Free“, 1968 für den Soundtrack zu „The Lion In Winter“, 1985 – um die Zeit seiner Entfremdung von 007 – für den Score zu „Out Of Africa“ und 1990 für „Dances with Wolves“.

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