„Bei Gottfried!“

betr.: 27. Todestag von Gert Martienzen

Ein Berliner Synchronverantwortlicher gab vor einigen Jahren die hochanständige Losung aus, man sei glücklich, wenn man bei der Eindeutschung eines Filmes 85% der Originalqualität erreiche, mehr ginge halt nicht – da dürfe man sich nichts vormachen. Im Falle der Kombination des stimmlichen Schauspiels von Gert Martienzen mit der vielschichtigen Visagerie meines Jugendidols Louis de Funès hatten wir einen Fall vor uns, wo die Qualität des Originals nach meiner Wahrnehmung sogar noch – um einige wenige, aber entscheidende Prozentpünktchen – gesteigert wurde.

Gert Martienzen hatte allerhand zu tun. Er begegnete mir im Kinderprogramm (z.B. als Stimme von „Mr. Magoo“ in der nie wiederholten Reihe „Trickfilmzeit mit Adelheid“ ) in „Mit Schirm, Charme und Melone“ (als Stimme des Großteils der einmalig auftretenden Gast-Ganoven) und in sämtlichen Filmgenres aus Frankreich und dem englischen Sprachraum. Diese breite Aufstellung war in jenen Tagen nicht unüblich, aber Martienzen gehörte zu den „Geheimwaffen“ der Branche. Als sein Kollege Gert Günther Hoffmann (u.a. zuständig für Sean Connery und Paul Newman) einmal gefragt wurde, für wen er sich denn entscheiden würde, wenn Connery und Newman mal zusammen aufträten, meinte er nur: „Dann mach ich eben beide“. Gert Martienzen mußte sich als Stimme sowohl von Sammy Davis jr. als auch von Frank Sinatra (beides tragende Mitglieder in der Entertainervereinigung „The Rat Pack“) solche Kühnheiten verkneifen – Sinatra teilte er sich z.B. mit Heinz Drache, Wolfgang Kieling, Erik Ode und Harald Juhnke. Auch de Funès gehörte ihm nicht ganz allein – obwohl er als gebürtiger Belgier zunächst französischsprechend aufgewachsen war – aber nur Klaus Miedel versorgte ihn annähernd so gut. Nachdem Martienzen wegen eines Schlaganfalls die Rolle endgültig abgeben mußte, übernahm sein (von mir hochgeschätzter) Kollege Peter Schiff. Dieser bekam die hektischen Ausbrüche des französischen Komikers einigermaßen in den Griff, wußte aber mit dessen leiseren Tönen nichts anzufangen.
Hier war die Einzigartigkeit von Gert Martienzen mit Händen zu greifen.
Im Hörspiel hatte er übrigens die Ehre, in der Urfassung von Günter Eichs Zyklus „Träume“ mitzuwirken.* Die Arbeit fürs Radio entlockte ihm den Ausspruch: „Ich liebe das Mikrofon, weil es so unerbittlich ist!“

Dass ich – wie so oft bei solchen Gelegenheiten – die seriöse Theaterarbeit vernachlässige, die solcher Virtuosität in vielen Fällen vorausging, liegt weniger an der Flüchtigkeit der Bühnenkunst an sich als an der Tatsache, dass die oftmals gut dokumentierten Theaterereignisse der Nachkriegszeit in den Archiven von ARD und ZDF vergammeln und von ihren Finanziers (den fernsehenden Gebührenzahlern) zuverlässig ferngehalten werden. Immerhin hat Gert Martienzen sein Talent an seine Tochter Marion vererbt, die fleißig Theater spielt (auch freies und Musiktheater) und z.B. Sandrine Bonnaire synchronisiert.

* Das war zunächst ein Skandal, dann ein Klassiker, der einige Remakes nach sich zog, heute kennt es kein Schwein.

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