Nazis aus dem Gewächshaus

betr.: 70 Jahre Ende des Nationalsozialismus (1)

Interview mit Christoph Dompke

Monty Arnold: Mein morgiger Beitrag* zum o.g. Jubiläum ist ein Kapitel aus dem unveröffentlichten Buch eines geschätzten Filmkritikers und –historikers. Heute unterhalte ich mich mit ihm: herzlich willkommen, Christoph Dompke.

Christoph Dompke: Guten Tag!

Für Ihre ersten beiden Bücher zur Filmkunst haben Sie auch Applaus von Kollegen bekommen. Georg Seeßlen hat Sie für die Frische ihrer Themen und Blickwinkel gelobt. Was waren das für Bücher?

Das war die erste Auflage von „Alte Frauen in schlechten Filmen“. Über die Rezension von Georg Seeßlen habe ich mich damals sehr gefreut, weil er einer der besten deutschen Filmkritiker ist. Lediglich meine Auflistung der vielen Krankheiten und Operationen von Liz Taylor hat ihm nicht gefallen – und da ich auch nicht ganz glücklich damit war, hat der Text für die Neuauflage dann tatsächlich keine Verwendung mehr gefunden. Mein zweites Buch war „Unschuld und Unheil – Das verdorbene Kind im Film“.

Als drittes, es muß im Jahre 2000 gewesen sein, haben Sie mit dem Gedanken gespielt, ein Buch über Fälle zu schreiben, in denen Nazis als Filmschurken bzw. -monster fungieren.

Die Idee war, deutschen Lesern die abstrusen Filme nahezubringen, die Hitler und seine Mannen und deren Nachleben zum Thema haben, aber meist aufgrund deutscher Empfindlichkeiten nicht ins Kino kamen. Das reicht von „The Frozen Dead“ (tiefgefrorene Nazis, die von englischen Wissenschaftlern wieder aufgetaut werden, um die Weltherrschaft an sich zu reißen) über „Salon Kitty“ (Tinto Brass’ Exploitationgeschwister von Viscontis „Die Verdammten“) bis zu „Insel der blutigen Plantage“ von Fassbinder-Zögling Kurt Raab mit Barbara Valentin als „Bloody Olga“ und einem Meisterwerk des Trash wie „Flesh Feast“ mit Veronika Lake.
Es wäre sicherlich ein heiteres Buch mit erstaunlichen Einblicken in die Verliese der Filmkunst geworden – schade, daß es nie dazugekommen ist. Aber die beiden letztgenannten Filme haben es immerhin in die Neuauflage von „Alte Frauen in schlechten Filmen“ geschafft.

Wie hätte der Titel gelautet?

Es gab damals nur eine vage Idee: „Springtime For Hitler“, aber das wäre wegen des gleichnamigen Films schwierig geworden.

Ein Großteil des Vergnügens bei der Lektüre Ihrer Arbeit ergibt sich daraus, wie haarsträubend die sauber recherchierten Fakten sind. Was man da liest, könnte nicht schöner erfunden sein. Da hätte eine solche Publikation doch die natürliche Fortsetzung bedeutet.

Ach, wie das immer so ist … Die „alten Frauen“ sind im Männerschwarm Verlag erschienen, ein kleiner aber feiner Verlag, der tolle schwule Literatur verlegt. Der Nachfolgeband „Unschuld und Unheil“ hat sich nicht so gut verkauft wie die „Alten Frauen“, mein Verleger hat die Verkaufschancen eines Buches über schräge Nazi-Filme als nicht so hoch eingestuft – und ich selbst habe irgendwann das Interesse daran verloren. Nachdem „Inglorious Basterds“ von Tarantino in die Kinos kam, hätte ich noch einen Versuch wagen können, aber damals fehlte mir einfach die Zeit.

Haben Sie bei Ihren Recherchen eine besonders originelle Zeitzeugenbegegnung gehabt, von der Sie uns erzählen möchten?

Eine Zeitzeugenbegegnung in diesem Zusammenhang gab es nicht – ich habe nach einigen Probekapiteln ja alles ad acta gelegt und auch keine Interviews mehr avisiert, auch nicht bei den ersten Büchern. Dafür aber während der Entstehung meiner Dissertation über „Unterhaltungsmusik und NS-Verfolgung“. Ein Kapitel war dem Schaffen von Hugo Wiener und Cissy Kraner gewidmet, die ich beide noch persönlich kennenlernen und auf der Bühne erleben durfte. Nachdem Hugo Wiener verstorben war, ist Cissy Kraner noch eine Zeit lang mit Herbert Prikopa aufgetreten (seinerzeit Star an der Wiener Volksoper) und hat hochbetagt immer noch ihre alten Chansons gesungen – hervorragend übrigens! Mein ganz persönliches Highlight war immer wieder ihre Darbietung von „Ich wünsch mir zum Geburtstag einen Vorderzahn“, bei der sie sich mittels blonder Zopfperücke und schwarz geschminkter Zahnlücke in einen Teenager aus der Vorstadt verwandelte. Das war zwar Camp – weil sie ihr Alter weder verleugnen konnte noch wollte und die blonde Perücke eigentlich zuviel des Guten war – aber wie so oft im reinen Camp auch von einer wuchtigen Wahrhaftigkeit beseelt, weil sie mit solchem Ernst zu Werke gegangen ist. Ein unvergeßliches Erlebnis!

Viele deutsche Emigranten – gerade auch Juden – haben in Hollywood Nazis gespielt, und über die deutschen Bond-Bösewichte des Kalten Krieges führt eine dünne aber durchgezogene Linie hin zu den Tarantino-Nazis. Gibt es diese Präsenz deutschen Personals auch bei den von Ihnen besprochenen Filmen, die ja nicht nur aus dem englischsprachigen Mainstream kommen?

Nun ja … bestimmte Pappenheimer wie Helmut Berger oder Udo Kier findet man natürlich auch in einigen dieser Filme, aber das meiste davon ist US-amerikanischer Trash ohne eine auffällig häufige Mitwirkung deutscher Mimen.

Nun ist es Zeit, mich für dieses Gespräch und die freundliche Genehmigung zu bedanken, das einzige überlebende Kapitel des Buches wiederzugeben* – es gab wohl noch zwei weitere, die nicht mehr aufzufinden sind.
Weiterhin viel Erfolg und gute Unterhaltung im Kino!

Herzlichen Dank!

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* Christoph Dompkes Besprechung des Films „Zombie Lake“ (F/ESP 1981) folgt morgen an dieser Stelle.

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