Farewell, James Horner

betr.: zum Tode von James Horner

Es ist bezeichnend, dass in den kurzen Radiomeldungen vom Tod James Horners bei einem Flugzeugabsturz hauptsächlich von zeitgenössischen Filmen die Rede ist, bei denen sich schon jetzt kein Mensch mehr an die Musik erinnert: „Braveheart“ und „Avatar“ – und natürlich von seinen beiden Oscars für „Titanic“.
In den letzten Jahren war mir seine Musik bereits fremd geworden. Sein ganz großer Ruhm kam für unsere Liebesgeschichte zu spät.
(Das erinnert mich etwas an die Rezeption von John Barry – einem weitaus berühmteren Filmkomponisten -, der von Soundtrack-Freunden* heute vor allem für „Out Of Africa“ gefeiert wird – eine solide, aber für seine Verhältnisse anspruchslose Arbeit.)

Es gab eine Zeit, da war James Horner meine letzte Hoffnung. In den 80ern, als sich der spätromantische Soundtrack zugunsten von unterlegter Popmusik aus dem Kino verabschiedete, komponierte er noch für großes Orchester. Und er konnte Melodien schreiben, bei denen dieses Orchester auch wirklich etwas zu erzählen hatte.
Seine Musik für „The Wrath Of Khan“, dem zweiten Spielfilm mit Captain Kirk und der Enterprise, machte „Star Trek“ endgültig auch zu einem Kinoformat; „Star Trek – Der Film“ war eher als Kuriosum aufgefallen. Die Geschichte um einen Tyrannen auf Rachefeldzug wird von einer edlen, beschwingten Historienfilmmusik begleitet, in die immer wieder der kosmische Donner des Actionfilmzeitalters hineinfährt.
Dieser zweite Teil gilt noch immer als eines der Glanzlichter der Serie, wenn auch der Humor hier etwas zu kurz kommt, der ab dem Legendären Teil IV (der mit den singenden Walen) zu einem unverzichtbaren Bestandteil des Kinokonzeptes wurde.
Um die selbe Zeit entstanden „Brainstorm“ und „Gorky Park“, zwei Thriller, in denen der komponist auch die sphärischen Momente eindrucksvoll herausarbeitet.

Dass James Horner auch Songs schreiben konnte, bewies er in seiner reichsten und einfühlsamsten Filmmusik überhaupt, dem Trickfilm-Musical „Feivel, der Mauswanderer“ (unterstützt von der Texterin Cynthia Weil). Hier gibt es alles, was das Kind zum Großwerden braucht – und noch mehr.
Der naive aber berechtigte Optimismus der emigrierenden russischen Mäuse auf der Überfahrt wird mit „There Are No Cats In America!“ gefeiert, eine unerwartete Freundschaft mit der anrührenden Vaudeville-Nummer „A Duo“. Das große Liebesthema „Somewhere Out There“ funktioniert ebensogut als kinderstimmiges Fern-Duett wie als große Rockballade von Linda Ronstadt und James Ingram über dem Abspann. All das wird von einer sinfonischen Partitur umarmt, bei der sich Horner – dem Heimatland der Flüchtlingsfamilie entsprechend – an den russischen Meistern orientiert hat. Ein besonderes Juwel ist der gehauchte Chor, der den Willkommensgruß vom Sockel der Freiheitsstatue zitiert: „Give Me Your Tired, Your Poor“. New Yorks Wahrzeichen ist gerade im Bau begriffen, als der kleine Feivel in einer Flaschenpost in den Hafen einläuft.
Der Film hat bis heute seine Bewunderer, und das hat viel mit James Horner zu tun.

Soewhere Out There Sheet
           Ein unbesungenes Meisterwerk: die Einzelausgabe von „Somewhere Out There“

Bis heute werden Oscars für den besten Song vergeben, aber die meisten davon hört nur der Kinobesucher. Mit „My Heart Will Go On“ lieferte Horner 1997 für „Titanic“ einen letzten fulminanten Beitrag zur Tradition des Filmhits, der unabhängig von seinem Originalkontext um die Welt geht.

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* Gewiß, gewiß – außerhalb der Filmmusik-Fanblase nimmt man John Barry vor allem als den Vater des James-Bond-Sounds wahr, und das ist eine ganz andere wunderbare Geschichte.

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