Angst und Schrecken in Isola

betr.: 10. Todestag von Ed McBain alias Evan Hunter / E-Book von Frank Göhre und Alf Meyer

Für manche Menschen – für ganz wenige natürlich! – ist es betrüblich, dass das Lesebuch und der umfangreiche Essay „Cops in the City. Ed McBain und das 87. Polizeirevier. Ein Report.“ zunächst nur als E-Book erscheinen wird.* („zunächst“ bedeutet, dass es im folgenden Jahr „vielleicht“ auch eine gedruckte Version geben wird.)
Trotzdem ist dies unbedingt eine gute Nachricht!
Frank Göhre und Alf Mayer portraitieren den Krimi-Klassiker Ed McBain alias Evan Hunter, der 1926 als Salvatore Albert Lombino in New York zu Welt kam. Ab 1956 schrieb er fünf Jahrzehnte lang insgesamt 55 Romane über ein realistisch gezeichnetes Polizeirevier in einer fiktiven Stadt. Fiktiv war die Stadt deshalb, damit der Autor nicht ständig die New Yorker Topografie recherchieren mußte.
Der heutige Betrachter fühlt sich an David Simons Arbeiten wie „The Wire“ erinnert. Vor ihm entfaltet sich das Sittenbild einer ohnehin rettungslos auf den Hund gekommenen Großstadt, die zügig immer weiter verrottet. Polizistenmorde, Bandenkriege und herumliegende aufgeschlitzte Matratzen sind an der Tagesordnung, „die klassischen »7 Todsünden«: Eitelkeit, Habgier, Wollust, Rachsucht, Maßlosigkeit, Eifersucht und Ignoranz“, wie uns der Klappentext schon mal verrät.

McBain
Autor Frank Göhre, Schauspieler und Musiker Gustav Peter Wöhler und Journalist Alf Mayer bei der Release-Lesung des E-Books im „Birdland“, Hamburg. (Im Hintergrund spielt das Buggy-Braune-Trio.)

Bereits seit seinem Debütroman „Die Saat der Gewalt“ und dessen Verfilmung war McBain ein großer Name. Trotzdem war es ziemlich aufregend für ihn, vom „Master of Suspense“ für die Mitarbeit an einem Drehbuch engagiert zu werden. Davon handelt unsere kleine Leseprobe:

Die Anfrage, das Drehbuch für „Die Vögel“ zu schreiben, kam per Telefon aus Alfred Hitchcocks Büro. Evan Hunter gab an, die Erzählung von Daphne Du Maurier erst lesen zu müssen, bevor er zusagen könne. In Wirklichkeit, schreibt er in den Erinnerungen, hätte er „Jaaa!“gesagt, wenn es um das Telefonbuch der Bronx gegangen wäre.
Du Mauriers Erzählung handelte von einem Farmer aus Cornwall und seiner Frau, keine einzige Zeile Dialog im Buch, zum Schluss dringen Vögel durch den Kamin in das Bauernhaus ein. – Aus, Ende der Story.
Hitchcock rief noch am selben Tag persönlich an. In England wolle er auf keinen Fall wieder arbeiten und er wolle er keinen dämlichen Bauern mit Frau als handelnde Personen. „Also vergessen Sie die Geschichte komplett, die einzigen Elemente, die wir verwenden wollen“ – die Wir! -, klingelte es deutlich in McBains Ohren -, „die einzigen Elemente, die wir verwenden wollen, sind der Titel und die Sache, dass Vögel Menschen angreifen. Alles andere erfinden wir neu. Wann können Sie kommen?“
Für die Dreharbeiten der Verfilmung von Evan Hunters Ehe-Roman „Fremde, wenn wir uns begegnen“ hatte sein Agent ein Haus in Santa Monica mit ausgehandelt, Terrasse zum Pazifik. Lediglich einmal pro Woche musste Hunter sich bei Columbia mit dem Regisseur und den Hauptdarstellern Kim Novak und Kirk Douglas treffen.

Der Vertrag für die „Die Vögel“ sah mindestens sieben Wochen Arbeit vor, Hitch veranschlagte drei bis vier Monate für das Projekt und riet Hunter, Frau und Kinder mit an die Westküste zu bringen. Als Wochenlohn stand eine Gage von 5.000 Dollar im Vertrag, damals ein kleines Vermögen.
Die Paramount-Büros lagen auf der Marathon Street in L.A., nach einem ersten legeren Auftritt, den er sich bei anderen vom Studio beschäftigten Autoren abgeschaut hatte, wurde Evan Hunter von Hitchcocks Assistentin gebeten, besser angezogen zur Arbeit zu erscheinen. Künftig also waren es Anzug und Krawatte.

Gleich in der ersten Woche schoss Hitch zwei Ideen ab, die sein Autor mitgebracht hatte. Die eine war ein noch einzubauender Mord, die zweite war eine neue Lehrerin am Ort, nach deren Ankunft die unerklärlichen Vogelangriffe beginnen. Hitch aber wollte keine Lehrerin als Hauptperson, sein Sinn stand nach Gehobenerem, nach etwas mit Glamour. Nach jemandem wie – „Ja, wie Grace, natürlich“, meinte Hitch mit einem Seufzer. „Aber sie ist jetzt in Monaco und eine Prinzessin. Gary nehmen wir für die männliche Rolle, was immer seine Figur zu tun bekommen wird. Aber warum sollte ich Gary fünfzig Prozent des Films abgeben? Die einzigen Stars sind die Vögel und ich.“ Im Nachsatz setzte er hinzu: „Und natürlich Sie, Evan.“

Bis November dachten sie noch an Grace Kelly und Cary Grant als Hauptdarsteller. Dann wurden daraus ‚Tippi‘ Hedren und Rod Taylor.
Viel Zeit nahm es in Anspruch, „The Girl“, das Mädchen, zu definieren, Hollywood-Speak für die weibliche Hauptfigur, die für Hitch am besten blond war, „weil nichts so sehr wie Blond die Unschuld verkörpert, man auf Blond die Blutspitzer einfach am besten sieht“. Der tough-guy-Autor aus New York lernte in Los Angeles eine neue Form von Hartgesotten und Zynismus kennen. Dazu noch eine weitere Qualität, bald typisch werdende McBain-Qualität. Obwohl in den Romanen vom 87. Polizeirevier ein gelegentlich sehr schräger Humor herrsche und gewiss auch weiter herrschen werde, schreibt Evan Hunter in seinen Erinnerungen, sei er damals, 1961, nicht gerade für seine Spaßhaftigkeit bekannt gewesen. Bei Hitchcock habe er gelernt, welch ein wunderbares Vehikel eine Screwball-Comedy für das Geschichten erzählen sein könne, jedoch einen besonderen Schreibstil verlange und voraussetze, dass der Humor direkt aus der Situation kommen müsse. Am besten entstehe er aus den unschuldigen Äußerungen von Menschen. McBain realisierte das, keine 35 Jahre alt, jede Woche frische 5.000 Dollar auf dem Konto.

Die Monate in Los Angeles waren Lehrstunden fürs Leben. Sie halfen entscheidend mit, aus Evan Hunter und vor allem aus Ed McBain diesen so ausgefuchsten und so scheinbar spielerisch mühelos daherkommenden Autor zu machen, der sich mit spürbarer Schaffenslust an immer wieder neuen Herausforderungen beweisen würde.

________________
* soeben erschienen im CulturBooks Verlag

Dieser Beitrag wurde unter Buchauszug, Film, Krimi, Literatur, Popkultur, Rezension abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

1 Antwort zu Angst und Schrecken in Isola

  1. Pingback: Birdwatching - Monty Arnold blogt.Monty Arnold blogt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.