Ein fliehender Esel

betr.: 85. Jahrestag der Premiere von „Die Drei von der Tankstelle“ / Robert Gilbert

Robert Gilbert (sprich Robert Dschilbäär) hat ähnlich zu unserem geflügelten Wort- bzw. Lyrikschatz beigetragen wie unsere klassischen Dichter und Denker. Vor dem Krieg war er einer wichtigsten Songtexter. In diesen Zeitraum fallen seine Texte für die Tonfilmoperetten von Werner Richard Heymann und somit Liedzeilen wie „Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder“*, „Ein Freund, ein guter Freund“, „Das ist die Liebe der Matrosen“ und „Liebling, mein Herz läßt dich grüßen“.
Wer genau wissen will, wie pointiert Robert Gilbert sein konnte, der hört sich (noch) einmal die Nummern aus der zweiten Reihe an, z.B. „Lieber guter Herr Gerichtsvollzieh’r“ aus „Die Drei von der Tankstelle“.
Er gehörte auch zu den diversen Mitarbeitern am unverwüstlichen „Weißen Rößl am Wolfgangsee“, das der Einfachheit halber Ralph Benatzky zugeschrieben wird.
In der jungen Bundesrepublik, in seiner zweiten deutschen Karriere, wurde Gilbert zu einem der ersten Musical-Übersetzer.

Besonders dankbar sind wir ihm für die unübertreffliche deutsche Fassung der „My Fair Lady“, Aber hier ist eine Einschränkung nötig, die seltsamerweise stets unterbleibt. Gilbert schrieb die Texte für die Synchronfassung des Films von 1964. Aber schon 1961 gab es „My Fair Lady“ auf der Berliner Bühne. Mit diesem Werk, das ein unmittelbarer Welterfolg war und heute als größtes aller klassischen Musicals gilt, begann die deutsche Musicalgeschichte.
Die erste Übersetzung hatte Günter Neumann besorgt, der Chef, Komponist und Autor des West-Berliner Kabaretts „Die Insulaner“.
Selbstverständlich kannte und nutzte Gilbert diese Version, als er sich wenige Jahre später ans Dialogbuch für den Film machte.
Insgesamt ist Gilberts Version die bessere, aber das meiste davon stammt eben nicht von ihm.
Die Zeile, die allgemein als sein berühmtester Nachkriegs-Vers gilt – „Es grünt so grün wenn Spaniens Blüten blüh’n“ – findet sich schon bei Neumann. (Im englischen Original ist es sogar noch beknackter: „Der Regen in Spanien fällt vornehmlich im Freien.“)
Ein Titel, den Gilbert wirklich neu übersetzt hat, ist das Lied „On The Street Where You Live“.
Bei Neumann ist es praktisch unsingbar:

Wenn die Leute schau´n, schau ich drüber hin,
weil ich nichts auf dieser Welt weiß, wo ich lieber bin.
Mag die Zeit vergehn´, ewig möcht´ ich steh´n
in der Straße, mein Schatz, wo Du lebst.

Bei Gilbert wird daraus der allseits bekannte Schlager, der inzwischen auch den Weg in die Bühnenfassung gefunden hat:

Wenn die Leute schau’n, schau ich drüber hin,
weil ich nichts auf dieser Welt weiß, wo ich lieber bin!
Geht die Zeit vorbei, ist’s mir einerlei,
weil ich weiß, in der Straße wohnst Du!

Übrigens: Harry Rowohlt kam einmal in die Verlegenheit, das Lied nochmal zu übersetzen, und er hatte den Ehrgeiz, es ganz allein zu schaffen. Die betreffende Strophe lautet bei ihm:

Leute bleiben steh’n – wenn sie glotzen -: fein,
denn nirgends auf der ganzen Welt würd‘ ich viel lieber sein.
Soll die Zeit vergeh’n – ich find‘ alles schön –
in der Straße, in welcher du wohnst.

Aber das nur am Rande …

Robert Gilberts Liedtexte wären längst würdiger Gegenstand eines Gedichtbandes. Einen solchen hat es nicht gegeben, wobei rechtliche Schwierigkeiten eine Rolle gespielt haben mögen. Dass Liedtexte ungern zwischen Buchdeckel gebracht werden, hat aber sicher auch mit den kulturellen Schubladen zu tun, die unsere schöne Nation so unerbittlich auszeichnen.
1972 erschien ein Gilbert-Lyrikbändchen mit dem Titel „Mich hat kein Esel im Galopp verloren“. Bei dieser Zusammenstellung wird ein zeitlich großer Bogen geschlagen, auch die elfjährige Emigration zwischen den Karrieren I und II ist berücksichtigt.
Seine Liedtexte fehlen vollständig. Der Wunsch des Meisters, sich von seinen Verdiensten um die leichte Muse abzusetzen, ist überdeutlich. Schon der Klappentext deutet die Unvereinbarkeit von Wert und Unterhaltungswert an: „Dieses Buch will einen Mann als Dichter entdecken, der bislang vornehmlich als Meister des leichten Genres gefeiert wird.“

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* In der Regel falsch zitiert mit „… das kommt nie wieder“.

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