„Was sie Paris auch angetan haben, ich behalte es so in Erinnerung“ – Soundtrack zur Zeitgeschichte

betr.: Paris im Ausnahmezustand / Erreichen von Platz 1 der US-Charts von „White Christmas“ vor 73 Jahren / Populäre Songs im Zweiten Weltkrieg / Musical-Geschichtsunterricht vom 20. November 2015

„White Christmas“ von Irving Berlin ist der meistverkaufte Song aller Zeiten. Die Behauptung, Elton Johns auf Lady Di umgewidmete „Candle In The Wind“-Version (1997) habe diesen Rekord gebrochen, kann nur glauben, wer die Inflations- und Weltbevölkerungsverhältnisse ignoriert, und vermutlich stimmt es nicht einmal dann. (Ich gestehe, ich kenne die genauen Zahlen nicht.) Immerhin wurde die von Bing Crosby gesungene „White Christmas“-Urfassung aus dem Jahre 1942 so oft verkauft, dass die Originalmatrize, von der die Pressungen abstammten, völlig abgestumpft war und Crosby den Song ein zweites Mal einsingen mußte – die damalige Technik machte es nötig. Es wurde sich bemüht, sie der ersten Fassung möglichst ähnlich zu machen, aber der Liebhaber kann beide gut auseinanderhalten.*
„White Christmas“ hat viele historische Verdienste. So ist es jenes Lied, das das Weihnachtsfest säkularisiert, also von der Anbindung an das Christentum gelöst und zu einem übergreifend gesellschaftlichen Phänomen gemacht hat.
Es ist auch ein Song, der zur rechten Zeit kam, um den Soldaten des Zweiten Weltkriegs Trost zu spenden und gehört somit in die Reihe der Wartime-Evergreens, die den Untergang des Nazi-Imperiums begleiteten. Im Gegensatz zu den folgenden Titeln hat er sich von diesem Aspekt völlig emanzipiert.

„The Last Time I Saw Paris“ von Jerome Kern ist ein Song, dem man seinen grimmigen historischen Hintergrund nicht zweifelsfrei entnehmen kann. Im Text von Oscar Hammerstein II wird nur angedeutet, dass etwas Schreckliches mit der Stadt der Liebe geschehen ist – gemeint ist ihre Besetzung durch die Deutschen. Die Zeile „No matter how they change her, I’ll remember her that way“ ist dieser Tage wieder sehr einleuchtend. Ohne den jüngsten Bezug war „The Last Time I Saw Paris“ in den Jahren nach seiner Entstehung 1941 und ohne den Kontext einfach eine nostalgische Ballade. Sie bekam den Oscar für den Besten Song und wurde 1954 zum Titelsong eines weiteren Films.

„We’ll Meet Again“ von Vera Lynn – die Autoren sind Ross Parker und Hughie Charles – liegt in unserer Erinnerung als Soundtrack unter den Bildern von den Alliierten, die in der Normandie landen und damit ihren Sieg einleiten, als Song des D-Day wie aus des VE-Day. Er wurde später von Stanley Kubrick unter die Schlußbilder seiner Satire „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ gelegt, als Begleitmusik der sprießenden Atompilze. Entstanden ist dieser britische Song bereits 1939, als die ersten Soldaten in den Krieg ziehen mußten.

„Lili Marleen“ von Hans Leip (Text) und Nobert Schultze (Musik) ist der deutsche Beitrag zum Repertoire Ära. Obwohl vom Aggressor des Krieges über den Wehrmachtssender verbreitet, wurde er bald von den Soldaten sämtlicher Lager geliebt und in den Schützengräben als Trost erlebt. Lale Andersen sang 1939 die deutsche Originalfassung, Marlene Dietrich legte später eine selbstverfasste englische Version vor – jene Marlene, die sich auch in der Truppenbetreuung der USA engagiert hat.
„Lili Marleen“ wurde zum „Symbol für Heimweh, Trennung und Sehnsucht (…), vor allem für Hoffnung auf Wiedersehen“, meinte der Komponist zutreffend. „Die Zeit – der Krieg, der immer furchtbarer wird, die Umstände haben das bewirkt.“

Und dann gab es da noch die Durchhalteschlager, die sich eher an die Zivilbevölkerung richteten und denen der weiter oben geschilderte Welterfolg versagt blieb.
Doch auch das waren gut gebaute Ohrwürmer. Mehr dazu im Blog vom 3. Dezember.

____________________
* Wer die Geschichte dieses Songs vertiefen und nebenbei viel über die des Broadway, der Musikindustrie und des modernen Weihnachtsfestes erfahren will, dem sei das Buch „White Christmas“ von Jody Rosen ans Herz gelegt.

Dieser Beitrag wurde unter Film, Gesellschaft, Medienphilosophie, Musicalgeschichte, Musik, Popkultur abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

1 Antwort zu „Was sie Paris auch angetan haben, ich behalte es so in Erinnerung“ – Soundtrack zur Zeitgeschichte

  1. Edeltraud Bartzen sagt:

    werde mir das Buch kaufen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.